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Neue jüdische Presse · 1906-05-18 · Heft 19 (18.5.1906) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 19 (18.5.1906)
Date
1906-05-18
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. merkt/ noch i 11 größerer Zahl als sie t ä tsächlich waren, und bald nach der Thronbesteigung Alexanders III. tras auch pünktlich die Rechnung ein. — Die Pogrome der achtziger Jahre — trafen die sich schon als freie 'Russen denkenden Juden wie ein Blitz vom heitern Himmel. Podbienoszow lani zu Wort und Jgnaiicw zum Handeln. Ein Federstrich im Mai 1882 zertrümmerte für jäh ihre Luftschlösser. Die Schulen wurden für die Jude» gesperrt, das Ansiedlungsrayon durch das Verbot, auf den Dörfern zu wohnen, enger gezogen, und die aufgeklärten Inden sahen sich plötzlich in das Elend zurückgeworscn. Durch die Beschränkung ihrer Rechte waren sie an jeder Teilnahme am politischen oder sozialen Leben Rußlands gehindert. Von all ihren Hossnuiigci, blieb ihnen nichts übrig. Sie erkannte» aber bald ihre Lage und fingen auch bald selbstständig zu handeln an. Sic wußten, daß nur ein materieller Wohlstand sie vor Ragaikaschlägcn schütze» könne, denn in Rußland respektiert man Geld, besonders die „Tschinownikes". Es blieb ihnen auch nichts anderes übrig, als sich wieder auf den Erlverb zu werfen, denn sie waren w i e d e r wie früher au der Entwicklung ihrer politischen und sozialen Kräfte gehindert. Ihr Egoismus, der politische und der soziale, setzte sich dank dem politischsozialen Dvuck in Linen rein persönlichen um und konzentrierte sich nur ans einen Punkt, den Erwerb. Diese Substitution der Kräfte hat manches Hebel gezeitigt. Ihr blinder, rücksichtsloser Wille und wildes Streben nach Reichtum, der ihnen ihre soziale Position festigen sollte, kannte keine Grenzen. Sie drückten den Arbeitslohn bis ans ei» Minimum herab und hielten dev kleinen Arbeiter vom frühen Morgen bis in später Nacht an der schweren Arbeit. Ich erinnere 'mich noch, als ich selbst als zehnjähriger Knirps um 10 Kopeken Tagcslohn von sechs morgens bis elf abends in der Werkstatt stand, an jene' hageren, bleichen, halb verhungerten, halb schwindsüchtigen Gestalten, die trotz ihrer Jugend grau und gebrochen waren, wie sie in feuchter Atmosphäre und in mit Staub gefüllter Lust stumm und ergeben von Morgendämmerung bis Mitternacht an ihrem 'Arbeitstisch standen und oft vor lauter Machtlosigkeit zusammenbrachen. Der kleine Unternehmer, der Fabrikant hatte nur ein Streben: Reichtum, Geld und wieder Geld. Aber Geld allein konnte ihm noch immer keine feste Position sichern; er suchte noch, eine Stütze, die ihm im Kampfe ums Sein als Waffe dienen kann, er suchte und fand sie auch — die Bildung. Das bürgerliche jüdische Mädchen, das in ihrem "Leben nur Elend und Not bei andern, Engherzigkeit und Rücksichtslosigkeit in ihrem eigenen Milieu gesehen, der Jüngling, dem trotz seines achtjährigen Schulbesuches die Tore der russischen Hochschule geschlossen tvaren — mußten voller Verdruß und Erbitterung emigrieren, um an den ivesteuropäischen Hochschulen ihren Wissensdurst zu stillen. Sie, Parias in ihrem Lande, kamen scharentveise nach freien Ländern, nach Deutschland, Frankreich u. Schweiz, nach Ländern, wo Menschenrechte weniger mit Füßen getreten werden, wo man den Menschen mehr oder weniger »ach seinen persönlichen Fähigkeiten und nicht nach seiner Abstammung beurteilt; und da in diesen Ländern kehrten sie den Pelz um, warfen sich ins andere Extrem, brachen mit der Tradition, überwarfen sich mit den Eltern und ließen sich, da sic früher gcknechtet waren, in die Arme des Sozialismus hineinziehen. Sic wurden Sozialisten. Er tvar ihnen Balsam auf die tiefe Wunde. Sie glaubten schon selig zu sein. Als sie nach mehrjährigem Aufenthalt in diesen freien Ländern nach Hause zurückkehrtcn, waren sie — ob, wie es die Eltern dachten, gebildete Menschen, das weiß ich nicht — aber sic waren Sozialisten. Sie waren Gläubige von zu Hause und hielten jetzt nicht mehr am väterlichen, aber am sozialistischen Glauben fest. Zu