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Neue jüdische Presse · 1906-05-11 · Heft 18 (11.5.1906) · p. Seite 10

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 18 (11.5.1906)
Date
1906-05-11
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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Seite lu. Frankfurter JfraeiltifcheS Aamüiendtan. Vir. 18 graphcn, Erdarbeiter, Glaser usw. 90 «» derer, die sich gemeldet habe», besitzen das Geld zur Uebcrfahrt. 10«» haben dieses Geld nicht. Tie Barberinögen der einzelnen bewegen sich von 1500 Rubeln bis 50 Rubeln. Unter den Anmeldungen kommen 11«» Mädchen oder Frauen. Alle sprechen jüdisch und russisch. 98 haben angegeben, daß sic auch hebräisch sprechen, deutsch sprechen 14, französisch 4 und englisch 3. Abgesehen von den Studenten gibt es 8 die 8, 14 die 6 Mittelschiilklasscn absolviert habe». Tiefer Tage wird das detaillierte Tätigkeits-Programm der projektierten Gruppcn-Piouiere ausgcürbeitet und durch die Zeitungen der jüdische» Oeffentlichkcit vorgclcgt werden. Zugleich wird der .Termin für eine Besprechung der Gruppenmitgliedcr bekannt werden. * Unter den zahlreichen Organisationen der Palästina-Pioniere, die jetzt in Rußland in Bildung begriffe» sind, verdient der Verein in Sebastopol (Krim) hervorgehoben zu werden. Er besteht aus jungen Handwerkern, Ackerbauern und Arbeitern, die in Palästina eine neue Kolonie nach, dem Muster der chinesisch-japanischen Garten- und Fcldkultur begründen wollen, d. h. auf möglichst klcincin Terrain Lurch rationelle, intensive Bearbeitung ein möglichst großes Ernteergebnis erzielen wollen. Obwohl sie über genügende Mittel verfügen, wollen sic doch das Land, wenn möglich, vom Nationalfonds in Pacht nehmen, da sie prinzipiell das Privateigentum an Grund und Boden ausschließen wollen. Tas zionistische Zcntralburcau i» Rußland veröffentlicht einige Zahlen Über die Auswanderung nach Palästina in den Monaten Januar und Februar . 1906. Es wanderten über Odessa nach. Pa .lästina: im Januar Männer 129 Frauen 97 im Februar 232 197 zusammen: 361 294 im Ganzen 655 darunter im Januar: im Februar: Familien 49 83 zusammen 132 Einzelpersonen 47 63 110 Tos zeigt, daß im Februar doppelt so viel Leute nach Palästina gingen als im Januar. * Tas zionistische Zentralbureau in Rußland gibt ein Berk über die bürgerlichen, politischen und nationalen Rechte der Juden in der Türkei heraus, dessen Abfassung zwei Fachmännern in Konstantinopcl übertragen wurde. Ttratzburg i. Els. Hier hat sich ein Misrachi- Verein gebildet. Herr Emil B i ck h a r d t wurde zum Präsident, Herr G o l d s ch in i d t zum Kasiiercr und Herr O. Großvogcl zum Sekretär gewählt. Würzbnrg. Vortrag. Am 29. April hielt in unserer Ortsgruppe Herr Oberndörfcr aus Fürth einen Vortrag über Theodor Hcrzl. Der Referent entwickelte ein anschauliches Bild des großen Toten und charakterisierte ihn hauptsächlich, als Mensch. An den Vortrag schloß sich eine lebhafte Debatte an. Philippopel, 4. Mai. In einer Hinsicht scheinen die hiesigen Territorialsten und Zionisten einig zu sein in der Bekämpfung der Alliance Israeli t e Universelle. Seitdem die Alliance an der Brüsseler Konferenz keinen Anteil nehmen wollte, loderte der alte Haß gegen sie in den Herzen der bulgarischen Zionisten wieder auf. Anfangs begnügte man sich damilt die Alliance in der Presse zu bekämpfen, dann aber begann man auch Meetings gegen sie abzuhalten. Ein solches Meeting gegen