Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 23 (15.6.1906)
- Date
- 1906-06-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Diese Zeitung erscheint ivöchentlich. Mönnementspreis Pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M: Mk. 1.— stet ins Haus. Bei der Pösj abonniert int i In- und Ausland Mk. 1-02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk.' 1.50, sonstige LänderMk.2 — Hedakrr-« ««d LMchstraße 2/ Lcke vilbeterstraße Pelefo« 10507. K alE s. Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile. 25 Pfg. Die Reklamezeile . ....... 100 .. Platz« und Däten-B«schrift ohne Verbindlichkeit. Beilagen: . Preis nach Uebereinkunft. .. " " ' . 4.Jahrgang. Krettag, de« 22.' Sivrm 5VV6 J«nV rWtz) No. 23. Inhalt des Haiiptvlattes. Artikel: Aus Ungarn. — Noch ein Wort zur' geplanten Koüsistörialverfäfsung der preußischen Juden. — Brief aus England. — Die Woche. — Aus allen Welt. — Feuilleton: Die Cohnheims. ■-*4 Bunte Chronik. — Wochen-Kalender. — Farnilien-Na'chrichten. Aus Ungar«. (Schluß). , Also, wenn nun unsere „Gaouiin" die Vorbereitung zu einem 'geistigen: Gewerbä Lurch Aneignung der hierzu nötigen Vorkenntnisse bei Len Bachurim als religionsgefährlich perhorresziercn, was hindert sie' denn daran, das altjüöische Ideal zu verwirklichen und ihren' Schülern zum mindesten' aktjüdische 'Hülsslüittel an die Hand zu geben? Mutz ich unsere ' „Gaoniin" an die Töpfer, Sandalenmachcr, Schmiede lind Holzhäcker erinnern, die die ehernen Säulen des ' talmudischen Kolosseums bilden? Könnte Nicht ganz gut in Szatmür eine Schneiderwerkstätte, in. Huszt 'ein' „Fußbekleidungssalon" und in Preßburg etwa, dem vornehmeren Range entsprechend, mechanische resp. Goldarbeiterateliers' für die Bachurim eingerichtet sein? . . : . ' . Nun, ich weiß, ich habe mich'mit diesen Bor- ' schlagen ekufach lächerlich gemacht. Unsere leitenden ° Kreise halten das „Schnorren" - oder die Erschleichung irgend einer mageren „Toras-chaßed-Pfründe", wo ' die kärglichen'Bezüge durch ein überreiches Maß von ' Acntäuro-Hvchmut crgäiizt und 'ersetzt werden, als 'ihren Begriffen'von Jüdischer Lebensauffassung enbsprechcnder, denn ein bescheidenes ehrliches Gewerbe. — Tut nichts, ich bleibe doch dabei, daß es wohl nicht der Huszter und Marmaroscher, wohl aber der iü ' unserem heiligen Schrifttum niedergelegtcn Moral ' widersprechend' ist, eine große Anzahl junger Leute heranwachsen zü lassen, ohne die Frage, auf weicht Weise'diese Leute später ihr Brot verdienen werden, auch nur'zu berühren. Wo ist denn das Äuhew es han^- lochoh, ,,die Liebe zur Werktätigen Arbeit" unserer Giganten, die, das Atlasgebirge wahrhafter, grändieiser jüdischer Weltänschauung auf ihren Schülterp tragen, hingekommen? Ach —. gestohlen, gefälscht, ' 'wcgeskamotiert haben es die Heere der kleinen Liliputaner, die die himmelanstrebenden, ätherklarrn Höhh«, auf- Welchen' jene wandelten, gegen dunkle, von mystischen Nebeln erfüMe Höhlenschächte' vertcnischten. ' Und wenn man an einen anderen ' Ausspruch ' unserer Weisen' denkt, an den Ausspvuch: > „Wer seinen Sohn kein Gewerbe lehrt,' ist'gerade' so, als ob er ihn lehre, Wegelagerer zu-werden", muß in einem der Verdacht aussteigen, daß die vielen ■ Jeschiwohs, die bei uns wuchern (ein Blühen kann man es 'ja doch nicht nennen), großenteils auf persönliche Ambitionen der WterzurückzuführensiNd.' Mnn man sieht, wie vielfachdas krankhafte Bestreben . herrscht, eine je größere Zahl von juNgen Leuten' ' UM sich', zw versanimeln, ohne fich. auch', nür im geringsten um.pie.