Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 20 (25.5.1906)
- Date
- 1906-05-25
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 20. der bereits angemeldcten Themata beweist, mit welcher Sorgfakk-l'der Vorstand, sowie die Kommission für geistige iJnicresscn gearbeitet haben. Außerdem sind iln t c r r i ch t s k n r se in der e il g l i s ch e n und französischen Sprache, sowie in der Steno g r aPhie (Fortbildungskursus) vorgesehen. L Die Eröffnung des schönen Vereins-Gartens findet am Montag, den 28. er., statt, bei dieser Gelegenheit Gartenkonzcrt. Als ganz besonders zugkräftig durfte sich die Einrichtung erweisen nach welcher, dank den besonderen Zuwendungen' einiger Freunde des Vereins, a n j c d e m D'isknssionsabend.eine Anzahl Th c at er ka rt e n fü r Klassiker-Vorstellungen gratis zur Verteilung gelangen. 0 Ißutffefon. © Die Cohnheims. Roman von Jacob Levy. (Fortsetzung.) Kapitel 9. Rolf ließ sich eine Droschke holen und fuhr nach Hause. Nach einer Minute hatte er Botho und dessen Liebesnöten vergessen, sein Lächeln war geschwunden und seine gefurchte Stirn zeigte, daß düstere Gedanken dahinter brüteten. ' In seinem Zimmer angelangt, drehte er das elektrische Licht auf und warf sich auf's Sopha. Jetzt war es da, was er so lange gefürchtet hatte, cs heftete sich an seine Sohlen, es streckte seine Krallen nach ihm aus. Es.konnte ihm aber bis jetzt nicht nahen, die die paar Tropfen der Taufe waren zu einem brausenden Meer gewachsen, das ihn schützend umgab. Aber das Phantom war durch die Nacht herangegeschwebt — offen, vor der ganzen Welt grinste das Kainszeichen seiner Abstammung auf seinem Gesichte. Er sprang ans und 'trat vor den Spiegel. Aufmerksam prüfend betrachtete er seine Züge. Ans dem Glase schaute ihm ein männlich schönes Antlitz entgegen, aber eine gebogene Rase, eine richtige Judcnnnse, war nicht zu verkennen. Er wandte sich ab und setzte sich wieder. „Natürlich, 'bei einem Arier wäre cs eine aristokratische' Nase, die dem Gesicht Ausdruck, Charakter verleiht, aber bei einem Cohnheim — ja, der Name noch dazu und der Steckbrief ist'fertig. Ich kann doch den Taufschein nicht auf mein Epanlett heften." Im weiteren Nachsinnen erhellten sich seine Züge. Er steckte sicheine Zigarre an. „Meinen Namen kann ich abschütteln. Majestät ■ wird mir ■ sicherlich die Erlaubnis - geben, meinen I Namen zu wechseln. Ein Hnsarcnofsizier Cohnheim" ' — er schüttelte sich, „der Stammbaum geht zu sehr in's Altertum zurück, ein adliges von davor würde geradezu lächerlich klingen. Meine Eltern werden möglicherweise beleidigt sein, ich kann ihnen nicht helfen. Am besten stelle ich sie später vor die vollendete Tatsache und halte es ihnen so lange geheim, dann entgehe ich allen Erörterungen und Anseinandersetznngen." Er gähnte und sah auf die Uhr. „Bier Uhr, da können wir noch'einige Stunden schlafen." Er entkleidete sich und war in wenigen Minuten entschlummert. — Es war ein altmodisches Haus das Haus von Jakob 'Cohnheim in Posen. Der alte Mann hatte sein bedeutendes Getreidegeschäft vor einigen Jahren einem Verwandten übergeben und lebte nun von seinen Zinsen. . Er bewohnte den ersten Stock. In der Zimmerflucht, üit den hallenden Gängen hatte sein Sohn Emil .die ersten Gehversuche gemacht, die weiten getäfelten Räume mit ihren Nischen und Erkern boten dem Knaben mit seinen Freunden entzückende Spielgclegenheiten. Er hatte sich neben seinem Schlafgemach ein Zimmerchen eingerichtet, mit all seinen Liebhabereien und Sammlungen und während seiner jahrelangen