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Neue jüdische Presse · 1906-05-11 · Heft 18 (11.5.1906) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 18 (11.5.1906)
Date
1906-05-11
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 18. sache muß ihm als Verdienst angerechnet werden. Seiner hauptsächlichen Mitwirkung, ja seinen vielleicht viel größeren Anstrengungen, als wir vermuten, gelang es endliche und zuletzt doch, das Schifflein der Reichsduma auf brandenden Wogen, zwischen Scylla und Charybdis, glücklich in den Hafen zn geleiten." Aus aller Wett. Deutsches Reich. Berlin» 7. Mai. Der Hilfsverein der Deutschen Inden hat, nachdem seine von den jüdischen Organisationen Englands, Amerikas und Oesterreichs und hervorragenden Einzelpersönlichkeiten anderer Länder unterstützten Anregungen zur Besserstellung der marokkanischen Juden einen erfreulichen Erfolg gehabt haben, Veranlassung genommen, dein Reichskanzler Fürsten v. Bülow, dein Botschafter Herrn von R a d o w i tz, Herrn v. White und dem Herzog von Ä l in o d o v a r für die Förderung seiner Bestrebungen gelegentlich der Marokkokonferenz seinen Dank zu übermitteln. Berlin. Zu den Russen-Ausweisungen hat der Minister des Innern der Berliner Handelskammer auf eine Eingabe folgenden Bescheid erteilt: Ter Handelskammer erwidere ich auf das gefällige Schreiben vom 28. April d. I. ergebenst, daß Ausweisungen russischer Staatsangehöriger nur insoweit erfolgen, als staatliche Inte reffen solche erfordern. Es ist angeordnet, daß jeder einzelne Fall unter diesem Gesichtspunkt sorgfältig st er Prüfung unterzogen wird und die Interessen von Handel und Industrie hierbei möglichste Berücksichtigung erfahren. Sollte im 'Einzelfalle eine Ausweisung zu Härten führen, die vermeidbar sind, so werden die Polizeibehörden Abhilfe schaffen. gez. v. Bethinann-Hollweg. Daß das staatliche Interesse es erfordert, harmlose Geschäftsleute, Angestellte und Arbeiter auszuweisen, wird der Minister Niemandem plausibel machen können; auch war von einer sorgfältigen Prüfung jeder einzelnen Ausweisung bisher noch nichts zu merken. Berlin. Das „Berl. Tgbl." meldet, daß in S o s n o w i c e in den letzten Tagen verschiedene Versammlungen stattgefunden haben, in der zu den Au sw e i su n g e n von tu s s i s clse n Staatsangehörigen a u s B e r l i n Stellung genomnicn wurde. Es wurde beschlossen, die Maßnahmen mit cinein Boykott deutscher Exporteure zu beantworten und die polnischen Werke zur Entlassung der deutschen Beamten innerhalb dreier Monate aufznsordern. Diese Versammlungen waren freilich nicht allzu stark besucht; sie werden aber als Vorläufer für eine allgemeine große Versammlung angesehen, die in den nächsten Tagen stattfinden soll. Auch zu dem G-cnzvcrkehr mit den benachbarten deutschen Städten Kattowitz nsw. will man Stellung nehmen. Die Beschlüsse sollen den Interessenten in anderen polnischen Städten zugängig gemacht werden, damit diese sich dem Vorgehen anschließen. Berlin. Für Auswanderer! Der Jüdische Volksverein in Berlin, Sophienstr. 20, hat ei» M e r kb l a t t herausgegeben, das nützliche Anweisungen enthält für diejenigen Auswanderer, die durch Berlin kommen, sowohl für ihren Mrfenthalt in Berlin, als auch für die Weiterreise von dort. — Das neueste Korrcspondenzblatt des „Zentralbureaus für jüdische Answanderungsangelegenheiten" gibt eine tabellarische Uebersicht über die Bedingungen, unter denen in Canada Land erworben werden kann. Dabei muß aber darauf hingetviescn werden, daß ein Erfolg für einen selbständigen Landwirt nur'dann zu erwarten ist, wenn der Erwerber eines Grundstückes inittdestcns 