Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1906-06-08 · Heft 22 (8.6.1906) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 22 (8.6.1906)
Date
1906-06-08
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2692297-2692460-2692482--02466-2697072
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 22. Frankfurter JsraelittsHeS Familienblaü. S:ite 3. stischen Bestrebungen gar nicht ein. Wer die Zentralisierung der Emigration ist notwendig, und diese Notwendigkeit gibt der Jto ihre Existenzberechtigung. Llaxims Le Mattre.' Die Woche. Herr Dr. Bernfeld sieht — siehe seinen Artikel in der letzten ■ Nummer der „Welt" — in die Zukunft der russischen Juden schwarz, besonders in geistiger und nationaler Hinsicht. Unsere Leser wissen, daß wir diese pessimistische Schwarzseherei nicht teilen; in unserem Leitartikel von voriger Woche begründeten wir den Standpunkt, den wir einnehmen. Allerdings ist' auch nach der Erlangung der bürgerlichen Rechte für die russischen Juden eine Reaktion nicht ausgeschlossen; allein Rußland ist bei einer guten Verwaltung eine Goldgrube, es hat Platz genug auch' für die sechs Millionen Juden, und daher ist der Rückschlag unwahrscheinlich. Mit anderen Völkern, die ihrer Lage und Bodenverhältnisse nach wirtschaftlich viel schlechter gestellt oder die ihrem Wesen nach kleinlicher und engherziger veranlagt sind, dürste 'ein Vergleich nicht zu ziehen sein. Herr Dr. Bernfeld geht in seiner Schwarzscherei nicht bis zur Hoffnungslosigkeit, : vielmehr ruft er die Zionisten zur Arbeit, Daß sie rechtzeitig Maßnahmen zur Erhaltung des russischen Judentums ergreifen. Hiermit stiinmen ivir voll und ganz überein; ja wir sehen hierin die wichtigste augenblickliche Aufgabe des Zionismus. , In der jüdischen Jugend Rußlands herrscht eine erschreckende Begriffsverwirrung auf dem Gebiete des Jndentums; sie ist wie besessen in ihrem Haß gegen altes, was nur der Religion ähnlich sieht. Al? das svissen wir zu genau, - und wir haben schon des öfteren auf ' diese überaus traurige - Tatsache hingewiesen und die Zionisten zur Aktion gerufen. — Nun meint aber Herr Dr. Bernfcld: „Mögen sic den Tanz. um das politische Kalb anderen überlassen und ihre Kräfte ausschließlich der nationalen Erhaltung widmen." — Das ist geradezu lächerlich und von einem Kenner der russischen Verhältnisse wie Bernfeld unverständlich. — Der Tanz um das politische Kalb soll anderen überlassen werden! Also andere sollen bluten und die Zionisten sollen den schönen Kuchen verzehren! Wahrlich eine pr a ktische Denkweise! — Nnu geht es aber im Leben in der Regelnicht so vor sichvielmehr lehrt die Erfahrung, daß diejenigen, die draußen stehen, den Kuchen nicht einmal zu Gesicht bekommen. —, Grade umgekehrt ist der richtige Weg: Die Zionisten müßten, wenn sie es könnten, den Kampfplatz allein beherrschen, damit keine Joles oder Setlowskis hineiuzureden haben, damit autonome jüdische Rechte erlangt werden und damit diese, tvenn sie einmal erreicht sind, ganz im Sinne des Zionismus aussallen sollen. „Den anderen überlassen!" — Ein schlechterer Rat als dieser ist den Zionisten noch nicht erteilt worden.; ' ' * * * Wie wir vorausgesagt haben, ist es eingetroffen: nach Baron Gautsch ist nunmehr auch Prinz Hohenlohe gefallen. Dem prinzlichen Ministerpräsidenten haben