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Neue jüdische Presse · 1906-06-01 · Heft 21 (1.6.1906) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 21 (1.6.1906)
Date
1906-06-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 21. Frankfurter JsraelitiMs Familienblaü. Seite 3. Wir Juden-können uns freuen, daß die ursprünglichen verhängnisvollen Vorschläge der Herren Studt- Schwartzkopff ü. 'Cie. sang- und klanglos abgelehnt worden sind. Die Beschlüsse der Kommission lassen es für uns bei dem bisher bestehenden Recht, das aber nach'mancher Richtung wertvolle Erweiterungen erfahren hat. Erfreulich ist es auch, daß die Anträge -der Freisinnigen auf eine rein formelle Gleichberechtigung, wie sie vom Verband der deutschen Juden gewünscht worden war, abgelehnt worden sind. Wir behalten uns vor, sobald genauere Nachrichten über die Beschlüsse vorliegen, ausführlich über die zuküirftige Regelung der jüdischen Schulangelegenheiten zu berichten. -i- * - Die zweite Iahresversammknng der u,n garische n orthodoxen Landesrepräsentanz, eine hundertgliedrige Körperschaft, fand am 15. d. Mts. in Budapest statt. Gar vieles ist in orthodoxen Kreisen Ungarns von dieser zweiten Versammlung, der ersten unter der Leitung des neuen Präsidenten Adolf Frankel, erwartet worden. Man hoffte zu vernehmen von den positiven Resultaten der Landesvertretung im verflossenen Jahre, sowohl auf dem Gebiet der „Jeschiwaus", deren Lage geradezu t r o st l o s ist, als auch in Bezug des Zwanges der jüdischen Schüler, in christlichen Schulen am Sabbat die Schule zu besuchen, auch hinsichtlich der Pensionsverhältnisse der Kultusbeämten und Vergleichen mehr,- allein man hoffte vergebens.' . ... Nichts von all dem! — Die „Bachurim", die zukünftigen „More deasros", Führer, Lehrer und Berater der Gemeinden, laufen nach immer wie Landstreicher über Land und Stadt zerlumpt herum, um für ihr nacktes Leben zu betteln. . . . Die jüdischen Kinder besuchen noch immer am Sabbat die christlichen Schulen, die Beamten sind noch immer ohne Pensionsfonds. Zwar hat die vorjährige Versamnilung eine Konnnission aus 5 Rabbinern und 8 Laien zur Jeschiwoh- und Pensionsfrage in Permanenz eingesetzt; allein diese Permanenz bestand darin, nur ein einziges Mal im Laufe des ganzen Jahres zusammenzukommeu und nichts zutage zu fördern. Es ist manches Schöne beschlossen worden, nämlich — die Kommissionen zu vergrößern .... sich bei per Regierung zu bemühen .... für den Pensionsfonds zu sammeln .... u. dergleichen mehr. Und -könnte man bloße Beschlüsse und Wünsche als positive' Resultate hinnehmen, so würde man noch manches auszusetzen haben, aber leider ist es tiicht so ... . Beweis, all die schönen Beschlüsse der vorjährigen 'Jahresversammlung, die im Sand verliefen. ... Die Resultate, wie gesagt, sind weniger alsgenügend, sogar ein orthodoxes Organ, wie die Bubapesker „Allgemeine Jüdische Zeitung", hat vieles an der Versammlung auszusetzen, sie kritisiert scharf die leichte Art und Weise der Behandlung von wichtigen Angelegenheiten, für die brennende Jeschiwohfrage wurden nur 10, sage und schreibe zehn Minut e n verwandt. Folgt man mit offenem Auge dem Gang der Versammlung,-so fällt einem das Absolutistische, Undemokratische, das an dieser Repräsentanz haftet,, besonders auf. Das Jahresbudget, das sich aus