Studienzeit hielt seine Mutter die beiden Räume in Ordnung und duldete nicht, daß auch nur ein Nagel verändert wurde. Es war die erste Macht im elterlichen Hause seit seiner Abreise von Neustadt. Er war müde uild abgespannt eingetroffen und hatte" sich, bald zur Ruhe gelegt. Seine Mutter sagte ihni mit ihrer milden Stimme, wie zu einem Kinde: „Komm, Emil, ich bringe Dich zu Bett". Sie hatte ihm die Kissen gelockert, die Decken zurechtgelegt, dann küßte sie ihn auf die Stirn und verließ auf Fußspitzen das Zimmer. Nun lag er da in seinem Stübchen und'cs überkam ihn das wonnige Gefühl des Zuhanseseins. Dann aber dachte er nach. .Er war nicht der Mann, der haltlos schwankte, der die Gefühle Herr über sich Frankfurter Israelitischer Fcnnilienblatt. «eite 5. werden ließ und der Erinnerungen an entschwundenes Glück sein Leben opferte. Er hatte sein Herz verschenkt, die Heißgeliebte war ihm unerreichbar und er wußte, daß er eine andere Ehe nicht eingehen würde. Aber sein' Leben sollte einen höhern Zweck haben, er wollte nicht nur seinem Berufe leben, sondern seinen Geist, sein Herz an ein Ideale setzen. - Was hatte sein Lebensglück vernichtet? Nur die Ungcrechtigkeit, mit der seine Glaubensgenossen behandelt wurden. Sein Onkel, mutlos geworden, wollte eine Kinder, die üiateriell auf der Höhe des Lebens 'tanden, auch gesellschaftlich an die freie Luft der Gleichberechtigung, aus dem Ghetto drängen und ließ ie taufen. Ohne das gehässige System hätte der Mann seine Kinder niemals zu Renegaten gemacht. Er will von jetzt an seine ganze Kraft, sein ganzes Ich daran setzen, die Unduldsamkeit bis auf's Messer zu bekämpfen, er will den Juden den Platz erobern helfen, der ihnen in der Kulturwclt, im Vnterlande, gebührt. Durch den brutalen Fußtritt des Rassenhasses soll kein Liebesglück mehr zerstört werden, ans dem Opfertod seiner Liebe wächst das heilige Verlange», seinen Glaubensgenossen gleiche Stellung mit den' andern Mitbürgern zu erringen. Seine Wangen röteten sich, er blickte mit offenen Augen über sich und sah in einen blitzenden Stern, der hoch am Himmel funkelte. Andern Morgens ging er zu seinen Eltern und führte seinen Entschluß, ihnen das Drama seiner Liebe zu erzählen, aus. Die alten Leute hörten lautlo-s zu. Das Mütterchen strich mit seiner welken Hand zärtlich über seinen Scheitel. „Armes Kind,"" flüsterte sie. Sein Vater sagte finster: „Erich, und seine Frau lverde» durch ihre Kinder ihre gerechte Strafe finden, Dir aber, mein Sohn, wird die Treue gegen die Religion nicht zum Unglück gereichen. Und'was hast Tu für die nächste Zeit beschlossen?" „Ich werde die Zulassung als Rechtsanwalt am Oberlandesgericht nachsuchen. Und dann werde ich für Gleichberechtigung der Juden durch Wort und Schrift eintrete». Unser gutes Recht werde ich fordern, nicht darum bitten. Ich beabsichtige, eine Zeitung zu gründen, die meine Ideen in das Volk tragen soll. Sie soll zum Angriff dienen, ich werde rückiichtslos die Maske von dem Niedrigen reißen, das in den höchsten Berwaltungs- und Regiernngskrcisc» wuchert. Dis: Fanale soll meine Zeitung heißen und als Feuerzeichen soll sie lodern, das Lager der Feinde erhellend 'und der Vernichtung preisgebend." Seine Stimme klang hart wie Stahl, in seine Sttrn gruben sich zwei senkrechte Falten, ihn um Jahre älter machend. Sein Vater schüttelte bedächtig das Haupt. „Emil, diesen Kampf mit Geisteswaffcn haben seit zweitausend Jahren schon viele gekämpft und konnten ihre Feinde nicht überzeugen. Wir kleine, schwache Minorität haben nur zwei