2000—3000 JL für das Inventar und die Einrichtung aufwenden kann, und Ivcnn er durch vorherige praktische landwirtschaftliche Arbeit in Canada sich mit den einschlägigen Verhältnissen aufs ' genaueste vertrant gemacht hat. Cassel, 6. Mai. Jubelfeier. Gestern Mittag beging das i s r a e l i t. Waisenhaus in feierlicher Weise das Fest seines fünfzigjährigen Bestehe n s. Als Vertreter der Behörden Ivaren der Regierungspräsident Graf v. Bernstorff, der Polizeipräsident Frhr. v. Talwigk, der landesherrliche Kommissar, Negierungsrat Goedecke und — in Vertretung des Oberbürgermeisters — Bürgermeister Jochmus erschienen. Tie Verwandten des Stifters der Anstalt und zahlreiche Freunde und Gönner hatten sich eingefunden. Nachdem die Zöglinge einen 'Psalm gesungen, gab Herr Alexander Fiorino, der Vorsitzende des Kuratoriums,-einen Ueberblick über die Geschichte der Anstalt, die '1856 auf Grund einer testamentarisch gemachten Stiftung von 60000 JL des 1855 vcrstor-, Seiten Bankiers Philipp Feidel gegründet worden war. Tie Familie Feidel und die mit ihr verschwägerte Familie Goldschmidt haben auch weiter durch mehrfache erhebliche Stiftungen ihr lebhaftes Interesse für das Waisenhaus bekundet. Zum Jubeltage hat Herr Kommerzienrat Aschrott der Aschrott-Stiftung Frankfurter JsraeMsHes FamilienKaL. von 24000 JL weiter 30000 JL hinzugefügt. Nach der Rede des Vorsitzenden hielt der neue Landrabbiner, Herr Dr. D o c t o r, die Gedenkrede auf die »entschlafenen und sodann sprach' Herr Regierungspräsident Graf v. B e r n st o r f s sehr warme Worte. Taß die Regierung mit 'Anerkennung auf die Leistungen der Anstalt blicke, erhelle die Verleihung des Kronenordcns IV. Klasse an den Waisenhaus-Inspektor Scheye zu dem lieutigen Tage; die Geschichte der Anstalt, die der Vorsitzende soeben entworfen, sei ein beredtes Zeugnis des Wohltätigkeitssinnes und der Menschenliebe der Casseler Israeliten. — Nachdem noch Herr Justizrat Tr. Rothfels namens des Borsteheranites der Israeliten, sowie ein früherer Zögling gesprochen, fand die schöne Feier mit einem Gesang der Anstaltszöglinge ihren Mschluß. Nürnberg. Statistik. Es liegt jetzt das offizielle Ergebnis der Ausscheidung nach Konfessionen auf Grund der letzten Volkszählung vor; demnach zählt Nürnberg unter 294 431 Einwohnern 6819 Juden. Hamburg. Auswanderungsziffern. In den ersten vier Monaten dieses Jahres betrug die Auswanderung über Hamburg 58 350 und über Bremen 75148 Personen gegen 51674 bezw. 83 791 im Vorjahre.! Breslau. Dem jüdischen Krankenhause ist ein ansehnliches Legat zugefallen. Der vor Kurzem verstorbene Rentner Isidor Fuliusburger aus Breslau hat au die israelitische Krankenverpflegungsanstalt und Beerdigungs-Gesellschaft in Breslau seinen reinen Nachlaß testamenstarisch vermacht. Derselbe bewertet sich auf rund 25 800 JL, wozu noch ein Legat im Betrage von 12000 JL kommt. Die landesherrliche Genehmigung ist erfolgt. Konstanz, 7. Mai. Russische Juden auf dem Bahnhofe. Auf dem hiesigen Bahnhofsplatz lagerte gestern Nachmittag ein Trupp nach Amerika (offenbar über Genua) durchreisender russischer Juden, mit Frauen und Kindern etwa 80 an der Zahl. Sie wurden während ihres kurzen Aufenthaltes von Menschenfreunden gastlich bewirtet und beschenkt. Die Szene bot einen ergreifenden 'Anblick russischen Elends. „Frankst. Ztg." Kattowitz. In der „Kattowitzer Zeitung" lesen wir: „Daß der Saal gestern bei dem 6. philharmonischen Konzerte voll war, ist wohl in erster Linie auch der letzten Programm - Nummer, Hermann Zivil's Tonbild „lieber Babylon nach R o m" zn danken, das hier seine Uraufführung erlebte. TieseS ungemein