Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 20 (25.5.1906)
- Date
- 1906-05-25
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2692297-2692460-2692480--02436-2697039- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 2. Frantfurker JfraeMDÄ FamilrenblaL. Nr 20. Patrons ununterbrochen aus gesetzt. Der Patron bestimmt den Sold, er bestimmt auch die Arbeitszeit. Nur die Kürschner, deren Fahl ungeheuer groß jst, haben sängst einen Versuch gemacht, eine Organisation zu bilden, und ihr Versus scheint soweit gelungen zu sein. Und die „Bundisten", die zu Hunderten aus Rußland hier eintreffen, wo bleiben sic? Es ist gewiß nicht uninteressant, zu erfahren, daß der schöpferische Genius des „Bundes" in Paris gänzlich versagt; sein Einfluß auf die hiesigen jüdischen Arbeiter ist gleich Null. Natürlich hat das seinen guten Grund. Me Bundisten, die sich jüdisch-nationüle Sozialdemokraten neunen, sind eher politische Revolutionäre als ökonomische Sozialisten, und nach ihrem Eintreffen in Paris werden sie beim ersten Genüsse republikanischer Freiheit berauscht und glauben, hier die alte russische Taktik fortsctzen zu können. Sie treiben Seifenblasen vom besten Schaum und erinnern in ihrer Raserei an den edlen Ritter de la Manclia. Ihre Tätigkeit ist üur eine negative: Die Propaganda des Zionismus zu paralisiere». Die Universalkanncngießer — anstatt für die Pflege der ökonomischen Arbeiterintcressen zu sorgen — pflegen die Masse mit extremen Theorien und peitschen sie mit ihrer anarchistischen Geisel tüchtig ein. Neben dieser bundistischen Gruppe, die auf eigene Rechnmig politisch johlt und wurstelt, gibt cs noch eine ganze Reihe jüdischer Arbeiter in Paris, die — obwohl in einem demokratischen Staat lebend — ihren „Mah-Jöfiß"-Geist nicht abgelegt haben. Es sind dies die aus Polen stammenden Arbeiter; diese haben der Pölackei Treue geschworen, besuchen eifrig ihren Klub und blasen sonst, in dasselbe Horn, wie die Bundisten. Einen Einfluß im jüdischen Sinne üben nur die beiden jüdischen Volksuniversitäten aus. Diese geistigen Mendasyle erwärmen und erfrischen die verschmachtete Seele des jüdischen Emigranten und bieten ihm neben einer jüdisch-geistigen Sphäre auch Gelegenheit, die Landessprache zu erlernen und seinen Horizont zu erweitern. Neben diesen zwei Anstalten ist es die jüngst ins Leben gerufene „Frei jüdische Arbeiter-Bühne", die zum Zweck hat, dem kleinen jüdischen Arbeiter gegen winziges Eiitgelt Muße und Belehrung zu biete». Diese Arveiterbühnc, obwohl zur Zeit gut besucht, kann auch nicht mit frohem Akute der Zukunft entgegenschauen. Und cs hängt vom Takt ihrer Leitung ab, wieviel Lebensfrist ihr vergönnt ist. Sie kann nur dann auf sin kanglebiges Alter rechnen, wenn sie tatsächlich das bleibt, was sie zu bleiben versprach: ein jüdisches Kunst- und Volkszentrum. Die bis jetzt aufgeführten Stücke bieten, uns kmHst die Garantie dafür. Gewiß soll und muß ein. gottbegnadeter Dichter wie Gordin zu Worte kommen. Ob' es aber auch angcvracht ist, daß nach der letzten Verkischinewung der Juden in Rußland der blutfraßgicrige Hooligan sich den jüdischen Arbeitern in Paris präsentiert und feine Taten zu entschuldigen versucht, wie es Maxim Gorky in seinem letzten Drama „Die Kinder der Sonne" tut, ist eine diskutierbare Frage. Bietet die Politik der jüdischen Arbeiter in Paris keine Epoche in der jüdischen Volksgeschichte, ist ihre sogenannte Literatur auch kein Gemeingut des Volkes, ihr Judentum kein Mustergiltigcs, so sollte man doch von ihnen mindestens verlangen dürfen, daß sie für ■Sie Erziehung Ihrer Kinder Sorge tragen — aber du irrst Brutus! Die Erziehung'der Juden im Ghetto ist "so traurig und 'trübselig, so verlassen und keines Mannes Sache, so verworren, wie die Politik, die sie machen, - wie die sozialen Werte, die sie pflegen. In den Pariser jüdischen Primarschulen und Urbeiterschulen „Ecole de travail“ und „Plessis-Piquet“ ist das jüdische Element vom Programme vollständig ausgeschaltet. Mese Schulen züchten eine jüdische Unwissenheit, wie sie nicht schlimmer gedacht