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Neue jüdische Presse · 1906-05-11 · Heft 18 (11.5.1906) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 18 (11.5.1906)
Date
1906-05-11
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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-- ,,r: :vr-,^„ ,. - -,,. ,-^y,;y. ,Jky; Kll.*. Seite 2. Frankfurter JsraelitiDeL FamilieMatk. Nr 18. Die Woche. lichste Elemente Parsumgeruch und Puderstaub sind, zehren ihn vollständig auf. Er sicht sich gezwungen, Samstag zu arbeiten, und damit entfernt er sich Stufe nach Stufe von den Traditionen der Väter. Dazu kommt die seit einem Dezenium in Frankreich herrschende F-rcigeifterci, die zu beurteilen 5hm die Bildung und Selbständigkeit des Urteils fehlt. Tic sieben Synagogen im Herzen des Pariser Ghetto's werden von ihm kaum besucht, und daß er dort sein allgenieines Wissen bereichern könne, ist noch eine diskutierbare Fraget Ta er ausschließlich sich in einem ostjüdischen Milieu.bewegt, in jüdischen Restanrants speist, nur jargonsprechendc Juden seine Kameraden nennt, bleibt ihm die französische Sprache für alle Ewigleit ein Buch mit sieben Siegeln. Ich brauche es nicht einmal hervorzuhebcn, daß er über französische Literatur sich sehr ungern unterhält. Nur die bittere Schale der französischen Kultur beeinflußt ihn, unter ihre innere sittliche Kraft kann er sich nimmer stellen. Unwissend und verlassen, schwelgt er in der Pracht höchster menschlicher Kultur, ohne cs sich zum Bewußtsein kommen können zu lassen, daß alles, was sich seinem Blicke offenbart, seinem Auge darbietct, die subtilsten Schöpfungen menschlichen Geistes und Genies ist. Tie einzige Kulturgattung, die der jüdische Arbeiter in Paris psiegt, ist die Whitchapeler Jargonpresse mit ihrem jargonischcn Inhalt. In de» banalen Marktwitzen und Schneidergeist des Brillischcn „Spcschel" und „Telephon" findet er sich zu Hause. Trotzdem, daß die genannte Krautprcsse im Pariser Ghetto sich einer großen Leserschast erfreut, ist cs bis jetzt nicht gelungen, am Platze selbst einer jüdischen Zeitung die Existenz zu sichern. Es haben schon mehrfach unternehmungslustige Jargonmayers versucht/ eine Zeitung herauszugeben, aber alle Versuche scheiterten. Tas allein bekundet schon die jüdisch-moralische Kraft unserer Pariser Arbeiterschaft. Nur von einem Ideal wird der Pariser jüdische Arbeiter der kleinen jüdischen Werkstätten getragen, nämlich. „Patron" (Arbeitgeber) zu werden. Dieses Ziel zu erreichen, hängt vielfach von den Kenntnissen der örtlichen Verhältnisse und von den Unternehmungsfähigkeiten des danach Strebenden ab. Natürlich muß ihm auch das Glück hold sein. Man begegnet oft „Patrons", die mit einem Fuße in ihrer eigenen Werkstätte und mit dem andern in einer fremden Wcrkstätte stehen. Wird dem frischgebackenen Patrone die Patronensohle zu heiß, daun wirst er rasch sein Habit ab und legt schnell wieder seinen Arbeitskittel an. Ter Ostjude macht von seinen Kombinationsfähigkciten ausgiebigen Gebrauch, und fegt der Wind sein Lustschloß weg, ist er selbstverständlich erzürnt und möchte den Donner des Himmels auf Paris herab beschwören; voll Lebensüberdruß denkt er an den Wanderstab, was natürlich seiner Akklimatisierung vorbeugt. Viel günstiger gestaltet sich das Los jener jüd. Arbeiter, die i.n großen französischen Etablissements beschäftigt sind. Ta sie mit den ftanzösischen Arbeitern in direkte Berührung kommen, überwinden sie in kurzer Frist die Sprachschwierigkeit, sie eignen sich rasch die Landessitten an und treten so nach und nach in die französische Gesellschaft ein. Ter französische Arbeiter ist bekanntlich kosmopolitisch gesinnt und steht in schärfster Opposition gegen die schwarze Sippe des Klerikalismus und Nationalismus. Er ist von der Seuche des Antisemitismus nicht angesteckt, und steht, wie jedem Frenrden, auch dem srcniden Juden freundlich gegenüber. Er stellt sich schnell auf Fremidschaftsfuß mit seinem jüdischen Kollegen, führt ihn allmählich in seine Parteiverhältnisse ein, er zeigt chm die Bildungsstätte, die in jedem Quartier sich befindende Volksuniversität, und ist neben dem Freund auch sein Lehrer und Erzieher. Tie französische Vollsuniversität ist eine der berühmtesten Kulturinstitutionen des französischen Volkes. Gegen den Entgelt von fünfzig Centimes