Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 22 (8.6.1906)
- Date
- 1906-06-08
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite L Nr. 22. frankfurter AsraelÜischüS FamittenölaÜ. Aus Ungarn.*) „lnlandum regina jubes renovare dolorem.“ . . Den unaussprechlichen Schinerz zu erneuern, befiehlst Du, oh — Redakteur!" Regina — Redakteur?! Abgesehen von der prächtigen Alliteration, die einem 'Freunde des Nibelungenverses das Herz im Leibe hüpfen machen könnte, eine mehr «cks gewagte Ucbersetzung, und ich sehe im Geiste, wie Sie einen Sextaner heranwinken, damit er mir seine in der jüngsten Latcinstundv gewonnene Weisheit zur Verfügung stelle. . . . Na, ich bin heute zu linguistischen Auseinandersetzungen nicht aufgelegt. Eines aber bitte ich, gefl. zur Notiz nehmen zu wollen: Ich bin ein stolzer orthodoxer Jude Ungarns und fühle mich hocherhaben über ihre deutsche, schulmeisterliche Pedanterie! — Wie, Sie wagen es, sich auf die Grammatik, auf die Logik, auf den Sinn oder wie der Plunder sonst noch heißen mag, zu.berufen? Dagegen haben wir ein unfehlbares Mittel: die „Geseroh". Wir sind „goiser", wir dekretieren, daß es so sei und es bleibt so! Ein solcher Ukas war seinerzeit die Misrachi- Hatz, ist das Unberührtbleiben der Jeschiwohfrage und noch vieles, vieles andere mehr. Doch ich wollte heute die Frage, die ich bereits in meinem vorigen Briefe aufgeworfen hatte, behandeln, die Frage nämlich, weshalb un ser jüdisches Gelehrtentum sickch zu einer vom Alltagsleben streng abgeschlossenen und diesem fast feindlich gegenüberstehendenKa stecntwickelth atu ndwcs halb das Ansehen unseres Rabbinerstandes so seyrschwindet. — Ich glaube, in erster Reihe Reihe ist hieran eine verhängnisvolle Verwechslung von Mittel und Zweck beim Thorastudium, wie es heute geübt wird, schuld, eine Verwechslung, die nichts anderes involviert, als eine Fälschung jenes edlen, großen Geistes, in welchem unsere Großen das Thorastudium auffaßten. Unsere Großen lehrten: Lau hatalinud ikor eloh hamaaseh. Nicht das „Lernen", nicht das einseitige lassen, überall draußen zu stehen und nur die eine Kunst zu kennen, Kritik zu üben. Wir waren die ersten, die dem geheimen Wunsch der „demokratischen" Leiter des D. I. G.-B., auf Kosten ihrer Konsistorialratwürde die Freiheit der religiösen Gesinnung zu knebeln, an den Pranger der Oeffentlichkeit gestellt haben. Die Tatsache, daß ein 'kleiner Kreis von Männern die Geschicke der deutschen Judenheit nach seinem Belieben lenken kann, ist der traurige Beweis für das Fehlen einer öffentlichen jüdischen Meinung, für den Jndifferentismus unserer jüdischen Masse. Diese Masse aufzurütteln und nicht — sich von ihr zu trennen und sie aufzugebcn, erscheint uns als das einzige Mittel zum Besserwerden. Vor allem muß das absolutistische Treiben unserer Repräsentanz aufhören, es muß laut und kräftig nach Statutenänderung im d e m o k r a t i s ch e n Sinne gerufen werden, denn das Grundübel ist, daß unsere unberufenen Führer in Wirklichkeit nicht die Gewählten der Massen sind. Freilich, wie die Verhältnisse gegenwärtig nun einmal liegen, dürfte es vergebliche Mühe sein, die unverantwortlich handelnden Leiter des D. I. G.-B. von ihren Sitzen zu schleudern und neue Männer an seine Spitze zu stellen. Ja, ließe sich ein großer Teil der Orthodoxie nicht von Männern, die nur die Scheullappenpolitik der Unversöhulichkeit kennen, leften, wäre wenigstens die Orthodoxie lebendig und eine ansehnliche Partei im Gemeindebunde, dann wäre eine.Entthronung der gegenwärtigen Gemeindebund- Leiter eine Leichtigkeit. So aber steht die Orthodoxie abseits und die anderen sind zu gleichgültig. Und nur die regcste Beteiligung der Orthodoxie an den Organisationen kann die Gleichgültigkeit der Masse aufrütteln und Aussicht auf eine Gesundung unserer Zustände geben. Trotzdem seien die Heiter des Gemeindebundes eindringlichst gewarnt! Ihre Politik ist Wasser auf der Mühle jener orthodoxen Männer, die in einem Schisma, in einer reinlichen Scheidung nach ungarischem Muster, in einem vollständigen Aufgebe» der Nicht-Orthodoxen das Heil für die Zukunft des Judentums sehen. Pollen die Leiter des Gemeindebundes der deutschen Judenheit einen schweren Schlag versetzen, dann habe» sie jn ihren Verstaatlichungsbestrebungen das beste Mittel dazu. > Damit, daß sofort eine energische Protest-Agita». tion gegen die VerstaatlichungsbestrÄungen des D. I. G.