Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 21 (1.6.1906)
- Date
- 1906-06-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2. Ich zitterte, mir war .es so unheimlich' zu Mute, als ich diese Blätter las. Mir deuchte, als trüge sich der heldenhafte Kampf einiger Häuflern Juden gegen Römertyrannei und griechische Bestalität, Heidnische Barbarei und muselmanische Wildheit vor meinen Augen zu, ein Kampf, der mit verschiedenen Waffen und zu verschiedenen Zwecken ausgctragen ward. Dann das gigantische in diesem Entfesseln jüdischen Selbst- und Machtbewußtseins. Das Römcrjoch war gebrochen, griechische Tyrannei überwunden, in die finstern Hütten nordafrikanischer Eingeborenen Licht gebracht, und nach fast einem halben Jahrtausend nach dem Zusammenbruch des weströmischen Reiches und etwa bald einem Jahrtausend nach der Entstehung des Christentums erhebt si ch im Herzen Afrikas bin jüdisches Reich mit einer jüdischen Königin Cahena a n der Spitze. Dieses Buch, in dem die Geschichte der Juden und des Judentums in Marokko niedergelegt ist, legt in so Heller Deutlichkeit Zeugnis vom jüdischen Genius und und von jüdischer Kraft ab. Nun wird man sagen, die Geschichte der Juden, wie wir sie durch Grätz, Jost, Gudcmann :c. kennen, Hat die Kulturmacht des Judentums und seine unbesiegbare Kraft i m Kampfe um seine Existenz zur Genüge bekundet. Indessen üus der Geschichte der Juden ftn Marokko, die uns Herr Professor Dr. Slouschz so schlicht objektiv und doch packend erzählt, erfahren wir doch, was wir bis jetzt nicht gewußt haben. 'Aus diesem Schauplatz des Kampfes ist cs nicht der Jude, der eine phänomenale Resignation für sein Judentum an den Tag legt, ein Jude, das Ziel aller Kugeln, ein Jude, den man erbarmungslos und bestialisch martert, sondern der Schauplatz des Kampfes, ftuf den Herr Professor Dr. Slouschz uns führt, ist 'Cfex Mittelpunkt „aktiver" Juden, die sich nicht nur verteidigen, sondern auch aggressiv Vorgehen. Da begegnen wir Juden und Jüdengemcinden, die nicht nur resignieren, sondern einen positiven Sieg zu erkämpfen suchen. Diesen Judenthpus, dieses Kapitel jüdischer Geschichte war uns bis jetzt ein Sudj mit sieben Siegeln. Dem Verfasser der Geschichte der Juden und des 'Judentums in Marokko verdanken wir die Kenntnis eines bis jetzt unbekannten Kapitels der jüdischen Geschichte. EL Seit welcher Zeit leben Juden in Marokko und in Nordafrika überhaupt, wer sind die heutigen braunen abyssinischen Juden, woher stammen die jüdischen Sekten in Nordafrika? Welche Rolle spielten diese marokkanischen Juden, welchen Einfluß übten sie auf ihre Nachbarländer und ihre Wirtsvölker, wie stark beteiligten sie sich an der Entwicklung der jüdischen Kultur seit Abschluß des Talmuds, bis auf die Gegenwart? In welchem Verhältnis standen sie zu den Römern, Griechen, Byzantinern, Christen und Musel-. männern? Welche, und wo sind die Kulturspnren, die sie auf dem Wege ihrer zweitausendjährigen Entwicklung zurückgelassen, zu suchen? Auf all' diese Fragen antworten die Blätter des Slouschzschen Buches. Und ich mutz es gleich vorwegnehmen, in schlichter, eleganter Weise. Eleganz und Schlichtheit sind ja sonst nicht Sache der Historiker und Archäclogen. Im Jahre 320 v. Ehr. begegnen wir den ersten Juden auf nordafrikanischem Gebiete. Sie wurden durch Ptolmäus Soter, den Begründer der Dynastie Her Lagiden, in der Zahl von 100,000 als Gefangene aus Palästina auf nordafrikanischem Boden, verpflanzt. Sie ließen sich in Egypten und Nachbarländern wieder und erhielten alle Rechte gleich den dort niedergelassenen Griechen und Macedoniern. Diese Begünstigung rief eine gewaltige Emigration aus Palästina nach diesen Ländern hervor. Erst durch diese Emigration war erst Alexandrien zu einem jüdischen Zentrum geworden. Durch die große jüdische Kolonisation in den nordafrikanischen Ländern entstand ein ungeheuer großes Proselytentum, und diese Proselyten, die itadj, Jerusalem kamen, waren eine Zeit lang die Vermittler zwischen palästinensischen und den in der Diaspora lebenden Juden. Die Kolonisation nahm einen solchen Umfang