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Neue jüdische Presse · 1906-06-15 · Heft 23 (15.6.1906) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 23 (15.6.1906)
Date
1906-06-15
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. FrankfuÜer .UrMitisHeK'. FaAikienLlatk Nr. 22. Hand in Hand mit diesen! trockenen, geinütlosen, sterilen Doktrinismus geht ein Zug in's Dunkle, iuP Chassidischc. Wenn,'frichSr in der. Klassischen^ ZeU wahrhafter Gottesfurcht -und Gotkesgelehrsayikest, düs „Paschtonus", der Antichassidismns, das 'ünfcylbare Erkennungszeichen überragender Koryphäen war,' muß heute Jeder, der für etwas gelten will, in's chassidischc Wässer untertauchen. Es ist zuni Staunen, wie diese Epidemie um sich greift. Im äußersten Westen des Landes, wo vor 20 bis 30.. Jahren der Chassidismus nicht mal dem Rainen nach bekannt war, bilden sich, schwarzen Punkten gleich, chassidischc Zentren, und manche westungarische Stadt, wie beispielsweise Neutra, dürfte in absehbarer Zeit zu einem Gnadciiwallfahrtsorte geweiht werden. Es sucht -einer den andern und zwar zumeist auf Kosten eines Dritten in chassidischer Heiligkeit zu überbieten. Bald ist dieser Dritte der Zionismus im allgenieinen, bald der Misrachismus, bald wieder sind cs die orthodoxen - Kultusbeamtcn, die sich nicht mi einem von neologer Seite gegründeten Pensionsfonds beteiligen dürfen. Danach freilich srägt kein Mensch, daß z. B. dem Schochet einer kleinen Gemeinde, den das Unglück getroffen, durch Invalidität für seinen Beruf untauglich zu werden, nichts anderes übrig bleibt, als Bettelstab oder Hungertod für sich und vielleicht für ein halbes Dutzend nackter Kinder! Manchesmal fördert diese Strömung Erscheinungen zu Tage, die an's Groteske grenzen und mit dazu beitragen, deni Ansehen des Rabbincrstandes unheilbare Wunden zu schlagen. Es war in den Tagen vor Pesach, als mich ein junger Rabbiner mit vor Erregung zitternder Stimme von einem fast unglaublich klingenden Geschehnisse in Kenntnis setzte. Ein aus den Rabbinen von Waitzen, Szatmar und andern ad lioc gebildetes Jnquisitionstribunal hatte einen vor Jahren gegen das Tcutschpredigen erlassenen „Jßur" wieder erneuert und an die , Amtskollegen herumgeschickt. Dabei müssen Sie bedenken, daß — das „schwärzeste" Ungarn ausgenommen — hier alles hochdeutsch, mitunter sogar sehr hochdeutsch Predigt. Von Tokay über Budapest bis Steinmnangcr und von Prcßburg bis Debreczcn und Großwardein wird, deutsch gedarschent. Denken Sie nur: der Bndapcster Rabbiner, der „sehr" hochdeutsch sprechen soll, „gepasselt"; der Großwardeiner Gaon, ein ungemein gebildeter. Mann, „gepasselt" und so weiter ohne Ende. Ich könnt' mich nicht enthalten, in ein Gelächter auszubrechen. „Was lachen Sie?" fragte der Herr Rabbiner Mit ernster Miene. Der Mann, der mir gegenüberstand, ist ein gediegener Lamdon, ein von modernen Ideen durchsetzter Mensch, ein jüdischer Ehrenmann, der, wie so viele Andere seiner Berufsgenossen, die Schmach des dem Misrachi gegenüber verübten Chillnl Haschen: tief in der Seele empfand, der aber, wie so viele andere auch, nicht genug Mut besaß, zähneknirschend die Faust in der Tasche ballte und stille schwieg. „Wie sollt' ich nicht," gab ich zur Antwort, „der „Waitzner" und der „Szatmürer" in einem Lager mit Len Kulturzionisten! Jargon über alles! Ist das picht zum Kranklachen?" Und nach einer Weile fragte ich : „Nun, was werden Sie tun, Herr Rabbiüer?" Er zuckte kaum merklich mit den Schultern und blickte geringschätzig zur Seite. ,Manz richtig," fuhr ich fort, „ich kann Ihre Entrüstung Mitempfinden, aber, mit Verlaub, mein Laienverstand befindet sich in einem heillosen1 Dilemma. Sie alle, die in Ungarn deutsch predigen oder doch deutsch zu predigen vermeinen, müssen sich entweder dem „Jßur" unterwersen, oder sich als exkommuniziert betrachten. Nachdem ich aber weiß, daß Sie weder das eine noch das andere tun werden, weiß ich, und mit mir die öffentliche Meinung, wahrlich nicht, woran wir uns halten sollen. Sollen wir Sie.