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Neue jüdische Presse · 1906-05-11 · Heft 18 (11.5.1906) · p. Seite 5

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 18 (11.5.1906)
Date
1906-05-11
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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-tr. 18. Freund jede Hoffnung aufgebcn und für uns wäre es ein Unglück, denn das Kind vereinigt mit seiner Sanftmut einen unbeugsamen Charakter. Ich hoffe aber zuversichtlich, daß meine Befürchtung unbegründet jft, denn sie ist ebenso heiter wie frühere" Rolf sagte beruhigt: „Ich glaube auch nicht, ihr Verstand wird ihr schon gesagt haben, daß das mit einem Inden nichts ist. Ich wate ja unmöglich geworden, ich zittere schön jetzt, wenn von Juden oder Judcnsprossen geredet wird. Wie häufig mußte ich schon unser Christentum betonen. Wenn nun Lucie einen Offizier, einen feudalen Kerl heiratet, wird man mir meine Abstammung verzeihen und ich werde dann auch ein Mädchen aus vornehmem Geschlechte heimführen können." Seine Mutter erwiderte mißgestimmt: „Ich kann Deine übergroße Angst nicht als gerechtfertigt anerkenne». Tn bist der «Lohn ans einem sehr anständigen Hause, bist Christ. und Bruder einer Christin. Mag man wissen, - daß Deine Eltern Juden sind. Wenn Tu Dich nicht fürchtest/das bei Gelegenheit zu bekennen, schrumpft der große Popanz Deiner Furcht zu einem kleinen Schatten zusammen. Jedenfalls aber bitte ich Tich, bei Vater vorsichtiger und taktvoller zu reden." .„Mutter, verzeihe mir, aber wir wollen und dürfen mit Juden nicht zu tun haben. Ich bin nun einmal. Mitglied eines bevorzugten Standes und dessen Vorschriften, sagen wir meinetwegen Vorurteile, gehen'mir über alles. Meine Furcht mag übertrieben sein, wer aber seit der frühen Jugend auf der Hut, als Vorposten steht, hat das Recht, nervös zu sein." Der Eintritt Lucic's unterbrach" das unerquickliche Gespräch. Sie überreichte Rolf einen dicken Brief. Er öffnete und rief: „Tie Einladung zum Maskenball beim Herrn Regierungspräsidenten.. Lucie, welches Kostüin lege ich. an?" Sie lachte. „Das ist die «Frage eines Backfischs vor dem ersten Tanzkränzchen." Er machte eine sorgenvolle Miene und seufzte tief: „Spotte nicht, die Sache ist wichtiger, als Tu glaubst." Sie beruhigte ihn. „Sei nur unbesorgt, Mutter und ich werde Tir in Deinen Kostümnöten getreulich beistehen. Du sollst unwiderstehlich werden, Amor ohne Uniform." Abends brachte der Bursche Rols's dicke Bücher über Kostiimkilnde und nach dem Essen begann eifrige Beratung mit den Damen. Rolf wollte etwas malerisches und zugleich seltenes, es sollte was ganz apartes sein. Herr Cohnheim hörte ergötzt zn, mit welcher Wichtigkeit diese Frage behandelt wurde. „Ja, lieber Vater, ich kann mit keinem beliebigen Maskcnanzug antrctcn, wir tvollen eine 'Art Huldigungs-Festzug bilden, zur Feier des fünfzigsten Geburtstages der Frau Präsidentin. Fräulein Ina von Lindenlauf zieht ein Brokatkleid mit Schleppen an, das eine Uvafpic von ihr äks Hofdame der Königin Ulrika von Schweden getragen, Heinz von Beuel erscheint in der Uniform seines Urgroßvaters, eines Kammerherrn des Königs Friedrich Wilhelm III." „Ter Tausend", meinte sein Vater, „Das wird ja ein wandelndes Museum. Möchtest Du das nicht seh'n, Lucie?" Rolf, in seinem Eifer die Mahnung seiner Mutter vergessend, umfaßte seine Schwester und rief: „Sic ivird ja ein Mitglied und eine Zierde der Gesellschaft" — er verneigte sich gegen sie — „wenn sie heiratet. Schwesterchen, Tn wirst Gräfin. Bald kommt Botho und spricht mit Tir und den Eltern." Sie wich zurück. „Wir kommst Du dazu, der Graf kann Dir sicher das nicht anvertraut haben, denn ich habe ihm niemals