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Neue jüdische Presse · 1906-05-11 · Heft 18 (11.5.1906) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 18 (11.5.1906)
Date
1906-05-11
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Beilage zu Nr. 18 des Frankfurter Israelitischen FaMieMalleS. Inhalt der Bellage: Artikel: Sephirogedanken. — Aus aller Welt. — Aus der zionistischen Bewegung. — Aus den Vereinen. — Aus der Lehrerwelt. — Feuilleton: Samstags unterwegs. — Bunte Chronik. — Bereins-Kalender. — Literatur und Kunst. Sephirogedanken. Von Rabbiner Dir. M. L. B a m b e r g e r in Schpnlanke. Me Zeit zwischen Mach und Schewuaus gehört zu den ernstesten Zeiten des jüdischen Kalenderjahres. .Es schweigt die Stimme dev Braut und des Bräutigams, die Töne des Gesanges und der Musik sind verstummt. Nur in unseren Synagogen vernimmt man an den Sabbaten jene ernsten, tiefen Weisen, welche uns künden, daß Israel in diesen Wochen traurige Erinnerungen feiert. Zurück ins Altertum lenkt sich unser Blick, hin zur Schule eines großen Meisters in Israel, wo die Reihe der lernbegierigen Jünglinge in erschreckender Weise gelichtet wird, wo tagtäglich Hunderte von Schülern in die kühle Erde gebettet werden mutzten, weil sie die zum Frieden inahnenden Lehren der Thora unbeachtet ließen, weil des Hasses und der Zwietracht Saat unter ihnen Wurzel gefaßt hatte. Doch auch noch jüngeren Datums sind die Erinnerungen, welckie der Sephirozeit das. Gepräge der Trauer aufdrücken. Me finsteren Zeiten des Mittelalters erscheinen vor unserem geistigen.Auge mit all dem Elend und dem Jammer, wie die jüdischen Geschichtsschreiber aus jenen Zeiten es gemeldet und wie die Synagogendichter in ihren Gesängen es der Nachwelt überlieferten. Gerade in der Zeit zwischen Pesach und Schewuaus war es, wo verblendete, fanatische Massen in der Rheingegend und anderwärts ihr Unwesen trieben und angebliche zur Ehre Gottes unsere Brüder und Schwestern mit herzloser Grausamkeit hinschlachteten. Me Gemeinde Speyer war die erste, welche aus dem Altäre der Glaubenstreue ihr Opfer darbrachte. Am Sabbat, dem 8. Jjar des Jahres 4856, d. i. der 3. Mai 1096, wurden dort elf Personen, darunter eine angesehene Frau, ermordet, weil sie sich nicht taufen lassen wollten. — Und am 25. Jjar wurde die Gemeinde Worms vom gleichen Schicksal betroffen, auch hier wurden Männer, Frauen und Kinder erbarmungslos hingeschlachtet, die Thorarollen wurden geschändet und vernichtet, die übrigen Wertgegenstände geplündert. Mehr als 800 Opfer hatten die Wüteriche gefordert. Me blutgierige Rotte setzte ihren unheilbringenden Weg fort bis nach Mainz, wo sie am 3. Sivan mehr als 1100 unschuldige Menschen grausam hinschlachtete. — „Geseras Tatrn", die Judenverfolgung des Jahres 5648 beschränkte sich jedoch nicht nur auf die Städte Speyer, Worms, Mainz, auch Köln, Neuß, Tanten, Trier, Metz, Boppard, Dortmund und andere Gemeinden der Rheingegend wurden damals eingetragen in das Verzeichnis jener, die für die Heiligung des göttlichen Namens ihr Äben opferten. Alljährlichwenn diese Kalenderzett wiederkehrt, dann denkt Israel an jene Tausende und Abertausende von Märtyrern, die „rascher herbeieilten als die Wler, die mutiger waren als die Löwen, Um den Willen ihres Schöpfers zu erfüllen." Israel dentt ihrer und ehrt ihr Andenken, indem es ihnen und den Schülern Rabbi