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Neue jüdische Presse · 1906-06-01 · Heft 21 (1.6.1906) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 21 (1.6.1906)
Date
1906-06-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
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-fi| - ^Äese.^Zeitüntzi-erscheint wöchentlich. > DlvomM«GWiS Pro Vietteljahr: In Frank- Wirt i'SL'Ü'Lfrei ins HauS. Bei der Post .abonniert im Jn» und Ausland Mk. 1,02 (ein-/ :schließlich?Beste!^ebühr). Unter Streifband bezögen: l -Deutschland : und Oesterreich -Ungarn. M. 1,50, .'’• sonstige Länder Mk. 2.— r-V* . . ■ : AsdaKM«:und chefchaftsDMe: Frankfurt a, m.. Llerchstraße 2, Ecke vMelerstratze Ter-f-» 10507. rßKalL Geis. M- < """l"". ....'"--- V ' Jnserüonspreise: i Die diergespaltene Petitzeile.25 Pfg. Die Reklamezeile ... . . . . 100 „;- Platz- und Däten-Borschrist ohne Verbindlichkeit. Beilagen: - - - -- .Preis nach Uebereinkunft. - ' T,. ___ __ .J '' 4. Jahrgang. Freitag, de» 8. Livrw 5666 (1. Juni 19V6). Ro. 21. Inhalt des HauptvlatteS. 'Artikel:. Die Emanzipation der Ruffen und die Juden. Geschichte der Juden Und des Judentunis in üftorolfo.: — Der: Schekeltag in Paris. — Die.Woche. — Aus allerWelt. — Feuilleton: Die Cohnheims. — Die heilige Tauro mit Feuer geschrieben. — Sprechsaal: — Bunte Chronik? — W o che n-Kalender. — Familien« Nachrichten. — Vereins-Kalender. — Barmizwohs. Die Emaüzipatian der Ruffen und die Juden. Auf Rußland sind die Augen der ganzen Welt mit gespanntestem Interesse gerichtet. Hundertzwanzig Millionen Menschen befinden sich hier in einem Terror und stehen vielleicht — in ihrem Kampfe nach Licht und nach Recht — vor einer furchtbaren Revolution. Noch gibt es ein. kleines Rettungsboot, mit dem man sich/voir sden .Fluten des Blutmeeres erretten will, denn noch stehen die Tore des Taurischen Palastes offen, noch immer durchzittern die flammenden Reden der Freiheitspioniere die Luft, werden Adressen votiert, Gesetze geschmiedet/ und doch weiß Niemand mit Sicherheit, zu sagen, was der nächste Tag bringt. Man rechnet, man kalkuliert, man hofft . .? . und Trepow sitzt hinter den Kulissen und lacht sichfinAFäustchen: „Ihr könnt beschließen, was ihr wollt: N q r r e n bleibt ihr doch!" - Wer zu guter Letzt der Narr bleibt, möge bahingestÄlt bleiben, aber — was d a z w i scheu kommt? Ein'.Schauder durchzittert Mark und Bein bei diesem Gedanken! . ,' "Allein, machen wir einen kleinen Sprung, stellen wir. uns. vor, daß die Zwischenstation bereits hinter uns' liegt: dasNolk, das erwacht ist, hat seine Kesten gesprengt, die henkerischen Trepow's zu Nichte gemacht, es hat gesiegt. . 'Welche'wird nun die Freiheit sein, die es et» lungest hat? — Höchstwahrscheinlich eine ganze. Der Russe ist fern von Halbheiten; ganz oder g a r‘ nicht ist das Hauptmerkmal seines Wesens. Er eittbehrt tagelang, er hungert.bis zum Aeußersten, damtt er sich für ein Mal bis zum Uebermaß satt.essen und'besaufen kann; er 'duldet fast mit Behagen bis zur Grenze seiner Kraft,, damit er, wenn ihm einmal, die Geduld reißt, soll wie ein. wildes Tier rasen können. .Hunderte Von Jahren haben die regierenden Privilegierten für sich das „Gar" in Anspruch genommen und dem Volke' das „GärmK" überlassen. Die GedulhÄst aber.endlich dem. Volk gerissen — und jetzt ist essfest entschlossen, die Rollen einmal, zu wechseln: sich sdas. „.Gar", den .Privilegierten das „Gargkstcht'L zu, geben. .