monatlich .hat jedes Mitglied das Recht, die Vorlesungen, die an jedem Abend über verschiedene Themata gehalten werden, zu besuchen. Auch hat jeder Arbeiter Gelegenheft, in diesem Institute seine elementare Blldung in großem. Maße zu bereichern. Ter jüdische Arbeiter macht/ von diesen kufturellen Darbietungen Gebrauch, lernt.dort die Sprache und die clemeiftaren Kenntnisse, so daß im Laufe von einigen.Jahren aus dem unwissenden jüdischen.Arbeiter ein gebildeter mch gesitteter Mensch wird. An anderer Stelle bringen wir auszugsweise die Reden, die die Abgeordneten Bebel u. von Oldenburg zu der „In tc rpclla t i o n üb er di e Ausweis» n gen von Russe n" im Reichstage gehalten haben. Wir verbinden damit nicht etwa chic Absicht, zu zeigen, in welchem Läger die Sympathien und in welchem die Antipathien uns Juden gegenüber zu suchen seien — ist es doch eine längst bekannte Tatsache, daß die Parteien des Rückschritts in allen ihren Schattierungen mehr oder minder judenfeindlich sind, während alles, lvas Fortschritt heißt, den Juden, wenn auch nicht ganz, so doch seiner Richtung und seinen Prinzipien gemäß teilweise, freundlich gesinnt ist —; auch liegt es uns fern, den Beweis zu liefern, wie ungerecht und unbegründet das Vorgehen unserer Regierung gegen unsere Brüder ist, denn dieses bedarf keines Beweises: worauf wir hier aufmerksam machen wollen, ist die Tatsache, daß die Reichstagsdebatte den Beleg für unsere in der vorigen Nummer vertretene Ansicht gebracht hat, nämlich, daß ein gut Teil Schuld den deutschen Jude» selbst zur Last gelegt werden muß, indem diese durch ihre Abneigung gegen ihre östlichen Brüder der Negierung ein schroffes und ungerechtfertigtes Vorgehen erleichtern. Sagte doch der konservative Abgeordnete von Oldenburg in seiner Antwort ans Bebel: „Im Interesse der deutschen ansässigen Juden kann es ja nur liegen, daß die russischen Juden nicht in Deutschland bleiben. Tenn sie bedanken sich ebenso wie wir für diese Gesellschaft." Und wie häufig kann man bei Verwendung für ausgcwieseuc russische Jirden von der Polizei die Antwort hören: „Was wollen Sie denn? Unzählige Briefe Ihrer Glaubensgenossen ersuchen uns ja um die Ausweisung der Russen!" Die Unsolidarität, die sich hier kundgibt, ist tief beschämend. Oder glaubt inan, daß das bischen Almosen, mft dem wir unsere Brüder unterstützen, uns' aller weiteren Pflichten gegen sie lediglich sprechen? — Wahrlich, anstatt an andere Nationen um Gerechtigkeit zu appellieren, müssen wir an uns selb st appellieren! ' * * * Der erste österreichische Ministerpräsident,Baron von Gautsch, der sich an die Demokratisierung des österreichischen Parlaments heranwagte, mußte dem Widerstande der chauvinistischen und feudalen Polen gegen seine Kompromißvorschläge weichen, an seiner Stelle wurde Prinz Konrad zu Hohenlohe - Schillingsfürst, der Statthalter von Triest, zum Ministerpräsidenten eingesetzt. Der neue Ministerpräsident wird allgemein als ein Mann von hervorragenden persönlichen Eigenschaften und als moderner, von demokratischen Anschauungen erfüllter Staatsmann gerühmt, der als Bezirkshauptmann von Tcplitz, als Landcschef der Bukowina und als Statthalter von Triest große Achtung vor den Gesetzen bezeugte und überall für die Ausgleichung der nationalen, konfessionellen und sozialeil Gegensätze wirkte. Auch den Juden ist er stets mit größtem Wohlwollen entgegengetreten; es seien hier die schönen Worte, die er gelegentlich der lleberreichung eines Ordens an den Oberrrabbiner S. R. Melli in Triest anläßlich seines 50jährigen Jubiläums geäußert hatte, erwähnt: „Ich," sagte Prinz .Hohenlohe, „als er st er Beamter des Küstenlandes halteganz besonders darauf, daß die Rechte der jüdischen Bevölkerung nicht nur auf dem Papier stehen, sondern auch in Wirklichkeit geachtet werden, womit ich übrigens strenge im Sinne des Landesherr» zu handeln mir bewußt bin." Sowcft Prinz Hohenlohe als Mensch, als Demokrat, als Judensreund. — Und was bringt Hohenlohe dem zerfahrenen Lande und den Juden'insbesondere? Bei allen guten Eigenschaften Hoheulohe's hegen wir; doch Zweifel, ob ihm gelingen wird, was Baron Gautsch versagt war; die Gegner Gautsch's, die ihn zum Falle brachten, waren ihm feindlich gesinnt l e d i g l i ch wegen seiner neue n Pläne, die ihnen nicht passen, und wir sehen nicht, worinsich diese