werden kann. Nur das mechanische Lesen im „Sidur" wird der jüdischen Jugend ' beigebracht, und da hier das Beten nicht jedermanns Sache ist, so schwinden den Kindern die hebräischen Buchstaben schneller aus dem Gedächtnisse, als sie ihnen gekommen sind. Nur der von der zionistischen Organisation in Paris ins Leben gerufene „Cheder", der etwa von hundert jüdischen Kindern besucht wird, bildet ein Gegengewicht zu der trostlosen Lage der jüdischen Erziehung in Paris. Me Kinder lernen dort das Hebräische nach der neuesten Methode, und der „Cheder" hat zum Zweck, aus den verlafseneu Ghettoknirpsen gute jüdische Juden zu machen. Ich Ivünschtc cs : gelingt ihm! Die Woche. Bedeutsame Tage, die „Jemei Hägbolo", siud im Anzüge, wir stehen vor der Woche des „Matan Tauroh", vor den Tagen des einstmaligen Werdens zum Volke „Hajaum nijeisso leom". — Und da lohnt cs sicheinige belehrende Worte über den Inhalt nuferes Volkstums und desseil Erhaltung zu sagen. Wir viele Ansichten herrschen — selbst im jüdischen Lager — über das jüdische Volkstum. Die einen meinen: 'die Religio n, blos diese ist es, die das jüdische Volkstum ausmad)t; die anderen: die jüd. Eigenart, die sich, aus der Summe seiner geschichtlichen Handlungen ergibt, mit anderen Worten: sein Tun und Wollen, sein Fühlen und Denken, wie es in seiner Geschichte und Literatur nicdergelcgt ist. Die ersteren wollen alles Geschehen des einzelnen Juden wie der jüdischen Gesamtheit nur auf das religiöse Moment zurückführen, nur das, was aus dieser Quelle empor quillt, sei jüdisch und daher gutzuheißen, alles ändere aber nnjüdisch,'und daher verwerflich; die letzteren aber wollen alles Eigenartige, Spezifisch-Jüdische auf das nationale Element zurückgeführt wissen, die nationale Psyche — meinen sie — ist der Urquell, aus dem alles Jüdische kommen muß, und daher alles andere unjüdisch, im besten Falle äußerlich jüdisch. — Eine derart entgegengesetzte Auffassung von einem Volkstum ist nur bei einem Volke, das keinen Boden unter bcii Füßen hat, denkbar, nur ein abnormes, wanderndes Golusvolkstum kann solchen konträren Ansichten ausgesctzt sei». Es ist ganz ausgeschlossen, daß ein konfessionellorthodoxer Deutsche je auf diesen Gedanken verfallen könnte, daß das deutsche Volkstum der Protestantismus ausmache. Nun ist es aber wahr, daß das Göttliche der jüdischen Psyche tnncwohnt, niithin es eines der Hanptfaktoren des jüdischen Volkstumes ist 'und. sein muß. Jst doch, die Neigung, ja der Drang zum Erhabenen, zum Ideellen, eines der w e s e n t l i ch st e n Merkmale der jüdischen Seele. Allein der jüdische Idealismus hat einen realen Untergrund: „Kabed es Owicho, lemaan jaarichun Jomccho. Weschomarto es kol Hamizwo letauw lccho kol Hajomim". — Als Israel seine Thora erhielt, war das erste, ein Land zu erlangen, damit es im Geiste seiner Kultur leben könne. Derselbe Jude, der den Grundsatz'ausstellte: „Lau al Halech c m l e w a b jichje Hcodom", der verstand auch festzulegen: „Im ein Ke mach ein Tauroh". Also — Weber mit der Materie allein noch mit dem Geistig e-u allein kann der Mensch exi-' stieren. Zu seiner richtigen, normalen Existenz bedarf er beides. Das Judentum, das vom Geiste eines realen Idealismus getragen wird, stimmt ganz mit der realidealistischen jüdischen Psyche überein und daher konnte das Judentum wie kein anderes Bekenntnis dasLebeu der Juden d u r ch d r i n g e n. Und' wenn unsere extremen Rechten einseitig nur das Ideelle im Judentum zum einzigen Faktor machen wollen (besonders was die Gesamtheit betrifft), und unsere extremen Linken — nur das Materielle, so ist> das eine direkte, wenn auch häufig unbewußte Fälschung des Judentums; die einstmaligen Essäcr u. Saducäer stehen von ihren zerstörten Gräbern auf und treiben ihr verwirrendes Spiel weiter zum großen Schaden des jüdischen Volkstums, der jüdischen Gesamtheit und des Judentums. Erst wenn die P h a r i s ä e r wieder die einseitigen Gespenster der Essäcr und Saducäer aus den Zelten Israels gejagt haben, erst dann wird ■ Israel mit ganzem Herzen und mit ungetrübten! Gcmüte