Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 18 (11.5.1906)
- Date
- 1906-05-11
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 18 Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Seite 11. „Nach dem Kalender ist heute um sieben Uhr „Lichtbenschen" und jetzt ist es bald sechs,"' fügt er nach einer Weile hinzu. Seine Eltern wußten die Wochentagen nach den Holzscheitern zu unterscheiden, die sie hinter den Öfen gelegt hatten, das bevorstehende Wetter rieten sie nach dem Aussehen des Himmels. Benjamin weist dies alles bereits nach dem Kalender. Wir gelangen an das Haus. Auf. der Schwelle steht eine hohe 'Frau, mit einem weißen Kopftuch bedeckt. Sie sieht ihren Mann fragend an. Hinter ihrer Schürze verstecken sich zwei kleine Mädchen, die ab und zu ihre sonnenverbrannten Gesichtchen, ihre wirren, halb roten, halb blonde Haare hervorstccken und mich mit kindlicher Schalkhaftigkeit ansehcn. — „Sande, mir haben einen Gast ans Schabbos." — Ich nicke der Frau zu, was „Guten Sag" oder „Guten Abend" bedeuten soll. Die Frau bleibt stehen, sie weiß Nicht, was anzufangen. Plötzlich dreht sie sich um und geht in die Wohnung. — „Einst," erzählt Benjamin, „als maN den alten Wald aushackte, weilten hier die Angestellten, und da hatten wir „Minjan". 'Auch eine „Sefel- Tauroh" hatten wir." Man führt mich in das Wohnzimmer. Das erste, was mir auffällt, sind große Milchkrügc, die auf zwei langen „Milchding"-Bänken ausgestellt sind. Im Zimmer herrscht eine angenehme Kuhle. Auf Etageren stehen Töpfe voll Dickmilch, deren fetter Geruch den Raum erfüllt. In das Zimmer tritt ein hohes schlankes Mädchen. Sie hat zwei lange schwarze Zöpfe. Sie ist barfuß. Auf dem vor Scham geröteten Gesicht zeigt sich ein naives Lächeln. In den Händen hat sie einen Korb voll Eier. Bei meinem Anblick eilt sie in das andere Zimmer. Das Mädchen schämt sich. Jedesmak, wenn sic vorbei muß, errötet sic und senkt das Haupt. Ich wollte sie nicht genieren und ging daher an den Bach, um mich zu Ehren des Sabbat zu waschen. Das HauS ist sorgfältig geputzt. Der Sabbatgeist herrscht. Auf dem mit weißer Decke versehenen Tische stehen zwei polierte bronzcfarbene Leuchter mit brennenden Kerzen darin. Stille ringsum. Die Barches sind init einer kleinen weißen Serviette bedeckt. In einer Kristall-Karaffe, von Gläsern umgeben, funkelt der Rotwein. Sabbatstimmung. Ter Hausvater, im Sabbatkaftan geschmückt, steht obenan am Tische und fingt aus einem großen Gebetbuch das „L'chu n'ran'noh" vor. Tie Mutter, in weißer Sabbathaube mit blanken Bändern, sitzt und schaut in eine „T'chinah". Die kleinen Mädchen, sauber gewaschen, in blauen Kleidchen und weißen Schürzchen, das Haar zu kleinen Zäpfchen hinten zusammengekäinnit, sitzen still und hören denr Beten des Vaters zu. Die.ältere Tochter, Vögele, sitzt am Tische. Sie schämt sich nicht mehr. . . . Das Gesicht ist von zarter Rosasarbe, die Augen schauen ausdrucksvoll vor sich hin, und die schwarzen, bogenförmigen Brauen wachen gleichsam über die klugen Augen, die stillschweigend alles beobachten, die roten frischen Lippen sind aufeinander gepreßt: Vögele geht ihren Gedanken nach ... Stille ringsum. Sabbatstimmung. Die leise Stimme des Vaters ertönt allein im Raum; alle hören schweigend zu. Ich stehe am . offenen Fenster. Der greise Wald ist bereits fast eingeschlummcrt im Halbdunkel. In der Ferne zeigt sich noch ein roter Streifen, die Sonne taucht tief in den Wald unter, der alte Wald horcht der Stimme des R. Benjamin, der „den Sabbat empfängt", horcht, sinnt und schweigt . . . R. Benjamins Stimme wird immer läuter, immer lieblicher. Er empfängt den Sabbat nicht mit Jubel und Jauchzen. Es ist Sephirahzeit. Traurig ist der Jude in diesen Tagen, traurig der Wald und traurig auch «dlas „Lecho Daudi" . . . Mit leiser, melancholischer Herzenswärme empfängt R. Benjamin den Sabbat. Mes ringsum ist bereit zum Sabbatempfang. Und siehe, da kommt er vom Walde her, kommt und läßt sich über alles nieder .... Alles ringsum wartet und hört sinnend R. Benjamin zu. Auch 'der alte Wald " will den Sabbat empfangen, sehnt sich nach dem Sabbat und will Gott lobpreisen; die Bäume sind aber stumm. . . Und R. Benjamin ist nun ihr Borbeter, er spricht für sie und sie horchen . . . Und siehe, der Sabbat kommt vom Waldei her und lagert sich über den ganzen Umkreis. Alles ist.still, ruhevoll. Durch das Fenster kommt der Sabbat. Me Lichter brennen, die Barches sind verhüUt, rings um den mit wdkßer Decke versehenen Tisch sitzen alle in Savbattracht. Und der Hausvater geht dem Sabbat entgegen und singt: Scholaum ale’chem, malache haschores! v : Sabbatabend. Die Kerzen sind im Erlöschen begriffen, die Lampe brennt noch, am Tische schlummern die Mädchen, die Köpfchen auf die Hände gestützt. An der Seite sitzt die Mutter, starrt die mit dem Tode ringenden Lichter gn und'hört zu; obenan am Tische sitzt der Vater im Käppchen, im Lehnsessel zurückgelehnt, kaut kalte Bohnen und hört gespannt zu. Die ältere Tochter, Vögele, liest ans einem Buche vor. Ruhevoll und ernst liest das Mädchen die Geschichte vor, die sich einst mit einem großen Zaddik zugetragen hak, der immer peinlich "ans das Sabvathüten bedacht war und deshalb am Freitag Nachmittag nie sein Hans verließ. Einst verirrte sich der Zaddik im Wege. Es war im Winter, an einem Donnerstag. Der Zaddik war nach einem Torf gegangen, um da das Kind eines armen Dorfmannes zu beschneiden. Als er ans dem Rückwege sich befand, hatte ein großer dichter Schnee den Weg verdeckt, der Zaddik verirrte sich in einem Wald, wo er über Nacht blieb. Am folgenden Tage, am Freitag, war der Zaddik sehr betrübt und bat zn Gott, daß 'Er ihn nicht den Sabbat entweihen lasse. Ans einmal hört er eine Uhr irgendwo die Mittagsstunde schlagen. Der Zaddik bleibt nun unter einem Baume stehen und will nicht weiter — es ist bereits Sabbat und er schaut sich um und siehe da: ein großer Palast. Er tritt hinein. An einem Tisch mit weißem Tischtuch fitzt ein Greis mit langem weißem Bart, eine silberne Schnupftabaksdose in der Hand, und lernt. Er nähert sich ihm: „Scholaum Aleichem!" „Aleicheni Scholaum!" — „Ihr habt euch verirrt, sö werdet ihr bei uns den Sabbat zubringen." Ich stehe am Fenster. Stille. Ter Wald schlummert, die Bäume stehen still und hören gespannt der Geschichte Vögele's zu; nur dort, fern im Walde rauscht etwas . . . Die Sterne im hohe» Himmel funkeln lieblich herunter. Ueberall Ruhe, Stille, Sabbat. Und mir ist, als ob ich selber der Zaddik wäre in der Geschichte Vögele's, der sich für einen Samstag nach dem unteren Gan-Eden verirrt hat. . . (AuS dem Hebräischen übersetzt von Bk. G.) Bunte Chronik. Ein jüdischer Bürgermei st er von San Franzisko. Die furchtbare Heimsuchung San Francisco'» ruft die Erinnerung an seinen Bürgermeister Josef Sntro wach, dem die pncifische Metropole einen großen Teil ihres 'Aufschwunges zu danken hatte. Josef Sntro war einer der bedeutendsten amerikanischen Ingenieure. Geboren im Jahre 1830 in Aachen, besuchte er in seiner Vaterstadt die vorzüglichen polytechnischen Schulen, uni in noch jungen Jahren die technische Leitung