interessante Opus, welches an der Hand geschichtlicher Ereignisse uns die ältesten jüdischen Melodien, glänzend gesetzt und instrumentiert, vorsührte, hatte einen stürmischen Erfolg. Als Tirigent erschien Herr Oberkantor S. Singer. Es war wohl kein anderer so wie er dazu berufen, das bedeutungsvolle Werk in die Oeffentlichkcit zu bringen. Ungemein sorgfältige, niemals pedantische Ausgestaltung der Tietails und echte Inspiration kennzeichneten sein Tirigententalent; ihm ist eZ zn danken, daß die Symphonie so künstlerisch und genußreich ihre Erstaufführung erlebte. Es war eine Freude, zu beobachten, tvic das gesamte Orchester dem leisesten Wink des Dirigenten folgte, mit welcher Lust und Liebe der Einzelne bei der Sache war, wodurch es ermöglicht wurde, daß jede der zahlreichen schönen Melodien, an denen das Werk so reich ist, voll zur Geltung kam. Ter stürmische Beifall, der wiederholte Hervorruf, sowie ein prachtvoller Lorbeerkranz mit Schleife waren der beste Beweis dafür, daß Herr Oberkantor S. Singer, der auch als begabter und feinsinniger Musiker bereits verdienten Ruf genießt, seine Aufgabe zur vollsten Zufriedenheit löste. Oesterreich -Ungarn. Wie». Demission. Das Mitglied des zionist. Aktionskomitees Oskar M a r m o r c k hat jn seiner Eigenschaft als Vorstandsmitglied der hiesigen Kultusgemcinde demissioniert. Die Demission hat ihre Ursache in der Beteiligung des Vorstandsmitgliedes Ritter von Tanssig an der russischen Anleihe, wogegen Herr Marmorek öurch seinen Austritt seine Entrüstung knndgab. Lemberg. Allgemeiner Gemeindetag. Me verlautet, haben die hiesigen führenden Persönlichkeiten deit Beschluß gefaßt, aus Ende Mai einen allgemeinen Gemeindetag der galizischen Jüdcnheit zusammenzurufen. Budapest. Palästina-ESrogim. Der Rabbiner von Waitzen richtet ini „Tel-Talpiaus" einen Aufruf an sämtliche Rabbinen des Landes, der zu sofortigen Sammlungen von Bestellungen auf Palästina-Esrogim auffordert. Tie eingelaufenen Bestellungen wird der Waitzener Raw durch den Kaulel in Jerusalem oder durch zuverlässige palästinensische Kaufleute effektuieren lassen. Budapest. Jüdische Abgeordnete. Die Zahl der neuen Mgeordneten, die der jüdischen Religion angehören, beträgt vierzehn. Tie Namen derselben sind: Samuel Bakony (Debreczin), Dr. Ludwig Fried (Munkacs), Eugen Molnar (Szentes), Tr. Aladar Rajk (Baja), Tr. Emanuel Schag (Sillein), Dr. Ernst Brody (Ragy-Sellesch), Dr. Wolf Leitner (Miskolez), Wilhelm Mesefy (Segwar), Paul Szandor (Budapest), Ludwig Hirtenstein (Mezö-Kaszony), Dr. Seite 3. Sigmund Fartcaschhasy-Fischer (Elerd), Tr. Samuel Kolomon (Szatmar), Moritz Salmary (Margitta), Tr. Wilhelm Wasczony (Budapest). Es ist möglich, daß noch ein oder zwei M geordnete jüdischer Religion gewählt worden sind. — Im vorigen Mgeordnetenhause saßen 21 jüdische Mgeordnete. Budapest. Einen getauften Juden als antisemitischen Abgeordneten-Kandid a t e n, dieser Originalität dürfen sich die abgeschlossenen Wahlen rühmen. Ter Mann heißt Dr. Bela Landauer und hat sich erst vor einigen Jahren getauft, um sich, die Beamtenkarriere zu erleichtern. Er begann diese als Staatsbeamter in Sarajevo, wurde später llnternotär des Honter Komitates ünd hat es nun zum Wgeordnetenkandidaten der antisemitischen Volkspartei gebracht. Er hat die Absicht, Csaktornya mit seiner Landesvaterschaft zu beglücken. Die Csaktornyaer Wähler scheinen aber noch nicht allen Sinn für Moral und guten Geschmack verloren zu haben, denn als der jüdische Antisemit behufs Abhaltung seiner Kandidatenrede in Csaktornya erschien, wurde er mit Steinwürfen und Eiergeschossen empfangen, sodaß er unverrichteter