das Fest des „Matan Tauroh" feiern; denn uur dann wird cs eine geeinte, zielbewußte jüdische Gesamtheit geben — und sobald das geschehen, werden sich die Tore unseres Landes von selbst vor uns öffnen.' „Juden! Krakauer Kohol (Gemeinde) hat noch kein allgemeines Wahlrecht," so lautet der Ruf, den die Krakauer jüd. Zeitung: „Der Jud", in großen Lettern auf der ersten Seite ihrer Blätter in jeder Nuininer zum Abdruck gelängen läßt. Klein und unscheinbar ist dieser kurze Ruf — aber von welcher Bedeutung! < Lcmberger Kohol hat noch kein allgemeines Wahlrecht und daher ist cs möglich, daß ein Knecht und Lakai vom Schlage eines Dr. Byk als Vertreter seines Volkes, dasselbe an die Polen verschachert. Wiener Kohol hat kein allgemeines Wahlrecht, daher ist es möglich, daß eine Goluskreatnr vom Schlage eines Taussig in der Gcineindestube sitzt. Budapester, Berliner, Londoner, Pariser rc. Kehillans habe» kein allgemeines Wahlrecht und daher Masseutaufen, daher jüdischer AntiseinitismnS, daher christliches Judentum, daher; der Verrat an Zion —. das Verlassen der Tauroh, Ausmerzung der eigenen heiligen Sprache —, daher die Zersplitterung und Dezentralisierung Israels, daher die Zertrctung, Verachtung, Haß und 'Verfolgung, daher der Golus mit seiner Schwere und Unerträglichkeit! Und wie sollte cs anders sein, wenn Zadikim Talmidci Chachoinim, wie Byk, Taussig, Geiger, Reinach, Claude Montefiore, an der Spitze des Jüdentuins stehen! Und wer setzte entjudete Männer zu Führern des jüdischen Volkes ein? Das ungleiche, undemokratische Wahlrecht der jüdischen Gemeinden ist es! — Nur ein gleiches, allgemeines demokratisches Wahlrecht ist im Stande, Talmidei Chachoinim, die einstigen, echten und einzigen Adligen der Judenhcik zu Auserwählten des erwählten Volkes zu machen, und nur von e ch t e n j ii d i s che n Männern, die mit' Tauroh und Maasim tauwim und echten jüdischen Tugenden und jüdischem Gefühl ausgestattct sind, ist eine Regeneration des Judentums und mithin eine Belebung und Stärkung der Jüdenhcit zu erwarten. — Und stehend vor die Schlausscs Jemei Hagvoloh richten wir an die Männer, denen die Errettung des Judentums am Herzen liegt, den Ruf: Hiskadoschu! Bereitet Euch vor zur heiligen Arbeit, der Eroberung der entj u d e t e n G e m e i n d c st u b e n! * * * Die einmütige Ablehnung der jüdischen Presse und die scharfe Protestresolution des Zentral-Ausschuss cs des Rabbiner-Verbandes in Deutschland haben die Herren vom Deutsch-Israelitischen Gemeindebunde in ihrem Streben nach einer staatlichen Organisation der preußischen jüdischen Gemeinden doch stutzig gemacht und sie vorläufig zum Rückzug veranlaßt. Wie wir in der vorigen Nummer berichteten, erklärte der „D. I. G. B." nunmehr, zu den: von Herrn Prof. Dr. Rosin ausgearbeiteten Gesetzentwurf zunächst keine Stellung nehmen, sondern ihn den größeren Gemeinden, sowie den Provinzial- und Bezirks-Verbänden in Preußen zur Begutachtung vorlegen zu wollen. Auch der Gesamt-Ausschuß des Verbandes der deutschen Juden hat sich in seiner Sitzung vom 13. Mai mit der Angelegenheit beschäftigt und gleichfalls Stellung gegen den Rvsin'schen Gesetzentwurf genommen. Trotzdem sämtliche Redner jeden Entwurf, der in das alleinige Bestimmungsrecht der Gemeinden und in die Gewisscnfreiheit des Einzelnen eingreift, als unannehmbar bezeichnet hatten, wurde der Beschluß gefaßt, daß der Verband an der voni D. I. G. B. gewünschten Vorberatung des Entwurfes sich beteiligen solle. Dieser Beschluß ist nicht nur in Hinsicht auf die Stellungnahme des Verbandes zu der Angelegenheit unverständlich, sondern auch deshalb, weil er den Kompetenzkreis des Verbandes, der n u r politische und soziale Aufgaben hat, überschreitet. Pretzftimmen. ' Der Nichtüngar ist gegenwärtig geneigt, den Ungarn den Vorwurf zu machen, daß ihr Nattonalbewußtsein zuni Chauvinismus entartet ist — und da der Chauvinismus anttsemitisch zu sein pflegt, so stellt man im Auslände der politischen Zukunft der ungarischen Jüden keine günstige Prognose, Es ist unter diesen Umstanden interessant, zu vernehmen,