Veranlassung gegeben, an meine Zuneigung für ihn zu glauben." „Du hast Dich doch vorzugsweise mit ihm unterhalten und kannst wissen, daß Tu der Magnet bist, der ihn hierhin zieht." „Ich achte den Grafen und stelle ihn höher als viele andere, deshalb ist er mir ein lieber Gesellschafter." „Stun das genügt ja. Er liebt Dich und da Du Sympathie für ihn hegst, wird seine Flamme Gegenliebe in Tir wecken." „Rolf, da er ein Freund unseres Hauses ist, möchte ich ihn vor einer Enttäuschung bewahren. Sage ihm, ich könne nicht die Seine werden — ich würde unvermählt bleiben.!' Ihr Vater erblaßte und rief: „Lucie, das kann Tein Ernst nicht sein. Du sollst glücklich werden und beglücken." „Vater, ich gebe mich nicht ohne mein Herz. Ich liebe Emil — einem andern Manne kann ich niemals angehören." Rolf schrie: „Ten kannst Du doch nicht heiraten!" „Nein", sagte sie sanft, „ich denke seiner, als eines Verklärten." Er lachte nervös auf. „Romantischer Unsinn. Dieser Emil wird uns bald eine Verlobungsanzeige schicken, Ivährend Tu um ihn trauerst." „Rolf martere mich nicht. Ich kann Deinem Freunde nicht bas Glück bieten, daS er von seiner Erwählten erwarten darf." -- Ihre Mutter sagte unter Tränen: „Armes Kind,. Tu kannst mit Deinen neunzehn Jahren, mit Deiner Frankfurter Israelitischer FamilieMatt. blühenden Jugend das Leben noch nicht abgeschlossen haben." „Nein, Mutter, ich entsage dem Leben durchaus nicht und hoffe noch recht viel Vergnügen zu haben, lind jetzt ist-meine Herzensschulfreundin, Clementine Hesse, wieder da, nachdem sic drei Jahre im Pensionat der Ilrsulincrinncn zugebracht hatte. Tic muß ich den weltlichen Freuden zuführen." Rolf brummte: „Und diese wird heiraten, sowie alle Deine Freundinnen und dann stehst Du eines Tages einsam als alte Jungfer. Lucie, überlege es Dir noch." Und er verließ daS Zimmer. Ihr Bieter sagte bewegt: „Mein Kind, er kann Dich nicht heiraten, es ist nicht möglich. Denke an Tein einsames Alter, wenn Deine Eltern nicht mehr da sind. Sollen die nagenden Vorwürfe, Tein verfehltes Leben verschuldet zu haben, uns aus immer unglücklich machen? Beglücke einen braven Mann, die Mädchen bekommen ja selten den Gegenstand ihrer ersten leidenschaftlichen Liebe.. Sei offen gegen den Grafen Botho, erzähle ihm von Emil und aus der Freundschaft, der Achtung wird als schöne-Frucht eine herzliche Liebe erblühen." „Vater, ich kann nicht, quäle mich nicht." Sie schritt langsam auf die 'Veranda. — Vor einer Stunde saß die Familie behaglich zusammen,-Masken-, kostüme answählend, Zuknnstspläne schmiedend. Der Liebling, der Sonnenschein des .Hauses ist die Tochter, der die Eltern durch die Taufe das irdische Glück erschließen wollten und jetzt, welch' jäher Umschwung in der kurzen Spanne Zeit, da der Zeuger der Uhr nicht einmal seine Umdrehung vollendet hatte. Die unglücklichen Eltern erblickten ihr Herzblatt in der Zukunft, wie vom fahlen Scheine einer Totcnfackel beleuchtet — als vereinsamte alte Jungfer, unter Fremden vegetierend. Sie schauten sich nicht an, ein langes Stillschweigen trug ans lautlosen Fledermausschwingen die Reue in ihr Herz. ES kroch ans den Ecken aus sie zu, das Verlangen, die Schuld auf den andern zu wälze». Da ermannte er sich. Er reichte seiner Frau die Hand. „Es kann nicht sein, Käthe. Die romantische Entsagung wird ans dem neunzehnjährigen Köpfchen schwinden. Mit dem miintern Wesen, den lebensprühenden klugen entsagt man nicht der Ehe." Seine Frau sagte seufzend: „Hätte sie Emil niemals gesehen! Wenn dieser Starrkopf so fest an den veralteten Satzungen seines Judentums hängt, dürste er in einer aufgeklärten Familie überhaupt nicht verkehren." „Käthe, sei nicht ungerecht. Er wollte abreisen, ohne