Hause begannen sie den Sozialismus unter jenen schivergeprüften Arbeitern, die meistenteils bei kleinen Unternehmern arbeiteten, zu propagieren. Sie waren gläubig — und blind. Sie prüften nicht, ob der Boden für den Sozialismus reif ist, ob es der einzige Ausweg ist. Wer das ist nicht allein die Urgeschichte und Frankfurter Israelitisches Familienblatk. der Anfang der Assimilationsbewegung in Rußland. Man .muß noch in stanz andere historische Lücken Einblick nehmen, um das reziproze Verhältnis von Assimilation und Politik zu. verstehen. (Schluß folgt.) Brief aus Frankreich. Vor dem Pariser Strafgericht kam letzten Samstag ein Strafverfahren zum Anstrag, das das Elend der jüdischen Emigranten zum Hintergrund hatte und dessen Verhandlung dem Verteidiger Anlaß gab, ergreifende Worte dem trostlosen Schicksale dieser Unglücklichen zu verleihen. Wie bekannt haben die russischen Unruhen und' Judenmassakres des vorigen Winters eine Menge von Auswanderer» und Flüchtlingen auf das Pariser Pflaster hinübcrgewälzt. Der mächtige Ruf der in Paris hausenden jüdischen „reichen Tante", Jca genannt, weckte in ihren optimistisch geneigten Gemütern die trügerische Hoffnung, in ein besseres, freieres Land durch diese große jüdische Anstalt hinübergeschasft zu werden. Die rauhe Wirklichkeit säumte aber nicht, ihnen eine erschütternde Ernüchterung beizubringen, was sich für diese Armseligen desto vcrzwciflungsvoller gestalten mußte, als sic jeder Mittel bar waren. Die jüngeren, energischeren unter ihnen taten sich zusammen und veranstalteten vor einigen Monate» an einem Sabbat eilte Manifestation in der großen Synagoge, was ich seiner Zeit berichtete. Sie erwirkten dadurch wenigstens, daß 'man ihnen — wie sie behaupten — versprach, ihre Angelegenheit zu untersuchen und, wenn cs angeht, sic, ihrem Wunsche gemäß, nach Kanada zu befördern. Es schien, als ob inan damit wirklich Ernst machen würde, denn man forderte von ihnen Namenliste mit Angabe der Fämilicnverhältnisse nsiv. ein. Man verabfolgte ihnen sogar einige Barmittel für ihren augenblicklichen Unterhalt. Die Leute gaben sich schon ihren schwärmerischen Plänen hin bezüglich der sie erivartcnden glücklichen Zukunst, im freien Kanada ein freies, arbeitsames Leben als 'Ackerbauer anzufangen. Aber ihr Rausch tvar von kurzer Dauer. Allmählich mußlcn sie ihren'überschwänglichen Optimismus hcrabdämpsen. Wochen und Monate verstrichen, ohne daß die Wirklichkeit eben so schnell wie der Flügelschlag ihrer Hoffnung sie ins ersehnte Land hinübcrzauberte. Sic wurden ungeduldig und begannen zudringlicher an das gleichsam abgegebene Versprechen zu ermahnen. Endlich, von Entbehrungen und Familicnnot angestachelt, verloren sie die Fassung und ließen sich z» Gewaltmitteln Hinreißen. Eines Tages kam nämlich eine ganze Schar von diesen halbverhmigcrten Leuten vor die Bnreaux der Jca, und nachdem sie nach vergeblichem Pärlamcntieren nicht' vorgclasscn wurden, um ihre Beschwerden Vorträgen zu können, brachen sie die Türe ein. Der flugs herbcigeholten Polizei gelang cs, sechs von ihnen sestzunchmen; die übrigen retteten sich durch die Ftllcht. Das ist der Tatbestand in seinein rauhen und bedauernswerten Hergang . . . Die Angeklagten, die nach zwciwöchentlicher prcvcntiver Haft frei entlassen wurden und deren nur drei vor Gericht sich cinstclltcn, zitierten als Moralitätszeugen Dr. Max Nordan, um als jüdische, allgemein anerkännte Autorität ein sachverständiges Gutachten über Ziel und Bestimmung der Jca abzugcbcn. Llls Verteidiger amtierte der berühmte Rechtsanwalt Me. Bonzon. Nach Verhör der Angeklagten, die zu ihrer Entschuldigung vermittelst eines Dolmetschers ihre Leiden schilderten, skizzierte Dr. Nordau in flüchtigen Zügen die Aufgaben nitd die Tendenz der Jca, wie dieselbe im Geiste ihres großen Schöpfers, des seligen Baron Hirsch, entstand, nämlich " den russischen Juden zur Emigration behufs Niederlassung als Ackerbauer in überseeischen Ländern zu verhelfen. Er könne nicht eingehend ihre Tätigkeit würdigen, da die Jca die Gewohnheit habe, keinen Rechenschaftsbericht zu