der ausgedehnten Wollwebereien seines Vaters zn übernehmen. Mer durch die Revolution des Jahres 1848 verarmte die Familie und wurde gezwungen, nach Amerika anszuwandern und sich im Jahre 1850 in Baltimore anzusiedeln. In demselben Jahre jedoch bewog die Entdeckung der Kalifornischen Goldfelder Sntro dazu, nach San Francisco zu gehen, wo er geschäftlich tätig war, bis mehrere Jahre später die Entdeckung der Minen in Nevada ihn dahinzog. Er prüfte dort die Felder, und gründete bald in Tayton (Nevada) eine Stampfmühle zur Ausscheidung der Silbererze, die von technischen und finanziellen Erfolgen begünstigt war. Das Problem der Konstruktion eines Tunnels als Durchgang durch den Comstockpaß, in welchem durch die große Hitze, die ans der Tiefe der Schachte emporstieg, jede Arbeit unmöglich , war, wurde von Sntro gelöst. Im Jahre 1864 reiften seine Pläne. Nach einigen erfolgreichen Anstrengungen, amerikanische und europäische Kapitalisten für sein Unternehmen zu interessieren, gründete er am 4. Februar 1865 The Sntro Tunnel Company, nachdem er vom Kongreß die erforderliche Konzession erhalten hatte. Im Jahre 1879 löste er seine Verbindungen mit der Gesellschaft und kehrte nach San Francisco zurück, wo er während der Kearnyaufstände und Sand-lot 'Agitation seine ganze Kraft einsetzte, um wieder geordnete Verhältnisse zn schaffen, da er die allgemeine Hoffnungslosigkeit und das Mißtrauen in die Zukunft der Stadt nicht teilte. Auch der materielle Erfolg dieser Zuversicht blieb nicht aus; durch die Terrains, die er während der Unruhen erwarb, wurde ec einer der reichsten Leute des Pacific-Abhanges, ungefähr den größten Teil des Gebietes von San Francisco nannte er sein Eigentum; einschließlich Sntro Heights, welche er in einen prachtvollen öffentlichen Park verwandelte, der nach seinem Tode das Eigentum der Gemeinde wurde. Im Jahre 1894 wurde Sntro zum Lord Mayor von San Francisco gewählt. Er war ein reger Sammler von Büchern und Manuskripten und hinterließ eine Bibliothekt von einer Viertel Million Büchern, einschließlich 135 seltener hebräischer Manuskripte — die größte jndische BibliothekinderWelt — die nun alle d u r ch d e n Brand vernichtet worden sind. Er starb in San Francisco am 8. August 1898. Es sei noch bemerkt, daß Josef LUtro ein Großneffe des berühmten Rabbi Abraham Sntro, Landcsrabbiners der Distrikte Münster und Dortmund, gewesen, der, einer der eifrigsten Kämpfer gegen die Reform, sich namentlich durch das Werk „Milchamoth haschem," einen der feurigste» Proteste gegen die Kegel, unsterblich gemacht hat. Vereins-Kalender. Hebräischer Sprachverein. Unterrichtsstunden: Erwachsene: Sonntag früh 8—9 Uhr, Schüler: Mittwoch nachmittags bis 4V-* Uhr. Anmeldungen werden noch angenommen (vor der Unterrichtszeit) iin Lokale Hermcsweg 25/27. Literatur und Kunst. Wil h e l IN v 0 n S ch olz: Der Jude v 0 n Ko nst a n z. Tragödie. München und Leipzig. Georg Müller. Ter 'Arzt Nasson, ein Proselyt, erntet für seine Fahnenflucht bei Juden und Christen wenig Tank. Tie Juden verachten ihn, die Christen mißtrauen ihm. Und das mit Recht, denn er kann das Blut, das in seinen 'Adern rinnt, nicht verleugnen. Er fühlt sich unwillkürlich zu seinen «tammesgenossen doch noch hingezogen, fördert und schützt sie, wo er nur kann. Was ihn dennoch zum Uebertritt bewogen? Heimatsbedürfnis und Seßhaftigkeitsbedürfni», im Grunde also selbstsüchtige Motive trotz Verbrämung und Beschönigung. Diese Vorliebe für sein Volk bringt ihn zu Fall. Er warnt sie in Vermummung vor einem geplanten Pogrom, wird dessen