Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 20 (25.5.1906)
- Date
- 1906-05-25
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 3. Nr. 20. Frankfurter JsraelMWÄ Familienblag. wie ein mit den ungarischen Verhältnissen Vertrauter die Politische Situation der ungarischen Judcnheit beurteilt; Dr. Carl Daschinsky schreibt nämlich in Bloch's Ocsterr. Wochenschrift: . wahrscheinlich ist, daß die Isoliertheit beider, der Ungarn und der Juden, inmitten der westeuropäischen Völker rmd die Anscindnngcn, die beide von jeher zu erdulden hatten, ihre Gefühle begegnen ließ und sie fest aneinander kettete. Es steht unstreitig fest, 'daß Ungarn und Inden gemeinsame Züge und charakteristische Eigenheiten haben; die südliche Lebhaftigkeit, das empfängliche Gemüt, die rasch entflammte Begeisterung, die uns, ähnlich den fynagogalen Gesängen der Juden, aus jedem ungarischen Volksliede entgegcntönt. Auch hier wie dort wechseln Klagen mit Hosfnnngsfreudigkcit, Klagen über „das arme einsame Ungarvolk", und frohe Zuversicht ans die Zukunft, die der „Gott der Ungarn" zum Guten leiten wird. Ganz wie bei den „Kinoth". Was immer auch die Ursache sein möge, so viel steht fest, daß in ' den rein ungarischen Gegenden während des tausendjährigen Bestandes 'Ungarns auch nicht eine einzige Judenverfolgung zu verzeichnen ist.Die liberale Partei erfüllte nicht alles, was sie versprochen. Unter dein Kultus- und Unterrichtsniinister Trefort begann ein frostiger antisemitischer Hauch die noch immer .zarten Blüten wirklichen Freisinns welken zu machen. Inden wurden nur selten oder gar nicht mehr zum Unterrichte an Mittelschulen zngclassen, ja selbst in staatlichen Volksschulen wurden jüdische Bewerber um Lehrerstellen nur sehr selten berücksichtigt und alle Angelegenheiten, die den jüdischen Kultus betrafen, wurden stiefmütterlich behandelt. Damals ging den Juden ein Licht auf, das ihnen zeigte, die liberale Partei sei auch nicht das, was ihr Name bedeute und sie fingen an, zur Unabhängigkeitspartei überzugehen/ der Partei jcneS Kossnth, der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit als Losungswort hatte. Die Mitglieder dieser Partei betonten es auch bei jedem 'Anlasse, daß wirklicher Liberalismus nur bei ihnen zu finden sei. Die Nezipiernng der jüdischen Religion als „vollberechtigte und anerkannte" inr Jahre 1894 konnte diesen Ueberlänfen keinen Einhalt tun, zumal seither, von dem Regime Szell's protegiert, die antisemitische Volkspartei von Dag zu Tag. an Terrain gewann (allerdings wieder nur in den nichtnngarischen Gegenden) und offen antisemitische Reden zu führen begann. Herr Schneider hat also nicht ganz Unrecht, wenn er sagt, den Sieg der Koalition der oppositionellen Parteien über Tisza haben die Inden inszeniert; denn in Wirklichkeit tvar der Sturz der liberalen Partei in vielen Bezirken dadurch verursacht worden, daß die Juden den Kandidaten der Unabhängigkeitspartei unterstützten. Das war aber diesmal ein gewaltiger Fehler. Sie vergaßen den Umstand, baß in der Koalition auch die Bolkspartci sitze, und „nicht vergebens verbündet sich die Krähe mit dem Raben, er ist ja von einer Gattung", sagen unsere Weisen; das was früher das Motto der Unabhängigkcitspartei gegen die Angriffe der Liberalen war, nämlich, daß sie in Wirklichkeit nicht liberal sei, wurde an ihr zur Wahrheit. Die Volkspartci wurde überall lanciert und der Inden bemächtigte sich ein beengendes Gefühl jpi 'Angesichte der kommenden Wahlen! Sollte doch die Volkspartci von der