Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 18 (11.5.1906)
- Date
- 1906-05-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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I 3r*intUf«rfcr 3fr«rlitifdirs familimtilatt. «7- . — Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Viertelsahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— stet ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich - Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— —? HedaKtton und Geschäftsstelle I Srankfurt s. nr.. I Bleichstraße 2, Ecke vilbelerstraße I T-refo» 10507. | Heransgsbep: Kali; Höis. Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile..... 25 Pfg. Die Reklamezeile.. 100 „ Platz- und Daten-Borschrist ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereinkunst. » — 4. Jahrgang. Freitag, de« 16. Jjar 5666 (11. Mai 1966). Ro. 18. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Die Lage der Juden Oesterreichs. — Die jüdischen Arbeiter in Paris. — Die Woche. — Preßstimmen. — Aus allerWelt. —Personalien. — Aus den Vereinen. — Feuilleton: Die Cohnheims. — K u n st und Literatur. — Sprechsaal. — Vakanzen._ Die Lage der Inden Oesterreichs. lieber die Veränderungen und die Ereignisse in den politischen und sozialen Verhältnissen der österreichischen Juden gibt der Bericht, den der Sekretär der „Oesterr. Israelit. Union" auf der jüngst abgchaltcnen Generalversammlung derselben erstattete, ein treffendes Bild. Der Bericht stellt fest, daß der zu Exzessen bereite Radau-Antisemitismus, der sich bisher jo oft in rohen Angriffen auf Leben und Eigentum unserer Mitbrüder äußerte, im Rückgang begriffen ist. Unter Ausbrüchen des nationalen Fanatismus hatten nach dem Brünner deutschen Volkstage die Juden in Boskowitz und Wischau zu leiden, doch sind die erlittenen Schäden nicht allzu empfindlich. Umso bedenklicher ist die wachsende Zurückd r ä n g n n g des jüdischen Mittel- und K l e i n b ü r g e r st a n d e s auf wirtschaftliche m Ge biete. Es ist soweit gekommen, daß die deutsch-nationale und tschechisch-radikale Presse jeden jüdischen Geschäftsmann als einen Eindringling und Blutsauger des.christlichen Volkes bezeichnet und daß die.Boykotthetze das staatsgrundgcsctzliche Recht der Freizügigkeit vielfach, 311 Schanden macht. Tic Union hat in einer Anzahl Fälle die Hilfe der Regierung angerufen; eine gründliche Abhilfe wird jedoch durch die verschiedenartigen GesetzesauSlegnngen der einzelnen Staatsantvaltsch.aften und durch die Besorgnis der Justizverwaltung vor einer Immunisierung der konfiszierten Artikel im Wege parlamentarischer Interpellationen erschwert. Eine durchgreifende Besserung dieser Zustände ist auch, kaum zu erhoffen, solange die Regierung selbst den antisemitischen Forderungen nach Einschränkung der Handels- und Gewerbefreihell immer mehr nachgibt. Ter rückschrittliche Kurs in der österreichischen Gewerbegesetzgcbung findet seinen klassischen Ausdruck in der Einführung des Befähigungsnachweises für das Han delsgewerhe. Tie Union hatte gegen die diesbezügliche» Beschlüsse des Permanenz-Gcwerbeausschusses in einer Versammlung (23. Okt. 1905) Stellung genommen und nicht uur selbst an Regierung und Herrenhaus Petitionen um Nichtannahme bezw. Nichtgenehmigung dieser Beschlüsse gerichtet, sondern auch bei einer Reihe hervorragender kommerzieller Korporationen solche Petitionen angeregt. Auf dem Gebiete des Rechtsschutzes brachte auch das letzte Jahr der Union nur zu reiche Arbeit. Tie'Ritualmord Hetze hat wieder recht artige Blüten gezeitigt. So erklärte ain Drohobyczer Gymnasium der Professor Bieganowsky während des Unterrichts, daß der Ritualmord bei den 'Juden kein Märchen, sondern nach seiner festen Ueberzeugung Tatsache sei. Tie verschiedenen Prozesse, wie Ritter, Hilsner usw. hätten es zur Genüge bewiesen, allein die Regierungen hätten die Wahrheit vertuscht, um nicht blutige Exzesse gegen die Juden heraufzubeschwören. Im Verein mit den Drohobyczer Juden hat die Union die disziplinarische Bestrafung des pflichtvcr-1 gessencn Lehrers verlangt, welchem Verlangen der Landesschulrat durch die strafweise Versetzung Bieganowsky's entsprach. — Ebenso rasch wurde einer Winkeldrnckerei in Lemberg ein Ende gemacht, die ein Ritnalmordbild in Massen herstellte und in vielen tausenden Exemplaren in Galizien verbreitete. Tas Justizministerium hat, veranlaßt durch die Union, das Verbot der Weiterverbreitnng des Bildes nngcordnet und die gerichtliche Untersuchung gegen die Urheber desselben eingeleitet. Auch ein in Neu - Sandec bei einem Photographen ansgestelltes Bild mit der Ueberschrift: „Ter Jude Jtzig Zorn, welcher den Katholiken Konstant PnliS ermordet hat", wurde auf Grund der Intervention der Union von der Bezirkshauptmannschaft entfernt. Bezeichnend ist die Tatsache, daß ein Flugblatt, das sich mit derselben Affäre befaßte, iin Neu-Sandccer-Jesuitenllofter hergestellt worden war. Ter En t f ü h r u n g j ü d i s che r M äd ch e n in ch r i st l i ch e Klöster ist zwar durch die gerichtliche Versolgung der Entführer einigermaßen Einhalt getan : es 