Akibas zu Ehren aus seinem Kreise bannt die Freude und den Gesang, indem es selbst in seinen Sabbatgebeten ihr Andenken feiert aE „Heilige und Reine", die der Nachwelt als Uachstrrbenswertr Ideale für die Gottesliebe und Gottestteue gelten bis in ewige Zeiten. Aus aller Wett. Deutsches Reich. Berlin. Infolge einer von der sozialdemokratischen Fraktion eingebrachten diesbezüglichen I n - terpellation fand am 3. Mai im Reichstag eine längere Debatte über die von den preußischen Behörden verfügten Massenausweisungen russischer Staatsangehöriger statt. Staatssekretär Graf v. Posadowsky lehnt die materielle Beantwortung der Interpellation ab, denn die Fremdenpolizei sei Sache der einzelnen Bundesstaaten, nicht des Reiches. Mg. Bebel behandelt in einer großzügig angelegten zweistündigen Rede die gesamte Materie. Er weist an der Hand von Tatsachen nach, daß nicht nur revollckionär gesinnte und erwerbslose Russen der Ausweisung verfallen, daß vielmehr die Polizei mit wahrer Begeisterung für die absolute Gleichheit bei diesen Ausweisungen eingetreten ist. Durch diese Ausweisungen wurden die Handelsinteressen schwer geschädigt; allein dreiviertel Milliarden Mark sollen die Ausgewiesenen bei den Berliner Banken niedergelegt haben. Nicht in einem einzigen Falle von den vielen Ausweisungen konnte der Grund' angegeben werden; daß der Betreffende oder seine Familie der öffentlichen Wohltätigkeit zur Last fallen könnte. Wohl aber wird in der russischen Presse jetzt dafür agitiert, deutsche Wären zu boykottieren. Auf Intervention des Hilfsvereins deutscher Juden habe der Minister versprochen, „die Verhältnisse sorgsältig zu erwägen, so daß so wenig wie möglich Schaden gestiftet würde." Mer trotzdem seien alle in Berlin seit 1904 ansässigen Juden ausgewiesen worden. Besonders habe der Minister sich dagegen gesträubt, die seit 1904 zugezogenen russischen Arbeiter, auch wenn sie sich einwandsfrei geführt haben und sich über eigene Wohnung und ausreichenden Verdienst ausweisen, in Berlin zu belassen. Dabei bedeuten die 6—7000 russischen, jüd. Arbeiter, die in den letzten Jahren in Berlin zugezogen sind, gegenüber den 1% Millionen Berliner Arbeitern gar nichts. Me preußische Polizei unterstütze mit aller Macht die Bestrebungen, alljährlich Zehntausende russisch-polnischer Arbeiter an die Grenze nach Deutschland zu schaffen, damit sie den ostelbischen Junkern um Hungerlohn fronten; sie hat nicht das geringste dagegen einzuwenden, wenn die Agenten der rheinischwestfälischen Schlot- und Kohlenbarone bis nach Rumänien reisen und von dort Zehntausende von Arbeitern herbeiholen, damit sie hier Lohndrücker spielen, doch die Juden weist man aus, mögen sie Arbeiter oder Kaufleute, mögen sie arm oder reich sein. Me Sozialdemokratie habe das lebendige Interesse daran, daß die Russen, die zu uns kommen als' Hülfesuchende, bei uns in allen Ehren und aller Freundschaft ausgenommen werden, wie es unter anständigen Leute» Sitte ist. Heute sind sie vogelfrei und rechtlos, heute entscheidet die Polizeiwiilkür in der gewissenlosesten Weise. Ganz mit Recht hat Herr Spahn neulich gesagt: „Ter Ausländer genießt nicht de» Schutz unserer Gesetze, aber die Kulturanschauüngen, die in unserer Verfassung niedergelegt sind, haben wir zu beachten gegenüber den Ausländern. Wenn diese auch keinen Rechtsanspruch gegen den Staat haben, so hat doch der