Unabhängigkeitspartei ungefähr 60 bis 70 Mitglieder ins neue 'Haus bringen. Das ist jetzt besser geworden. Die Volkspartei hat von den 70 Kandidaten kaum 30 ins Parlament bringen können und auch diese nur dadurch, daß in vielen Bezirken (Bann, Kubin) die Inden ans Patrio- - tismns gegen den panslavischcn für den ungarischen Kandidaten stimmten, trotzdem dieser der antisemitischen Volkspartei angehörtc. Bon den jüdischen Kandidaten aber sind die meisten wieder gewählt worden, .... und wäre es nur zu wünschen, daß sic sich auch als Juden dort zeigen und für ihr Judentum eintreten. Ungarn aber ist auf seine jüdischen Bürger angewiesen, denn sie haben an ihnen treue, begeisterte 'Anhänger des Ungartums, wenn sic sie nicht von sich' stoßen. Schon zeigt sich eine Spaltung im Rahmen der Unabhängigkeitspartei, in der es wirklich liberale Männer gibt, die mit reaktionären Elementen für die Dauer doch nicht Zusammenwirken können. Wenn diese Spaltung — die wohl, von den Koalitionsblättern in Abrede gestellt, in Wirklichkeit aber doch da ist — öffentlich.zu Tage tritt, muß und wird die Volkspartei wieder isoliert dastehe», dann wird Ungarn in Wirklichkeit ein freiheitlich gesinnter, toleranter Staat sein.." Aus aller Welt. Deutsches Reich. Berlin. Gegen die geplante Polizei- Verordnung über die obligatorische S ch u ß b e t ä u b u n g hat laut der „Allg. Fkcischer- Ztg." die hiesige Metz'gerinnung ein st i m m i g Stellung geno in m e n. Herr Obermeister Burg gab in seinem Referate Kenntnis von dem Ergebnisse eines Rundschreibens, mit dem sich die Berliner Metzgerinnung an eine große Anzahl deutscher Fleischerinnungen gewendet hatte, um deren Urteil über den Schußapparat, wo er eingeführt ist, zu erbitten. Es gingen weit über 50 Antworten ein; einige seien hier angeführt: München: Alle mit dem Behr'schen Schußapparat angcstellten Versuche haben kein befriedigendes Resultat ergeben. Hannover: Das schlechte Ausbluten der Tiere, welche mit einem Schußapparat getötet werden, leistet dem Verderben des Fleisches — besonders im Sommer — großen Vorschub. Das Gehirn wird fast unbrauchbar. Königsberg i. Pr.: Die Anwendung des Schußapparates hat .einen schädigenden Einfluß auf das Ausbluten der Tiere, worunter die Haltbarkeit des Fleisches schwer leidet. Eine Entwertung des Gehirns durch die Pulverladung des Schußapparatcs ist in jedem Falle festgestellt. Mainz: Mit dem Behr'schen Apparat sind die Versuche angestellt, welche stets ein negatives Resultat ergeben haben. Bereits beim vierten Schuß versagt der Apparat. - In derselben durchaus ablehnenden Weise sprechen sich noch eine große Reihe der eingegangcnen Antworten ans. Es ist klar, daß die Schnßbetäubungs-Agitation teils von der überspannten Gefühlsduselei theoretischer Tierschntzvcreinler, teils von den Antisemiten als ein Vorstoß gegen das Schächten, aber nicht von der praktischen Wirklichkeit diktiert worden ist. Berlin. Dem ersten Jahresbericht des Zentralbureaus für jüdische Answand e r u n g s a n g e l e g c n h c i t c n (Hilssverein der Deutschen Inden), Berlin, Lützowstr. 8, entnehmen wir über die Auskunftserteilnng folgende Einzelheiten: Die brieflichen Anfragen, die an das Bureau von Auswanderern gerichtet worden sind, betrugen insgesamt 1184, davon kamen aus Rußland 800, ans Oesterreich 310, aus Rumänieu 80, aus anderen Ländern, darunter Deutschland, Amerika, Chile, Kanada, Schweiz, Belgien, Holland, England, Frankreich 94. Der Sprache nach waren von den Briefen: russisch 430, jüdisch-deutsch 245, hebräisch 155, deutsch 280, in anderen Sprachen (polnisch, englisch, fränzös.) 