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Neue jüdische Presse · 1906-05-25 · Heft 20 (25.5.1906) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 20 (25.5.1906)
Date
1906-05-25
Page
– (sequence 1)
Language
German
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< n; ' _ > Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Äbonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich - Ungarn Mk. 1,50,. sonstige Länder Mk. 2.— C.- ■ ■ - ---» HsdaKtton und chssschaftsDerre: Frankfurt a. m., Vleichstraße 2, Ecke vilbelerstraße T-ref-« 10507. --r--W-4- Hnansgsvw: Galtz Hsis. Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile. 25 Psg. Die Reklamezeile. 100 „ Platz- und Daten-Vorschrist ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Nebereinkunst. ' 4. Jahrgang. Freitag, de» 1. 8ivau 5666 (25. Mai 1906). Ko. 20. Inhalt des Hauptblattes. . Artikel: Die Zehn Gebote. — Die jüdischen Arbeiter in Paris. — Die Woche. — Preßstimmen. — Aus aller Welt. — Personalien. — Aus den Vereinen. — Feuilleton: Die Cohriheims.— Woch en-Kalender. — Familiennachrichten. — Briefkasten. — Bunte Chronik. . Die Zehn Gebote. - ' Erdgeriich haftet aii unserem Schewuausfeste, Heimatsduft geht von ihm aus, l>eiin einst — im Lande der Väter — war es das Fest . der ersten Früchte und des ersten Ernteschnittes und es" bedurfte erst der rastlosen Wanderung Israels durch die Zeiten und Völker, der völlige«: Eiltsremduirg von der bodeuständigeu Scholle, um seine Bedeutung als Fest der ersten Gaben des Segen spendenden Bodens ganz zurücktreten zu lassen. Das kam auch daher: in der eigene«: Heimat gelangte das Ga«:ze des Gesetzes in unserer Mitte zu seiner praktischen Bedeutung und das z>: Leben geivordcuc trat dainit in die Reihe des Selbstverständlichen ein,- während seit der Vernichtung unseres Reiches das jüdische Totalgcsetz— das Judentum comme il laut — nicht mehr Unterlage unserer gesamten Lebensbeziehungen, sondern »nr bestimmter Lebcnsnio»:e>:te geworden ist. U«:d es ist merkwürdig: gerade unser so gleichmütig gewordenes Schewuausfest,, das nicht durch SyiNbole gehoben wird/, wie Pesäch und Suckaus und den: auch i:icht der gewaltige Ernst des Rauschhaschynoh.und des Jaumkippur innetvohnt, zeigt die große, Kluft zwischen den: Sei«: und den: Soll, zwischen der realen Wirklichkeit des jüd. Lebe«:s und den: Ideale des jüd. Gesetzes — und zwar in den Zehn Geboten, jenen Zeh«: Geboten, von denen «na«: sagt, sie seien Gemeingut der zivilisierte«: Menschheit geworden. .Scho«: bas erste der Zehn Gebote straft -diese landläufige Behauptung Lügen. Der Satz: „Ich, Gott, sei bei«: Gott, ich, der ich dich aus den: Lailde Mizrajim, aus dein Hause der Knechtschaft hinansgeführt," spricht nur zu Israel, zu dem Volke Jsrdel, und so werde«: gleich in ihren: erste«: Satze die Zehn Gebote des kosmopolitischen Geivandcs beraubt, mit. dein sie vo>: den Assimilatioiisjuden linkester bis rechtester Schattierung so gern uinhüllt werden. . Mer noch ei«: Zweites, von der landläufige«: Auffassung durchaus Verschiede«:es lehren diese Myrte, den«: es ist nicht nur die Erkenntnis des' Eine,: Gottes, sonder«: Seine Anerkenntnis, Seine A«:erke«:i:tnis als Lenker jedes Ei«:zeige schickes, welche sie fordern. Nur so — und damit sind «vir bei dem zweiten Gebote — sollen wir das Bild Gottes in unserin Bewußtsein tragen, sonst kommen wir in die. Gefahr, uns Götter zu schaffen, denen wir dann dienen. Und'glauben wir schon — in törichtem WahneüBer unser Geschick' nach unserm Gutdünke«: verfügen zu können —, haben wir aber auch das Geschick ü«:ferer Kinder in Hände«:, werden sie, unser Liebstes, nicht durch unsere Verschuldung leide» müssen; sollten wir nicht uin unserer Kinder «villen uns gut zu sei«: und sittlich und gesund zu bleiben bestreben! — Doch, wo ist der Jude, der rirhig seines Weges geht und nicht hört auf die Stimme seiner selbstischen Interessen, da er sein Geschick i«: der Hand Gottes geborgen weiß? Fremden Göttern dienen sie! Jawohl, es si«:d nicht »«ehr die Götter ans Holz oder aus Stet«:, — doch was verschlägt», «venu sich nur die Fori«: und nicht die Sache geändert, «venu der Fetisch zun: runden Goldstück ward, vor den: verehrc«:d das Knie sinkt, u«:d der Sinnesrausch a«n Opseraltare sich mit den: Sinnesrausch' der Wollust vertauscht hat! Hüte dich, de«: Namen Gottes nicht mit sittlichem Erirst und in: Vollbeivußtsein seiner Heiligkeit zu gebrauche», hüte dich, ihn ««ichtig ansznsprechen, «»ahnt das dritte Gebot, — und wieder fragen «vir, ob dieses Gebot schon Gemeingut we«:igste«:s der Jndcirheit 'geworden sei, und «viedcr müssen wir traurig verneine«:, und so schreiten «vir denn zur Pforte des vierte«: Gebotes: cs ist die Heiligung des Sabbattages. i Der Gra«:itfelsen, der unseren: Volke Halt ge- «vährte in allen Stürme«: der Zeiten, ist der Sabb«:t, und das jüdische Hans, in den: er nicht mehr- «veilt, vernichtet sich selbst aus der Mitte seines Volkes. Mer auch hier hat sich das Lebe«: der Lehre e::tfremdet. Der Sabbat sollte «nehr wie ein Ruhetag sei«:, der jüdische«: Welt- und Lcbei«Saiischa:i«:ng sollte er Richtung geben. Es genügt nicht, Gottes Einzigkeit.anzuerkennen, es genügt nicht, Ihn zun: Lenker eines jeden Mcnschenschicksals zu machen, es muß sich noch'die Ueberze:«gn«:g hinzngesellen, daß Gott e i >: e v o l l k o n: in e«: e, d i e f ü r d e:: Nt e n - scheu beste Welt geschaffen, in «velcher vollkommelien, keiner Entlvicklnng recte Verbesserung bedürftigen Welt die ungezählten Billionen von Organismen der Bestimninng ihres Schöpfers gemäß ihren. Daseinsztvcck erfüllen und nur dem Menschen es überlassen bleibt, durch, seine Unterordnung unter den Willen Gottes seinen D a s e i n s z >v c ck zu erfüllen oder durch Willkür ihn zu zerstören. Deshalb soll der Jude sich am Sabbattage einer jeden schaffenden, produzierenden Tätigkeit enthalten, darf in keiner Weise seine Herrschaft an den Dingen und Wese» üben, nachdem er sechs Tage gearbeitet hat in treuer Pflichterfüllung seiner Menschenausgabc. In dem gleichen Rahmen einer spezifisch j:: d i s ch e n Volksausgabe beivegt sich auch das fünfte Gebot, das nicht lautet: „Ehre Vater und Mutter", sondern: „Ehre V«:ter und Mutter, damit lange dauern deine Tage ans dem Boden, den Gott, dein Gott, dir gibt" und so verbindet die Kinder mit der Tradition der Eltern, die innig verknüpft ist mit den: Lande, das Gott unseren: Volke gegeben. hat. Die. Welt- und Lebensanschauung des Judentums' kann nur durch die Familie ihre Verwirklichung finden, nur in dem traditionell jüdischen Hause werden dle Kinder Vater und Mutter