-B. eingeleitet wird, sind wir selbstredend voll und ganz einverstanden. Auch haben wir schon häufig einer Organisierung der Orthodoxie das Wort geredet.. D. RedE *) Siehe Artikel in Nr. 15. Kultivieren der Theorie ist die Hauptsache, sondern die Anwendung derselben auf die Tat, auf das Leben. — Und was sehen wir dagegen bei einem Blick auf die Jeschiwos? Ein gewaltiges Ueberwuchern des ab-, straften Studiums, welches mit logischer Notwendigkeit ein Geschlecht verdorrter Stubengelehrter bildet, mit all' den sattsam bekannten Mängeln dieser Gattung. Dies gilt von den bessern und besten Elementen, die wenigstens zu Stubengelehrten werden; es gibt aber leider viele, viele Elemente in der Jeschiwoh, die mit voller Berechtigung den Verdacht, „Gelehrte" zu sein, von sich weisen dürfen. Dazu gesellt sich noch das Üebel, daß die zur Schau getragene souveräne Verachtung des konkreten Lebens und seiner tausenderlei Anforderungen keine erkünstelte, unwahre ist. — Hinter einer sehr dünnen Schicht von zunftgemäßem Phlegma glühen und brodeln alle jene sündigen Wünsche, wie sie die Brust der übrigen Irdischen bewegen. Der ganze Unterschied ist der, daß hier die Berechtigung dieser Wünsche offiziell geleugnet, zu ihrer Befriedigung keinerlei Mittel geboten werden. Immer noch wird das uralte „Pas demelach tauchel umajim bim suroh tischteh, Brot mit Salz essen und Wasser nach Maß trinken", in Bezug auf Bachurim u. Talmide- Chachoinini im Munde geführt. "Ja, aber die dazu gehörige llassische Genügsamkeit existiert heute nicht, mehr. Ich bin fest überzeugt, daß eine Preisausschreibung auf die Nachahmung des Beispiels von Rabbi Simeon den Jochai, sich'in eine Höhle zurückzuziehen und ausschließlich von Johannisbrot zu nähren, heutzutage erfolglos bleiben würde. Ein jeder will sich ein recht ansehnliches Maß von Wohlleben sichern und da diesen Bestrebungen die vollständige Unkenntnis der Bedingungen des Erwerbslebens gegenübersteht, macht sich leider eine gewisse Korrumpiertheit der Begriffe innerhalb derjenigen Kreise wahrnehmbar, die aus der Jeschiwoh den Weg in das dornenvolle Gestrüpp des Kleinkrämerstandes genommen haben. DieserWeg führt über den oft stürmisch aufgepeitschten Hafen der Ehe. Der Bachur läßt sich „einsetzen", wie der landläufige Ausdruck heißt. Ich will davon absehen, daß diese Art der Eheschließungen gewiß nicht dem altjüdischen Ideal von der Ehe entspricht. Diesem Ideale gemäß war stets der Mann der werbende, der erwerbende Teil; an ihm war es, sich sein Ehegemahl zu erkämpfen, zu erkaufen, nicht aber sich erkaufen zu lassen. Um jedoch blos von der materiellen Seite der Sache zu reden, kann man "sich denken, welch' ungünstiges Prognostikon sich bei dem gegenwärtigen furchtbaren Kampfe ums Dasein solchen Existenzen stellen läßt, die zumeist mit ganz unzulänglichen finanziellen Mitteln und in vollständiger Unkenntnis der zum erfolgreichen Erwerbe nötigen Dinge gegründet werden. Da wären wir also bei dem ebenso brennenden als schwierigen Problem angelangt, auf welche Weise es möglich wäre, dem alten Grundsätze unserer Weisen: der Vereinigung von Thora und Derech-Erez zu seinem guten Rechte zu verhelfen. Ach — die Ungelösthcit dieses Problems hat schon viel Unheil angerichtet. Zuletzt wütete sie furchtbar auf dem Misrachi-Ko.ngresse der guten Stadt Preßburg, wo der Dauervorleser Herr Dr. Fink mit seinen schrecklichen Expektorationen über dieses Thema viele kostbare Stunden des Kongresses tot und viele Teilnehmer an demselben in die Flucht schlug. Und was war der langen Vorlesung Sinn? Die Bachurim sollten fürderhin nicht mehr an die sittenverderbenden Universitäten, sondern an die orientalische Akademie in Wien gehen! Als ob die Kenntnis von Sanskrit, Arabisch und Persisch gerade das Wundermittel wäre, welches all die gewaltigen Schwierigkeiten des jüdischen und vollends gar des orthodoxjüdischen Kulturproblems wie mit einem Zauberschlage zck lösen vermöchte! Ach nein, geehrter Herr Doktor, die Gläser Ihres Binocles mögen noch so vielsagend in dengähnenden Beratungssaal geblitzt haben, die sich in gleicher Verfassung befindlichen soi - disant - Zuhörer wußten sich bei Ihren Worten absolut nichts Gescheitstes zu denken. Da hätte ich doch einen anderen Vorschlag bei der Hand, der wenigstens