74. Die Briefe gingen ans von rund 7500 Personen, da die Anfragenden zum Teil Fainilicn, Gruppen, Vereine oder gar Gemeinden waren; etwa 100 rührten von christlichen AuSwanderungslustigen her, diese fast alle aus Oesterreich-Ungarn. Von den Anfragenden gaben sich aus: 40 Proz. als Handwerker, 15 Proz. als Landwirte oder landwirtschaftliche Arbeiter, 15 Proz. als Kauflcute, 20 Proz. gaben keinen Beruf an und 10 Proz. waren ohne bestimmten Berns. Die Briefe enthielten über 5000 Fragen. Von den Anfragen bezogen sich dem Lande nach auf Nord- Amerika 35 Proz., England 10 Proz., Kanada 15 Proz., Argentinien 10 Proz., Kuba 10 Proz., Palästina 5 Proz., ans andere und iinbestimlnte Länder 15 Proz. Dem sachlichen Inhalt nach bezogen sich von den Fragen auf den Arbeitsmarkt 25 Proz., auf Reiserouten und Reisekosten 20 Proz., auf Einwanderungsbeschränkungen 20 Proz., auf Durchzugsbeschränkungcn in den Durchwanderungsländern,' namentlich Deutschland. 15 Proz., auf andere Verhältnisse, auf geeignete Einwanderungsländer, auf Unterstützungen usw. 20 Proz. Zu den 7500 Personen, die sich brieflich über die Auswanderungsverhältnisse erkundigten, kommen noch etlva 1000 Personen, die mündliche Auskunft in Berlin oder bei den Organisationen an der Grenze einholten. Außer diesen haben rund 8700 Personen von dem Zentralbureau und seinen Schutzkomitecs Erleichterungen und Bergüllstigungen während der Reise erfahren, sodaß insgesamt etwa 17 200 Personen direkten Nutzen gezogen haben durch die Gründung des Bureaus. Diese Zahl wird ganz erheblich vermehrt durch diejenigen, die indirekt durch die Korrespondenzblätter und durch die Veröffentlichungen vorteilhafte Belehrung und Auskünfte erhalten haben. Berlin. Der Hilfsverein der Deutschen Juden hat in der letzten Zeit wiederum eine erhebliche Zahl neuer Mitglieder gewonnen und die Jahresbeiträge sind in beträchtlichem Maße gewachsen; sie haben sich um ca. 20 000 JL vermehrt, in Berlin allein um 5000 J& Am 6. Mai d. Js. wurde in Jaffa die Knabenschule eröffnet, die der Hilfsverein der Deutschen Inden daselbst begründet hat. Im ersten Schuljahr werden zwei Klassen eingerichtet; nach erfolgten: Ausbau wird die Schule 3 Klassen enthalten, die beiden obersten mit je zwei Jahrgängen. An der Schule sind vorläufig zwei tüchtige Lehrer angestellt. Herr I. Hälberstädter für den deutschen und Herr Wolkomicz für den hebräischen Unterricht. Ersterer, ein geborener Jerusalemer, jedoch von deutscher Herkunft und ein deutscher Untertan, hat in Deutschland sein Lehrercxamcn geinacht und war bereits mehrere Jahre hindurch als Lehrer an der Lämelschnle in Jerusalem mit vorzüglichem Erfolge tätig. Herr Wolkomicz war während einiger Jahre Leiter der Schule in der Baron Rothschild'schen Kolonie Rosch-Pinah und verbrachte die letzten 2 Jahre zum Zwecke seiner pädagogischen Fortbildung in der Schweiz, von wo aus er an seine neue Stelle berufen worden ist. Die Eröffnung der Schule iin jetzigen Zeitpunkt ist von besonderer Bedeutung, weil infolge der Verhältnisse in Rußland ein starker Zuzug russischer Eniigrantcn nach Jaffa erfolgt ist, die den ärmsten Bcvölkerungsschichten angehören und für deren Kinder erzieherisch zu sorgen der Hilfsverein der Deutschen Juden als eine dringende Pflicht erkannte. Unter den obwaltenden Verhältnissen wird auch der seit mehreren Jahren bereits bestehende Kindergarten des Hilfsvereins in Jas f a eine doppelt segensreiche