Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 22 (8.6.1906)
- Date
- 1906-06-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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- Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Nbonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (ein* schließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1,80, sonstige Länder Mk. 2.— Frankfurt a. nt., Lleichstraße 2, Ecke vilbelerstraße feCefan 10507. Herausgever: Kalg Heis. --; Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile. . . . . 25 Psg. Die Reklamezeile . ... ... ......... ... . 100 ... Platz- und Daten-Vorschrift ohne Verbindlichkeit.. Beilagen: - ... Preis nach Nebereinkunft. 4. Jahrgang. Freitag» de« 15. 8ivsu 5666 (8. Juni 1906). Ro . 22 Inhalt des Hauptblattes. -Artikel: Organisationsbestrebungen. — Aus Ungarn. — Eine zweite Unterredung mit Dr. Max Nordau. — Die Woche. — Aus aller Welt. — Personalien. — Aus d er zionistischen Bewegung. — Aus der Lehrerwelt. — Feuilleton: Die Cohnheims. — Wochen- Kalend er. — Familiennachrich ten. Orgauisationsbestrebnngen! Ein Aufruf zur Selbstwehr von Dr. I. Möller, Mtona. „Organisiert Euch,"' so geht der Ruf seit 'Jahrzehnten durch hie Lande. Arbeitnehmer hier, Arbeitgeber dort, "Merzte hier, Kassen dort, Friedensfreunde hier, Flottenvereinler dort. Ebenso hallt es in jüdischen Kreisen seit Jahren wieder! „Wir sind eine kleine Minorität, wollen wir etwas erreichen, so heißt cs: „Sammelt Eure Kräfte, Einigkeit macht stark." So-gründete man den Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, so -den Allgemeinen Rabbinerverband, so den Gemeinbebund und-neuerdings den Verband der deutschen Juden. - So hat man denn wirklich alles getan, um die deutschen Juden zu einigen, und man sollte meine», es stände glänzend um die Kraftäußerungen der „ge einigten" deutschen Judenheit. . Das Gegenteil ist der Fall. So viel Köpfe, so viel Sinne! Eine halbe Million Seelen und nicht I Wege sein? Und eben dieses Idol ist es, das den Angcl- und Stützpunkt des Deutsch-israelitischen Gemeindebundes und des Verbandes der deutschen Juden bilden soll. Wahrlich, eine vertrauenswürdige Basis dieser umfassenden Organisationen! Nach dem offiziellen Programm dieser Organisationen 'sind wir ja nichts als Glaubensbrüder! Und was es mit diesem gemeinsamen Glauben auf sich hat, haben wir ja eben zu Genüge gesehen. Die preußischen Gemeinden, d. h. also Vereinigungen jüdischer Glaubensbrüder, haben sich im Bunde organisiert und treten gemeinsam an die Regelung des Religionsunterrichtes usw. heran. Dabei lehrt man hier Bereischis bis Leeinei Kol Jisroel ist Gottes Wort, und dort, dies ganze sei eine Priesterkomplikation aus alten, jüngeren und jüngsten Teilen. Hier ist der feste Boden des Offenbarungsglaubens, dort herrscht kritische Religionsgeschichte und philosophische Betrachtung über die Existenz des weltbewegenden Prinzips! Wie ist da eine Einigung möglich? Wie konnten die preußischen Gemeinden diese unüberbrückbare Kluft übersehen? Nein, sie übersahen sie nicht,' denn sic sahen vom ganzen Gemeindebunde nichts, denn der meist unter Ausschluß der Oeffentlichkeit arbeitende Vorstand hatte keine Ahnung von der Wichtigkeit seines Beschlusses, sich dem Gemeindebund anzuglie der». Die Statuten erzählten ja so schöne Tinge von den Zielen des Bundes, was konnte da im viel weniger -Parteien. Nirgends eine wirklich im posante Kraftäußerung. Woran liegt das? Ist das-Prinzip „Einigkeit macht stark" etwa falsch? Nein! -Oder ist cs falsch angewandt? Hier ist der springende Punkt. . ' Zur Organisationsbildung gehört in erster Linie Einigkeit in den wichtigsten Fragen, welche durch die Organisation geregelt werden sollen. Sehen wir uns den Zentralvcrein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens an. O jüdischer Glauben, wie dehnbar bist Du-! Hier Glauben an die Göktlichkeitder -gesamten Tora und Verpslichtnngskraft des Schulchan Aruch, dort heilige Begeisterung für die Gdwalt der zehn Gebote, und - Genuß von Schinkenbrötchen, hier innigste Verehrung für die Größe der° jüdischen Sittengebote, dort fester 'Glaube an dieiKrgstdes jüdischen Gottesglaubens, hier krasser Darwinismus und Glaube an . die zukünftig sich entwickelnde--Verbrüderung 'aller Menschen, dort Darwinismus und Glaube an die ewige Existenz der jüdischen" Natiyn, hier Zionistendort Assimilanten, ein wirres Durcheinander, das allein zusammengehalten -wird durch das gemeinsame Blut und den gemeinsamen Druck. Ojüdischer Glauben, armer, getretener, - nach Belieben von' jedem wie Gummi in alle Formen gepreßter! ... JstslMs '^NoH ein Glauben l? Ist er noch ein einigendes Moment?! Um mit hiblischen Worten zu reden! Wie der Westen vom Osten' entfernt