streu Vorzug der OriginaliiSt'fSt sich inÄnspruch nehmen darf. EsWbtzweiettei Mittel, wodurch sich ein Mensch seinen Lebensunterhalt sichern kann: geistige und materielle. Mit anderen Worten: es gibt geistige und, materielle Gewerbe. Ich scheue mich nicht, das Wort auszusprechen und lasse mir durch vornehme, ideale Posen nicht bange machen. Jawohl, bei aller Hingebung an die Wissenschaft ist auch bei den wissenschaftlichen Berufen die Erringung einer möglichst glänzenden, materiellen Posttioneines der vornehmlichsten Ziele, und zwar nicht blos bei den galizisch-jüdischen Studenten, wie einst der sel. Billroth in. einer gehässigen antisemitischen Anwandlung behaupten wollte, sondern auch bei den ävischsten. Man beobachte blos die große geschäftliche Routine, mit welcher der größte Teil der medizinischen Koryphäen, gleichviel ob arische oder semitische, ihre Wissenschaft ausschroten, und man wird mir Recht geben müssen. (Schluß folgt.) Eine zweite Unterredung mit Dr. Max Nordan. Den Lesern des Familienblattcs dürfte der Inhalt . meiner ersten Unterredung mit Max Nordan noch in Erinnerung sein. Sie war in einem Moment zur Kenntnis des Publikums gekommen, in dem das Schicksal der russischen Freiheitsbewegung noch nicht entschieden war. Die Duma war erst auf dem Papier und die Wahlen zur Duma noch nicht einmal vorgenommen. Heute, wo der Umwälzungsprozeß im Zarenreiche aus seinem chaotische» Zustande herausgekommen ist und greifbare Formen anzunehmen cheint, glaubte ich, den berühmten Historiographen und Kulturkritiker aufsuchen zu sollen, um seine Meinung über die Stellungnahme der russischen Juden, resp. ihrer Abgeordneten in der Duma zur allgemeinen und jüdischen Politik einzuholen. . Auf meine Fraeg, ob die jüdischen Abgeordneten in der Duma gut tun und politisch klug handeln, wenn sie sich zu einer besonderen jüdischen Fraktion konstituieren, antwortete mir Max Nordau: „Ich halte den Zusammenschluß der jüdischen Tuma-Abgeordneten nicht nur für eine absolute politische Notwendigkeit, die durch die Lage der Juden in Rußland bedingt ist, sondern noch mehr für eine Sache der jüdischen Nationalehre. Alle Völkerschaften haben in der Duma ihre Vertreter, ihre speziell organisierten Vertreter, so Polen, Armenier usw. usw. Da jede dieser in Rußland ansässigen Völkerschaften ihre eigenen Bedürfnisse, die sie nur selbst kennen können, hak, da diese Volkswünsche mehr oder weniger erfüllt werden müssen, so ist es selbstverständlich, daß die Interessen dieser kleinen Völker spezielle, zu diesem Zwecke bestellte. Verteidiger haben müssen. Diese Verteidiger der speziellen Vvlksinteressen sind die Vertreter dieser kleinen Völker in der Duma. Unsere Brüder in Rußland haben ebenfalls ihre eigenen Bedürfnisse, die nur durch eine jüdische Fraktion in der Duma ehrenvoll vertreten werden können. Das Zustandekommen einer jüdischen Fraktion in der Duma hängt lediglich von dem Grad des jüdischen Sclbst- und Ehrbewußtseins der jüdischen Duma-Abgeordneten ab." „Liegt es in unserem Interesse, die Forderungen der K. D. zu unterstützen?" „Darauf kann nur die Zeit und der Umstand jedesmal eine Antwort geben. Die russischen Juden haben ihre doppelten Interessen in der Duma durch ihre Vertreter verfechten zu lassen. Als russische Bürger haben sie eine liberal-bürgerliche Politik zu unterstützen, und mithin können sie iin großen und ganzen mit den K. D. Hand in Hand gehen.-Aber, abgesehen davon, dürfen sie keinen Augenblick die Tatsache aus dem Auge lassen, daß sie Vertreter einer Nation» der jüdischen Nation, sind, die ihre eigenen Interessen und Bedürfnisse hat. Und Rußland ist der einzige Staat, .der die Juden als selbständige Nation anerkennt. - Es bestreitet auch sonst kein vernünftiger Mensch in Rußland, daß die sechs Millionen russischer Juden keine nationale Einheit bilden. Diese Tatsache muß ihren Kampf für ihre nationalen Interessen erleichtern^ Es -wäre geradezu schrecklich, "wenn sie diesen Umstand nicht -ausnutzen würden." - Bezüglich des Territorialismus sagte mir Nor- Hbäu, baß bie I. T. O. im besten Falle eine beratende Körperschaft sein Wune.'Selbst bei der Aüsfinbigmachung eines Territoriums köntte'sie nur Mit Rat den Emigranten zur Seite stehen, denn sie häkihnen keine Ideale und keine großen materiellen Mittel zu bieten. In dieser Hinsicht greift die Jto in die zioni-