-die Renitenten gegen einen „Cherem" anerkannter Führer'des orthodoxen Judentums, zum Tempel hinausjagen oder jene» die den einfachen Satz Unserer ChachoNim verleugnepr Kcschem schemizwoh laumar dowor fchesaufnuh lehischom-a kach mizwoh schelau laumar dowor schein saufau lehischoma (Ebenso wie es geboten ist zu sagen das, was am Ende Anklang findet, so ist es ei» Gebot, nicht zu sagen, was am Ende keinen Ankkang finden wird.), die das ganze Heil des Judentums im Ersinnen neuer „Jßurim", im Errichten von Scheiterreisen und. ipl ^.künstlichen Fabrizieren von Abtrünnigener- .■■: V_ Da vernahm ich ein gedäiiistftes Murmeln: „Daß Niemand den Mut. findet, offen das Wort zu ergreifen!" ' ' „Ach — jetzt fühlen Sie das? — Und wir fühlten es damals, als man mit roher Verständnislosigkeit das Heiligste in uns verletzte, dessen wir als Juden und Menschen fähigsind. ... Es gab ja auch damals genug der Malkontenten unter Ihnen, und doch verschloß einem Jeden eine unrühmliche Feigheit den Mund. Vielleicht ist das die Nemesis. . ." r. Noch ein Wort zur geplanten Korrststorialverfaffnng der preußischen Inden. Von Dr. mcd. F. Möller, Altona. In der Entgegnung auf meinen Artikel in der letzten Nunuiier des Blattes spricht die vcrehrl. Redaktion die Meinung aus, 'ich sei ein entschiedener Freund der absoluten Trennung der Orthodoxie von den Neologen. Dies ist nicht der Fall. Wo die Garantiecn für ein unbehindertes Ausreben der Gesetzestreuen vorhanden sind, da bin ich gegen die Trennung. Denn nach welchen Prinzipien sollen wir uns trennen? Und ist eine Trennung im Klal Jisroel nicht als ein Unglück zu betrachten? In diesem Gesichtspunkte liegt aber gerade die gewaltige Schwierigkeit einer straffen Organisation der Gesetzestreuen. Wen rechnen wir zu deu Unsrigen? Sind doch leider die meisten von uns Pauschim al schtei hasiphin. Machen wir doch.alle Konzessionen, von denen der Schulchan Aruch nichts weiß! SoUen wir die Halben abstoßen?! Das ist doch gegen unser aller Sinn! Diese Organisation würde die Kluft erst' dauernd machen. Däs wäre also nur im äußersten Notfall unser Rettungsanker; dann hieße es: Eis laaßaus! So liegen die Dinge aber nicht! Eine kräftige Protestbewegung unserer Freunde — und der schöne Plan der Herren Gemeindebündler ist verloren, trotzdem wir eine kleine -Minderheit sind. Und damit zur zweiten- Behauptung der Redaktion. .Sie meint, daß wir geeint die neologen Autokraten im Gemeindebund stürzen-könnten.»Das ist doch - eine starke Verkennung unserer. numerischen Machtmittel. - Eine Minorität von 20—30o/o (in den Gemeindevertretungen) stürzt doch keine Machthaber! In diesen! Verhältnis liegt ja gerade die Gefahr der Konsistorialverfassung! Nein und abermals nein! ' So wenig ich ein Freund der absoluten Trennung bin, so sehr bin ich entschiedener Gegner des Zusammengehens init den Herren des lutherischen Judentums in politische» Organisationen. Die Herren, welche trotz alles Abredens sichdennoch mit den Neologen, an einen Tisch gesetzt haben, haben einen politischen Fehler, ersten Ranges begangen und eine ungeheure Verantivortung auf sich geladen. Wir aber fürchten uns nicht trotz unserer geringen Zahl. Denn „nicht weil Ihr mehr seiet als andere Völker —".*) Dixi. *) Wir verkeimen durchaus nicht die Schwierigkeit der gegenwärtigen Situation. Es darf aber nicht verhehlt werden, daß an dieser Situation die von den Männern des extremen Flügels der Orthodoxie von jeher befolgte Politik ein gut Teil Schuld trägt. Grundsätzlich jegliche Zusainmenarbeit mit den Nicht- Orthodoxen zu perhorresziercn, stets die trennenden Moinente zu betone», nie einen Ausblick nach einigenden Momenten zu.tun, diese Politik, die eine Politik unklugen Eigendünkels darstellt und vom Standpunkte des Judentums nicht gutgeheißcn werden kann, mußte Ucbergriffe der Neologie heraufbeschwören. Ist man doch selbst so weit gegangen, die jüdische Gesinnung jener Orthodoxen anzuzweifeln, die die Politik des Trennungs-Fanatismus nicht mitmachen wollten! Eine vernünftig geleitete Orthodoxie hätte sich unter der Bedingung seiner statuarisch festgelegten Passivität in religiösen Dingen an dem Gemeindebuyd. beteiligt und hätte so gemeinsam mit den Neologen eine Fülle segensreicher Arbeit leisten können'. Was -'Hai , z; B. die Orthodoxie für die Hunderte jüdischer'Taubstummer,' Geistesschyvacher und Geisteskranker {jeton,'' die gezwungen sind, evangelische und katholische Anstalten aufzusuchen, weil keine jüdischen vorhanden sind? Des weitern: hat, die Orthodoxie nicht auch ein Interesse daran, daß die Brief aus England. Don Jack Mher