Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 20 (25.5.1906)
- Date
- 1906-05-25
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. FranPrrter IsraelitiWS FamiltenblaÜ. Nr. .20. flöge, der feierliche Schlüßgottesdienst statt. Der Oberrabvinex hielt eine Isbschiedsrede. Dann sprach noch der langjährige Obmann der Synagoge, Herr B. «. Bondy tiefergreifcnde Worte. Krakau. In dem hiesigen Wochenblatt „Der Jud" lesen wir: „Wenn der große Rabbi Mose-Z Jsserlcs (Remo) sich Lag b'Omer von seinein Grabe erhoben und das Schauspiel gesehen hätte, das sich vor demselben abspieltc, da hätte er vor Scham geweint. Statt zu beten, statt des letzten großen HKsetzgebers, der dem Schulchan Aruch den letzten Glanz gegeben, zu gedenken, fanden es unsere C h a s s i d i in für gm, zu Ehren der Jahr zeit des Re mo eine kleine Schlägerei zu veranstalte». — Wie alle Jahre, so haben auch dieses Jahr eine Anzahl Vereine Leute mit Büchsen geschickt, um von denen, die das Grab besuchen, Geld cinzusamnteln. Auch die Krakauer Naitsqualfonds-Koinniission hat dicsnial Leute gesandt. Doch die Chassidim empfingen sie mit Schimpfen und - Tätlichkeiten, sodaß sich eine «chlägerci entspann, der erst ein Polizist ein Ende machte, indem er die beiden jungen Zionisten ans . der Gewalt der wilden Horde befreite." Großbritannien. London. Auch England hat seinen Schulgesetzentwurf und zwar ist derselbe bereits in zweiter Lesung angenommen worden. — Vorletzte Woche war nun eine Deputation der jüdischen Schulverwaltungen, bestehend aus dem Chief-Rabbi, den Pärlämentsmttgliedern Sir Philipp Magnus und Mr. H. Lucas, Mr. Claude G. Montefiorc usw.. Leim llnterrichtsministcr, um ihm, dem Leiter des Board of Education nick, Schöpfer der neuen Bill, ihre Beschwerden vorzutragen, die darin gipfelten, daß die religiöse Erziehung der Juden, besonders der Unterricht der hebräische» Sprache, gefährdet sei. Besonders die in Aussicht gestellte Bestimmung des Gesetzentwurfes, daß in den jüdischen Schulen nur an zwei Vormittagen in der Woche Religionsunterricht erteilt werden dürfe und daß auf Verlangen von vier Fünftel,! der Eltern der betr. Schulkinder die Lokakbehörden eine Erweiterung des Religionsunterrichts zulasten können, sei zu verwerfen, da es hiernach ganz in das Belieben der Lokalbehörden gestellt sei, ob sie dem Wunsche der Eltern nächgeben wollen. Man ersuchte den Unterrichtsministcr, zur Verhinderung derartiger Eventualitäten der Klausel einen obligatorischen Charakter zu geben und einen alltäglichen Religionsunterricht von 50 Minuten zuznlasscn. Der Minister war zwar der Ansicht, daß von den Lolalbchörden nichts zu fürchten sei, sagte aber wohlwollende Prüfung des vorgetragencn Verlangens zu. — Nach der Fassung der von der Regierung mitgeteilten Grundzüge des neuen Gesetzes könnten die Behörden die jüdischen Lehrer in den jüdischen Privatschulen durch christliche ersetzen; letztere dürsten dort sogar mtt dem Religionsunterricht betraut Ivcrden. Der Minister erwiderte auf die hiergegen erhobenen Beschwerden, derartiges sei keineswegs mit dein Gesetzentwurf beabsichtigt, allerdings sei es nötig, den Wortlaut des betr. Passus dementsprechend zÄ-präzisieren. — Die Deputation wünschte ferner eine'Acndcrung des bisherigen Zustandes, daß die jüdische Religionsschulverwaltung für die Benutzung der Räume der öffentlichen Schulen, zur Erteilung des Religionsunterrichts an die diese Schulen besuchenden Kinder, Miete zahlen muß. Der Minister beinerkte, es lasse sich schwerlich in das Gesetz eine derarttge Bestimmung einstigen, da dieser Punkt nicht zu den durch das Gesetz zu regelnden Fragen