Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 18 (11.5.1906)
- Date
- 1906-05-11
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Serk 4. Petersburg, 2. Mai. Am 7. und 8. ds. Mts. wird eine allgemeine Versammlung vo» Vorstehern des V e r c i n s s ü r j ü d i s ch c G l e i ch b e r e ch t i gung in Rußland abgchalten werden. Tas Programm der Versammlung lautet: 1. De Aufgaben der jüdischen Abgeordneten in der Ncichsduma. 2. Ter Vorschlag, noch einmal die Frage einer nationalen Gruppe der Juden in der Ncichsduma zu erwägen. 3. Statut. 4. Wahl von Mitgliedern für das Zcntralbureau. Wilna, 4. Mai. „Die Zeit" meldet aus Pinsl (Gouv. Minsk): Die Not unserer jüdischen Proletarier ist unbeschreiblich groß. Meister und Arbeiter sitzen ohne jede Beschäftigung. Auf Schritt und Tritt kann man herzzerreißende Szenen des Hungers sehe». Unter diesen Umständen ist es kein Wunder, daß die Auswanderung fortgesetzt wächst. Odessa. Es wird gemeldet, daß der Gouverneur von T a u r i e n fijr die diesjährige Sommersaison den Juden den Aufcnthakt in den Kurorten am Schwarzen Mcere gestatten wird. — Der Duma-Abgeordnete Dr. Bruck, Rabbiner von Witebsk, ist dieser Tage unter der Beschuldigung, in einer Versammlung über die jüdischen Angelegenheiten in der Duma gesprochen zu haben, trotzdem er nur die Erlaubnis hatte, über die Fleischtaxe zu sprecheu, vor Gericht zitiert worden. Er wurde frei gesprochen. Odessa. Furcht vor Pogrom! Die hiesige Bevölkerung schwebt in großer Angst, denn cs machen sich seit Tagen wieder alle Anzeichen für einen bevorstehenden Pogrom bemerkbar. Warschau. S t a t i st i k. Nach den lebten statistischen Daten zählt Warschau unter 736 000 Einwohnern fast 300 000 Juden. Suwalk (Polen). Hier spielten sich gelegentlich der Wahlen zur Duma wilde Szenen ab. An den Türen des Wahllokals standen Polizisten und Feuerwehrleute, die sich bemühten, den Juden den Weg zur Wahlurne zu versperren und ihnen mit Pogromen drohten. Auch trieben sich Hooliganc vor dem Hause herum. Zwei Juden wurden arg verprügelt. Die gleiche Praxis wird auch von anderen Orten gemeldet. ( Bulgarien. Sofia. Seit der Brüffeler Konferenz schreiben die yierländischen jüdischen Zeitungen in Numnier für Älummer in schärfster Weise gegen die Alliance Jfraülite Universelle wegen ihrer Nichtbeteiligung an der Konferenz. Die Alliance hat durch ihre Nichtbeteiligung bei den bulgarischen Juden ihr gesamtes Prestige eingebüßt. So faßte jüngst eine Versammlung in Philippopel folgende Protcst-Rcsolntion — sie ist im Vergluch zu den andern noch Mild —: „Wir jüdischen Einwohner der jüd. Gemeinde zu Philippopel, die wir heute in der jüdischen Töchterschule vereinigt sind, haben nach Ailhören der verschiedenen Debcktter und Redner über die ■ Brüsseler Konferenz folgendes beschlossen: Wir senden hiermit unsere Verachtung an die Alliance Jsraelitc in Paris und an die Fca, welche mit ihrer Weigerung, an der Brüsseler Konferenz teilzunchmeu, den Beweis an den Tag gelegt haben, daß sie unjüdische, assimilatorische philantrvvische Gesellschaften sind und gar keine Beziehung ziun jüdischen Volke haben. Wir machen unsere Glaubensgenossen derjenigen Genreinden, in denen die Alliance noch herrscht und Schulen hat, darauf aufmerksam, daß, nachdem sie dem Judentum eine so schmachvolle Wunde geschlagen und das jüdische Volk an seinen Wunden verbluten läßt, cs ein großes Verbrechen ist, sie noch eine Minute zu dulden. Wir richten daher einen Appell an den guten jüdischen Sinn jnnsercr Glaubensgenossen, sofort ohne Zögern, einen