Kronen 34000 beläuft, zeigt ein Defizit von 16 000 Kr. Woher aber die Deckung des Defizits? Von Privat- Beiträgen. — Mso die Gemeinden sollen zur Beitragsleistung nicht herangezogen werden. Der Rabbiner aus Eperies beailtragte unter anderm, daß zur Einladung zur Jahresversammlung eine Tagesordnung den Gemeinden von der Zentrale zugestellt werde, und daß bei Aktionen, die für Gemeinden von dauernder Belastung sind, diese um ihre Ansicht hierüber angegangen tverden. Selbst dieser vernünftige und berechtigte Antrag wurde abgelehnt mit der Motivierung: Mit dem Mandat der Landest epr äs entanzi st esunvereinba r, D irektiven von irgend einer Seite anzunehmen. Also Absolutismus links wie rechts. .. . . . * * * Herr Jakob Schiff wurde mit großen Ehren vom japanischen Mikado empfangen. Das ist an und für sich kein großes Ereignis, weder für die nichtjüdische, noch für die jüd. Welt, höchstens ein Novum für Japan, das nicht gewöhnt ist, daß einfache, nicht gekrönte Sterbliche vom Mikado so huldvoll empfangen werden. — Jedenfalls entspricht es nicht der Tendenz u nserer Zeitung, in die große Jubelposaune zu stoßen, wenn ein Jude dekoriert oder vor Königsthronen gesehen wird, das überlassen wir gerne anderen Zeitungen. . . . Was wir hervorheben wollen, ist, daß Herr Schiff als freier Sohn seines Volkes, im Gegensatz von Kultusvorsteher Taussig, es vorgezogen hat, sein Geld dem Besieger des jüdischen Feindes vorzustrecken, während er es hem besiegten Haman verweigerte. Eins sei noch bemerkt: Herr Schiff meint, es wäre ratsam, für manchen Ostjuden, nach Japan zu gehen, um sich in Japans neuen Besitztümern Korea und Mandschurei niederzulasseu. Das ist jetzt, während die östlichen Juden vor ihrer Emanzipation stehen, unratsam. Aus aller Wett. Deutsches Reich. Frankfurt a. M. Die „Auskunftsstelle für jüdische Auswanderer nach Südamerika und den Südstaaten der Union" (Berlin N1V. 7) schreibt uns: „In Bezug auf das angebliche Schlichtwe rb o t in Ar g en ti n ien sind wir auf Grund telegraphischer Benachrichtigung seitens der Direktion der Jca in Buenos Aires im der Lage, mitzuteilen, daß der dortige Tierschutzverciu ini letzten Monat vergeblich versuchte, ein Schächtvcrbot herbeizuführen. Die Tierärzte haben sich sämtlich dagegen erklärt, und hiermit ist die ganze Angelegenheit als erledigt zu betrachten." Frankfurt a.M. Fonds für die erholungsbedürftige Israel. Jugend. Ter israelitische Hilfsverein, der sich seit einer Reihe von Jahren mit der Fürsorge für erholungsbedürftige Schulkinder und für die arbeitende weibliche Jugend beschäftigt, will in diesem Jahre von der Errichtung einer Waldkolouie für Schulkinder, wie sie im 'vorigen Jahre bestanden hat,, absehen. Dagegen hat er einen Fonds für die erholungsbedürftige Jugend gegründet, zu dem schon ansehnliche Beiträge zugesagt sind. Aus den Eingängen sollen besondere Unterstützungen in einzelnen genau geprüften Fallen gewährt, und die Erholung der bedürftigen Müder auch durch Aufenthalt in freier Luft ermöglicht werden, wobei für Beaufsichtigung, und zwar auch für ärztliche, gesorgt wird. Ter Fonds soll eine dauernde Einrichtung werden, und es sollen nicht allein die Bedürfnisse für die Schulkinder, sondern auch die Kosten der Erholungsstätte für die arbeitende >veibliche Jugend bestritten werden. Diese Einrichtung besteht