die Alliance fand vor 14 Tagen auf Jnitiattve der Tcrritorialistcn anläßlich ihres ersten Kongresses in der hiesigen schule statt, wo ein großes Publikum erschienen war. Nach einem ausführlichen Vorträge des Herrn Albert Romano über die Ergebnisse der "Brüsseler Konferenz, wurde die Resolution, nicht eher zu ruhen, als bis die mit ihren assimilatorischen Ideen die bulgarische Judenheit vergiftende Alliance die letzte jüdische Gemeinde Bulgariens verlassen haben wird, einstimmig, von Palästinophilcn und Territorialisten, angenommen. Etwa 400 Juden sprachen sich, also gegen eine jüdische Institution aus, zu der man früher wie zu einem Erlöser aufblickte. Das will was heißen. Achnliche Resolutionen wurden in Sofia und Widdin angenommen, wo gleichfalls Meetings gegen die Mliance stattfandcn. * * * Seit kurzer Zeit erscheint hier eine neue jüd. Zeitung in spanischer Sprache „La sein ana" (Die Woche). Die neue Zeitung wurde, von der „Concencia", dem Organ der Territorialisten, mit der Anklage begrüßt, es liege ihr keine jüdische Tendenz zu Grunde, und sic hätte deshalb als jüdische Zeitung keine Existenzberechtigung. Anfangs schien es auch so, aber allmählich erkannte man doch das Ziel der „semana", nämlich die Kluft zwischen Territorialisten und Palöstinophilen zu überbrücken. Besonders die letzte Nummer, die von dem vor kurzem' hier stattgefundcnen ersten territorialistischen Kongreß und einem 'in der Schule gehaltenen Vortrage des radikalen Palästinophilen, Herrn Karl 'Herbst, der sich um den bulgarischen Zionismus große Verdienste erworben hatte, hauptsächlich handelt, läßt deutlich erkennen, daß „La semana" dem politischen Zionismus in Bulgarien das Wort reden will. Möge es ihr gelingen, jede Zwietracht aus den jüdischen Herzen zu bannen, auf daß wir mit vereinten Kräften dem Errcttnngsziele cntgegensteuern können. * * q- Zum zweiten Mal veranstaltete die hiesige jüdisch-national geleitete Schule im Theater „Luxemburg" eine Abcndunterhaltu n g, und zwar mit gleich großem' Erfolg wie voriges Jahr. Taß die Schule sich der Sympathie der hiesigen Bevölkerung in hohem Grade erfreut, beweist das äußerst zahlreich erschienene Publikum. Nachdem ein siebenjähriges Mädchen die Gäste in einem kurzen spaniolischen Vortrage begrüßt hatte, 'wurde die hebräische Szene „Hanrenaja" (die Aktie) aufgeführt. Kinder einer wohlhabenden Familie sind in dieser Szene darum verlegen, welches Geschenk sie mit ihrem vom Taschengeld ersparten 25 Franken dem Vater zu seinen! Geburtstage machen sollen, und da bringt sie ein junger Freund nach, langen Auseinandersetzungen über die Bedeutung des Zionisinus ans die Idee, dein Vater eine Aktie der jüd. Nationalbank zu kaufen. Ter Szene folgte ein hebräischer Chorgesang mit mimischer Darstellung des Inhaltes, welche Programmnummer einen so großen Beifall fand, daß sie wiederholt werden mußte. Tic Kleinen des Kindergartens trugen auch verschiedene, ihnen angemessene hebräische und spaniolischc Gedichte vor. Einer von ihnen setzte sich auf sein Holzpferd, schwang seine Mütze und schrie: „schaloin anaschiin, ani holcch lijeruschalaim", was die heiterste Stimmung hervorricf. In deutscher Sprache wurde von den älteren Schülern eure kleine Szene gespielt und Heines Lorelei in dreistimmigem Chor gesungen. Letztere erntete außerordentlichen Beifall. Tos Programm füllten ferner aus bulgarische, spaniolischc und französische Szenen. Tie hauptsächlichste Rolle spielte jedoch das