bezichtigt und ist Manns genug, das nicht in 'Abrede zn stellen. Sein Dank: der Scheiterhaufen. Vor dem Tod rettet er noch durch einen klugen 'Appell an die Habgier eines hochverehrlichen Rates und einer noch höherverehrlichen Bürgerschaft der Stadt Konstanz die Juden derselben vor dem gleichen Schicksal und philosophiert dann des Längeren und Breiteren über Weltverachtung, Weltüberwindung, Weltverneinung. Hier ist eine kranke Stelle im Organismus des Dramas. Was bei eineni Jbscnschcn Brand notwendige Konsequenz eines ehernen Charakters wäre, wird bei diesem Willensschwächen, von des Gedankens Blässe angekränkelten Menschen Anmaßung und Großspurigkeit, die ihm weder ansteht noch zukommt. — Von den übrigen Gestakten ist nur Lamlai, der Mann der jüdische» ^elbstwehr, eigenen Blutes voll. Manche Szene ist wirkungsvoll abgestuft, manches geistreiche Wort verrät tiefere Erkenntnis der Zeitströmungcn, auch ist das Bestreben unverkennbar, objektiv Gerechtigkeit walten zn lassen. E. F l a n t e r: A u s ö e n Z e l t e n I a k 0 b s. — E. F lauter: T e r Lebensqne I l. Beides Berlin, Verlag Israelitischer Jugendfreund. Wir möchten diese beiden Bücher für die jüdische Jugend von Herzen gern empfehlen. Manche sinnige Parabel, manche hübsche kulturgeschichtliche Betrachtung, manches wohlgemeinte Gedicht böten auch wohl Veranlassung dazu. Leider ist aber nicht genügend Rücksicht darauf genommen, daß derartige Bücher vor allen Dingen in religiöser Beziehung einwandfrei sein müssen, keine Trübung oder Verwirrung des religiösen Bewußtseins Hervorrufen dürfen, lind das. könnte leicht der Fall sein, wenn z. B. in der Erzählung „Im Zöllnerhäuschen" es als hohes Glück gepriesen wird, daß ein jüdischer Waisenknabe von einem christlichen Zöllner erzogen wird, und wenn schließlich gar noch die Vorsehung pathetisch zum Zeugen angerufen wird. Dieser Brückenwächter aller Zeiten dürste vermutlich kein sonderliches Wohlgefallen daran gehabt haben, es sei denn, daß der Zöllner Koscherküche für seinen Pflegling eingerichtet habe. Noch bedenklicher ist es, wenn Dr. S. Kristeller in dem Aufsatz „Wie die Aboth die Jugend zur Frömmigkeit und schönen Sitte ermahnt haben" mit sorgsamem Bedacht stets die alles überragende Wertschätzung und Bedeutung zw erwähnen vermeidet, die die PirkaAboth der Thauro und ihrem Studium angedeihen lassen, ja wenn ganz unverfroren interpretiert wird: erstens das Gesetz, d. i. der s i t l i ch e Inhalt der Thora. Mit anderen Worten: nur der sittliche Inhalt, nicht die sogen. Zeremonialgesetze. Auch das Kraftsüppchen, das der galizische Hausierer vor seinem Tode von seiner Kundin, der Pfarrersköchin, erhält, dürfte aller Wahrscheinlichkeit nach nicht rituell gekocht sein. Dr. M. Margel, Deutsch-hebräischeS Wörterbuch. Verlag Leopold Klein, Pozega (Skavonien). 1906. S. XVI—867 (Lexikonformat). Einer der großen Vorzüge der modernen hebräischen Literatur besteht vornehmlich darin, daß durch sie die hebräische Sprache sich zu einer wirklich lebendigen entwickelt und umgestaltet hat, zu einer Sprache, die für jeden Begriff das passend hebräisch klingende Wort, für jeden Gedanken den richtigen Ausdruck, für jede wissenschaftliche Mhandlung über irgend ein Kenntnisgebiet den erforderlichen Wortschatz besitzt: Wer daher heutzutage ein hebräisch verfaßtes Buch liest, mag dasselbe philosophischen, geschichtlichen, pädagogischen, sozialen oder politischen Inhaltes sein — der wird das alt gehegte Vorurteil, daß die hebräische Sprache arm an Worten und Redewendungen sei, gänzlich äufgeben müssen.