gehöre; er hoffe jedoch, daß die Lokalbehörden cs hier nicht an Entgegenkommen fehlen lasten würden. — Mr. Birrel nahm alle Einwendungen freundlich entgegen, suchte sie zum Teil mit Gegenargumenten zu.entkräften und versprach schließlich, einzelne der ihm vorgeschlagcnen Amendements in die Bill aufzunchmcn. Rußland. Petersburg, 16. Mai. Für die 6000000 Köpfe starke jüdische Bevölkerung des russischen Reiches ist cs eine Lebensfrage, wie sich die erste russische Volksvertretung zu der Frage der Befreiung der Juden von dem auf ihm lastenden Joch verhalten wird. Der vermeintliche Haß des russischen Volkes den Juden gegenüber war im Munde unserer Bureaukratcn ein Vorwand, der die Befreiung der Juden unmöglich machte. Besonders oft und geschickt hat diesen Vorwand in's Licht gezogen der bekannte „Judenfreünd" Graf Witte. Als die Vertreter der jüdischen Gesellschaft sich im Herbst des vorigen Jahres an Witte mit der Forderung der Gleichberechtigung wandten, wies er darauf hin, das könnte nur in dem Falle Aussicht auf Erfolg haben, wenn die russische Gesellschaft ihre Stimme in diesem Sinne erhebe. Als man ln der Erwiderung darauf, hinwics, daß der Kongreß der Semstwovertrcter sich bereits im Ülovember 1904 für Gleichberechtigung aller Nattonalitäten und Bekenntnisse ausgesprochen hat, meinte Witte, das habe gar keine Bedeutung, da in dieser Erklärung nicht ausdrücklich von den Inden gesprochen sei. Settdem ist in einer unzähligen Reihe von Erklärungen verschiedener russischer Konferenzen, Parteitage usw. die Forderung der Gleichberechtigung für die jüdische Bevölkerungaufgestellt worden. Trotzdem erklärte Witte die Gleichberechtigung für unmöglich, da das Volk die.Juden hasse und ihre Gleichstellung ein schreckliches allgemeines Blutbad Hervorrufen .iverde. ' ' Null hat sich in letzter Zeit sowohl die Jntelligenz - ivie das Volk in dieser Frage ausgesprochen. Wir können die .Tatsache nicht leugnen, daß große Schichten, wie überall indeg Welt, von instinktivem, angeborenem Äntiscuiitismils'durchdrungcn sind. Aber nirgends ist dieser Antisemitismus doch, so wenig verbreitet, wie hier. Als den besten Betvcis können wir die Wahl des Abgeordneten Rechtsanivalts Winawer hier in Petersburg anfiihrcn. Winawcr ist seit vielen Jahren als Führer dcS jüdischen „Verbandes zur Erreichung der Gleichberechtigung" in lveitestcn Kreise» bekannt und ist oft energisch, und schroff ausgetreten, wenn cs galt, in der russischen Gesellschaft die Interessen des Judentums zu verteidigen. Zugleich ist Winawer ein sehr tätiges Mitglied der konstitutionell-demokratischen Partei gewesen und die Partei hat ihn als einen der 6 Kandidaten für Petersburg ausgestellt. Der Umstand, das; die Residenz einen Juden als Ihren Vertreter in die Duma schickt, muß doch wahrlich als ein Beweis betrachtet werden, daß wir hier keinen ausgesprochenen Antisemitismus haben. (Winaloer ist mit 147 gegen 12 Stinnnen gewählt worden.) In den letzten Tagen haben wir einen noch wichtigeren BetveiS in dieser Richtung erhalten. Wie Sie bereits wissen, teilt sich die Baiicrnvertrctung in der Duma in 2 Gruppen, in Progressive und Parteilose. Die Gruppe der progressiven Bauern umfaßt ungefähr 130 Mitglieder. Vorgestern kam in den Vorberatungen die Stellung zur Gleichberechtigung der Juden zur Sprache. 