heftigen, erbarmungslosen Kampf gegen die Alliance zu eröffnen, damit ihr am Ende keine einzige jüdische Schule in Bulgarien zur Verwaltung mehr übrig bleibe." ■ Misrachi. Amerika. New-Bork. Neue Gemeinde. Russische und runiänischc Juden in S a n Diego (Calisornicn) gründeten eine Gemeinde auf streng orthodoxer Grundlage unter dem Rainen „Tifereth Israel". Errichtung einer Synagoge. Die Gemeinde „B'ney Israel" in Song Island (New- Bork) erwarb für Doll. 6000 einen Bauplatz zur Errichtung einer Synagoge. New-Aork. Jto. Am 22. April fand in der Wohnung des Herrn Cyrus V Sulzbergcr die zweite Sitzung der amerikanischen Jto-Führer zwecks Organisierung dieser Bewegung in Amerika statt. An der Sitzung nahmen teil die Herren: Mayer Sulzbergcr, Oscar S. Straus, Cyrus L. Sulzbcrger, Wolphus S. Solomons, Hermann Rosenthal, Dr. S. Solis- Cohen, Louis Loeb, Tr. Herbert Fricdcnwald, Rev. Goodman Lipkind und Beruard Richards. Tie Statuten der englischen Mutterorganisation wurden — mit solchen lokalen Modifikationen, wie sic für amerikanische Verhältnisse notwendig erscheinen ' — angenommen. Cyrus L. Sulzberger wurde zum Präsidenten, Rev. .Goodman Lipkind zum Sekretär, Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Mayer Sulzbergcr, Oscar Straus und Tavid Guggenhcimer als Exekutiv-Komitcc gewählt, dessen Aufgabe cs ist, Mittel und Wege zur Förderung der Bewegung ausfindig zu machen und mit der englischen Organisation Hand in Hand zu gehen. Tie Herren Rosenthal, Llipkind und Richards übernehmen es, Vereine in Newyork zu gründen und durch Mitglieder die Gründung von Vereinen in anderen Städten zu veranlassen. Chicago. Die „Jsüd isch e G esellsch aft zur Förderung des A ck e r b a u s" (Jelvish Agricultural Md Society) hat, loic der soeben ausgcgebcne Verwaltungs-Bericht mittciltz'im verflossenen Jahre 42 Familien mit 183 Seelen als Farmer angesiedelt, von denen 25 aus Rußland, 9 aus Ruuiä- »icn, 6 aus Galizien stammen, 2 in Amerika als Söhne russischer Immigranten geboren sind. Siebzehn dieser Farmer haben sich in Süd-Takota auf Homestcads (Regierungslano) im llnifange von 160 Acres niedergelassen; 20chabcn Farme» gekauft, 3 gepachtet; 2 Unverheiratete sind bei jüdischen Landwirten in Michigan als Tagelöhner untcrgcbracht worden. Tie Installations-Kosten beliefen sich auf 6—700 Dollars pro Familie; einzelne werden bis zur voflen Selbstständigkeit noch 3—400 Dollars ^erhalten müssen. Mau sieht, daß die Kolonisation in Nordamerika erheblich billiger ist als in Argentinien. Während der letzten fünf Jahre hat die Gesellschaft 202 jüdische» Familien dazu verholfen, sich auf Homestcads niederzulasseu. Dieselben besitzen jetzt iiisgesamt 25 000 Acres Land, Vieh, Gebäude, Geflügel, Maschinen. Tic inzwischen von ihnen ausgeführtcn Amelioratioiicn haben den Wert ihres Bodens auf 400 000 Tollars gesteigert, während die Kosten sich nur auf 75 000 Toll, beliefen. Ter Bericht macht den reiche» Juden in Amerika den Vorwurf, daß sie die Möglichkeit, jüdische Einwanderer aus Rcgicriingsländcreien, die zu Zehutausciideu von Acres zur Verfügung stehen, nicht benutzt haben. In Nord-Dakota allein seien gegenwärtig noch 7000 Acres frei, die ganz gut in jüdischen Besitz übergehen könnten. Ter Bericht schließt mit der Bemerkung, daß die (Gesellschaft keine philantrovischc sei, daß vielmehr das Geld gegen hypothekarische Sicherheit geliehen ist und mit 3Vi>°/o verzinst wird. Tic Farmer sind also durchaus keine Almoscueilipfäuger. Personalien. Bndapest. Ernennung. Zum Finanzdircktor-Stcllvertrcter im Finanziiiinistcrium wurde zum ersten