schon seit mehreren Jahren in dem vorzüglich geeigneten König i. O., und es ist beabsichtigt, dieselbe zu vergrößern und auszudehnen. Berlin. Bon der jüdischen Turn- Bewegung. Die indirekt durch den Antisemitismus und direkt durch den Zionismus ins Leben gerufenen jüdischen Turn-Vereiue machen sichtlich fortgesetzt Fortschritte in ihrer Entwicklung. Ein gemeinsames Organ — die in Charlottenburg herausgcgebene Monatsschrift „Jüdische Turnzeitung" — verbindet die meist in dem Verbände „Jüdische Turnerschaft" vereinigten Vereine, fördert das Ideelle der Bewegung und regt zur Bildung neuer Vereine au. Jetzt wird nun die Bewegung, einen weiteren Schritt vorwärts machen, denn auf den 4. Juni hat der Ausschuß der Jüdischen Turnerschaft nach Prag die l. O b m a n n s ch a f t s - T a g u u g berufen. Die Tagesordnung ist folgende: 1. Berichte des Ailsschusscs. 2. Berichte der Obmänner über die Einzelvereine. 3. Ausarbeitung eines Arbeitsplanes verbunden mit der Frage der Einführung einer VerLandsstatistik (Referent: S. Leicht-Graz). 4. Beratung eines Normalstatutes für jüdische Turnvereine (Referent: Dr. Ludwig Werner-Wien). 5. Herstellung und Erhaltung der Verbindung zwischen dem Ausschuß und den Verbandsvereinen (Res.: Julius Berger-Köln). 6. Beschlußfassung über die Einberufung des dritten ordentlichen Turntages. 7. Verschiedene Anträge. Au der Obmannschaftstagung können auch Vereinsmitglieder, die nicht Obinänner sind, teilnehmen. Berlin. Von hervorragender Seite aus Odessa erhielt der Hilfs verein der Deutschen Juden das nachfolgende erfreuliche Schreiben, das wir auszugsweise veröffentlichen: - „An den Hilfsverein der Deutschen Juden z. Hd. des Herrn Dr. Nathan, Berlin. Sehr geehrter Herr Doktor! Unsere Kommission arbeitet nun mit voller Energie wegen Existenzerrichtung der Letr. Familien. So manche Freudenträne, so manche bereits verlorene Lebenshofftiung wird erweckt, — auf Stelle der gedrückten Verzweiflung tritt allmählich fröhlichere Stimmung. — Nicht nur Trauerposteu sollen unsere auswärtigen Freunde unsererseits treffen, - selbst den kleinsten Schimmer eines helleren Lichtstrahles wollen wir mit denjenigen teilen, die uns so seelenvoll zur Seite gestanden! Gestatten Lic uns, sehr geehrter Herr Doktor, Ihnen für Ihre Initiative» Ermunterung und Erfüllung unsrer Wünsche im Namen unsrer unglücklichen Brüder und in unserem Namen unfern herzlichsten Dank .für alles das auszusprechen, was Sie für uns getan. . . ." Solche Stimmen verdienen, veröffentlicht zu werden, damit die Spender in Deutschland wissen, daß durch die Beträge, die sie für unsere unglücklichen Glaubensgenossen hergegebeu haben, in der Tat Gutes in großem Umfange bisher schon hat erzielt werden können. Berlin. Preisbewerbung für jüdische Studierende. Der Hilfsverein für jüdische Studierende hat folgende Preisbewerbung ausgeschrieben: a) Medizinische Aufgabe: Historisch-kritische Darstellung der Theorien über bie Aetiologie der Krebskrankheit. bj Nationalökonomische Aufgabe: Die Bedeutung der Juden für die Industrie im brandenburgisch-preußischcil Staate 1670—1812. Zur Bewerbung zugelassen sind jüdische Studierende Berliner Hochschulen von alle» Fakultäten, die Reife und Dürftigkeitszeugnis beibringen können. Den Bewervungsschrifte» ist in verschlossenem Umschlag, auf dem ein Motto steht, die mit dem Namen des Bewerbers Unterzeichnete Versicherung auf Ehrenwort, daß er selbständig und ohne fremde Hilfe diese Arbeit angefertigt habe, beizulegen. Mit demselben Motto ist die 'Arbeit zu bezeichnen.' Der erste Preis beträgt JL 300; es kann daneben oder allein ein zweiter nnt Ji. 150, zuerkannt werden. Die Dewerbungsschriften sind bis zum 1. Dezember 1906 an den Schriftführer Prof. Dr. Liebermann, Bendlerstr. 