weder sein hoher Rang noch seine hervorragenden persönlichen Eigenschaften zum festen Boden gedient; der polnischen Schlacht«, die von der rechtlichen Ungleichheit und von ihren lieben ererbten Privilegien lebt, imponiert G.e r e ch tigtigkeitssinn nicht, und besonders dann nicht, wenn man sich anschickt, von demselben ernstlich praktischen Gebrauch zu machen. Die Durchlaucht, der Demokrat, mußte gehen, vom Kleriker soll jetzt das Heil kommen, der klerikale Baron Beck soll der Erlöser vom Joche der Schlachta werden! Und siehe! — was dem prinzlichen Demokraten nicht gelingen wollte — wie bekannt, war die Parlamentisierung des österreichischen Reichstages eine der Programmpunkte des Prinzen Hohenlohe — gelang dem Kleriker; nicht umsonst werden die Jesuiten ob ihrer Meistergriffe — allerdings nur in Verhetzung und Unfrieden — so viel gepriesen. Baron Beck hat. selbstverständlich den Bock zum Wächter eingesetzt. Zwei polnische Ritter — nicht die Edlen Heine's; auf die Namen kommts nicht an, ob sie Crapulinsky und Waschlapski oder Schalmufski und Eselinski heißen, P o len sind sich meistens gleich — wurden zu Minister» ernannt. Allein mit dem Ilppetit eines Bockes ist nicht zu spaßen, »i«o um deshalb ganz sicher zu gehen, hat der Oberwächter Baron Beck noch zwei andere Böcke von anderer Gattung und Qualität ihnen zur Seite gestellt; die drei Antipoden sollen zusammen den Dienst des Gartens verrichten. Was da herauskommen wird, kann man sich vorstellen! — Mir mit dem größten Mißtrauen ist die neue Blenderung der Dinge in Oesterreich zu betrachten, denn nichts ist unwahrscheinlicher, als daß ein Kleriker' wirkliche demokratische Reformen einführen wird. Auch den Juden Oesterreichs kann es bei dieser veränderten Situation nicht heiter zu Mute sein; Kleriker haben noch nie den Juden ohne weiteres Gutes gebracht^ < * * * Unsere „Liberalen", die sich selbst Ivählenden Führer Israels, können sich in ihrem Absoku- Msmns nicht genug tun,' Jic wissen sich vor Uebermut nicht zu halten; jeder Tag bringt Kunde von neuen autokratischen Handlungen dieser Herren, die, — es muß zu unserem Leidwesen, so ungern 'wir scharfe Worte im Munde führen, gesagt werden — an Unverschämtheit grenzen. So erzählen die letzten Berichte von einer liberalen Großtat der jüdischen Repräsentanz Breslaus; es wurde dort ein Antrag gegen die Stimmen der Herren Prof. Badt und Schlesinger angenommen, der dahingcht, daß die Steuerzahler von der Kategorie 1050—1200 — ihre Zahl beträgt 400 — steuerfrei werden, also ihres Stimmrechtes verlustig gehen. Zwar spricht der Antrag von humanitärer Entlastung der Minderbemittelten; allein das ist pure Heuchelei; ist doch von seiten der Steuerzahler kein Verlangen nach '.Entlastung bekundet worden. Die Sache ist sehr klar': Unsere unberufenen, entjudetcn Führer fürchten sich vor dem freuen lebendigen Zug in den unteren jüdische» Schichten, sie wisse», I daß Juden, die ganz oder halb jüdisch denken und fühlen, unmöglich mit ihrer unjüdischen Verwaltung sich zufrieden geben können. Was bleibt also den Leuten, die bis zur Nase in der Taufe stecken, übrig? .Zurück?" allein, wenn man so weit ist, gibt es kein Zurück mehr; und Abziehen? Das wollen sie nicht und können es auch nicht, sind sie doch von sonstigen Aemtern in der christlichen Welt, so