Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 19 (18.5.1906)
- Date
- 1906-05-18
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 19. Sanierung seines eigenen Landes zu tun und ist deshalb kaum zu fürchten. Was haben mm wir Inden von einer Regeneration der Türkei zn erhoffen? — Sehr piek! Die Zukunft des jüdischen Volkes, der s e in i t i sche n Nation als s o k ch e lt, liegt nicht unter den A r i c r lt, sondern unter den Semite n. „Erez Jisroel" war, ist und wird, solange ein e ch t j ü d i s ch e s Gef ü h f bestehen wird, das unverrückbare Ziel des jüdischen Volkes sein. — Was Abdul Hamid dank der Ränke feiner korrupten Ratgeber dem jüdischen Volke verweigert hat, wird eine freie Türkei ihm nicht versagen können. Eine autonome jüdische Bevölkerung innerhalb des türkische» Reiches kann für dieses nur von großem Segen sein, nnd da bereits mehrere Nationalitäten im türkischen Reiche geschlossen leben, so wird mit dem Einzug der Freiheit früher oderspäter die Autonomie auch für die Inden lzn erlangen sein. * * * Rabbiner Surje in Kiew versandte an sämtliche Rabbinen Rußlands einen Aufruf zur G r ii n d u u g eines Rabbiner-Verbandes f ü r R nß - l a n d. Der Zweck dieses Verbandes soll sein: a) Zn popularisieren und zu verbreiten unter den jüdischen Massen die Grundlagen nnd Prinzipien des Judentums und zu befestigen das religiöse Gefühl; zu diesem Zwecke sollen Briefe und M u st c r p r edigten heransgegeben werden. l>) Vorläufig, bis Konsistorien werde» errichtet werden können, soll der Verein als beratende Körperschaft den Gemeinden zur Seite stehen in allen religiösen Frage», im Empfehlen von geeigneten Rabbinen, in der Ausgleichung von Differenzen zwischen amtierenden Rabbinen und ihren Gemeinde» nsw. e) Anfznbringen die Geldmittel, die nötig sind zur Ausbildung von Rabbinen, ivetche mit Takt und Einsicht ihr hohes Amt vertreten können, damit sie den erforderlichen Einfluß ans ihre Gemeinde ansüben. ck) Gründung einer PensionSkasse für die Hinterbliebenen der Rabbinen. Soweit der Entwurf! ' Daß eine Organisation der russischen Rabbinen zur materielle», besonders aber zur moralische» Hebung des NabbinerstandeS von »öten ist, wer wollte das bezweifeln! Ist doch der Einfluß der meisten -Rabbinen Rußlands dank ihrer Exelnsivität und Einseitigkeit nachgerade s e h r gering geworden! Der russische Rabbiner ist nicht mehr, wie er es stets und noch vor kurzem war, Lehrer, Berater nnd Führer seiner Gemeinde. — Um ihn aber zu seiner früheren Bewertung ziirückziisiihren, bedarfs vieler Mühe. Besonders muß der zum Rabbiner zu erziehende Jüngling eine sorgfältige Erziehung in jüdischen uitb( in profanen Dingen genießen. Seine Ausbildung zu diesem schweren und verantwortungsvollen Berufe muß schon früh beginnen: auch muß er jeder materiellen Sorge enthoben sein, denn ein Jüngling, der von seiner frühen Jugend an sich selbst überlassen war und von milden Gaben sein Dasein fristete — ein Umstand, der bei den meisten russischen Rabbinen zntrifft —, kann nur in ganz seltenen Fällen später sein Stint mit Würde und Takt vertreten. Und doch ist es mit der -Ausbildung der Rabbinen allein nicht getan! Der jüdischen Jugend Rußlands muß eine von Grund ans gründliche Erziehung gegeben werden.. — Rabbiner Lnrje will dies durch Briefe und Mnsterpredigte» erreichen. Wir halten dies für geradezu lächerlich: denn nicht einmal bei geordneten Verhältnissen und bei einer wohlerzogenen Jugend haben Briefe und Muster- Predigten irgend welchen Einfluß, geschweige in Rußland, im Lande des Tohuwabohu, wo die Kinder die Eltern erziehen. Der Weg ist ein anberer, als ihn Rabbiner Lnrje vorgezeichnet hat! — Sobald Ruhe im Lande eingekehrt ist, muß mit der Gründung von jüdischen Schulen — Volks- und Mittelschulen — auf der Basis von Tanroh im Derech Erez, der Religion in Gemeinschaft lnit dem Nationalismus geschritten werden. Was die Literatur anbelangi, so ist unseres Wissens ein großer Teil der schon entstandenen neu¬ Frankfurker Israelitisches Familienblatt. hebräische» Literatur im Geiste der Traditio» und des Nationalismus gehalten und für Schulen durchaus brauchbar. — Nur auf eine wohlerzogene Jugend kann ein ans der Höhe seines