10, cinzureichcn. Dresden. Das Gastrecht bei den alten Germanen. Die „Dresdener Gerichtszeitung" schreibt in einem Artikel, in dem sie die Maßregeln der preußischen Regierung gegen die russischen Juden in Schutz nimmt: „Es ist da als besonderes Argument von der Heiligkeit des Ga st rechts die Rede gewesen, ein Beweis, daß dieses Gastrecht denen, die sich darauf berufen, überhaupt nicht bekannt ist. Sie haben von einem mageren Fettäuglein auf die Bouillon geschlossen. Die rechtliche Lage des Fremden war im deutschen Altertum in Wirklichkeit eine außerordentlich ungünstige. Für den erschlagenen Fremden wurde nicht einmal das sonst übliche Wergeldgezahlt,die Verwandten des Erschlagenen komiten seine Genugtuung verlangen, und der Totschläger wurde nicht friedlos (Bestgatalog). Eingewanderte Fremde wurden, wenn sich ihr Aufenthalt über Jahr und Tag ausdehnte, ohne weiteres Unfreie, und nur das Salische Gesetz machte hiervon eine AuSnahuic. Eine wirklich „geheiligte" Gastfreundschaft war nur^ den durchreisenden Fremden gewährt, cs war aber Litte, diese Gastfreundschaft nicht über drei Tage auszudehnen. Soweit die Phrase von dem alten, heiligen Gastrecht für eing^ewunderte Fremde." Worms. Auf das vom Vorstande der hiesigen isr. Religionsgemeinde veranlagte' Preisausschreiben über: „Was bedeutet Raschi für seine Zeit, wie wirkte er in der Folge und von welchem Werte sind seine Schriften für die Jetztzeit?" sind zwei Arbeiten eingelaufen, welche beide nnt einem Preise ausgezeichnet worden sind. Die Verfasser sind: Kreisrabbiner Dr. Beer mann - Insterburg und Landrabbiner Dr. D o c t o r - C ns s e l. Beide Schriften werden dem Drucke übergeben. Breslau. Vom jüdtschen Liberalismus. Der als Stellvertreter zur Repräsentanten-Sitzung einberusene Herr Dr. Alexander, Schrift- und Wortfüherr des „Liberalen Vereins", interpellierte in der letzten Sitzung -den Vorstand, weshalb an Sonnabenden die Friedhöfe nur von 11—2 Uhr geöffnet seien. Es kämen doch auch um 2 Uhr noch Züge aus Oberschlesien an, die vielleicht Friedhofsbesucher mitbrächten. Er bittet um Abhilfe. — In derselben Sitzung wurde mit allen 'gegen 2 Stimmen beschlossen, die Steuerstufe von 900—1050 Jh Einkommen zur Gemeindesteuer nicht heranzuzichen, wodurch ca. 400 Gemeindemitglieder, die größtenteils konservativ wählen, ihres Wahlrechts verlustig gehen. Selbst eine Resolution, in der der Vorstand ersucht wird, nach Mitteln zu suchen, die die Härte der Maßregel mildern sollen, wird von der liberalen Majorität abgelehnt. Ml. Breslau, 23. Mai. Der Polizeipräsident hat nach per „Breslauer Zeitung" durch Verfügung vom 19. Mai jungeRussenausaugesehener Familie, Kommis eines hiesigen großen Geschäftes der Wollbranche, ohne Angabe des Grundes'ausgewiesen. ‘ Königsberg i. Pr., 23. Mai. Eine Stuüentenversammlung, in der sämtliche Korporationen der-

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