Hebräische. Außer der genannten hebräischen Szene ist noch eine kleine Operette zu erwähnen, welche das Hirtenleben in Palästina darstellte und durch ihre tieftraurigcn arabischen Melodieen auf die Anwesenden einen rührenden Eindruck ausübte. Tie SoirSe war gegen Mitternacht zu Ende, und die Gäste verließen das Theater, höchst zufrieden mit der Schule und den von ihr angestrebten Zielen. I e r u s ch a l rn i. Rew-Bork. Neue Zeitschrift. Die erste Nuininer einer illustrierten jüdischen Monatsschrift „Das Jiddische Volk" erschien soeben: sie enthält Arbeiten von Jacob Gordin, Joel Sloiirni, M. Mnchevsky, I. Minols, N. Pruszonk usw. Die Zeitschrift wird von der „Dr. Herzl Publication Society" herausgegcben. Wien. Wahl. Der „Brigitt. Tempelverein" wählte Herrn Rabbiner Dr. Arnini A b e l e s 'einstimmig zuin Prediger. . /' Aus den Vereinen. Frankfurt a. M. Im hebräischen Sprachverein „I v r i a" hielt am Sonntag, 29. Älpril, Herr Sackheim- Gießen einen Vortrag ,,H o e in z o i rn l e - h osiz es hadibur h oiwri" (Tic Mittel, das Hebräischsprechen zu verbreiten), in dem er besonders die Wichtigkeit der Gründung hebräischer Sprachvereine betonte. Ani Sonntag, 6. Mai, sprach Herr P e i p e r t über das..Thema: „Die jüdische Emanzipation und d e r Z i o n i s in n s i n R n ß l a n d". Wie bekannt, geht das Judentum än Westeuropa seit der Emanzipation ininier weiter zurück. Viele befürchten dasselbe jetzt auch für die russischen Juden. Ter Referent meint, die Freiheit für sich kann jedem Volke — auch dem jüdischen — nur Glück bringen und ihm mehr Kraft zu seinem Kamps um sein nationales Tasein verleihen. Es hängt aber von den russischen Juden allein ab, ihre nationale Individualität nicht verleugnen zu wollen, wie es bei den westlichen Juden nach der Emanzipation der Fall war, sondern für ihre Nationalität noch mehr und mit größerem Erfolge zu 'kämpfen. Ans der Lehrerwett. Hannover. Israelitische Volksschulen. Fm Regierungsbezirk Hannover sind zwölf israelitische Volksschulen vorhanden: im Kreise Diepholz in den Orten Diepholz und Lemförde, im Kreise Hameln in Salzhemmendorf, im Landkreise Linden in Barsinghausen und Gehrden, im Kreise Neustadt a. Rbg. in Neustadt und Wunstorf, im Kreise Springe in Eldagsen und Pattensen, im Kreise Stolzenau in Stolzenau und im Streife Sulingen in Barenburg. Die Schule in Twistringen, Kreis Syke, ist eingegangen. In den Städten Hannover und Linden bestehen nur 3 Privatschülen. Altona. Ernennung. In der Klaussynagoge ist an Stelle des zum Hauptklausrabbiner ernannten Herrn Rabbinats-Ässessors Dukes Herr Jakob Cohen zum Klausrabbiner ernannt worden. Amsterdam. Jubiläum. Erew Schewuaus find es 80 Jahre, daß Herr Oberkantor I. H' e y - in a n n feine Funktionen ausübt. Zar würdigen Begehung dieses Tages hat sich ein Koiniteee gebildet. Herr Heyinann, der sich auch als Komponist einen Namen gemocht hat, erfreut sich allgemeiner Wertschätzung.! Samstag unterwegs. Skizze von Sch alo in As ch. Siehst du, hier geht kein einziger Windhauch verloren. Nicht, steinerne Straßenpslaster erwärmen hier die Sonnenstrahlen, nicht gegen Steinmauern bläst hier der sanfte Frühlingswind. Schau um dich ringsum, jedes Wehen der Frühlingsluft verursacht eine Oesfiiung der Scholle, jeder Sonnenstrahl lockt Grasspitzen aus dem Boden hervor, und der Wind belebt sie, der Tautropfen sättigt sie, und die Welt Gottes sprießt und blüht ringsum . . . Tie Düfte durchträuken die Luft und verjüngen