ist,- so stehen sich hier manche,-Gesinnungsgenossen gegenüber! Die Flagge d e^ jüdischen Glaübench Üm die die Zentralvereinler sich zu scharen . vörgebenist"ein Phantom, ein Idol. Und die Gemeindemitglieder? Ja, wer fragt denn diese in einem nach liberalen Grundsätzen geleiteten Gemeinwesen? Ebenso bildete sich über die Köpfe der Gemeinde Mitglieder hinweg „der Verband der deutschen Juden". Einige ca. 200 deutsche Juden kamen nämlich in Berlin zusammen und sagten: „Wir, als Vertreter der deutschen Judenheit, wollen dieselbe gegen alle Angriffe, seien sie religiöser oder politischer Natur, verteidigen." Wer hatte diese Herren zu Vertretern gewählt? Die Gemeinden? O nein! Sie hatten sich selbst gewählt! Dies ist der Verband der deutschen Juden! Einiger deutscher Juden wäre richtiger. — Hierliegt aber die Gefahr! Diese.Herren repräsentieren-ihre Wünsche der Regierung als die Wünsche der deutschen Judenheit'— und die deutsche Judenheit weiß nichts von diesen Wünschen. „Aber haben wir unser» Antrag zum Schulunterhaltungsgesetz nicht erst den Gemeindevorständen vorgelegt?" Jawohl! Und diese Vorstände verstanden von der jüdischen Politik so viel, daß sie den ganzen umfangreichen Antrag nach ganz kurzer Beratung Unterzeichneten, ohne did eminente Gefahr auch nur zu ahnen, welche bei seiner Annahme den kleinen jüdischen Volksschulen drohte'— und damit dem Judentum überhaupt! Warum wurde ein so wichtiger Antrag nicht an die gesamte jüdische Presse rechtzeitig mitgeteilt? De nselben schweren Vorwurf erheben wir jetzt gegen. den deutsch-israelitischen Gemeindebund! r Ganz zaghaft erscheint in einer kleinen Ecke einiger Blätter eine Mitteilung aus dem Bureau des D. I. Verfassung der preußischen Gemeinden Genaueres mitgeteilt wird bei weitem nicht. Was geht das auch die Juden an! Die wohlweisen Gemeindevorstände werden chon unterschreiben — bis auf 3 kleine, abgesplitterte Gemeinden! Und diese sind nur eine kleine, unbedeutende Sekte! So drückte sich der Verband der deutschen Juden der Regierung gegenüber aus! Hier haben die Verbandslejter ihren Pferdefuß, ungeschickter Weife einmal gezeigt! Die Herren wollten der Regierung sagen: Sehet, wir sind alle-eines Sinnes, Sohn eines- Vaters, nur einer ist nicht dabeiist vielleicht — tot. — Sie sagen aber nicht:- dieser eine ist der Erbe des altjüdischen Geistes, der Liebling unseres Vaters, dem wir den Prachtrock ausgezogen, den wir für wenig Silberlinge verkauft haben und der durch unsere Schuld nackt und arm durch's Lehmr. geht, aber lebt." Und sie wußten nicht, daß diese orthodoxe Judcnheit denn doch noch außerhalb der drei Austrittsgcmeinden ein recht kräftiges Leben führt und ihre alten Ansprüche nicht aufgibt! „Haben wir erst unsere Konsistorialverfassung, die ja in unserem, der Majorität,. Sinne ausfallen muß", so denken unsere Freunde vom D. I. G.-B., — „so sei gegrüßt, unbequemes Ueberbleibsel. alter Zeit, fühle dich wohl in dem Särge, i» den wir dich gebettet." -- Und deshalb alle, die Ihr das Weiterleben alte» jüdischen Volkstums und jüdischer Emunoh wollt, wehret Euch gegen die geplante Konsistorialverfassung, wehret Euch gegen die Gefahr des Katechismusjudentums. Denket an Frankreich, wo seit Jahrzehnten jede freie Regung des Judentums durch die „kirchliche" Verfassung gehindert war. Denket an Baden und Württemberg, wo Laien im Kirchen- und Oberrat dekretieren, was Judentum sei, was der Rabbiner zu lehren habe, und wie man zu beten habe. Denket an Baden, wo her Oberrat einmal erklärte, die Mikwoh könne nach Anschauung des Talmud durch ein Wannenbad ersetzt werden! Das Judentum läßt sich nicht durch Paragraphenwcsen in starre Formeln gießen, denn es ist Leben! - Eine gleichmäßige Verfassung für alte Geineinden . ist der Tod für die Existenz der Minderheiteni>. h.- unserer Emunoh, der Orthodoxie. Darum kein Abwarten und kein Paktieren! Or-. thodoxe und alle, denen eine freie Entfaltung kräftigen - jüdischen Lebens am Herzen liegt, versammelt Euch in Bälde zu Prvtepversammlungen, sendet Eure Proteste mit Unterschriften au den Gemcindebund — und sollte der Organisationsentwurf an die Regierung dennoch äbgehen — an die Regierung! Im ein uni I>, ml li? Im lau achschow, eimossai?*) *) Der geschätzte Schreiber verquickt zwei Dinge I miteinander, die unseres Erachtens, von einander zu trennen sind. Denn derjenige, der wegen des Vorhandenseins konträrer Richtungen in der deutschen Judenheit eine vollständige Trennung der Anhänger dieser Richtungen als Juden fordert, nimmt sich damit das Recht, gegen Bestrebungen-einer anderen. Richtung, niit der. er doch "in keinem Zusammenhänge mehr steht, zu Felde zu ziehen: und wenn er-es l.'über die Ausarbeitung einer Konsistvriäl-I dennoch tut, muß er sich den Vorwurf gefallen