veröffentlichen. Alsdann ergriff der Verteidiger, Me. Bonzon, ein Nichtjnde, das Wort. Nachdem er sehr beredsam Nr 19. den Grundgedanken des Barons Hirsch, den er eine» großen Inden nannte, bei der Schaffung der Jca klarlegte, suchte er nachzuwciscn, daß die Angeklagten nicht etwa als Bettler an die Türe der Jca klopften, sondern mit einem begründeten Anrecht ihre Zumutung, zur Emigration verholsen zu werden, formuliere» durften. Anknüpfeud an die während des Verhörs vom Gerichtsvorsitzcnden den Angeklagte» gegenüber gemachte Bemerkung, wie sie vier Monate hier leben tonnten, wenn sie so arm und mittellos wären, erwiderte Me. Bonzon, daß dies ein Geheimnis ihrer doppelten Eigenschaft als russische Juden und Emigranten sei, er entwarf bei' dieser Gelegenheit ein ergreifendes Bild vom kümmerlichen Dasein der Leute, die ein Stückchen trockenes Brot mit Tee als SchManSgclage betrachten. Das Tribunal verurteilte die Angeklagten zu zwei Monaten Gefängnis mit Bezugnahme auf das Bürangcr-Gesctz (laut welchem die Büßung der Gefängnisstrafe bloß für den Fall des eventuellen Redidivns Vorbehalten wird) und zur Geldstrafe von 50 Fr. Den übrigen drei Eontumacien ist die Gunst des Bc-ranger-Gefetzcs entzogen ivorden. Die Strafe ist eine gelinde. Ueberhaupt hat das Tribunal diese Angelegenheit himveggleitend behandelt. Auch die Jca ihrerseits ist nicht rechthaberisch und rachcschnanbcnd ausgetreten, indem sie Nur durch einen untergeordiletcn Beamten vor Gericht vertreten war. Dies ist der Schluß dieses traurigen Vorfalles. Die Jca hat eine sichere eiserne Tür 'statt der ckngebrochencn hölzernen ansertigcn lassen, aber in der Emigrantcnnot sind keine gesicherten Zustände abzuschcn! M. N. Die Woche. Die Türkei ist in letzter Zeit nicht.nur wegen der Grcnzstreitigkeit auf der Sinai-Halbinsel, sondern auch wegen des Gesundheitszustandes des 61jährigen, seit 1876 regierenden Sultans Wdül Hamid II. Gesprächsthema der Diplomatie. Wir wissen nicht, inwieweit Anlaß zu ernsten Befürchtungen vorliegt — die einen sagen, der Sultan leide an Magenkrebs, die anderen, er sei zuckerkrank —, aber auf jeden Fäll darf nian einmal den ernstesten .Falt ins Auge fassen. Mit einem Ableben des Sultans können große Aenderungen in dem türkischen Reiche eiiitrctc». Wie bekannt, hat der Sultan im Jahre 1876 seinem Lande eine konstitutionelle Verfassung gegeben; allein sie wurde nicht zur Ausführung gebracht. Die reaktionäre, machthabende Hofpartei in Genieinschaft mit Rußland, deren beiden Jilteressen die Finsternis und das Ehaos der Türkei erheischen, haben die Verwirklichung der Konstitution hiniertrieben. Die wenigen aufgeklärten und ehrlichen Elemente des Hofes, die für die Reformen eintraten, wurden zu Fälle gebracht, eine Tät, die damals die Liberalen, Ftmgtürken genannt, mit dem Terrorismus beantworteten. — Daß im Laufe der Jahre — von 1876 bis heute — die Freihei'tsbestrebungen an Boden gewannen, braucht nicht gesagt zu werden. Verschlimmerten sich doch die Zustände in der Türkei immer mehr. Die Nachgiebigkeiten und Rückzüge der Negierung den ch r i st l i ch e n Mächten gegenüber macht böses Blut in der in o h a m e d a n i s ch e n Bevölkerung; niemand — außer den sich vom Ruin des Landes nährenden Machthabern — ist mit den überaus traurigeil Verhältnissen zufrieden, aiich'nicht die Armee. Gerade 'unter den Offizieren herrscht viel Unzufriedenheit, ja sogar ein Mann tvie Edchcin Pascha, der Held des griechisch-türkischen Krieges, auf dessen Seite die Mehrheit der Offiziere sich befindet, steht der freiheitlichen Bewegung sympathisch gegenüber. Nicht tvenig beeinflussen auch die Freiheitssache die veränderten Verhältnisse Rußlands. — Wenn nicht alle Zeichen trügen, so ist mit einem Ableben des Sultans eine Verfassung zu erwarten. Wohl sind Jiitriguen gegen die Sache der Freiheit seitens einiger Machte, deren Interesse in der Schwächung der Türkei liegt, wahrscheinlich, doch der Hauptgegner, Rußland, hat für die nächsten Jahre gerade genug mit der finanziellen und militärischen

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