gesprochen zn haben, aber das Herz war stärker als der Wille, sie sprachen sich ans. Die Liebe hatte sie beide gefaßt mit der Wucht eines elementaren Ereignisses, sie hätten glücklich, werden können, wenn wir nicht vor Jahren gesündigt hätten. Es war Truggold, das wir unserm Kinde für reines Gold gegeben hatten." „Erich, unsere Absicht war eine gute, aber —" Er unterbrach sie. „Aber die Vorsehung ist stärker." Kapitel 8. In den herrlichen Festräumen des Oberpräsidiums wogte eine bunte Menge. Im sinnverwirrenden Trubel des Maslengewühls war es dein geblendeten Auge zuerst nicht möglich, Einzelheiten zu unterscheiden, im ans- und abflntendcn Gedränge schien hier die üppige Gestalt einer Bachantin den bärtigen Kopf eines alten Musketiers zn tragen, dort aus eisenumschienten Körper eines Ritters der Kopf einer Elfe zu blühen. Nur langsam lösten sich die Gestalten und zeigten dem Zuschauer manch farbenprächtige; Bild, des Pinsels eines van Dyk's oder Rubens würdig. Auf der Estrade thronte die Gemahlin des Regierungspräsidenten, eine dicke Dame in taubengraue Seide gekleidet. Ihr Zirkel bestand ans de» Spitzen der Regierungs- und städtischen Behörden und aus einigen höheren Offizieren, alle mit ihren Damen. „Ich bin eben überrascht, in der Tat überrascht, daß die jüngeren Herrschaften mich durch einen Fcstzug feiern wollen. Diese Mühe, diese Aufopferung beschämt mich ja," sagte sie eben zn ihrer Nachbarin, der Frau Ltcuerdirektor Bünnagel. Diese flötete: „Aber Exzellenz, die doch in den wohltätigen Vereinen so segensreich wirken, die ein so leuchtendes Vorbild für unsere Frauen und Töchter sind, verdienen doch sicher die kleine Huldigung, die aus dankbarem Herzen kommt." Exzellenz lächelten huldvoll.' Da erschien ihr Gemahl, eine echt preußische Beamtcngestalt mit klugem, bartlosen Gesicht. „Meine Herrschaften, ich erscheine als Herold. In fünf Minuten beginnt der Festzug." Er reichte seiner Gattin den Arm. Tie Diener hatten «Sessel an die Brüstung gerollt und dort nahmen die Herrschaften Platz, erwartungsvoll des Weiteren harrend. Altdeutsche Trommler, Pfeifer und Zinkenisten nahten, von' Landsknechten gefolgt. Die wetterzcrrissenen, mächtigen Gestalten, wären bewunderüngswiirdig dargestellt;'die anscheinend durch Wetter verblichenen bunten Kostüme in historischer Treue. , Es folgte der Weibertroß, vom Profoß geleitet. Auf ihrem Leiterwagenführten sie lebende Gänse, und Ferkel nach. 'Dann kam eine Zigeunertruppe, Seite 5. die vor der Estrade Tänze aufführte. Ein Herold erklärte alles in wohlgesetzten Versen. Nun erschien eine englische Gesandtschaft an den Hof Ludwigs Xlll. von Frankreich, geführt von Buckingham, diesem prachtliebenden Herzog, der später von Felton ermordet wurde. Buckingham wurde dargestellt von Rolf Cohnheim, der ein entzückendes, streng historisches Kostüm trug. Ein Kleid aus schwarzem Sainmt, init echten Spitzen besetzt, einen Hut mit Agraffe von Reiherfedern und Stulphandschuhe. An der Hutagraffe, am Degengriff, zwischen den Spitzen waren Edelsteine -angebracht, die bei jeder Bewegung 'blitzten und funkelten, seine Mutter und Lltcie hatten alle ihre Juwelen dazu geliehen. Die anderen englischen Edelleute, alle Kameraden Rols's, waren gleichfalls-im Gcschmacke der damaligen prachtliebendcn Zeit herrlich kostümiert, aber Buckingham überstrahle sie alle. Der Zug zog langsam an der Estrade vorbei. . (Fortsetzung folgt.) Kunst und Literatur. Meyers Großes Konversationslexikon. Ein Nachschlagewerk des allgemeinen Wissens. Sechste, gänzlich ncnbearbeitete und vermehrte Auflage. 