Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 17 (4.5.1906)
- Date
- 1906-05-04
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2. die Vereinigung der verschiedenen Parteien eine Beeinträchtigung der liberalen Ideen nach sich ziehen und dem Umsichgreifen reaktionärer Belleitätcn auch in solchen Kreisen, die bisher von ihnen verschont geblieben, Vorschub leisten wird. Ten einen großen Vorteil hat diese Partei durch die Vereinigung mit den anderen Parteien schon zn verzeichnen, daß ihr eine Einslnßnahnie ans die Regierung des Landes cingcräninl worden ist, der ihr vermöge ihrer nunicrischen sowohl, wie auch moralischen Stärke keineswegs znsteht. Bei der gegenwärtigen Gestaltung der Verhältnisse ist eine Abnahme ihres Einflusses in der nächsten Zukunft leider nicht 51t gewärtigen. Vielmehr dürften sie in dem demnächst zusamnicntrctendcn 'Reichstag eine nicht unbedeutende Vermehrung ihrer Mandate und damit auch ihres Einflusses zu verzeichnen haben. In Ermangelung jeder Opposition — die liberale Partei hat sich bald nach der letzten Kabinctsbildung aufgelöst — muß der überwiegende Teil der Mandate der Koalition zufallen. Tiefe kann nun im Vorhinein bestimmen, wie viele von den zur Verfügung stehenden Mandaten den einzelnen der koalierten Parteien zufallen sollen. Als Kvalitionsmitglied wird nun die klerikale Volkspartci an den erledigten liberalen Bezirken partizipieren. So kommt diese Partei zu einem Zuwachs, der ihr unter normalen Verhältnissen nicht geworden wäre. Wer die Ziele und Wünsche dieser Gruppe kennt, weiß auch, daß ihr Anivachsen zur Erweiterung des katholischen Einflusses und zur Verdrängung der nichtkatholischen Elemente führen muß. Freilich werden cs die Angehörigen der nichtkatholischen christlichen Konfessionen weniger oder gar nicht zu fühlen bekommen. Dazu.sind sie unter dem herrschenden Volke der Magyaren zu stark vertreten. Dagegen dürfte ei» Wechsel in dem bisherigen liberalen Regime in erster Reihe den Juden teuer zu stehen kommen. - Bei der unsicheren wirtschaftlichen Lage der Inden kann eine Regierung diese »ach ihrem Willen bestimmen und auch ändern. Fxempla docent! Was wurde nicht schon hierzulande und auch in anderen Ländern unternommen, um den Juden die Existenz zu erschweren. Tas „howoh nischakmoh lau", das seit Jahrtausenden und überall in allen möglichen Variationen seine Anwendung gefunden, das Bestreben, dem jüdischen Volke jede Lebensbedingung zu unterbinden, hat von seiner Aktualität noch nichts verloren. Nur kleidet man die gegen cs gerichteten Maßnahmen in das heuchlerische Gewand der Volkswohlsahrt, um unter dieser Maske das traditionelle Aushungern eines ganzen Volkes unangefochten betreiben zu können, Ta sind cs Konsumgenossenschaften, dort Kornhäuscr und dcrgl. volksbeglückende Erfindungen, durch welche dem Volke wohl nickst geholfen, dagegen das eigentliche Ziel, die Boykottierung der Juden, glänzend erreicht wird. Hier ist der wunde Punkt in der Lösung der Krise, soweit sie für die I u d e n h e i t als solche in Betracht kommt. Was hingegen die Interessen des Judentums anbelangt, die von dem jeiveiligcn Kultus- und Unterrichtsminister abhängen, so läßt sich vorläufig nichts darüber sagen. Ter derzeitige Leiter dieses Ressorts, Graf Apponyi, hat wohl bis vor nicht langer Zeit den minder freiheitlichen Elementen des Parlainents angehört, ist aber gegenwärtig einer der ersten Wortführer der 48er Unabhängigkcitspartci, die die Ausführung der 48cr auf ihre Fahne geschrieben. Tiefe Gesetze, besonders aber der Paragraph XX, schreiben eine gleiche Behandlung aller Konsessivncn vor. Näheres über seine Pläne und Absichten dürfte der neue Minister in nächster Zeit gelegentlich der Verhandlung des Kulturbudgets im. Reichstage verlautbaren lassen. F. Brief aus Frankreich. Von Ickaximo Le Maitre. Tie Franzosen taumeln jetzt von einer Affäre zur anderen und fühlen sich glücklicher denn je. Nach der Marokkoasfare hat sofort die größte aller Affären im Lande selbst begonnen; die „Wahlaffäre", ich, resp. der Franzose versteht darunter die Wahlkampagne. Und just die Wahlkanrpagne ist diesmal so heftig, es wird so wild gekämpft, daß cs eher nach einem spanischen Stiergefecht, als nach einer Affäre aussieht. Tie Katastrophe in Courriervs, die