Staat Pflichten. gegen seine Ehre und gegen sein Ansehen." — Zum Schluß verlangt Bebel „ein Fremdenrecht für das gesamte Deutsche Reich". Wg. v. Oldenburg (kons.) meint, daß es im Interesse der deutschen ansässigen Juden, die ja auch die russischen Juden nicht hier wünschen, liege, daß die russischen Juden nicht in Deutschland bleiben. Es sei zuzugeben, daß bei der Ausweisung auch Jrrtümer unterlaufen, aber es sei schon besser, man gehe mit etwas mehr Härte vor, als zu schlapp. Mg. Pohl (Freist Bp.) erklärt die zahlreichen Ausweisungen nach seiner Ansicht als flagrante Rechtsbrüche; gerade auf dem Gebiete des internationalen Rechts müsse Treu und Glauben in ganz besonderem Maße walten. Mg. Spahn (Zentr.) betont, daß der Reichstag verlangen könne, daß ihm Rede und Antwort gestanden wird über solche AusweisuUgen, damit der Reichstag beurteilen kann, ob es notwendig ist, reichsgesetzliche Maßnahmen über das Fremdenrecht zu treffen. Nachdem noch die Antisemiten Lattmann und Bruhn im Sinne von Oldenburg's, und v. Carlinsky (Pole), Bass ermann (natl.), Schräder (Frs. Vrgg.) und Hule (Soz.) in der Auffassung der anderen Redner gesprochen haben, ist die Debatte über diesen Gegenstand beendet. Rußland. Warschau. Neue Zeitungen. Der General- Gouverneur hat die Herausgabe folgender hebräischer und jüdischer Zeitungen gestattet: Dr. I.' Frankel: Wochenblatt „Kaul Raufim", Elijahn Akiba Rabbinowih : 2 Tageszeitungen, auf hebräisch „Hapeles" und auf jiddisch „Der Telefon", M. Weber: Wochenblatt „Das freie Wort", I. L. Perez, Dr. I. Mjaschaw u. Tr. I. Wortsmann: Wochenblatt „Jiddisch". Palästina. Jerusalem, 29. April. Die Alliance Jsraelite Universelle hat hier zum Sommersemester eine Mädchenschule, vorerst mit 80 Schülerinnen, eröffnet. Me Leitung hofft, in der Folge sich einer größeren Frequenz ihrer neubegründeten Schule zu erfreuen, zumal seitens der sephardischen Bevölkerung, indem ihrer Mundart die französische Sprache näher als alle anderen steht. Das vor 4 Fahren von Chochawim mtt Hilfe eines Alliance-Beamten, dessen Busenfreund ein gewisser I. M. istgegründete sephardische Kna- Senwajfenh aus, bis heute in einem Mietlokale untergebracht, schreitet nunmehr an die Erbauung eines eigenen Heims. Der Grundstein ist bereits gelegt. Dasselbe verspricht ein stattlicher Bau zu werden. Zur Erwerbung des Grundstückes, außerhalb der Stadt, unweit der Mliance-Schule gelegen, trug ein bucharischer Jude 1300 Napoleons bei. Natürlich fließen namhafte Unterstützungen auch aus Paris ein. ij» hat der genannte Herr, obgleich sonst zu schaden geeignet, denn doch auch etwas Gutes gestiftet. Allerdings werden auch Hier die schon bereits bestehenden Anstalten darunter leiden. Das bestättgt uns aber den Ausspruch unserer Weisen: „Tie Gefälligkeit gewisser Leute ist nie vollkommen'" Ein M ä d ch e n w a i s e n h a u s endlich ist von drei notorisch armen Müßiggängern voriges Jahr gegründet worden, das schon heute so tief in Schuldensteckt, wie fast nicht ttefer im Schmutz. Das gute Beispiel findet doch seine eifrigen Nachahmer. Einige. Verlegenheit macht blos die Erfindung eines Namens, welcher einen guten Klang hat. Ist einmal dieser gefunden, so ergibt sich alles andere von selbst. Eine zuverlässige Kontrolle könnte doch hier manch' Gutäs schaffen. — Am letzten Pesachtage entlud sich über Jericho ein wolkenbruchartiges