Tinge .abziehen mußte. Schweiz. Basel. Jn einem gedruckten Bericht legt die A r m e n k o m m i s s i o n der hiesigen Gemeinde Rechenschaft ab über die Ergebnisse des Jahres 1905. Tie 'Ausgaben sind im Verhältnis zu de» Einnahmen gestiegen^ wodurch ein größeres Defizit entstanden ist, weshalb sich die Kommission veranlaßt sicht, an die Mildtätigkeit der Gemeindemitglieder zu appellieren. Eingenommen wurden im ganzen Fr. 14 765.27. An Passanten wurden verteilt Fr. 4640.40, für Reisevergütungen verausgabte man Fr. 1654.25. Im ganzen wurden 1135 Personen resp. Familien unterstützt. Ter Bericht macht auf die bekannte Tatsache aufmerksam, daß die meisten Passanten plan- und ziellos in der Welt herumreisen und daß die großen Geldsummen, die überall, wo jüdische Herzen schlagen, den Unglücklichen verabfolgt werden, nur den Eisenbahnen und den Herbergen zugute kommen. Nach der Heimat waren von den Unterstützten 168 aus Deutschland, 277 aus Oesterreich, 472 aus Rußland nsw. Die 'Armen Basels und Umgegend wurden mit ca. 9000 Fr. unterstützt. Frankreich. Paris. Der neue Handelsvertrag 5 tu i f cf) en Frankreich Und Rußl a n d enthält die Bestimmung, daß die fr a n z ö s i s ch e n I u d en in Rußland die gleichen Rechte wie alle anderen Franzosen genießen. Großbritannien. London. S t a t i st i k. Nach den neuesten statistischen Zahlen wohnen in England und Irland ca. 250000 Inden und in den englischen Kolonien ca. 103000 (Malta 58, Eypern 118, Indien 18 228, Kapland 25 000, Kanada 16 401, Australien 16 850 usw.) Juden. Rußland. Petersburg. Der Verein für jüdische Gleichberechtigung hat nach Finnland einen Delegierten geschickt, der sich wegen Abschaffung des Gesetzes, das 'den Juden den Aufenthalt in Finnland verbietet, bemühen soll. Petersburg. Der hier tagende Kongreß der konstitutionell-demokratischen Part ei nahm e i n st i m m i g nachfolgenden Beschluß an betreffend die Tätigkeit der Partei in der Reichsduma: „Tie Tätigkeit der Partei zielt darauf hin, die Lösung der folgenden grundlegenden 'Aufgaben, die zu dem Programm der Partei gehören» auf gesetzlichem Wege herbeizuführen, nämlich die individuelle Unverletzlichkeit und Gleichheit für a l l e B ü r g e r o h n e U n t e r s ch i e d d e r N a t i onalität, der Religion, des Geschlechts und des Standes, die bürgerlichen Freiheiten, die Einführung des Wahlrechts mit dem allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrecht in geheimer Abstimmung ohne Unterschied des Geschlechts, ebenso für die nationale Vertretung wie für die lokale Selbstverwaltung, die gesetzgeberische Regelung der 'Agrarfrage, die unverzügliche Inangriffnahme von Maßnahmen betreffend die Arbeiterfrage, die Befriedigung der rechtmäßigen nationalen Forderungen. Tie Partei will sich bemühen, diese Ziele zu erreichen, ohne in ihrem Bestreben vor der Möglichkeit eines offenen Bruches mit der Regierung innezuhalten; aber sie will derart ■ handeln, daß im Falle eines Konflikts jeder Fehler und jede Verantwortlichkeit auf die Regierung zurückfällt." Petersburg. Jüdische Abgeordnete in Rußland. Bis jetzt sind elf Juden in die Reichsduma gewählt worden, und zwar: Dr. Winawer, einer der bedeutendsten Führer der „Kadetten-Partei", die Schriftsteller Zolles, .Ostrogorski, ferner Dr. Frenkel, Advokat Bramsvn, Wvokat Scheftel. Die übrigen fünf jüdischen Mgeordneten sind bekannte Führer der Zionisten, nämlich: Dr. Levin- Wilna, Dr. Bruck-Wittebsk, Rechtsanwalt Jacubsohn- Slonim, Rechtsanwalt Rosenbaum-Mins.k und Dr. Katzenelsohn-Libau, der Präsident der Jüdischen Kolonialbank in London.

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