'Mehr als 148 000 'Artikel und Verweisungen auf über 18 240 Seiten Text mit mehr als 11000 Abbildungen, Karten und Plänen im Text und auf über 1400 Jllustrationstafeln (darunter etwa 190 Farbendrncktaseln und 300 selbständige Kartenbetlagen), sowie 130 Tertbeilagen. '20 Bände in Halbleder gebunden zn je 10 J£. oder in Prachtband zu, je 1'2 JL (Verlag des Bibliographischen Instituts in Leipzig und Wien.) Einer der eifrigsten und verdienstvollsten Mitarbeiter an der Niederlegnng der künstlich geschichteten Grenzmauern zwischen Schulwissen lind praktischem Wissen ist unstreitig das Konversations-Lexikon, der „Große Meyer", das nun schon in sechster 'Auslage erscheinende Ricsenunternehmen des Bibliographischen Instituts in Leipzig. Es liegt uns heute der 13. Band dieser Neuauflage vor, der die Stichworte Lyrik bis Mitterwnrzer umfaßt. Wo wir diesen Band anfschlagen mögeir, treffen wir ans interessante Wschnitte, arls welchem Wissensgebiete es immer sei. Das „non sebolas, ssä vitae discimus“ hat nie eine glänzendere praktische Anwendung gefunden, als wir sic hier in jeder Zeile erkennen. Die oft gerühmte, meisterliche Popnlarisierungsknnst des „Großen Meyer" muß -man immer wieder bewundern. Ter sprödeste «Stoff findet bei der unbedingt zuverlässigen, alles Wichtige kurz und knapp anführendeii Darstellung durch wissenschaftliche Autoritäten eine durchaus klare, gemeinverständliche Behandlung. T ö ch t e r - A l b u m. Begründet von Thekla von Gumpcrt. Nene Folge, 7.' Band. Herausgcgcben von Berta Wegner-Zcll. Mit 29 Farbendrnckbildcrn, 8 Beilagen und zahlreichen 'Abbildungen im Text. Glogan, Carl Flemming. Das Töchter-Albnm blickt mit dem vorliegenden Jnbelband ans ein halbes Jahrhundert seines Bestehens zurück. Cs ist nicht unsere Aufgabe, hier der überreichen Fülle von Unterhaltendem, Anregendem, Belehrendem und Ergötzendem zu gedenken, die es Tausenden geboten, auch wollen wir nicht den Umstand näher erörtern, daß trotz aller Anfeindungen das Jahrbuch immer noch an der Spitze der deutschen Jugendliteratur marschiert, ja, eine solche eigentlich erst recht ins Leben gerufen und popularisiert hat. Uns obliegt nur die liebe und angenehme Pflicht, den starken versittlichenden Einfluß hervorzuheben, den es ans weite Kreise ausgeübt hat, die Veredlung zu rühmen, die es so vielen thörichten, selbstsüchtigen und befangenen Mädchenhcrzen gebracht hat, und den feinen Takt anzuerkenncn, mit dem es die Schnrnng von Klassennnd Rassenhaß vermieden hat. Möge cs in diesen Wegen weiter wandeln und auch bei unseren jungen nnd alten Lescrinnen die Wertschätzung nnd Verbreitung finden, die es verdient. Lustige Märchen ans aller Welt. Gesammelt nnd für die deutsche Jugend bearbeitet von Mathilde Küstermann. Zeichnungen von Karl Fah-- ringer.. Wien, Martin Gerlach u. Co. Die lustigen Geschichten, die die Herausgeberin mit Bienenfleiß und klugem Sin» ans aller Herren Ländern zusammengetragen hat, bilden zunächst ein behagliches und abwechslungsreiches Märchenbuch für unsere Kleinen. Mer auch für die Großen bieten sie kulturgeschichtlich Interessantes. Denn wenn schon kurze Sprichwörter oft als ein Gradmesser für die Kultur nnd Anschauungen eines Volkes angesehen werden, so ist dies natürlich noch in weit ausgiebigerem Maße bei Märchen der Fall. Beiden mag also das Buch, das mit anschaulichen nnd maßvollen Bildern geschmückt ist, warm empfohlen sein. Aus dem Ghetto. Erzählungen ans dem vorigen Jahrhundert von Moritz Steinhardt. Mainz, Joh. Wirth'sthe .tzofbuchdruckcrci. Anspruchslose, aber sympathische und anheimelnde Bilder ans dein alten Eisenstädter Ghetto, die, wie alles, was jene alte köstliche Zeit näherrückt, freundliches Interesse erregen. Liebhabern einer leichten,, 'gemütlichen Lektüre mögen sie, empfohlen. fein..

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