Ungewitter, das' jedoch, ohne erheblichen Schaden angerichtet zu haben, verlief. So ein Gewölk ist im Helligen Lande seit Menschengedenkcn nicht gesehen worden. Mitten am. hellichten Tage trat plötzlich völlige Finsternis ein,, welche durch wetterleuchtende Blitze durchzuckt, von unheimlich grellem, mächtig rollendem Gedonner ge-' folgt, die arabische Bevölkerung in nicht geringen Schrecken versetzte. Sie glaubten, der jüngste Tag' sei angebrochen. Zlls das Unwetter sich legte, ging, ein ruhiger, segenbringender Malkosch^Regen, der letzte. wohl in diesem Jahre, nieder. Wenn sich nun der Tan dem Regen gleich einstellen wird, dürfen wir ans ein gesegnetes Fahr hoffen. Haamüthst Aus der zionistischen Bewegung. Frankfurt a. M. Die Tagesordnung für den am 4. und 5. Juni in Hannover stattfindenden 10. Delegiertentag der Zionistischem Bereinigung für Deutschland lautet: 1. Eröffnungsrede und Ansprache des Präsidenten des Zentralkomitees; 2. Bureauwahl; 3. Bericht des Zentralbureaus und der Kommission;' 4. Referat: Me allgemeine Lage der zionistischen Bewegung; 5. Mskussion über den Rechenschaftsbericht und Decharge; 6. Palästinafragen; 7. Pressereferat; 8. Eventualia; 9. Neuwahlen. Zu Punkt 6 liegt bereits ein Antrag der Ortsgruppe Hamburg-Altona vor, für Deutschland einen Palästina-Schekel einzuführen. Die Namen der Referenten werden noch bekannt, gegeben. Me Berhandkungen werden Montag pünktlich um 9 llhr morgens beginnen. Die Zentralkoiniteesitzung findet Sonntag, den 3. Juni, nachmittags 6 llhr, statt. Frankfurt a. M. Dienstag Abend fand eine Mttgliederversammlung der hiesigen Ortsgruppe statt: Tagesordnung: Der Delegiertentag in Hannover und Wahl bon Delegierten zum Delegiertentag. Me Diskussion wurde durch einlettende Worte des Herrn FritzSondheimer eröffnet und gestaltete sich zu einer sehr angeregten. Als Delegierte wurden einstimmig die Herren Tr. med. Hanauer, Referendar Tr. jur. Schwarzschild und Lehrer B. Stern gewählt. Berlin. In der ,^üd. Rundschau" lesen wir unter der Uebcrschrift Paläst ina-Pioniere: „Das Odessaer Organisations-Komitee der jungen Pioniere, die nach Palästina gehen wollen, teilt folgendes mit: Auf den Aufruf des Komitees haben sich Hunderte junger Leute gemeldet. Bis zum 19. März hat das Komüee über 400 Zuschriften aus verschiedenen Orten Rußlands und Galiziens erhalten. Alle Briese sind erfüllt von Begeisterung und Feuer. Es meldeten sich ganze Gruppen von 30», 20 und 10 Personen ans Akerman, Bialostok, Nikolajew, Uman, Borissow, Lenkowetz, Warschau, Nischni- Nowgorod, Smargon rc. Unter denen, die sich als Pioniere melden, stehen 86 Personen im Aller von 18 Jahren, 79 im Alter von 19 Jahren, 63 im Mer von 20 Jahren, 31 im Mer von 21 Jahren, 34 im Mer von 22 Jahren, 26 im Mer von 23, Jahren, 12 im Alter von 24 Jahren. Me übrigen haben ein Mer von 25—30 Jahren. Dem Beruf, nach sind unter anderem: 10 Arbeiter verschiedener Kltteaorien, 14 Schlosser, 12 Schneider und Modisten, 10 Tischler, 29 Pharmazeuten und Drogisten, 9 Uhrmacher, 7Schuhmacher, 5 Strumpfstricker, 6Photogra<^ phen, 5 Maler, 4 Heilgehilfen, 3 Gamas chenmacher, 5 Goldschmiede, 3Hut? macher, 3 Ingenieur-Techniker, 2 Ingenieur-Technologen, 5 Studenten, 8 Barbiere, 26 aus dem Kaufmannsunp tandelsstand. Außerdem haben sich aemeDet ahnärzte, Elektromechaniker, Thpo<

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