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Neue jüdische Presse · 1906-05-18 · Heft 19 (18.5.1906) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 19 (18.5.1906)
Date
1906-05-18
Page
– (sequence 1)
Language
German
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♦ ♦ ♦ l~" Diese Zeitung erscheint wöchentlich. - Avonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich - Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— — ■ ... - 9 KedaKtton Md HefchäftsfteM: ZraMfurl a. M., Bleichstraße 2, Lcke vilbelerstraße Terefo« 10507. --5-5ü=*J— HerMSgeSer: Galtz Geis. — Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile. 25 Pfg. Die Reklamezeile. 100 .. Platz- und Daten-Borschrift ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereinkunft. 4. Jahrgang. Freitag,- den 23. Jjar 5666 (18. Mai 1906). Ro. 19. T Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Assimilation und Politik. — Brief aus Frankreich. — Die Woche. — A u sallerWelt. — Feuilleton: Die Cohnheims. — Wochen- Kalender — F a m i l i en n a ch r i ch t e n. Assimilation und Politik. m. Bon Maxime Le Maitre. Die soziologische Voraussetzung und Triebkraft der Assimilation, sagt man, ist der materielle Wohlstand unter freien Lebettsbedingnngen, der der sozialen Affinität Vorschub leistet und das Aufgehen einer Gruppe in der andern, natürlich in der stärkcrn, zur Folge hat. Diese dynamische Auffassung vom Assiniilationsprozesse ivnrzelt in einer mätcrialistischen oder halbmaterialistischen Geschichtsauffassung, und seit der realistischen Reaktion auf den Idealismus der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts tritt uns diese Betrachtungsweise des jüdischen Werdens in verschiedenen Variationen entgegen. Sie blieb auch nicht ohne Einfluß auf die idealistisch gesinnte jüdische Jugend, denn sie verleitete gar manchen jungen Nationaljuden zu einer eigenartigen Stellungnahme zu vielen wichtigen Fragen. Wie der Marxismus, nur mit den ökonomischen Faktoren in der Geschichte rechnend, zu der Notwendigkeit der Verelendung der Massen und der Pröletarisierung des Kleinbürgertums komnit, so führt auch die realistische 'Auffassung der jüdischen Geschichte zu einer 'Art Verelendnngstheorie der jüdischen Großbürger des Westens. Wie sich Marx den Proletarisierungsprozeß des Kleinbürgertums, die Verelendung der Masse» borstellte, geradeso denken sich manche Nationaljuden die Nationalisierung der westlichen Assimilationsjuden: Man verhalte sich gleichgültig zunr Judenhaß in den westlichen Ländern, der doch nur den Reichen schadet, man lasse die antisemitischen Bluthunde bellen, und dieses fortwährende Gebell wird natürlicherweise der vollständigen Assimiliernng eines Teiles der westliche» Jüdenheit Vorbeugen, der entweder seinen Irrtum cinsehen oder quasi gezwnngenertveise zum Judentum zurückkehren wird. Man sieht also, tvie eiiie rein theoretische Betrachtungsweise der jüdischen Geschichte schtverivicgcnd in das tvirkliche Leben eingreift und den: politischen Stand der Dinge eine andere Form giebt. Der seit Beginn der neunziger Jahre des verflossenen Jahrhunderts' herrschende Materialismus und Sozialismus in Rußland ist aus die nationalgesinnte jüdische Jugend nicht ohne Einfluß geblieben; ja dieser Einfluß machte sich in den ersten fünf Jahren der politisch-zionistischen Bewegung stark geltend und schien zeitweise - in die innerzionistische Politik stark einzugreifen. Dank verschiedenen Ereignissen im Zarenreiche, die teilweise auf rein ideale Geschichtsmomente zurnHufiihren sind, ist der Zionismus' von großen politischen Irrungen, die zu einer Katastrophe hätten führen können, verschont geblieben. Denn die erste jungjüdische Stellungnahme zum Antisemitismus und zu den mehr oder weniger assimilierten Westjnden ist ein z w e k s ch neid i g e s S ch w e r t, die H e r a u s b i l d u u g v o n n o ch g r ö ß e nt Gegensätzen zwischc n P e rs ö n l i ch k eit und M affe muß eine heillose Zersplitterung unserer nationnleil Kräfte zur Folge haben, und nichts kann uns mehr schaden, als eine Dezentralisation der Kräfte. Seit einem Tezeninm beobachten wir im Lande der „Progromkultur" eine starke Assimilationsbewcginng. Ein großer Teil der jüdischen Jugend in Rußland hat dem Judentum Valet gesagt und stellte sich unter den Einfluß einer kranken sozialen und politischen Beivegnng, des russischen Sozialismus. Ter russische Sozialismus ist krank, weil ihm die Voraussetzung, das Kapital und seine Konzentration fehlt. Er ist krank, weil er nicht notwendig, sondern gekünstelt ist. lind der jüdische Sozialismus in Rußland ist doppelt krank. . . . Der marxistische TozigliSmus ist unjüdisch, antijüdisch und ist in seiner Voraussetzung ein Gegensatz zum Judentum. Ta die jüdische Bevölkerung in Rußland sich zu 80 Prozent aus Kleinbürgern, armen Kleinbürgern rekrutiert, mit Ansnahnie von einigen Industriezentren (Warschau, Lodz usw.), die Industrie im jüdischen Ansiedlungsrayoir gleich Null ist, so ist daS Anschwcllen einer großen, gesunden sozialistischen Bewegung theoretisch unmöglich. Und da aber Zehntausende von Bundistcn das russische Judentum verwüsten, so ist diese Bewegung eine abnormale, denn ihr fehlen die ökonomischen Voraussetzungen. Tic Keitntnis der Voraussetzung des Bundismns, d. h. wie er in der Geschichte geworden, wird uns wieder das reziproze Verhältnis von Assintilation und Politik klar vor Atigen führen. Ich will nun, bevor ich an diejenigen historischen Ereignisse, ans denen der Bund hcrvorgegange», herantrete, durch einige Berichte über bundistischc Heldentaten, den v u l g ä r - a s s i m i l a t o r i s ch e n Charakter des Bundes unterstreichen. In lithauischen Städten — hier hat der Bund seine meisten Anhänger — sind die Synagogen der Schauplatz von Skandalen. Oft dringen 5—10 bundistische Schmarotzer am Samstag während des Gottesdienstes mit brennender Zigarette in die Synagoge ein, und mit Revolvern in den Händen zwingen sie die versammelte Gemeinde, den Gottesdienst zu unterbrechen und nach Hanse zu stehen. Ein anderesmal schließen sie die Türen der Synagoge ab und zwingen die Versammelten, eine atheistische oder sozialistische Rede anzuhören. Wer dagegen protestiert, wird erbarmungslos mißhandelt. Dieses demonstrative „Mumertnm" hat init Sozialismus und Kollektivismus kaum etwas zu tun. Zumiiidest haben wir noch nie derartiges von westeuropäischen Sozialisten bemerkt. — Für den Bund sind nur diejenigen Juden, welche Jargon sprechen und in Rußland leben. Er steht zwar „offiziell" ans nationalem Boden, erkennt aber nur die in Rußlaild lebenden Jrrden als nationale Einheit an. Seime Stellung zur Religion ist nicht', wie die der europäischen Sozialisten, Privatsache, sondern, w i e die der A n a r ch i st e n der Tat zur h e n t i g e n G e s c l l s ch a f t s v r d - n u n g. Seine Stellung' zur Religion wird durch folgenden für absolut wahr verbürgten Bericht demonstriert: Bei einem Zusainmcnstoß von Publikum und Militär in Wilna, der sich vor ein paar Monaten ereignete, ist eine unschuldige Passantin, ein jüdisches Mädchen, Ernährerin eines blinden Vaters, getötet worden. Die Bundisten beschlossen hierauf, dem unschuldigen Opfer ein feierliches, demonstratives Geleit zu geben. Ter blinde Vater begann, am Grabe seiner Tochter den Kadisch zu sagen, als.die Bundisten mit geladenen Revolvern auf ihn znsprangen und ihn unter Drohung sofortigen Nicdcrschießens am Kadischsagen hinderten . . . Kommentar überflüssig. Man sieht also, der Bund ist nicht nur eine ökonomisch-politische Bewegung, sondern auch und wesentlich eine Assimilationsbewegnng. Eine Assimilation in der rohesten, niederträchtigsten und gcmeinsteil Form. Und angesichts der Tatsache, daß eine Assimilationsbewegnng in einem Lande hat entstehen können, in dem 90 Prozent aller Juden "itt der größten Not und Armut leben und unter dem unsäglichsten politischen und sozialen Truck ihr Dasein fristen — m » ß d i e A tt n a h m e, der matericlleWohlstandunddiefreienLcbenSb e d i ng u n g e n seien die alleinige u nd eigentliche Triebkraft der Assimilation, als unrichtig erscheinen. Tic Assimilation ist nicht nur auf die bessere oder schlechtere materielle Lage zurückzufnhren, sie ist h a n p t s ä ch - lich ein Produkt der ganzen abnormalen politischen Lage des jüdischen Volkes. Wir wollen zeigen wie. Die sechs Millionen starke russische Jüdenheit ist heute innerlich zerrissen und entbehrt seit zehn Jahren jedes moralischen und politischen Zentrums. Begonnen hat dieser innere Zersetzungsprozeß mit der H a s k a l a b e w e g u n g der 60er Jahre des neunzehnten Jahrhunderts. Die Haskala verdankte ihr Entstehen lediglich Thronwechsel und Despotenlaune. 'Alexander II. bestieg den Thron, und alles atmete im Zarenreiche ettvas freier auf. Tie in größter Weltfremdheit lebenden Judenmassen Rußlands verspürten plötzlich ettvas Licht und Freiheit. Der vollständige Uebergang von absoluter und absolutistischer Knechtung in relative Freiheit hatte bald eine innere Reaktion zur Folge: Tie Haskala. Während der Rcgierungszcit 'Alexanders II. tvurzelte sich dieses Gist der seichten 'Aufklärerei im Bolkskörper ein, und nach etwa zwei Jahrzehnten waren die Wunden im Bolkskörper offen. Tie 'Aufgeklärten, die dadurch materiell bester Gestellten, hielten sich in süßen Träumen und dachten an eine glückverheißende Zukunft. Sie hatten nicht übel Lust, ganz — in Rußland zu bleiben — sich mit Iwan Wodka zu assimilieren und sorgenlos auf Gottes Erden zu leben. Des Volkes — ihres Volkes Los kümmerte sie wenig. Sie beteiligten sich zwar in relativ geringer Zahl am russstchen Bcfreiungswetk und glaubten ans dem richtigen Wege zu sein. Sir wurden aber in Petersburg am grünen Tisch stark be-

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