an, daß sie das hellenische Pentapolien überschritt und bis zu den Lyho-Berbern im Herzen Nordafrikas vordrang. Ws im Jahre 74 v. Ehr. Pentapolien an Rom annektiert wurde, ließ die römische Frankfurter JsraelitiMeS FamilienblaÜ. Republik den Juden ihre Rechte. Jü ihrem neuen. Heim lebten die Juden nach, den Satzungen der Thora und suchten oft ihre alte Heimat und Jerusalem auf. Diese erträgliche Lage der Juden rief aber bald eine Reaktion hervor in der Gestalt des wütenden Judenhasses der dekadenten Hellenen. (Fortsetzung folgt.) Der Schekeltag in Paris. In großen Zentren wächst der Schekeltag fortwährend zu größerer Bedeutung an und liefert das Kriterium, zur richtigen Würdigung des Zunchmcns oder des Niederganges der zionistischen Bewegung. Gerade dieses Jahr sah man mit gespannterem, ängstlicheren Interesse wie sonst dieser alljährlich wiederkehrenden Manifestation entgegen und zwar infolge der im Zionistenlager inzwischen erfolgten Spaltung in orthodoxe Zionisten und Territorialisten. Die Anfeindungen, die sich während des Jahres Luft gemacht hatten, mochten vielleicht dem Zionismus Abbruch getan haben; deshalb galt es, an diesem Schekeltage, wo man sozusagen Heerschau hält, seine Regimenter — Vereine — mustert, zu erfahren, wie es damit seine Bewandnis habe. Me vorletzten Sainstag stattgehabte Manifestation läßt erfreulicherweise auf eine gewisse Abspannung zwischen den bis dahin sich nicht finden wollenden Parteien schließen, abgesehen von manchen fanatischen Zeloten beider Parteien. Eine nach Hunderten zählende Menge — Zionisten sowohl als Territorialisten — füllte den. großen Fcstsaal von rue Lunery. Der erste Redner war, nachdem Dr. Max N o r d a u die Versammlung eröffnet hatte, Dr. Jacobsohn. JU einer warmen Ansprache hob er die Bedeutung des Schekels als Grundlage der. zionistischen Organisation hervor. Er würdigte die Ergebnisse, die die zionistische Organisation auch auf anderen Gebieten, außerhalb des dem Zionismus vorschwebenden Landes; .gezeitigt hat, unter Hinweis nämlich auf die jüngst in Rußland stattgehabten Wahlen zur Reichsduma. Die zionistische Organisation habe sich als die einzig befähigte erwiesen, die russischen Juden in geschlossenen Reihen, planvoll und zielbewußt, an die Urnen zu führen und solchergestalt zur Durchsetzung jüdischer Kandidaten zu verhelfen. Ueberall wurde die Wahlkampagne von den zionistischen Organisationen in Angriff genommen und erfolgreich betrieben. Obwohl die Zionisten noch eine Minderheit darstellen, aber dank dem von der zionistischen Organisation großgezogenen und betätigten Sinn für Disziplina, gewann diese zionistische Minderheit ausschlaggebenden Einfluß, und gelang es ihr, einen beträchtlichen Sieg zu erfechten, indem sie fünf hervorragende Zionisten — unter ihnen vier Mitglieder des großen Aktionskomitee — in die Muna zu senden durchsetzte. Das Scheitern der jüdischen Kandidaten in Polen erkläre sich dadurch, daß dort überhaupt der Zionismus weniger Wurzel gefaßt habe; auch sei dort der Wahlkampf nicht sowohl im Namen des Judentums schlechtweg, als vielniehr unter der Etikette verschiedener anderer Schlagwörter, wie Klassenkampf, polnischer Mosaismus usw. ausgefochten worden. Erst zu später Stunde, als der Boden schon ihren Füßen entrückt war, besannen sich die Juden Polens und taten sich angcspornt. von dem Erfolg der von den Zionisten anderwärts geleiteten Wahlkanrpagne, um das zionisttsche Banner zusammen. Wer der Sieg war schon durch ihre Zersplitterung ihren Händen entrissen. Alsdann ergriff Fräulein Professor Schach, Vorsitzende des zionistischen Damenvcreins, das Wort. In mehreren vorgeschrittenen Ländern, sagte die Rednerin, führen die Frauen eine leidenschaftliche Kampagne zu Gunsten des Stimmrechts für Frauen, doch ohne Erfolg bis jetzt. W gibt nur ein einziges Parlament, wo die Frauen unter allen Hinsichten im Vollgenusse ihres Rechts find, und das ist das jüdische Parlament, der Zionistenkongreß. Aber wie kommt es, daß gerade die jüdische Frau dieses ihr völlig offen stehendes Recht so wenig ausübt? Rednerin findet keine Lösung dieses