Freunde, die machen allerdingS alle unsere Feinde zu Schanden — Gott und die Thora. Und Du wirst auch die Welt nicht bessern." „Ich weiß das. Aber ich will ihnen zeigen, welche Fäulnis hinter ihrer Kultur und Forffchritt steckt, nicht nur in Bezug auf die Inden. Vielleicht erröten sie vor Europa und. vor der Welt und wir ringen der Furcht ab, was die Gerechtigkeit uns nie spenden würde." i . DiemeiieeZcitnng „Die Fanale" erregte bei ihrem Erscheinen beispielloses Aufsehen. Die ersten Nummern wurden "in hunderttausend Exemplaren in Deutschland verbreitet. Als Chefredakteur zeichnete Dr. Emil Cohnheim. r, -f, Keiner Partei angehörig, veröffentlichte die Zeitung ihr Programm in einem kurzen Artikel: Förderung des Fortschritts, der freiheitlichen Idee, Bekämpfung der Reaktion, Kampf gegen die Bevorzugung des Adels. Die ersten Leitartikel lauteten: Ist der Adlige klüger als der Bürgerliche? Weshalb findet man in der Diplomatie, in gewissen Regimentern bei den Offizieren nur adlige Namen? Muß das Volk es als selbstverständlich hinnelnncn, daß einzelne hochadlige Geschlechter mit der Geburt Anwartschaft auf ein hohes Staatsamt haben' Es folgten statistische Berechnungen, tvelche Opfer der Handwerker für Jnvalidenkarten, Krankenkassen, Bernfsgenoisenschaftcn, für das Gesamtwohl zu tragen hat im Vergleich damit -was der höhere Offizier, Berwaltungs-, Regiernngsbeamte nicht zu zahlen hat. Berichte von Wohlfahrtseinrichtungcn von Industriellen für ihre Arbeiter, wie ein Fabrikant für diese edlen Zwecke mehr ausgibt, als alle die hochadligen Agrarier zusammen, die gegen die Kanalvorlage stimmen, weil dadurch das Korn billiger werden könnte. Die Zeitung hatte für jede Abteilung vorzügliche Redakteure, eroberte sich im Sturm einen Rang unter den ernsthaften, vornehmen Blättern und hatte einen Stamm von sechzigtausend Abonnenten. . Jetzt begann sie eine Artikelserie über die Judcnfrage, geschrieben vom Chefredakteur, dessen Zeichen, zwei empvrgerichtete Hände, weltbekannt war. „Gibt es eine Jiidenfrage? Nein und abermals nein. Sie ist nur geschaffen und gehalten von Antisemiten, die aus gemeinem Brotneid und aus dem Bestreben, eine politische Rolle zu spielen und sonst Geld dabei zu verdienen, den Judenhaß schüren." Er brachte Proben aus einem Buche von Dr. Leu zu llkrainh: „Was wollen die Antisemiten?" ' „Die Manie dieses Pöbels ist es, über Dinge, die er gar nicht keimt und von denen er wegen seines Mangels an Bildung überhaupt nichts verstehen kann, sich maßlos zu ereifern und gegebenenfalls im Dienste der „Idee", d. h. seiner auf eine rein zufällige. Weise vorgefaßten und hartnäckig festgchaltenen fixen Idee seinen in brutaler Ignoranz fußenden Wahnsinn derart zu steigern, daß er selbst die größten Verbrechen zn begehen und sich ihrer als Heldentaten zu rühmen imstande ist. Religionsmord kann nicht .dem Judentum, wohl aber allen chrisllichen Kirchen nachgew'icsen werden. Eine einzige Nacht der Inquisition, die Bartholomäusnacht, hat mehr Menschenleben gefordert, als überhaupt jemals Anschuldigungen gegen Inden wegen Ritualmord erhoben worden sind. Ter Fanatismus hat nicht der Schandtaten im eigenen Lager gedacht". '' -. Dann folgten Artikel: „Ter Staat als Missionar". Der tüchtigste Jude ist unfähig zn einem höheren Beamten, Offizier, Professor. Ein paar Tropfen Taufwasser — jetzt ist "er waschechter Christ und der Staat steht ihm offen. Allerdings hat die Regierung ihn zugleich zu einem Charakterlosen gemacht und sich einen Beamten geschaffen, der ihr durch eine unmoralische Handlung näher getreten ist. 