3 Bauern sprachen sich gegen die volle Gleichberechtigung ans, von dem Standpunkte ausgehend, daß die Inden fähiger und klüger seien und die Konkurrenz mit ihnen dann unmöglich werde. Eine Gruppe von 10 Bauern enthielt sich der Abstimmung, sodaß die Frage von 107 Bauern ballotiert wurde, die sich init 104 gegen 3 für die volle Gleichberechtigung ausgesprochen habe». „Rufs. Kvrresp." Petersburg, 20. Mai. Die Frage wegen der Bildung einer besonderen jüdischen G r u p p e i n der Duma wird in der hiesigen jüdischen Bevölkerung aufs lebhafteste diskutiert. Gestern hielten die Zionisten wegen dieser Frage ein Bcrsaininlung ab und sprachen sich, da die Juden eine besondere Nation mit ihren speziellen ökonoinischen, politischen und kulturellen Bedürfnissen' bilden, energisch dafür aus. 1 r,; ” Odessa. Seit Wochen befindet sich die jüdische Bevölkerung Odessa' s in Aufregung, da die Presse wieder die wüsteste Judenhrtze treibt und auch auf den Versammlungen die revolutionären Elcmente gegen die Inden anfgereizt werden. Dazu kommt, daß die Behörde das Treiben eher begünstigt, als ihm Einhalt tut. Personalien. Frankfurt a. M. Am 19. Ijar hauchte Frau Rosa Frank, geb.. Rosenthal, hier (Tochter des s. Zt. bcrühintcir Rabbi B. Roscnthal s. -A. in Bnrghaslach), eine Esches Chajil in des Wvrtvs weitester Bedeutung, im Alter von nahezu 87 Jahren ihre reine Seele aus und wurde am Mittwoch zur letzten Ruhe gebettet. Herr Lehrer Ehrmann uns Friedberg, ein Verwandter der Entschlafenen, gab auf dem Friedhöfe der israelitischen Religions-Gesellschaft in formvollendeter Rede ein Bild der teuren Heimgegangenen. Auch an dieser Stelle sei cs gestattet, mit einigen Worten auf diese seltene Frau hinzuweisen. Als treueste Gattin und liebevollste Mutter verstand sie cs, ihr Haus zu einein Mikdasch meat zu gestalten, in dein Mizivoh und Awaudoh geivisscnhaftcste Hut und Pflege fanden. Und wie ivirkte sie, nicht laut und Jedermann erkennbar aus offenem Markt, sonder» still und ruhig, bescheiden und selbstlos — das Charakteristische ihres ganzen Wesens. — Der Kern, der Schwerpunkt ihres Lebens und 'Strebens und Wirkens lag im Innern des Hauses und hier und von hier aus feierte sie ihre Siege. Sie hatte das. seltene Glück, in der Nähe und in der Ferne, Söhne und Töchter zu haben, die alle, ohne Ausnahme, ihr nachzueifern sich bestreben und sich'als echte Kinder ihrer großen Mutter bewähren. Möge die teure Entschlafene den vollen Lohn ihres Erdenivallens dort genießen, ivo es keine Tränen gibt und Gott ihre Kinder und Kindeskinder ob des herben Verlustes trösten. . H. Berlin. Goldene Hochzeit. Am 22. ds. Mts. begingen die Eheleute Philipp P c h s e r und Mathilde geb. Brühl in Rüstigkeit das Fest ihrer goldenen Hochzeit. Verleihung. Dem Direktor der Berliner Handelsgesellschaft, Karl F ü r st c n b e r g, wurde der Rote Adlerorden dritter Klasse mit der Krone verliehen. Sterbcfall. Der Oberstabsarzt der Landwehr und Ritter des Eisernen Kreuzes, Sanitätsrat Dr. Heinrich Heyinann, ist im 67. Lebensjahre verschieden. Nürnberg. Verleihung. Anläßlich der Jiibiläums-Landesausstellung wurde Komtzierzicnrat Ludwig v. Gerngros der Verdienstorden vom Heil. Michael II. Klasse und Kommerzienrat Wilhelm Gerngros der Verdienstorden vom Heil.'Michael IV. Klasse verliehen. Ernennung. Amtsrichter Einstein ist zum ziveiten Staatsanwalt in Würzburg befördert worden. Hagenau. Diamantene Hochzeit. Die Rentner Adolf Weil'scheu Eheleute feierten in Rüstigkeit das Fest der diamantenen Hochzeit. Der Jubelgreis war lange Jahre Präsident der israel. Gemeinde und ist noch heute, Mitglied des Ortsschnlvorstandes. Wien. Ernennung. Herr Architekt Oskar Marmprek, Mitglied des zionistischen Aktionskomitees, Ist. znin B a n r a t ernannt worden. Sterbefälle. Im Alter.von 67 Jahren — er war 1839 in Prößnitz (Mähren) geboren — verschied der kaiserliche Rat Moritz Hirsch, Vizepräsident der israelitischen Kultusgemeinde. Kaiser!. Rat Hirsch hat sich durch seine hervorragende finanztechnische Begabung, die durch eine selbstlose Arbeitsfreudigkeit unterstützt wurde, bleibende Verdienste um die Wiener jüdische Grvßgcmeinde erworben. Aber auch in nichtjüdischen Kreisen fanden sein Charakter und seine Leistungen gebührende Anerkennung; so war er Ritter des Franz Josef-Ordens und des belgischen Leopold- Ordens, Präsident des östcrr.