Rätsels, es sei denn, bemerkt die Rednerin mit feiner Ironie, daß-die jüdische Frau aus äußerster Bescheidenhett sich vom öffentlichen Leben zurückziehe, obwohl dieselbe denndoch _• _ Nr. 21. wohl keinen Anstand nimmt, in die feministischen Revendikationen öffentlich mit einzustimmen. Nachdem ein anderer Redner «inen unzeitgemäßen Ausfall .gegen den Territorialismus gemachthatte, ergriff Dr. Max Nord au das-Wort: „Heute ist nicht die Zeit, auf Zwiespalt im Judentum hinzuweisen. Heute sind wir nur Zionisten, nur Juden, von ihrem Judentume begeisterte Juden. Derjenige ist -heute einer von den unsrigen, der mit uns glaubt, daß >vir unsere uuverjährbaren Rechte,'für welche unsere Vorfahren gekämpft haben, nicht aufgeben sollen, der soll heute das Opfer bringen, ivelch.es .die Organisatioir der Juden bejaht. Aber nicht blos als Opfer, sondern als Liebesgabe soll der Schekel dargebracht werden, wobei Sie auch zugleich ein- Stück Ihres Herzens und Ihrer Seele geben werden, mit Liebe, wie Kinder, die ihre Geburtstagsgabe ihren Eltern darbringen, nur mit dem einen Bedauern, daß sie nicht mehr gehen. Der Schekel beweist, daß man dem Ideal des Volkes treu ist. Das ist kein Almosen, sondern an sich schon eine Tat der Erlösung. Unsere Eltern haben zwei Jahrtausende. hindurch gebetet: Leschon oh haboo biruscholojim, aber keine Ansttengung wurde dabei gemacht. Jetzt wiederkehrt das Jahr, wo die Zionisten auch - eine kleine Anstrengung fordern, wo man eine kleine Steuer dem Zionismus zu zahlen hat, wie einst unsere Vorfahren den Schekel'für de» Tempel zahlten. Ünd »och lange nicht ist der Tempel unserer Freiheit ausgerichtet, aber der Ort ist schon bemessen und jedes Juden Pflicht ist, Handlangerwerk zu verrichten, Baumaterial-herbeizuschaffe», Ziegel, zu tragen, Mörtel zu mischen, bis daß das Gebäude stattlich aus seinen Trümmern emporragt. Als in Rußland jüngst eine Katastrophe auf unsere Brüder hereinbrach, da fragten manche: was tut der Zionismus? Aber in der Not hat der Zionismus versagen müssen, weil er bisher nnr eine moralische Kraft ist. Das Volk hat den Zionismus noch nicht niit materiellen Mitteln ausgestattet. Gar manche lachten ob dex Hilflosigkeit des Zionismus, während andere hoffnungsvoll ihre Äugen auf ihn richteten. Aber bei ällen dämmerte ein neues Gefühl in ihrem Bewußtsein auf.' Wie die Franzosen nach der Katastrophe von Courrieres, wie' die Italiener nach Ausbruch des Vesuvs zu ihrer Regierung ihre Blicke wendeten, so wendeten sich'die Juden in ihrer Not an den Zionismus, als. an die uysichfbare Verkörperung ihres Volkes, als. an eine moralische Autorität. Möge aber diese einzige jüdische Organisation, bis jetzt blos eine moralische, auch eine materielle werden. Möge dies uns auch zum warnenden Beispiel dienen. Wenn unsere Väter wenigstens vor hundert Jahren diese Organisation in's Leben gerufen hätten, so wäre sie schon heutzukage zu einer mächtigen Kraft angewachsen, die die Wagschale zu unseren Gunsten schon hätte neigen können. Die bloße Tatsache des Bestehens solcher Organisation wirkt wie ein Kristallkern, der immerfort neue Atome, neue Bloleküle um sich gruppiert, bis er endlich sich zu.einem mächtigen Felsblock gestaltet. Beweisen Sie heute, daß Sie ein Werk vorbereiten, das seinen .Wschluß in Erez-Jisroel findet, wenn Sie Ihre Pflicht als Juden und als' Zionisten' erfüllt haben!" Ein nicht endenwollender Beifallssturm begrüßte der verehrten Redner. Zahlreiche Schekolim wurden abgenommen, mitunter auch von vielen Territorialisten. I. Carny. Die Woche. Das preußische Abgeordnetenhaus hat das Schulnnterhaltungsgesetz im wesentlichen nach den Kommissionsbeschlüssen angenommen. Zwar schien es längere Zeit, als ob auch diese Schulgesetzaktion, wie alle'ihre Vorgängerinnen, scheitern sollte. Da wurde gerade zur rechten Stunde der Reichskanzler gesund und erwies sich' wieder einmal als der diplomattsche Künstler, der es versteht, „innere" Krisen durch Entgegenkommen auf der mittleren Linie zu überwinden, wobei dann Hie Regierung in der Regel ihren Willen durchsetzt und andere. Leute die Düpierten sind.