Halevy. .Ein' Bruderkainpf wütet jetzt im Lager unserer Stammesgenossen dieses Jnselreiches: Ich spreche von dem Kampf zwischen den Zionisten und den Territorialisten, der mit ungeheurer Erbitterung ausgefochten wird. Während die russischen Zionisten mit Anstrengung aller ihrer Kräfte dem Phantom „Duma" nachlausen und die deutschen und österreichischen Zionisten ihren gewöhnlichen zionistischen Pflichten obliegen, haben die hiesigen Zionisten nichts besseres zu tun, als mit der Jto, ' von der man ohnedies so wenig hört, als ob sie -gar nicht mehr existierte, zu. streiten. ... Es ist überflüssig zu erklären, daß die Folgen dieses Bruderkampfes sowohl für die eine Partei als für die andre nur von Schaden sein dürften. Die Geschichte hat uns zu wiederholten Malen gelehrt, daß derartige Kämpfe in den meisten Fällen in den bekannten Spruch: Gani li, gam loch lau jihje, resultieren ... Der Kampf brach erst vor einigen Wochen aus. Bis dahin lebten die beiden Parteien' so zieinlich in Frieden. Es wurde sogar seitens der Zionisten der Versuch gemacht, einen Friede» herbeizusühren und den Fehler des siebten Kongresses gut zumachen; doch sollen diese Bestrebungen an der Hartnäckigkeit Mr. Zangwill's gescheitert sein. Mit einem Male kam die „Liverpooler Resolution" ans Tageslicht. Auf einer Reihe von Massenversamnilunge», die in mehreren Großstädten Englands, zuerst jedoch in Liverpool, von dem unermüdlichen Mr. L! J. 'Gr'ee nb'er'g'.organisiert wurden, wurde eine Resolution gefaßt, die ungefähr Folgendes zum Inhalte hat: Die Massenversammlung der betreffenden Stadt erklärt unerschütterliche Treue dem Baseler Programm, das die Gründung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina erstrebt, und erklärt, daß jeder Versuch, eine solche Heimstätte irgend anderswo zu gründen, mißlingen müsse, da das jüdische Volk von keinem anderen Lande hören wolle. Diese Resolution solle sowohl dem britischen Kolonialminister als dein Ministerpräsidenten niitgeteilt werden. Es gehört keine große Weisheit dazu, um zu verstehen, daß diese Resolution gegen die Jto gemünzt sei, und zu begreifen, warum sie im Lager der Territorialisten einen solchen Sturm hervorgerufen hat. Auch viele Zionisten verurteilten ■ die Resolution, nicht mit Unrecht, als Chillul Haschem, da die Differenzen zwischen dem Zionismus und der Jto eine interne jüdische Angelegenheit sind, die nicht zur Kenntnis der Regierungen gebracht werden dürfe». Diese Handlung dürfte sowohl die Zionisten als die Territorialisten bei der Regierung in Ungnade bringen. „Jankel denunziert Maische, und Maische denunziert Jankel", wie sich ein bekannter antisemitischer hoher Tschinownik in Rußland auszudrücken pflegte. Zn ihrer Verteidigung erklären die Zionisten, daß sie durchaus keinen Angriffskampf führen, sondern daß sie sich vielmehr verteidigen durch diese Resolution, da abgesehen von den unaufhörlichen schriftlichen und mündlichen Angriffen der Jtoisten auf den Zionismus, den sie als tot erklären, Zangwill während seinen.Unterhandlnngen mit maßgeben« Rechts- und Pensions-Verhältnisse, die Witwen- Und W'aisenversorgung der Kultusbeamten -geregelt und sicher gestellt werden? Das sind schon zwei große Gebiete, auf denen etwas zu tun, die Orthodoxie allein viel zu schwach war und sie sich schwer versündigt hat, indem sie die Lösung dieser Ausgaben in gemeinsamer Arbeit mit' der Nicht-Orthodoxie nicht lvenigstens versucht hat. Ja, hätten die führenden Männer unserer Orthodoxie wie Herr Dr. Möller das Bewußtsein, daß eine Trennung im Klal Jisroel als ein Unglück zu betrachten ist und nur dort, wo die Verhältnisse sic erzwingen, geboten erscheint, so wäre manches anders geworden, wie es heilte leider ist; so betrachtet man die Trennung aber als ein Glück und sieht in dieser negativen Tätigkeit die wichtigste positive Gegenwartsarbeit der Orthodoxie. Trotzdem der Karren heute vollständig verrannt ist, könnte die Orthodoxie auch heute noch bei richtiger und energischer Agitation das Feld der. deutschen Judenheit beherrschen. Es sind auch unter den unreligiös Lebenden noch' eine große Anzahl ©erneute, die sich gern um die Zahne bes traditionellen Judentums scharen, während die wirklich Neologen zu drei Viertel vollständig-indifferent sind.' D.MPakt.

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