Postens stehender u lt - abhängiger Rabbiner wirken. Eines sei noch bemerkt: Rabbiner Lnrje hält, so geht ans seinem Entwürfe hervvor, ein kon - sistoriales Jndentnm für mustergültig; allein Konsistorialisiernng ist eher ein T ö t n n g s m i t t e l, für alle Fälle aber kein B e l e b n n g s m i t t e l. Konsistorialisiernng ist das hefte und wirksamste Rezept der Assiiiiilatw», um in alter Stille langsam aber sicher das Jndeiitnin zu Grabe zn tragen. * * * „ES läßt sich alles in Worte kleiden, man muß nur den Ton der nniimstößlichen Selbstverständlichkeit finden," so schien der M i n i st e r de § I n - n c r lt v. Bet h m a n n - H o l l w e g zn denken, als er letzten Samstag die Interpellation wegen der Rnssenansweisnngen int Abgeordnetenhanse beantwortete. Sein Auftreten hat wohl niemand verwundert: blieb er doch ganz in dem. Rahmen, den der tradilionelle preußische Antisemitismus mit Glacehandschuhen erfordert. — WaS uns besonders an der Rede deS Ministers mißfiel, ist das Unrecht, das er dem jüdischen Volke angetan hat, indem er in einem Augenblick, wo Millionen Inden in Rnßlatid verzweiflnngsvoll nach Gleichberechtigung ringen, die ihnen vielleicht die neue Verfassung bringen könnte, die Beschnldignng erhob, daß die Inden die Leiter der russischen Revolution seien; diese Worte mußten als ein geheimer -Appell an die Bnreankratie Rußlands, die noch nicht ganz ans dem Sattel gehoben ist, bnsgesaßt werden, den Inden die Gleichberechtigung nicht zu geben. Und noch ein weiteres mußte an der Jnterpellativnsverhandlnng anffallen: eS ist der Unterschied zwischen einst und jetzt. Es gab Zeiten, da in dem reaktionären -Abgeordnetenhanse eine Rede, wie sie Herr v. Bethmann-Hollweg gehalten hat, einen Ttnrm der Entrüstung und deS lebhaften Protestes entfesselt hätte. Diesmal floß die Debatte träge dahin, es fehlte jeder großzügige Gedanke, und von der allgemeinen Solidarität der Menschlichkeit war nichts zn, verspüren. Die Frage liegt nähe: Warum sollen sich die christlichen Abgeordneten für die Inden ins Fenergesecht stellen, wenn die jüdischen -Abgeordneten schweigen? Und gerade dieses Mal hätten die jüdischen -Abgeordneten nicht schweigen dürfen, weil ihr Schlveigen als Bewahrheitung ver Behauptung ansgelegt werden mußte, daß den deutschen Inden selbst der Zuzug ihrer östlichen Bruder nicht sympathisch sei; wie sich denn auch in Wirklichkeit bei vielen deutschen Inden. die niisinnige -Anschanpug festgesetzt hat, als haben die russischen nnd galizischen Inden mit der Errichtung von Warenhäusern, Abzahlungsgeschäften, -Ausverkäufen nsw. den -Antiseinitismns nach Deutschland gebracht. Und deshalb hätte gesprochen werden müssen, nnd deshalb hätte gezeigt werden müssen, daß es nicht etwa gar einen jüdischen Antisemitismus gibt, hätte gezeigt werden müssen, daß bei allem religiösen Berftill wenigstens noch ein jüdisches Gemeinschastsbewnßtsein die deutsche Jndenheit mit ihren Brüdern deS Auslandes verbindet. Oder ist selbst dieses nicht mehr vorhanden? * * * Nunmehr hat das e r st e russische Parlament seine Tätigkeit begonnen. Nachdem der Zar gesprochen und geruht, seinem Volke in Ketten, das »ach Freiheit schreit, von seinem hochlöblichen Wunsche, seine:tt S ohne ein starkes Reich zn hinterlassen, Mitteilung zn machen, folgt jetzt die Antwort der Duma, die von ganz anderen Dingen als vom schönen Venn acht n iS des Zaren an feinen Sohn spricht: sie erkühnt sich, von Sprengung der Ketten, von V o l k s r e ch t e n, von Bürger -Freiheit, von Nationalitätenrechte», von Gleichheit aller vordem Gesetze (inklusive Bauern und sogar Jude it), von Selbstverwaltung n. bergt, mehr zn erzählen und noch nicht genug damit, sie erfrecht sich soweit, alt dieses zn verlangen, ja z u fordern und sie geht sogar so weit, zn verlangen, daß man die hohen Herren des Reichsrats, die Erwählten des Zaren, mit all den Ministern nach Hanse schicke und an Seite 3. ihre Stelle gewählte Männer ans dem Volke .entsetze. Ist das nicht nnerhori! Eine solche bodenlose Unverschämtheit von einem Volke in Ketten! Sind alle meine Bajonette zerbrochen? wird der Zar in seinem Grimm rufen. Und doch wird, wie es scheint, die Krisis nicht sofort eintreten, der