'Auf diese Weise wird das Rechtsbrwußtsein im ganzen Volke verseucht und die Ehrfurcht vor allem, was ihm hoch stehen sollte, gelockert. Und von der Regierung ist es geradezu schlecht und unklug, Juristen, Philologen jahrelang auszunutzcn und sie später nicht anzustcllen, wenn sic nicht das Opfer ihrer Moral bringen wollen. — (Fortsetzung folgt). Wochen-Kalender. (Zeitangaben nach dem Luach.) Samstag, den 26. Mai (—2. Siwan): Sabbat - Anfang in Frankfurt a. M. 7 llhr 45 Min., Sabbat-Ausgang in Frankfurt a. M. 9 Uhr 10 Min.. Berlin 9 Uhr 06 Min. Samstag Abend: 47. Tag im Omer. Dienstag, den 29. Mai, abends 8 Uhr 10 Minuten. (Frankfurter Zeit): Festes-Beginn. Der heutige Sabbat bringt den Abschnitt Lamickdor zur Verlesung. Damit beginnt das vierte Buch Moses, das Buch der „Musterungen". Israels Männliche vom zwanzigsten Lebensjahre an wurden gezählt, die Stammsürsten der 12 Stämme halfen dazu. Die Leviten wurden besonders gezählt oder gemustert, da sie Wächter und Träger der Sttstshütte waren. Zu dem Zwecke waren sie in drei Gruppen gegliedert, von denen jede genaue Information hatte, welche Teile des Gottesheiligtums sie zu ttagen habe. So ging der Weitertransport rasch von statten. (Die Teile der Wohnung. Bretter, Geräte, Teppiche re. sind aufgezählt.) Es wird uns ferner von der Art und Weise der Lagerung in der Wüste berichtet. Um die Stiftshütte als Mittelpunkt lagetten zunächst die wachehaltcnden Leviten, dann rach den vier Himmelsrichtungen je drei Stämme bei einer Fahne. Die vier Fahnen waren verschieden, die zu jeder Fahne gehörenden Stämme genau bezeichnet. An dein heutigen Sabbat wird in vielen Gemeinden „gemeinort", d. h. eine Gedenkfeier für Israels fromme Glaubenshelden avgehalten. Ehe wir der Thora Wiegenfest feiern, gedenken wir der Märtyrer, die ihre Treue zum Gesetze mit dem Tode besiegelten. Mit der Thormolle im Arme wird vom Dorbeter das Gebet av horacliamim vorgetragen; Viele Gemeinden besitzen eigene „Memorbücher" mit Aufzählung vieler jüdischen Gemeinden, wo Märtyrerblut floß. Einzelne Memorbücher, wie das Mainzer, das Nürnberger, sind von histcrischem Interesse und haben Bearbeiter gefunden. In manchen Gemeinden wird beim „Memorn" auch der verdienstvollen Männer der eigenen Gemeinde besonders gedacht. Der echtjüdische pietätvolle Mt sollte nirgends unterbleiben! — Das Wort „memorn" kommt von memoria — Gedächtnis. Dem „Memorn" entsvricht die Einschaltung im Morgengebet: die Adavo-Piece ans edo Lol bajanm Lirvinn (eine herrliche Komposition, durch den Borbeter mit Melodie vorgetragen) und das Sulas „heosueun sedomaana". Beide Elegien iuch am Sabbat vor Tischo-boav. Früher nannte man den Sabbat vor Schowuaus aus den angeführten Gründen mitunter auch ..Schwarz-Schabbos", enthielt sich der Freude, legte nicht den gewohnten Schmuck an u. dgl. Man liest den 6. Perek der Sprüche der Väter und damit schließt der erste Turnus, um am Sabbat nach dem Wochenfeste aufs neue zu beginne!» Am Nachmittage kein „AüLos-cbo-AsäeL" nach dem Mincho-Gebet. Sonntag. Montag und Dienstag, die „sch’lauscho ieraei hagbolo“, die „dreiTage der Umzäunung", da der Berg Sinai vor der'Offenbarung schon umzäunt wurde, damit keiner ihn bettete während des hohen Mes. Die Tage sind darum bereits in Festesfreude gehobene. Das Wochenfest — Schowuaua — hat7 seinen Nam e n von dem vorangegangenen fiebenwöchigen Omerzählen; es schließt am Abend vor Schowaans. Es heißt auch chag-hakozir — Erntefest —. (dämm diese Zeit die Ernte Palästtnas in vollem Gange war