-iZukÜnft" dieser' Leute zu küytmern, ^hiu^.mast^tief betroffen an ein despotisches Gottesgriadentum'dcnken, welches unbedenklich' der eigenen' 'Glänzfülle ' Menscheuhekatomben züm Opfer' brstigt.' Daß Npser'Rabbindrständ tatsächlich sehr' stärk vori persönlichen AmbitiönöN infiziert istz das zeigte sich an einem öccht. betrübenden Beispiele gelegentlich 'der -im Vorjahre stattgehabten Gsnerülversamüllüng 'unserer Orthodoxie. IN Bezug auf die Erlangung 'der Räbbinerfwsten ÜUÜ' Erteilung von Räbbinerbe- 'fähigungsättesten (Hat'öras hänröho) herrschen itäm» 'lich wahrhaft beschämende ZÜstäüde. Es herrscht hier ein rüder Ncpdtis'Much'der jsden, der nicht der Sohn eines Rabbiners ist oder Nicht'der Schtviegersohn eines ssülchen werden tvillvon' jeder Hoffnung' aüf einen Räbblnerpvsten' äusschließt. Das' BitochäNn, 1 düs Gdttverrrauen, ist nämlich gut genüg. Um'damit die große Masse der rmsera. plods äbzuspeisen; die' -erb'eingesesfenen Näbbiüerfamilien'ziehen es vor, alle Räbbinerpvsten; die nnr 'iMiüer zu haben sind, für ihre Söhne und''Tochter — pärdö»/ will'sagen'Schwieger^ söhne zu kapern. Daß es hierbei nicht'immer gänz einwandfrei zugeht, istmehr als begreiflich. Der malitiöse Volksmund will von veritäblen Rübbinerfab'riken mit monopolisiertem Absatzgebiet Kenntnis haben. Ferner will man-behaüptenj daß in' jüngster Zeit auch solche Fälle vorgekommen sind, wo von mämhaften Rabbinern Hautvras'haüroho ausgefölgt würden, - an'welche bloß die eine Bedingung geknüpft würde)' dastberen'Befttzer sich religionsgefetzlicher' EÜtschstiLungeN' enthalten müssen. Mso, ich Wie: ekN.'ärztliches Diplbm,- Welches die Llusübung 'der ärztlichen"Praxis,' wahrscheinlich infolge der Unfähigkeit des'Besitzers,'-äusschließt! Das spricht mehr als Bände! Kurz,' es'müssen ganz Mdliche Zustände herrschen, Wenn sich ein hbchangeseh'e'nes Glied des orthvdvxen 'Rabbinerständes Und dÄ Vornehmsten Rabbincvbhnastiedes' Landes verNMßt'sah, vor der Lteflesteü Oefsenlichkeit mit vor' ehrlicher Etvegüng bebender Stimme die Sanierung des grassierende^ Hatoras hüuroho-'Unwesens zü fördern! Etz war dies der Raw von" EtlÜch'dev Svh'n des Ehsstup Sauser s.'A.^, der mit dem Hintoeks'äuf die üüläuteren Motive, auf die' beschäi'n'erlden" MSchen'schüft'ech "dhr sich bei Erlangung der RabbinatsbefäMung'en" Mp Rabbinerpvsten vielfach geltend machten, die Forderung aüfstellte, das Recht, Rabbinatsbefugnisse zu erteilen,- möge den einzelnen Rabbi'Nen' 'abgenommen ünd' gdwissen' zw kreretendrn'Jillbbmerkollegien übertragen werden, s Was,' meinen Sie, war der Erfolg dieses selbstlosen, "von den edelsten Intentionen geleiteten AUtragetz?e Es entstüUd sin EnMistun'gssttt'rm in der hpchwürdkg'en, vi'elhnnderkköpsig^n^ Rabbiner- Versammlung,' daß' düs ganze Haus zu wanken begann und -dem armen Erlauer Rabbiner aus den Kopf zw fallen drohte!! . Und' das waten' öi'eselben Herren,' die den heiligen Bannstrahl gegen Zionismus und Misrachi teten l Bedarf es da noch'eines Kdmmeatäres? Also die zweite'Fälschungdie aM ' Geiste unserer Ch'achömim begangen" wird,' besticht darin,''daß' man ihre Devise einfach umkehrt: Äuhew es harübynüs wesüüne es hamlochöh!