Zar wird gezwungenermaßen teilweise in manchein nachgeben nnd manches nach der r n f s i s ch e u Praxis h inan s z u s ch i e b e u suchen. Nun ist es aber unwahrscheinlich, daß die Duma, die vorläufig nach dem Prinzip: „Ganz oder garnicht" handelt, sich auf Konzessionen einläßt — und dann? Das Volk ist stets Siegerin geblieben, — wenn nicht sofort, dann etwas späte r. Aus aller Welt. Deutsches Reich. Frankfurt a. M. Von dem Bureau des Deutsch-Israelit. G e m e i n d e b n n d e s erhalten wir folgende Mitteilung: „Nachdem der Entwurf eines neuen Gesetzes über die Re chtsverhältni s sederjndi s ch e it G e - 11t c t it b e n P r c ü ß e u s von weiten des Herrn Geheinirat Prof. Dr. N o s i it in Freibnrg i. B. eilt* gelaufen ist, hat der -Ausschuß des Dentsch-Jsraelitischen Gemeindebnndes beschlossen, zunächst zn demselben keine Stellung zn nehmen, sondern ihn den größeren Gemeinden, sowie den Provinzial- und Bezirksverbänden in Preußen zur Begntachtniig vorznlegen. Der Eiitwnrf soll auch, sobald er gedruckt ist, den jüdischen Blättern zngestellt werden." Berlin. Sammlung. Die Sammlungen der St. I. il. für die notleidenden in arokkani s ch e tt Jude it haben bis 311111 IO. ds. Mts. 25 100 Fr. ergeben. Hiervon sind 6100 Fr. von der Deutschen Konferenzgemeinschaft der Sillianre beigestenert worden. Berlin. Die R11 s s e n a u § m e i f u n g: e n int Abgeordnetenhaus e. Die Interpellation, ber beiden freisinnigen Parteien: Sind der königl. Staatsregiernng die a»geordneten Maßnahmen bekannt, und was gedenkt sie zn tun, mit einer mit Härten und Unbilligkeiten verbundenen willkürlichen Handhabung der Ausweisnngsbefngiiis -entgegenziitreten? die auf der Tagesordnung vom 12. dss. Mts. stand und vom Abg. Träger in ausführlicher Rede begründet wurde, beantwortete der Minister des Innern v. Bet h 11t a n 11 - H 0 llweg wie folgt: Ich bitte um die Erlaubnis, mich streng an die Interpellation halten zu dürfen und auf den kurzen historischen Exkurs des Vorredners über unser allgemeines Verhältnis zn Rußland nicht entgehen zu brauchen. Im Verfolg der russischen Wirren sind im Landespvlizeibezirk Berlin, abgesehen von Passanten, etwa 3000 R11 s s e u zngezogen, die meist den niederen und unvermögende n 2 ch i cht c 11 aiigchören und zum größten Prozentsatz Israeliten sind. Ich betone dies, nicht aus irgendwelchen konfessionellen Rücksichten, sondern weil ich glaube, daß derjenige, der seine Slngen verschließt vor der Rolle, welche die Inden aktiv oder passiv in der russischen Revolution spielen, zu den Blinden gehört. Ter Beweggrund zu der Slnswandermtg ist einesteils zu suchen in den Verfolgungen, denen die Fremdlinge in ihrer Heimat anSgesetzt waren, zum anderen Teil durste die Beteiligung an den revotutionären Umtrieben mitbestimmend für die -Answanderiing gewesen sein. Tie Frage, wie sich die Ttaatsrogierniig gegen diesen qualitativ und gnantitativ außergewöhnlichen -Andrang von Fremden zu verhalten hat, war zn entscheiden, wie dieS stets geschehen ist, nach den allgeineinen Geboten der Gastlichkeit gegenüber sremden Flüchtlingen, sowie nach den Interessen des einzelnen Staates. Daß im Kollisionsfalle allein die eigenen Staatsinteressen den -Ausschlag zn geben haben, kann irgend einem Zweifel nicht innerilegen. Nun ist die Staatsregiernng in voller Eininütigkeit der -Ansicht, daß der Zuzug von großen Massen, in ihrer Existenz nicht gesicherten, zum Teil nnlegitimierten oder in die revolutionären Umtriebe des -Nachbarreiches irgendwie verwickelten Fremdelt weder ökonomisch noch politisch zn dntden sei. Sie kann in diesen SNasson einen irgendwie wünschenswerten Bevölkerungszuwachs nicht erblicken, sieht vielmehr es für ihre verantwortnngsvolle Pflicht an, den Schwierigkeiten, welche in beiden von mir gekennzeichneten Richtungen entstehen, ihre Slnfmerksamkeit zn schenken. Nun ist behauptet worden, und in diesem Sinne hat der Herr Vorredner sich geäußert, daß unter dieser Anschauung die Interessen des Handels und der Indn - strie leiden würden. Es ist 'mir wohl bekannt, daß gerade in diesem Jahre ans allen Gebieten des wirtschasttichen Lebens ein außergewöhnlicher und beklagenswerter Slrbeitermangel herrscht, aber nicht nur