-ungar. Exportvcreines und der Oelindustriegesellschaft, Vizepräsident der Nesselsdvrfer Wagenbaufabriksgescllschaft, Zensor mehrerer großer Banken usw. 68 Jahre alt verschied Frau Regierungsrat Fanny G i n t l - F r ö h lich, Witive des in, Jahre 1892 verstorbenen Zentralinspcktors der Lemberg-Czernowitz- Jassy-Eiscnbahn, Regierungsrat Dr. Heinrich Gintl. Frau Fanny Gintl war vor ihrer Verheiratung 0 Jahre in glänzenden Engagements Vnt Hofbühncn tätig. Sic hat in vielen Wohltätigkeitsvereinen segensreich gewirkt und sich dadurch ein bleibendes Andenken gewahrt. Prag. Sterbesall. In Wien verstarb — 70 Jahre alt — der ehemalige langjährige Obmann der Zigeunersynagoge Josef Jnwald Edler von W a l d t r e u. — In Stecken geboren, kam Jnwald studienhalber nach Prag, wo er an der Technik studierte, .gleichzeitig seine Existenz durch Erteilung von Unterrichtsstunden sichernd. Mit einem bescheidenen Kapital, das - ihn, von einem Freunde zur Verfügung gestellt wurde, erwarb er in Dcutschbrod eine Mühle, die er in eine Glasschleiferei umwandelte. Das Unternehmen gedieh, sck daß er eine zweite Glasschleiferei in Schützendorf anlegte„nd in weiterer Folge Hohlglasfabriken in.Slichow bei Prag, Podebrad, Großpricscn, Floridsdorf 'erbaute und vor wenigen Monaten zu gleichem Zwecke die Rudolfshütte bei Teplitz erstand. Er ivar langjähriges Mitglied des Prager Stadtrates, des Landesschulrates, sowie Landtagsabgeordneter. Seine Verschiedensache Tätigleit wurden durch zahlreiche Ordensverleihungen, sowie durch die Erhebung in den Adelsstand anerkannt. Paris. Jüdische Abgeordnete. Bei den Kammerwahlen sind gewählt worden: L. L. Klotz, Louis D r e y f u s, Josef R e i n a ch und Theodore R e i» a ch. Paris. Auszeichnung. Zenttalkommiffar Gerschel in Limoges erhielt vom Minister des Innern die goldene Medaille für sein Verhalten während der jüngsten Ereignisse. New-Nork. Stervefälle. Zwei Männer, die in ihrem Leben mit Eifer jüdische Wohltätigkeit betätigten, sind gestorben: Max H e ß b e r g, Teilhaber des weltberühmten Bankhauses Knauth, Nachod n. Kühne, und Rubin Mogilewsky, Teilhaber der Bankfirma Mogilewsky u. Werner. > Wahl. Dr. H. A. Weil wurde zum Bürgermeister von Ripon (Wisconsin) gewählt. Aus den Vereinen. Frankfurt a. M.» 22. Mai. Die Generalversammlung des „Vereins zur Speisung durchreisender Israeliten am Sabbat und an den israel. Feiertagen" fand am Montag, den 21. d. M., abends 1% Uhr, statt. Der Vorsitzende, Hxrr Jakob Ettlinger, konstatiert, daß im Rechnungsjährc 1905 an Jahresbeiträgen 2976 JL, an Geschenken 2486,75 JL, an gespendeten Portionen 681,15 JL eingegangcn und 6891 Portionen verabreicht wurden. Das ausschcidende Vorstandsmitglied wurde wicdergewählt, die Revisoren der Bilanz pro 1906 bestimmt. > Wir ergreifen gern die Gelegenheit, unsere Leser, soweit sie ihm nicht bereits angehören, auf den sehr segensreich wirkenden Verein aufmerksam zu machen. Frankfurt a.M.,22.Mai. DerMontefiore- Verein versendet soeben sein Programm f ü r die Sommermonate. Aus dem reichhaltigen Inhalt desselben heben wir als. ganz besonders lehrreich die geplanten Diskussions'abende hervor. Auf fast alle Gebiete des menschlichen Wissens sollen, sich dieselben erstrecken, und die Auswahl