Wirkung auszuüben berufen sein, weil nunmehr durch die Angliederung der Schule für die Jugendbildung ein Mschlnß herbeigeführt ist. Berlin. Der Alliance Jsraelite Universelle sind im Laufe dieses Mvnars in Berlin 600 neue Mitglieder bcigetreten. Dresden. Vom Bankrott des sächsischen UntisemitismnS. Bei den Reichstagswahlen von 1893 war es, wo der Antisemitismus in Sachsen sechs Wahlkreise, darunter die Dresdner, eroberte. Wie stiegen die „Erfolge" den antisemitischen Eintagsfliegen zu Kopfe. Sachsen sollte der Ausgangspunkt für die Eroberung Deutschlands durch den Antisemitismus werden. Einen unüberwindlichen Damm gegen die Sozialdemokratie wollte man in der deutschsozialen Reformpartei errichten. Durch große Plakate kündigte man das cm,_u. gleichzeitig wurde eine „Tageszeitung größten Stils" in der „D e n t s ch e n W a ch t" gegründet. Zimtnermann wurde mit 8000 M Gehalt Direktor, daneben funktionierten noch acht Redakteure und zwei Geschäftsführer, das Geld' wurde durch Ausgabe von Aktien ausgebracht. Die Freude dauerte aber nicht lange. Schon bei den Nachwahlen offenbarte sich der beginnende Bankrott des Antisemitisnüis in Sachsen. Die „Tageszeitung größten Stils" kam in Geldnot; bald mußten . die Mtien zusammengekegt werden, und bald war alles Geld verpulvert und die Aktionäre hatten das Nachsehen. Die letzten 6 Jahre waren für den sächsischen Antisemitisitins ein langsames qualvolles Sterben. Zwar wurde der „Wacht", die inzwisch:» im Umfang sehr reduziert worden war, noch einmal aufgeholfen, aber es lvar nur eine künstliche Verlängerung der Qual. Nachdem verschiedene andere Versuche, das Blatt über Wasser zu halten, gescheitert waren, ist man jetzt am Ende angekommen. 'Durch eine Bekanntmachung des Dresdener Amtsgerichts wird der Micngesellschaft' „Deutsche Wacht" jede Veräußerung ihres Verinögens untersagt, weil Kon kn rsgegen sie beantragt wordenist. Damit geht dieäntisemikischePartei Sachsens ihres einzigen Preßorgans verlustig. „Mitt. d. Vereins z. Mw. d. Antis." Oesterreich -Ungarn- Budapest. Die orthodoxe Gemeinde hielt am 13. d. Mts. unter Vorsitz ihres Präsidenten Moses Freudiger ihre ordentliche Generalvers a m m l u n g ab. Es wurden für das laufende Jahr die Einnahmen mit 87 436 Kronen, und die 'Ausgaben mit 91289 Kronen veranschlagt, doch steht zu erwarten, daß äo kaeto kein Defizit, sondern ein Uebcrschnß verbleibt. Gliniany (Galizien). Von Zigeunern geraubtes jüdisches Kind. Mitttvoch zog durch den Nachbarort Kretschme eine Zigcunerbande. Einer Frau siel ein blondes vierjähriges Mädchen auf, das abseits von den übrigen ging. Es war ihr so möglich, sich dem Kinde zu ilähern und es auszufragen. Aus den Antworten des Kindes wurde der Frau klar, daß cs ein von den Zigeunern geraubtes jüdisches Kind sei. Der Mann der Frau, ein Arradar, ist sofort nach hier gelaufen und hat zwei Polizisten und einige Juden geholt, die der Bande nacheilten. Nur nach einem Kampfe.und mit Mühe gelang es, die Rädelsführer der Gesellschaft festzunehmen. Das Kind weilt gegenwärtig bei dem Rabbiner von Mostywidki. Man kann cs aber nicht ausfragen, da es nicht sprechen kann. Der 'Arzt, der das Kind untersuchte, konstatierte, daß auf den Stimmbändern eine frische Wunde ist, die ihm seitens der Zigeuner kurz vor dem Zusammenstoß zugefügt sein muß, damit cs nichts sprechen und somit nichts verraten könne. „Lemb. Tgbl." Prag. Sonntag, den 20. ds. Mts. fand in der der Assanierung berfälkenen Großenhofsynag o g e, ähnlich wie vor kurzem in der Zigennersyna-