>^- 77- .; Und von welcher Dauer wird diese Freiheit sein? Etwa von der. Westeuropas?^—Vermutlich nicht! „ . Bei der Emanzipation Westeurüpa's kannte die Menschheit n nr.. . ein e. Freiheit,, die Freiheit,. des Einzelneny rbie-FteiHett der^;Nattonwar ein dunkler.Begriff und. geriet völlig in Vergessenheit. ..Im. .überschwenglichen.. Gefühle.'für hie Rechte der Menschen wollte man -nur: e i n e Menschheit, und nur einen Gott kennen; es sollten die Schranken von Hoch und Nieder, fallen und mit ihnen auch .die der Nationen und Religionen. Auf dem RechtsaltaredcsJu dividuums wurden die Rechte -der Nationalität und der Religion, dem Bedürfnisse des gemeinschaftlichen Gleichen die Bedürfnisse des 'B e s 0 n d e r e n und des Eigenen geopfert. Das'Recht wurde durch Unrecht erkauft, die Freiheit eine halbe. Das war u n n a t ü r l i ch und für die Dauer un- -haltbar. DemBedürfnisse, der Eigenart mußte Genüge geleistet werden, was auch geschah.' Die Religionen, insbesondere die Nationalität wurden rehabilitiert Allein, anstatt die halbe Freiheit zur ganzen zu machen und - zu den Rechten des Individuums die Rechte der .Nation hinzu;ufügen, ließ'es sich Westeuropa gelegen sein, in den alten Fehler: der Halbheit und Einseitigkeit 'zu verfallen. Wie einst das Recht des Einzel nen auf Kosten der gemeinschaftlichen Religion und Nationalität, so. wurde jetzt das Recht der Nattonalität wiederum auf Kosten des Einzelnen hergestellt zum Schaden des. Jndividuums und der Nationalität s e l b st. - Denn eine freie Nation ohne Freiheit des Einzelnen ist. nicht denkbar;, sie wird in ihrem Chauvinismus zur Plage und zur Geisel der 'fremden Nationen und ihrer eigenen Mitglieder?— — Diesen Fehler zu vermeiden, schickt sich das. russische - Volk'nach allem, was inan hört und sieht, an. Es 'will eine ganze Freiheit, sowie es bis dato eine völlige Knechtung gehabt hat, und seinem zähen und beharrlichen Naturell darf vertraut werden, daß es seinen festen Willen durchsetzen wird. Und da die. von ihm zu erlangende Freiheit eine ganze Freiheit der Ration auf der freiheitlichen Grundlage des Einzelnen sein wird, so wird sie auch hoffentlich von Dauer sein. Und die Juden? Das 'Schicksal der Juden hängt vom Sieg des Volkes 'über seine Peiniger ab; siegt das Volk — was nicht zu bezweifeln ist — so wird sich die Lage der Juden Rußlands viel besser als die der westeuropäischen Juden gestalten, da sie dann eine ganze Freiheit erhalten, sowohl die individuelle, wie die nationale. Die Emanzipation Westeuropa's mit ihrer Parole „Menschtum" sah.in dem Juden nur den Einzelmenschen, nicht aber das Glied einer Nation. Leugneten doch die Juden selbst kategorisch ihre jüdische Nattonalität und wollten nur als bloche Konfession betrachtet werden! Ja, sie gingen, noch'weiter: auch das bischen Konfession störte sie. Und damit die Nichtjuden die jüdische Konfession nicht als etwas Trennen des.ansehen, machte man dia größten Anstrengungen, das