und beleben alles umher.... Ich wandle einsam des Weges. Fern von Stabt, fern von Dorf; um mich dehnen sich saftige grüne Beete aus. Das Sprießen und Wachsen hat noch nicht seine» Höhepunkt erreicht, alles ringsum blendet noch sticht durch seine reife Pracht, —- alles ist erst im Wachsen begriffen ... Die Erde ist noch da und dort schwarz, kleine grüne Pflauzeiiköpfchen öffnen ihre kleinen Mündchcii, kleine Blümchen, Kiiiderauge» ähnlich, schauen um sich her wie entzückt und jubeln und frohlocken. . Und alles sprießt und wächst zusehends. . . Und droben, über allem, ein weiter, freier, heiterer Himmel. Und ringsum niemand, niemand außer dir, ganz einsam wanderst du da, den Ranzen auf dem Rücken, den Wanderstab in der Hand, und du schreitest vorwärts, in die weite, weite Ferne. Und es ist dir, als ob cs eine Welt gar nicht mehr gäbe, keine Stadt vor dir, keine hinter dir, einsam stehst du auf der Welt da und beherrschest ganz alleine alles ringsum .... Am Waldrand steht eine kleine Hütte, ihre,Wände bestehen aus Brettern; über dem morschen Schindeldach erhebt sich ein schwarzer laidierter Rauchkaniin. Das kleine Häuschen am Waldrande steht ganz vereinsamt und gleichsam in sich gekehrt da. Es sieht, wie alltäglich die Holzfäller mit den Aexten kommen und die Bäume fällen, und es verbirgt das traurige Geheimnis tief in seinem Innern. Ans 'der einen Seite der Wach; hohe, dicht verzweigte Bäume stehen aufrecht wie Gemeinden betender Juden; immer höher und höher breiten sich ihre Zweige aus und sie wandeln hintereinander tief, tief in den Wald ' hinein . . . Dort, tief im Walde, gibt es sicherlich Etwas. . . Mitten aus dem Walde kommt ein Bächlein schäumend herangestürzt und rennt hastig weiter, als ob man ihm dort ein Unrecht zugefügt hätte und cs sich nun beeile, dem Flüßchen, in das es hineinfällt, sein Leid zu klagen... In der Ferne links, hinter den Saatfeldern, kommt auch etwas zum Vorschein, niemand weiß aber, was es sei . . . Auf der Bank vor der Hütte sitzt, dem Walde zugewendet, R. Benjamin. Er raucht seine Pfeife und schaut in die Welt hinein. Er erblickt mich von der gerne und winkte mir zu. „Seien Sie so gut, iR. Jehudi, und bemühen Sie sich hierher," so deute ich seinen Wink, höre aber nichts — die Zwischenstrccke ist zu groß. ' Benjamin, der Waldwächter, wohnt hier schon seit langer Zeit. Das Häuschen ist auf ihn als Erbstück von seinem Urgroßvater übergegangen. Es schien, als ob der Herrgott das Häuschen mitten auf dem Wege als Herberge geschahen habe, damit der wandernde Jude Aufnahme und Bewirtung finde, und so geht es denn von Hand zu Hand. über. Eine Schüssel Dickmilch, frische Sahne und dergleichen sind hier immer umsonst zu haben. Benjamin will für solche „Dinge" kein Geld nahmen. „Wenn ich das' auf den Markt bringe, ist cs ein Artikel," pflegte er zu sagen, „hier aber gehört cs zum „Haushalt", wofür man sich nicht bezahlen läßt." Er erhebt sich von seinem Platze und kommt mir entgegen. Von der Ferne nickt er mir mit dem Kopfe zu und heißt mich stehen bleiben: — „Woher kommt ein Jude? — Sicherlich von Stscheletz nach Gostinin zu Samstag," — versucht er zu raten. — „Sie haben sich vepspätet," — fügt er mit überzeugender Handbewegung hinzu — „die Sonne geht Bald unter." Er zeigt gegen den geröteten Himmel hinterm Walde, und ohne mich lange zu besinnen, folge ich ihm nun aus dem Pfade, der nach'seiner Wohnung führt.

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