lange sie — wenigstens dem Namen nach — Juden sind, ausgeschlossen und ist es ihnen doch ein inneres Bedürfnis, zu herrschen, wo es sich läßt. Wohl steht ihnen noch der letzte Schritt der formellen Taufe offen, und indem sie sich noch alsdann das Prädikat „National" zulegen, wird cs ihnen ermöglicht, vieles ans dem Gebiete der Dekorierung und Titulierung zu erreichen; als getaufter Nationalliberaler kann man sogar bis zum Kammergerichtsrat . avancieren.Wlein das ist zu u m st ä n d l i ch, der Weg zu lang. .... und so bleibt ihnen nichts übrig, als bie unbequemen Gemeindemitglieder zu entrechten.'— Und das Gemeindestatut? — Dieses ist dank unserer gerechten Liberalen ungerecht und unliberal. Wie lange soll dieser unnatürliche und häßliche Zustand noch dauern? Wo sind, fragen wir, die gerecht und jüdisch denkenden Männer Breslaus? Warum hat Herr Professor Badt nicht wieder schärfsten Protest eingelegt? Warum räumt man das Feld den entjudeten absolutistischen Männern. Warum scharen sich nicht alle jüdisch Fühlenden und Denkenden um das Banner des Judentums? Auf sozialem und politischem Gebiete tobt in der ganzen Welt ein wütender Kampf um das demokratische Prinzip, nur auf dem Gebiete des I u d e n t u m s herrscht Stille, Todesstille... Aus aller Welt. Deutsches Reich. Frankfurt a. M. Der „Verband der deutschen Juden" schreibt uns: Das'preußische Schulunterhaltungsgesetz ist am Dienstag, den 29.. Mai in dritter Lesung vom Mgeordnetenhause angenommen worden. Die Bestiinmungen über jüdischen Religionsunterricht haben eine weitereBerschlechterung gegenüber den Kommissionsbeschlüsse» erfahren. Einerseits ist die Anwendung des § 21 auf jüdische 'Lehrkräfte gestrichen worden. Es folgt daraus hauptsächlich, daß'jüdische Lehrkräfte, welche in erster Linie zur Erteilung des Religionsunterrichts berufen sind, nicht kraft Gesetzes, soweit es zu ihrer vollkommenen Beschäftigung nötig ist, in anderen Fächern unterrichten müssen. Damit ist die vollwertige Anstellung jüdischer Lehrkräfte« ufdiejü di sch eKonfess io nsstch u l e beschränkt, soweit nicht bisher schon anderweitige Anstellungen stattfanden. Im übrigen ist die Bestimmung in Wegfall gekommen, daßdiepolitischenGemeindenallge m ei n d ie Befu gn is h ab e n s o llte n, für den jüdischen Religionsunterricht zu sorgen. Es bleibt die Unklarheit bestehen, ob die Gemeinden, >vo es bisher noch nicht geschieht, diesen Religionsunterricht übernehmen dürfen. Stehen geblieben ist nur die Vorschrift, daß die politischen Gemeinden fürdie Kosten eines von den S y n a g o g e n g e m e i n d e n e i n z u r i ch t c n d e n Religionsunterrichts nach' Maßgabe des Gesetzcsvon 1847 b c i z u t r a g e n h a b e n. Wenn auch an anderen Stellen des Gesetzes, insbesondere hinsichtlich der Zulassung des Rabbiners zu den Schuldeputationen gewisse redaktionelle Verbesserungen erreicht sind, so bleibt für den Verband der Deutschen Juden, der die Angelegenheit nach wie vor im Auge behält, noch immer ein ergiebiges Feld der Tätigkeit. Das Herrenhaus tritt erst am 15. Juni wieder zusainmen, sodaß eine letzte Hoffnung bleibt, wenigstens das in der Kommission des Abgeordnetenhauses Beschlossene für das Gesetz noch zu retten.