Gleiche und Gemeinsame zwischen Judentum und Christentum hervorzuheben, das Trennende aber , vertuschte man. Man schnitt, eine internationale Ethik zurecht und . diese 7 wurde der Außenwelt als Judentum: präsentiert.. Ganz, anders aber die russischen.Juden. — Die Zeiten der Halbheit, der Farblosigkeit, der Jy-ternatrönalität sinh dahm. Die Abgeschlossenheit der Juden Rußlands nach innen u.ild außen, der gewaltige Druck, der auf ihnen lastete, die Verachtung und Feindseligkeit, die sie umgaben, 'und J>ie Freiheit, die sie in Sachen des Judentums genösse», .haben ihnen das -Judentum als Weltanschauung, Lebensr ichtung und Lebensinhalt erhalten. Dazu kam, daß die meisten Leiden, die sie zu erdulden hatten, in eine Zeit des Emporwuchernsdes nati 0 nalen Begriffes fielen und sie so als Na.ti 0 u a l i t ä t, als Juden jüdischer Nationalität,'aber nicht als Russen mosaischer Konfession bekämpft wurden.. So wurde die Tatsache vom Vorhandensein einer jüdischen Nationalität in das Bewußtsein der Russen und der anderen. N a t.i 0 n a li t äten Ru ßl a n d s, sowie in das der Juden, selbst hinein - getragen.'Die jüdische „Nation" ist von den Privilegierten der rnsfischen Bureauk.ratie gebrückt, gepeinigt und gemartert worden, die jüdische „Nation" wird.' jetzt von den Freiheitspi0nieren des russischen Volkes;&e|Jtcit! Die jüdische Nation befreit?! — Jawohl, die ganze jüdische . Nation! Denn ist einmal eine Umwertung der Werte im Verhältnis einiger Völker zum jüdischen Volke zu verzeichnen, s0 kommen die andern, naffi1*- Schalmaun. Geschichte der Juden und des Judentums in Marokko. Von 2r. N a ch u nt Sl 0 uschz, Professor für hebräische Sprache und Literatur an der Pariser Universität. Auf Staatskosten veröffentlicht. Paris 1906. Ernst Leronx, Editeur. Das Buch, welches den obigen Titel führt, dürfte für manchen ein Ereignis sein: für mich war diese Lektüre mehr als ein Ereignis; ich habe an diesem Buche etwas erlebt. Ich erleb« es jetzt zum ersten Male, daß ich bei der Besprechung eines neu erschienenen Buches nicht in der Lage bin, an dem Verfasser etwas auszusetzen. Jeder Satz, jede Seite des dickleibigen Buches ist notwendig, die Menge herbeigevrachter Quellen, die von einem Bienenfleiß bekunden, mib Virtuosität und kombinatorischem Scharfsinn verarbeitet. Das sind alles Dinge, die man nicht gerade jedem Autor nachsagen kann. Das Buch ist aber für mich in noch einer ganz andern..Beziehung ein Erlebnis.. Mein unerschütterlicher Glaube am die Macht und Ewigkeit meines Volkes und seine Lehre findet in diesem originellen Werk ihre historische Bestätigung. Da sprechen Geschehnisse, Tatsachen, für absolut wahr verbürgte historische Ereignisse. Ter blendende Strahl des historischen Wechselspiels. zeigt uns. mit mathemattscher Sicherheit die Spuren des jüdischen. Gennrs. Und, wenn schon das wirkliche Märchen und die märchenhafte Wirklichkeit jüdischer Golnspein eine. Tragödie, deren Schauplatz zwei Jahrtausende Menschheitsgeschichte sind, so kann man doch,nicht Umhin, sofern, man für den heroischen Moment in der Tragödie Verständnis, hat, eben diesen I gewaltigen Heroismus zn bewundern.

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