darauf entstandene und jetzt um sich, greifende Streikbeivegnng Frankfurter Israelitisches Familienblatt. im Norden, das Separationsgcsetz, sowie die Rcvolntionierung der Massen aus beiden Seite» infolge dieser Ereignisse geben der jetzigen Wahlbewcgung ihr eigentümliches Gepräge. Noch nie seit der Affäre Treysas waren die Gemüter so erregt wie jetzt. Tie schwarze Reaktion von Rochcfort, Trumont bis ans Mcline und Moutel weiß nicht genug das baldige Ausbrechen der rote» Revolution, des Bürgerkrieges, anSznposannc». Natürlich ist auch hier der Jude der Sündcnbock. Tie antisemitische Bestie brummt jetzt fürchterlich, und unsere Feinde in dem.Lande des großen Napoleons machen die französischen Juden, ja, alle Juden für die unerquickliche Lage verantwortlich. Tie Inden und die Freimaurer. . . . Durch den doppelten Kamps gegen de» liberalen Block seitens der in der letzten Zeit revolutionierten Massen und seitens der klerikalen Bevölkerung kann die heutige Wahlkampagne unberechenbare Resultate in ihrer Folge haben. Ter französische Bürger, vielgeprüft und cingeschüchtert, wie er ist, will weder Krieg noch Kommune, er will seine Ruhe habe», llnd da der heutigen Lage nach, nach Aussage beider extreme» Parteien, die gegenwärtige Regierung es ihm nicht gewähren kann, so ist sein llebertritt zur klerikalen Reaktion, die ihm Ruhe verspricht, nicht ausgeschlossen. Tiefe Wahl kann wieder der Reaktion zum Siege verhelfen, und dann gehen die französischen Inden einer düsteren Zukunft entgegen. Unsere französischen Brüder haben sich in den letzten fünf Jahren ihrer Ruhe ehrlich an ihren Peinigern, den Klerikalen und Reaktionären, gerächt. Siegt nun in diesem Wahlkampf die Reaktion, dann wird ihre Gcgenrache nicht ausblciben. — Tie französischen Juden aber, in richtiger Erkenntnis ihrer gegenwärtigen Lage, halten nicht die Hände in der Tasche. Sie beteiligen sich ernstlich am Wahlkamps und sind in jeder Beziehung bestrebt, den liberalen Block zu einem Siege zu verhelfen. Und, da sie vom Wahlkampf ganz absorbiert, bleibt ihnen gegenwärtig für ihr Jndentnm wenig Zeit übrig. Tics erklärt u. a. das allmähliche Abflauen der mit so viel Lärm cingcleiteten „Reformbeivegung". Tie Reformhelden haben Tam-Tam geschlagen, aber die Massen sind nickst herbeigelaufen. Tic Einsichtigen unter ihnen haben den Stand der Tinge sofort erkannt und haben sich 'auch schnell aus dem Staube gemacht. Sie, die Herren des „Exekutivkomitee'»", reichte» sich vor kurzem gegenseitig ihre Temission ein; nur eine nach Unsterblichkeit sich sehnende Frau hält noch am Reformwahn fest. Sie beneidet Jeanne dArc, die Heldin von Orleans.Aber so weit bringt es Frau Brandon doch nicht. ... Es charakterisiert im übrigen den ganzen Schlamm der französischen Jndcnheit. Außer einem hysterischen Weibe gibt cs keinen Juden hierzulande, der es über's Herz bringen könnte, dauernd bei einer jüdischen oder — — — sogar antijüdi s ch e n Sache zu bleiben. Ter Grund für diese seltsame Erscheinung ist mir wohlbekannt. Tie Reform ist zwar eine negative-antijüdische Sache, fetzt aber immerhin, soscrn sie kein Phantom bleiben soll, Juden voraus. Aber in einem Lande, in dem alles Jüdische fast ansgestorben ist, da braucht man keine Rcsorm mehr. „Wenn man Tote schlägt, fühlen sie.nicht . . . ." Aus diesem Grunde kann ich nicht daran glauben, daß die jüngste Reformbeivegung, die mit so viel Lärm und Gcjohl cingeleitct wurde, Helden und Märtyrer schaffen wird. Eine Lavonarolla kann nicht jeder spielen. — — — Aber das Gesetz von der Assinität der Arte» gibt mir eine ausreichende Erklärung für die Kriegserklärung der Reinachs und der Brandons gegen das Judentum und seine Tradition. Man möchte als mit dem Wirtsvolk kulturell glcichstehcud erscheinen. Die likörsüßen, etwas leichtsinnigen Franzosen haben, mit Recht oder mit Unrecht, ihrem Herrgott vertragsmäßig die Freundschaft gekündigt und ihn polizeilich aus dein Lande gewiesen. Und da bekamen unsere Freisinnigen auch nicht übel Lilst, unserem Gott den Krieg zu erklären. Aber wir sind keine Franzosen, und unser Gott, dem die Blitze leuchten, dem die Tonncr rollen, der Welten schafft und vernichtet, wird gewiß vor solchen Würmern nicht erschrecken.