ehren, in dem ihnen das, «vas Vater und Mutter heilig ist, auch heilig ist n«:d so < die Eltern in den Kindern fortleben,' nur in solchem jüdischen Hause hat das jüdische 'Gesetz ewigen Bestand. Nachdem so in den ersten, fünf Geboten, den: Denken des Juden bestimmte Bahn gewiesen, werden in den letzten fünf Geboten für sein Handeln Leitsätze aufgestellt. „Du sollst nicht «norden". „Du sollst nicht ehebrechen." „Du sollst nicht stehlen." „Du. sollst nicht als Lügenzeuge «vider deinen Nächsten aussagcn." „Du sollst nicht gelüsten nach dem Hause deines Nächsten; du sollst nicht gelüsten nach dem Weibe deine» Nächsten, nach seinem Knecht, feiner Magd, seinen: Ochsen, seinen: Esel, noch irgend etwas, Iva» deinen: Nächste«: gehört." Also: das Leben, die Ehe, die Freiheit, da» Glück, die Ehre und das Eigentun: beiitcS Nächsten seien für dich unantastbar, seien dir heilig. Es sind die Beziehungei: von Mensch zu Me«:sch, cs ist das rechtliche und soziale Leben, ivclche in diesen Worte«: umgrenzt worden sind. — Wahren «vir diese Grenzen in unserem Leben oder reicht auch hier die Wirklichkeit «richt an das Niveau der Zehn Gebote heran? — — Nun ja, einfach und klar, den: Verständnis eines jeden Kiiides »««gemessen, sind die Zehn Gebote, in denen' die Grundzüge' des Judentums niedergelegt si«:d. In ihren: Lob ist ganz Israel einig, und trotzdem ist es nur eine Auslese von der Auslese de» jüdische«: Volkes, die - sie verstehen und verstehend betätige«:. Es bctvahrheitei' sich. hier wieder einmal die alte Erfahrung, daß der . Mensch nicht! sieht, lvie etwa» gesehen sein «vilt, so«:dern daß sein Schaue«: bcstiinmt »vird aus jener Summe von Eindrücken, aus denen sich seine' .Persönlichkeit allmählich entjvickelt hat. Die Verhältnisse machen den Menschen, die abnormale Lage des jüdischen Volkes! mußte«: es dem Verständnis des Judentuins entfremden; iver es seinem Gesetze «viedcr geben will, gebe es seinen: La«:de «viedcr; — keine Schcwuaus des Gesetzes ohne da» P'esach der nationale«: Befreiung! Die jüdischen Arbeiter in Paris. Von M. R a b i n s o h n. IE. Politik, Literatur und Erziehung. Das Parteilvese«: unter den jüdischen Arbeitern in Paris ist «in allgemeinen «venig entwickelt. Der jüdische Arbeiter in den französischen Werkstätten ist verpflichtet, sich den: Syndikate seines Jndnstrieztveiges anzuschließen. Seine Interessen decken sich mit den Jirteressen des srairzösischen Arbeiters, und aus diesem Griinde ist er stets bestrebt, allen Pflichten . eines organisierten Arbeiters ««aHznkommen. Al» orgainsierter Arbeiter i«: einer nichtjüdischett Majorität vertiert er allmählich alle Interessen für das.Judentum und für die Judenheit. Sieht «na«: jedoch hiervon ab, so muß man konstatieren, daß Lr, der von seinen nichtjüdischen Genosse«: ehrenvoll behandelt wird und als Mitglied ihrer Körperschaften alte Wohltätigkeiten der Organisation, so die Aufrechterhaltung des stabile«:. Gleich», gewicht» in ihrein Verhältnisse mit den: Arbeitgeber nsw. usw. genießt, sich mit der Zeit zu einem selbständigen, selbstbewußten Menschen entwickelt. Dagegen, haben die jüdische«: Arbeiter jüdischer Werkstätten nichts von alledem, und da sie über keine Organisation verfügen, sind sie den Launen ihres

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