*) Frankfurt a. M. Bis zum 11. Juli findet hier in der ehemaligen Weißfranenschule (Weißfrauenstraße) eine internationale Zeitungsausstellung statt, über welche die Tagesblätter schon eingehend berichtet haben. Neuerdings ist die Aus- 'iellung um eine Separatkollektion bereichert worden, auf die unsere Leser hinzuweisen wir nicht verfehlen wollen. Die jüdische Bibliothek und Lesehäkle, hier (Bteichstr. 21 p), hat dort nämlich eine Sammlung von c a. 50 jüdischen Zeitschriften a u s g e st e k l t. Man findet dort z. B. fast sämtliche in Deutschland erscheinenden jüdischen Zeitungen vereinigt, sowie einen Teil der russischhebräischen Zeitungen. Ein Besuch dieser Ausstellung, sowie auch der Jüdischen Bibliothek' und Lesehalle selbst, kann daher nur empfolilen werden. Berlin. Eine neue Synagoge zuerrichten, ist der Wunsch der im N or d w e st en wohnenden jüdischen Bevölkerung. Sie hat an den Vorstand der jüd. Gemeinde deshalb folgende Petition gerichtet: Der Nordwesten Berlins entbehrt in hohem Maße der geistigen Fürsorge. Es wohnen dort 950 jüdische Steuerzahler, 4000 Seelen, die während des ganzen Jahres, mit Ausnahme von zwei Feiertagen, an denen in Restaurants Gottesdienst abgehalten wird, aus ein kleines Betlokal in der Lessingstraße angewiesen sind. Die nächste ' Synagoge ist zu Fuß nicht unter einer Stunde zu erreichen und kommt deshalb weder für Damen noch für ältere schwächliche 'Personen in Betracht. Alle zur Zeit der 'Repräsentantenwahlen den Beteiligten geinachten Versprechungen in betreff'einer iieuen Synagoge sind bisher unerfüllt geblieben. Es dürfte sich also für den Vorstand auch um seine Ehrenpflicht, nicht nur um eine gesetzliche Pflicht handeln, diesen unerträglichen Zuständen baldigst ein Ende zu machen. Wir hoffen daher, um baldige geneigte Berücksichtigung unserer Bitte, bie dahin geht, im Nordwesten Berlins eine Gemeindesynagoge zu bauen. Berlin. Die Regierung scheint ein eigentümliches Mittel«nzuwenden, um der Zigaretten-Jndustrie den llebergang in die neuen Steuerverhältnisse zu erleichtern. Wie Berliner Blätter berichten, sucht man der vorhandenen Arbeitskrise dadurch vorzubcugcn, daß man schon jetzt viele ausländische, namentlich russische Arbeiter und Arbeiterinnen der Zigarettenbranche aus weist. In einer großen Fabrik jm Norden Berlins haben 100, in anderen 50 und so weiter den Ausweisungsbefehl erhalten. — Einheinrische durch die Steuer um Lohn, und Brot kommende Arbeiter und Arbeiterinnen kann man freilich nicht so summarisch behandeln! „Franks. Ztg." Dortmund, 3. Juni. Fei er zu Ehren ein er neuen Seferthora. Am letzten Schewuausfeste hatten wir im Betsaale des Restaurant Wolfs durch die Einweihung einer neuen Sefer-Thora eine recht stimmungsvolle Feier. In dem aus diesem Anlasse noch besonders mit saftig grünem Laub festlich geschmückten und von vielen Lichtern erglänzenden Betraume hatte sich eine stattliche Zahl glaubenstrcuer Jehudim versammelt, um in doppelt freudiger Festesstimmung an der Chinuch-Feier teilzunehmen. Nachdem Herr Mendel Jost aus Würzburg das Schacharis- Gebet vorgetragen hatte, wurde unter begeistertem *) lieber die Bedeutung ' dieser Beschlüße für das gesetzestreue Judentum werden wir berichten, sobald eine Zusammenstellung der Beschlüsse vorliegt. Jm Herrenhaus wird schwerlich etwas geändert werden. l D. Redakt.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.