-r- Nur die Anmaßung gefällt mir. Solche Jahrmarktseelen, Fabrikware der Natur — die über ihre eigene Nase kaum sehen und keine Fliege töten können, wolle» unserem lieben Gotte, dem Lenker des Weltalls, Nr 17. dem der Seraph ausjauchzt in Siegespäan, den Krieg erklären! Aber was tut man nicht alles, um den anderen zu gefallen? Man verschachert sein Volk, seinen Gott und sich selbst. .... Die Woche. S i e b c n t a n s c n d Inden werden aus Preußen hinansgcworfcn, siebentausend Flüchtlinge werden aus der preußischen Residenzstadt (Berlin) gejagt und weshalb? Sind sie etwa Verbrecher oder Müßiggänger, Landstreicher oder Anarchisten? Nein, weder das eine noch das andere, weit entfernt davon, — sic sind ehrbare, arbeitsame, friedliche Menschen. — Und weshalb denn? -Weshalb werden ehrliche, nützliche Menschen ohne Grund, ohne jegliche Schuld hinauSgcjagt, etwa -weil sie vogclfrci sind und wie Wild gehetzt und gejagt werden? Doch eine Schuld, die einzi'gc Schuld lastet auf ihnen, als Juden geboren zu sein und als Inden leben und sterben zn woUen. Also siebentausend ehrbare, friedliche Juden, die vor der entfesselten Barbarei, vor dem Pogrom fliehen, werden ohne weiteres hinausgeworfen, nur lediglich, weil sic Juden sind. Wir erheben einen flammenden Protest ob dieses llnrechts, ob dieser großen Schmach, die man uns Inden, ja unserem ganzen jüdischen Volk, antut. Und doch richtet sich unsere Anklage in erster Linie nicht gegen die preußische Negierung, haben doch auch liberal gegierte Länder, wie England und sogar Amerika, ihre Tore vor eiuwandernden Juden verschlossen; zwar haben jene Regierungen gesetzliche Normen getroffen und die Einwandcrungsverbote richteten sich gegen Kranke und Schwache, gegen Arbeitsunfähige und Mittellose. Tie preußische Ausweisung dagegen trifft Arbeitsfähige, Bemittelte, seit längerer Zeit Eingcwandertc, die teils sich nur v 0 rübergehend aufhaltcn wollen, bis Ruhe und Ordnung in ihrer wilden Heimat wicderkehren; und alles geschieht auf dem a d m i n i st r a t i v e n Wege. Allein all dieses paßt in den Rahmen einer bureankratischcn Regierung! Unsere Anklage und Protest richtet sich hauptsächlich gegen unsere eigenen engherzigen reaktionären Führer, gegen unsere Vorsteher, gegen unsere Missionsapostel, die von ihrem überschüssigen Idealismus noch viel für andere Konfessionen zu vergeben haben und dabei ihre hinausgeworsenen angestammten Brüder — Pardon, ihre „Glaubensgenossen" — r nhig ziehen lassen; hat doch bis jetzt niemand außer den Zionisten gegen diese neue Schmach protestiert. Hier die Erklärung ihres Organs, das sich „Allgemeine Zeitung des Judentnms" nennt: „Allgemeine Beachtung haben in diesen Tagen die Mitteilungen über die beabsichtigte Ausweisung von 7000 russischen Flüchtlingen aus Berlin gefunden. Es handelt sich natürlich in diesem Falle um wenig bemittelte, beschäftigungslose Ansläiidcr. (Das ist einfach unwahr. D. Redaktion.) Da sie dem städtischen Armcnwescn (welchem? etwa dem christlichen?!) zur Last fallen könnten (wie vorsichtig!) vielfach auch schon durch ihr Verhalten de» Behörden lästig geworden sind (echt liberal!), so ist es nötig (in wessen Interesse denn? etwa des der Christen oder der l i ü eralen Juden?! Unseres Wissens tritt der „Vorwärts", das Organ der A r b c i-t-e r, die doch, am meisten betroffen werden könnten, mit aller Schärfe gegen die ungerechte Ausweisung auf), dafür zu sorgen, daß die Leute das deutsche Gebiet bald wieder verlassen. Ter Polizeipräsident von Borris hat den „Hitssverein der deutschen Inden" um seine Mitwirkung ersucht, bannt die Lästigen zur willigen Abreise veranlaßt würden. (Wir hegen starke Zweifel, daß ein Mann wie Paul Nathan sich dazu hergibt, der Regierung bei der Ausweisung von Brüdern vchülflich zu sein.)" Also eine Zeitung des Judentums argumentiert ganz wie die bureankratischen Polizeioffiziösen! Unwillkürlich drängt sich einem jeden angesichts dieser Beschönigung des ' Zentralorgans für Freisinn und Assimilation von selbst die Frage aiif: handelt da nicht die Berliner Polizeibehörde imSinnederj ü - dis chen Behörde Berlins. .... Man will den unliebsamen ausländischen „Glaubensgenossen" sich vom Halse schaffe». „Weder brauchen wir," sagen sich unsere klugen Assimilationsvorsteher, „von diesen Leuten pekuniär belästigt zn werden, noch g e i st i g. . . ,