'ereignen sich jedoch immer noch einzelne Fälle, in denen die unglücklichen Eltern das RcchtSbureau der Union um Hilfe angchen. Leider geschieht dies oft erst 'nach vollzogener Taufe des entflohenen oder entführten, meist schon religiousmündigcn Kindes, so daß den galizischen Gerichten eine Handhabe zur Aberkennung der väterlichen Geivalt und zur Bestellung eines Kurators' geboten ist. lieber diese unerhörten Rechtsweigerungen hat die Union mehrfach bei dem Jnstizminister Klage geführt, es scheint aber, daß in letzter Zeit die Klostermanern wieder ein unübersleigliches Hindernis für die Betätigung der Staatsgewalt bilden. In einem ähnlichen Falle sind in Rußland die Eltern zu ihrem Rechte und zu ihrem Kinde gekommen, der sogenannte Rechtsstaat Oesterreich aber begünstigt den abscheulichsten Seelen- und Menschenfang. Ter gehässige Beschluß des Wiener Gemeinderats, das S ch ä ch t e n KU untersagen, ist von der Regierung aufgehoben worden, und der Verwaltüngsgerichtshof hat die hiergegen ergriffene Beschwerde aus denselben Gründen verworfen, die schon 1897 für die Stattgebung der vom Rechtsschutzbureau der Union von dem Verwaltungsgerichtshose durchgesührten Beschwerde der Kultusgemeinde Rumburg gegen das dort erlassene Schächtverbot maßgebend waren. Auch zu Gunsten der russischen Auswanderer zu intervenieren, kam das Rechtsburcau der Union häufig in die Lage. In vielen Fällen wurde die Abschiebung niittelloser Personen über die russische Grenze verhindert und arbeitswilligen Leuten die Bewilligung zu längerem oder dauerndem Aufenthalt erwirkt. Andererseits war die Union aus Anlaß der Verhandlungen über den russisch-österreichischen Handelsvertrag bemüht, die Aufhebung oder doch eine Milderung der drückenden Paßvorschriften für ausländische Juden in Rußland herbeizusühren. Sie wurde in diesem Bestreben von den maßgebenden kommerziellen Vertretungskörpern unterstützt, und tatsächlich ist von der Regierung eine Erleichterung in der Zulassung ausländischer Juden zugestanden worden. Tie Exzesse, deren Schauplatz nach dem Brünner Volkstage mehrere Städte in Mähren waren, boten der Union Veranlassung, die Forderung einer Staat s Haftung für A u f r u h r s ch ä d e n neuerlich zur öffentlichen Diskussion zu stellen, wenn auch die gegenwärtigen parlamentarischen Verhältnisse eine günstige Behandlung des.Gegenstandes nicht erwarten lassen. — Dieser Bericht, der der Tätigkeit der Oesterr. Israel. Union ein ehrendes Zeugnis ausstellt, gibt kein erfreuliches Bild von der politischen und sozialen Stellung der österreichischen Juden, denn wenn auch der Radan-AntisemitiSmus in Mnahme begriffen ist, so macht doch der gesellschaftliche Antisemitismus, der der Grund zu der fortgesetzten Zurückdrängung der Inden auf wirtschaftlichem Gebiete bildet, immer weitere Fortschritte. Mer noch um vieles unerfreulicher gestaltet sich das Bild, wenn man zu diesen äußeren Zuständen auch noch die inneren der österreichischen Judenheit hinzusügt, denn hier vollzieht der Assimilationsprozeß langsam aber sicher die Entjudung und Auslösung. Die jüdischen Arbeiter in Paris. Von M. R a b i n s 0 h n. II. Ihre geistige Lage. Die zwei Arbeiterkategorien, die der kleinen jüd. Werkstätten und die der großen französischen Etablissements, können nicht nur in ökononrischer, sondern auch in intellektueller und sittlicher Beziehung als zwei verschiedene Typen klassifiziert werden. Der Arbeiter der kleinen jüdischen Werkstätten, der während der Saison in teuflischer Hast vom grauen Tagesanbruch bis in tiefe Nacht gleich Maschinen ohne Unterbrechung arbeitet, findet sich, sobald die Saison zu Ende ist, an die Luft gesetzt. Ist er nun nach Schluß der Saison nicht gezwungen, das Spital aufzusuchen — was durchaus keine seltene Erscheinung ist — so beginnt er irn Moment, wo seine Börse inhaltsleer wird, nach anderen Beschäftigungen sich umzusehen. Ob er nun aber Beschäftigung findet oder nicht, die Morte-Saison-Monate bilden den casus tristicie seines Lebens. Er verflucht den Tag seiner Geburt, was er spricht, ist Gift, und was er sinnet, ist Galle, denn das Pariser Elend ist, ein doppeltes: Er findet sich hier in einer fremden, ihm bis jetzt unbekannten Welt, ohne Kenntnis deren Sitten und deren Sprache, und im Glanze des blendenden Lichtes, im Scheine der Pariser Lebenssonne fühlt er sich elend wie die Nacht, wie der Wind, wie der dunkle Fleck auf dieser Sonne. Wer könnte da bei solchem Zustande verlangen, daß der so schwer vom Schicksal Verfolgte auch noch geistigen nud moralischen Interessen nachgehe? Noch nie hat der sumpfige Boden eine Lllie oder eine Rose entkeimt. Nicht nur seine körperliche Kraft wird vom Hexenkessel der Saison ausgerieben, sondern auch fein von zu Hause aus wenig ausgebildeter Geist gerät in eine heillose chronische Verstumpfung. Sein geringes jüdisches Kennen, das einzige, was er vom Ghetto mirgebracht, kommt ihm hier in Folge des komplizierten Pariser Lebens vollständig abhanden. Tas jüdische Ghetto ist hier nicht individualisiert, die morsche und verlotterte Pariser Boulevardkultur, deren wesent- -iS ■:» J