Situation unter Hohenlohe geändert haben soll. Die Wahlen in Ungarn, die einen vollständigen Sieg dem magyarischen Chauvinismus brachten, haben mit all den neuen demokratischen Neuerungen für eine lange Weile aufgeräumt, und gewiß wird die zur Macht gelangte ungarische Koalition alles daransetzen, die demokratischen Pläne zu Falle zu bringen, — und wer weis, ob . es ihr in Gemeinschaft mit den Polen und übrigen Reaktionären Oesterreichs nicht gelingen wird! Und wenn man so tut, als ob man cs mit Gautsths Plänen ernst meint, geschieht es vielleicht nur der B e - r u h i g u n g halber, um das neue Gespenst -zu verjagen. Wohl erheischen die verworrenen Zustände Oesterreichs eine grundlegende Aenderung, die nur ans deni Wege der Demokratisierung des Parlaments geschehen kann; allein man hat sich in O e st e r r e i ch an chaotische Zustände allmählich gewöhnt. Ebenso ist cs fraglich, ob es Hohenlohe gelingen wird, die prekäre Lage der Juden Oesterreichs zu verbessern; ist doch an ihrer schiefen Lage nur die Zerfahrenheit Oesterreichs einerseits und die Zerfahrenheit und Zerwürfnisse der Juden selbst andererseits schuld. Und dennoch wollen wir uns mit den österr. Juden mitfrcuen, daß ein gerechter Manu an der Spitze des österreichischen Ministeriums steht. » * Tie Hoffnungen der französischen Klerikalen und ihres monarchistischen, chauvinistischen und pscudolibcralen Anhanges auf einen Erfolg bei den Wahlen sind gescheitert. Vergeblich waren all die Quertreibereien der Reaktionären; ivedcr hat die Hetze der Entweihung bei der Jnvcntaranfnahme, noch'die Aufstachelung und Aufreizung der Streikenden zu Aufruhr etwas genützt. Tas Land, auch die Katholiken, haben es der Händel und des Haders her Klerikalen und ihres Anhanges satt, sie wollen Ruhe und Frieden haben, und dies können sie nicht von der R e a k t i o n erwarten und so gaben sie ihre Stimmen 'den Männern der Freiheit. Interessant ist bei dem Ausgang des ersten Wahlganges die Niederlage des Chauvinismus in der Gestalt der Nationalisten und des Leisetreterttims, einer Verkörperung der gemäßigten Republikaner. Tas Gemäßigte imponiert dem Franzosen nicht, und die Pikanteric, die er im Chauvinismus fand, hat nachgrade mit den Jahren den Reiz für ihn verloren. Dieser Ausgang der Wahlen — die Stichwahlen werden sicherlich für die Linke günstig sein, da der gesamte Block der Linken einig bei den Stichwahlen Vorgehen wird — ist für uns Inden sehr erfreulich. Ter Sieg der Linken Frankreichs kann auch auf die Entwicklung anderer Länder nicht ohne Eindruck bleiben. Pretzstimme«. Unsere Ansicht über den nunmehr zurückgetrctenen russischen Ministerpräsidenten Graf Witte haben wir des öfteren ausgesprochen. Tie.Wiener „Neue Freie Presse!" bringt nun in einer ihrer letzten Nummern den Aufsatz eines Mitgliedes der Petersburger Akademie, der die Psyche der Persönlichkeit Witte's und die politische Rolle, die er gespielt hat, zu ergründen versucht. Trotzdem sich diese Auffassung nicht mit der nnserigen deckt, geben wir die wesentlichsten Stellen, da wir glauben, daß sie unsere Leser interessieren, hiermit wieder: „Er wareine stolze, herrschsüchtige, machtliebende, jeden Mißerfolg als persönliche Kränkung ausfassende Natur, wenn nicht geradezu rachsüchtig, so doch sehr empfindsam. Der erste Echec, den er bei der russischen Intelligenz erhalten, die seinem Rufe nach. Vertrauen nicht gleich entgegenkommen wollte oder konnte, statt ihn zu neuen Versuchen anzueiferii, erfüllte ihn mit Unmut. Er zog sich in den Schmollwinkel zurück, betrachtete Tsurnowo als seine eigene strafende Hand, ließ ihn in diesem Sinne schalten und walten, ergötzte sich vielleicht sehr an der Ueberraschung und dem Unbehagen, das die Kunststücke Durnowos in den Rechen der unfolgsamen Opposition verursachten..... Witte mag viele Fehler begangen haben, die in dem Mangel einer festen konstitutionellen Gesinnung ihre Wurzel haben, aber an die Möglichkeit der Wiederkehr der alten Zustände, des alten Absolutismus glaubte er gewiß nicht. .... Das Oktobermanifest ist sein Werk, wenn es ihm auch nicht gelingen wollte, ans Gründen, die wir augenblicklich nicht anzugeben vermögen, die schönen Worte des Manifestes in genau entsprechende trockene Taten umzusetzen. Aber auch noch eine andere Tat-

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