Male ein Jude, Afor, ernannt. Brün». Auszeichnung. Herr Leopold Bauer, Vizepräsident der hiesigen Kultusgcmeindc, erhielt das Ritterkreuz des Franz-Joscf-Ordens. Turin. Ebrung Aus Anlaß der 30 jährigen Wirksamkeit Ccsarc Lombroso's als Professor der Psychiatrie an der hiesigen Universität veranstaltete der hier tagende 6. internationale Kongreß für kriminelle Anthropologie eine Feier. Dem berühmten Gelehrten lvurdcn u. a. eine künstlerisch locrtvolle goldene Plakette, eine goldene Medaille und ein Album mit Autographien hervorragender Männer der Wissenschaft überreicht. König Viktor Emannal sandte ein Glückwunschtelegramm, in dem er Lombroso als „einen der hervorragendsten Söhne Italiens" bezeichnet. Zürich. Preis-Verleihung. Der Rouffeauprcis zur Förderung von romanistischen Studien an hiesiger Universität wurde für das Wintersemester 1905/06 auf Grund eingcrcichter Arbeiten über italienische Dichtungen Herrn Bert hold Fcnigst c i n sind. Phil, von hier, verliehen.; Paris. Todesfall. Hier starb Herr Maurice K«n», Bruder des im vorigen Jahre verstorbenen Knnstsainmlcrs Rudolf Kanu. Maurice Kanu galt früher als ciner der fähigsten Arbitrageure der Frankfurter Börse, wo er neben feinem Onkel Leiter der Firma Moses Kann u. Co., die zu den hervorragendsten ArbitragehäNseru gehörte, war. Im Jahre 1868 siedelte er, nachdem sich seine Firma aufgelöst hatte, nach Paris über und heiratete dort ein Fräulein Halpheu. Ob die von seinem Bruder Rudolf ererbte großartige Saiumlnug der Stadt Paris zufällt, wie ein ältere- Testament fcstsetzt, ist noch nicht bekannt. Philadelphia. Goldene Hochzeit. Das Fest ihrer goldenen Hochzeit feierten am 1. Mai Herr Ed ward Mayer (geboren 1836 in Fürth in Bayern), der frühere Chef der Firma Edward Mäher u. Son, und seine Frau Lena geb. Singer. iDas Jubelpaar erfreut sich allgemeiner Wertschätzung. Aus. den Vereinen. Berlin. Der .Akademische Verein für jüdische G e s ch i ch t e und Literatur (A. I. G. V.) hat auch in dem verslossenen Semester, dem 46. seines' Bestehens, seine wissenschaftlichen Bestrebungen durch allwöchentlich stattsindende Vorträge bezw. Referate, sowie durch seine reichhaltige Bibliothek gefördert. Ten Abschluß einer jeden offiziellen Veranstaltung bildeten feucht-fröhliche Kneipen, auf denen echt studentischer Humor herrschte. Außerdem turnt die Aktivitas jeden Donnerstag in der Turnhalle der Mädchenschule der jüd. Gemeinde (Kaiserstraße 29/30). Nr. 18. Zu der Frage der „Mademischen Freiheit" hat der A. I. G. B. durch die folgende Resolution, die sein erster Chargierter in der vorbereitenden Sitzung des Studentenausschusses verlesen hat, Stellung genommen: „Ter „3C. I. G. V." betrachtet die wissenschaftlichen Bestrebungen als die naturgemäße Grundlage, auf der Angehörige einer uviversitss litterarnm sich zu gemeinsamem Schaffen einen sollen, und verurteilt daher im Prinzip den Konfessionalisums in studentischen Korporationen. Trotzdem verkennt er nicht, daß nach den Grundsätzen wahrer akademischer Freiheit es jedem Kreise von Akademikern gestattet sein muß, sich auf jeder anderen Grundlage, sei sie politischer, konfessioneller oder sportlicher Natur, znsammcnzutnn. Betrachtet er schon aus diesem Grunde den Kampf gegen die katholischen Vereine als einen zu unrecht geführten, so muß er . ihn um so mehr verurteilen, weil er von rein christlichen Verbindungen geführt wird, die selbst dem konfessionellenMsonderungsprinzipe huldigen. Ter A. I. G. V. lehnt cs darum entschieden ab, in einem Studentenausschüsse vertreten zu sein, der unter intoleranter Mißachtung der Koalitionsfreiheit konfessionelle Korporationen ausschließt." Die Chargenwahlen ergaben für das S.