-So 'pflegt eS'-vorzukomUten,' rigvJünglin'ge''in ÄmVnüd'Würd'en eiNtzesetzi werden. Di^HaüPtoedingung ist' die Projektion eines einsstüßreichen Rabbinervaters oder Schwiegervaters. Befähigung und Würdigkeit bildet wohl kein Hindernis, nutzt aber auch in der Regel nicht viel. 'Ach, vor langer Zeit, als die Religiosität noch nicht niit so schreiend grell bemalten Etiketten versehen Und an allen Ecken mit Tam-Tamschlägen ausgeboten wurde, da war's noch in dieser Beziehung ganz anders. Ich kannte einen wahrhaften Godaul, hervorragenden Schüler des Chesaw Sauser und Rabbi Jehuda Osad's, der sich 12 Jahre lang dagegen sträubte, Raw zu werden, bis er dann endlich dem -Drängen seines Lehrers, Rabbi Jchuda Osad» nachgab. Heute dagegen drängen sich flaumbärtige Bürschchen hinzu, oder werden von ihren Vätern und Schwiegervätern hinäusgeschoben auf die Stufen des „Rabbinatsthrones". Allerdings, wenn nun das Gros der Bachurim sieht, daß man ihm nur das Himmelreich verspricht, während die mehr oder minder fetten Rabbinatsposten von einigen einflußreichen Rabbinen für sich und ihr Hausgesinde mit Beschlag belegt werde», regen sich im Gehirn dieser Aermstcn gar manche sündigen Gedanken. Das Zeitalter ist zu gottlos. Nicht einmal der intensivste auf dem Gebiete der Misrächivertilgung erworbene Heiligenschein garantiert für die Dauer Uilnahbarkeit und absolute Autorität. Und wenn nun gar der kritisch spähende Blick hinter der Gloriole anstatt eines Heiligen ein ganz gewöhnliches Menschlein erblickt, was Wunder, wenn da jedes Vertrauen erschüttert, jede Hoffnung auf von dieser Seite zu erwartende Hülfe aufgegeben wird? So ist denn der abenteuerliche Plan entstanden, in der Hauptstadt einen Bächürimkongreß abzuhalten, auf welchem -diese Aermsten -der Armen sich ihre Not klagen und auf Hülse sinnen sollten. Nun, das Unglück würbe noch rechtzeitig abgewenbck. Ein entsetztes' Mwinlen, ein heiliges, mit frommem Augenaufschlag kombiniertes Seufzen ging durch , das Reich der heiligen orthodoxen Stefanskrone; es würde die offizielle Sturmglocke geläutet, an deren Strange der Herr Ländespräsident wacker mftzog, und der Kongreß unterblieb. Ich möchte ja nicht gerade behaupten, daß es schade um den Kongreß gewesen sei, denn es wäre nicht viel dabei herausgekommen. Aber ich denke, wenn die Not so hoch gestiegen, daß selbst üngarische Bachurim, diese jedes Selbstbewußtseins baren, cm die Abhaltung eines Kongresses denken, dann hätten die Rabbiner keinen Augenblick zögern dürfen, selbst diesen Kongreß abzuhalten. Da Höre ich aber eine demutvolle, von Salbung und Gottergebenheit triefende Stimme, die mich sanft verweist: „Es geht ja doch nicht an, mit einer fö mangelhaften Informiertheit über eine ernste Sache zu schreiben. Wir haben doch bereits unfern Kongreß gehabt — die Landeskonferenz." .... >Ach ja, ich glaube gehört zu haben, daß auf dieser Konferenz Jemand die Bemerkung fallen ließ, es wäre vielleicht angezeigt, den Bachurim materielle Hülfe angebeihen zu lassen, notabene, wenn dies nicht gegen die orthodoxe" Frömmigkeit verstieße, .... ivoraus, wie ich glaube, beschlossen wurde, die Sache dem Hündertausschüsse zu überweisen mit dem Vermerk: Nicht dringlich. .... Und dabei hatte es sein Bewenden.