-S. 1906 folgendes Resultat: sind. jnr. Hans Levy, sind. med. Dagobert Flatcr, sind. med. Walter Wolffensiein, sind, jur. Arthur Katz. Am Dienstag/ den 24. April d. I. fand die Antrittskncipe im Vereinslokal, Einsicdler- Bierhallen, Bhf. Börse, Neue Promenade 9/10, statt, wobei Herr Schriftsteller Tr. I. E. Poritzky einen Vortrag hielt über: „Maxim Gorki, mit besonderer Berücksichtigung seines. Verhältnisses zum Judentum." Berlin. In der Generalversammlung des Bercines „Freunde der Taubstummen — Jedidc I k m i n" gedachte der Vorsitzende des Vereins, Geheimer Sanitätsrat Dr. Boas, zunächst des langjährigen Vorstandsmitgliedes Herrn M. Apelt in Halle a. S., sodann erstattete der Direktor der Anstalt den Bericht über die Tätigkeit des Vereins und Herr Fränkcl den Kassenbericht: Die Anstalt zählt gegenwärtig 45 Zöglinge, 23 Knaben und 22 Mädchen, die sich aus verschiedenen Provinzen des gleiches rekrutieren. Der Unterricht wird von dem Direktor, zwei ordentlichen, zwei Hilfslehrern, ciner Lehrerin und einer Erzieherin erteilt. Im engen Zusammenhänge mit der allgemeinen Ausbildung steht der RcligionS- und hebräische Unterricht. Außerdem sind ein Bildhauer- und ein Buchbindermeister angcsteklt, um die Knaben handgeschickt zu machen und^ sie so zu einem praktischen Berufe vorzubereiten. Der Verein zählte am Jähresschlnß 1136 Berliner und 2199 auswärtige Mitglieder. Nach Festsetzung de- Etats für 1906, der mit' 39 450 Jt. in Einnahmen und Ausgaben bakanzicrt, lvurdcn per Akklamation die turnusmäßig ausschcideiiden Vorstandsmitglieder: W. Loewcnthäl, A. Salomo», Louis Ed. ^achs-Bcrlin, H. Dessaucr, Frankfurt a. M. iviedcr-, und Kommerzienrat 3t. Friedländcr, Jsmar-Hamvulg und Friedmann-Bcrlin neugewählt. 0 leuilMon. 0 Die Cohirheims. Roman von Jacob Levy. (Fortsetzung.) Die heißblütigen, jungen Leute hatten sich alle in sie verliebt und suchten um so weniger ihren Gefühlen Schranken zu setzen, da die Schönheit und der Geist des jungen Mädchens durch das goldfnnkelnde Piedestal eines großen Reichtums erhöht wurde. Llicic war gleichmäßig liebenslvürdig gegen alle, keiner konnte sich einer Bevorzugung erfreuen. Der junge Graf Botho vo» Glessen machte ihr am auffälligsten den Hof, niemals erschien er ohne Blumen, er führte seine Schwadron an ihrem Hause vorbei und ließ dort die Musik anstiminen. > Er war der beste Fceund Iiolf's. Tiefer sah die Ailnäherung Botho's, der aus einer weitverzweigten begüterten Familie Ostpreußens stammte, gern und verfehlte nicht, dessen Vorzüge in seiner Familie in's hellste Licht zu stellen. Frau Cohnheim war von dem hübschen, frischen Husaren entzückt und baute mit ihrem Sohne Luftschlösser. Aber mit ernstem Tone bat sie ihn, nicht mit Lncie über Botho's Liebe zu ihr zu sprechen. „Eine Blüte darf nicht mit rauher Hand gewaltsam angefaßt werden, ohne daß das zarte Gebilde zerstört wird, die Neigung, die vielleicht in Lucien schlummert, soll nicht von Andern geweckt werden, sie darf sich nur dem Geliebten allein erschließen." „Ja, Mutter, Botho fragt aber nicht, er behauptet, Lncie hätte eine so gleichmäßig freundliche Methode, jedem herzlichen Gespräche auszuweichen."- „Hat ein Husar keinen Akut, zur Attakc vorzngehen?" „Ter Mensch, ist wirklich verliebt in Lncie und deshalb schüchtern und blöde. Ter Teufel, sie wird doch nicht mehr an den Emil denken?" „Ich weiß cs nicht, das Mädchen spricht niemals darüber. Wenn sie ihn aber noch liebt, so müßte Dein