Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 17 (4.5.1906)
- Date
- 1906-05-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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. Jfif ♦ f~— .-- Diese Zeitung erscheint wöchentlich. > HedaKiiott imd H-fchafrsMl-: ' Jnfertionspreife: Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frank- Srankfurt a. IN.. Die viergespaltene Petitzeile. . . . . 25 Pfg. furt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post Bleichstraße 2, Lcke vilbelerstraße Die Reklamezeile . . . . . . . . . 100 .. abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streisband bezogen: Deutschland und Oesterreich - Ungarn Mk. 1,50, Terefo« 10507. --r-es-4- Platz- und Daten-Borschrift ohne Verbindlichkeit. Beilagen: sonstige Länder Mk. 2.— - .- ■■ -J , Herausgeber: Karg Heis. , Preis nach uevereinmnft. j 4. Jahrgang. Freitag, de« 9. Jjar 5666 (4. Mai 1906). Ro. 17 Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Verräter. — Brief auS Ungarn. — Brief aus Frankreich. — Die Woche. — Preßstimmen. — Aus aller Welt. — Personalien — Aus der zionistischen Bewegung. — Feuilleton: Die Cohnheims. — Aus der Geschäftswelt — Vereins-Kalender. — Wochen-Kalend er. — Familirnnachrichten Verräter. Von Fa c o 5 $. Elija h. „Am Tage aber, wo ich gedenke, werde ich ihrer Sünden ihnen eingedenk sein." Judenpogrome sind so alt w ie der I u d e n g o l u s. — Seitdem wir unser Land verloren, werden uniinterbrochen Mord- und Raubattcntate ans Jndentum und Jndcnheit verübt. Ununterbrochen, wenn mich nicht unverändert. Es ändert sich aber nur die Form, die Musterung, die Ausdrucksweise; das Weseil der Judenpogrome bleibt stets dasselbe, allerorten dasselbe. Ob handgreiflicher oder moralischer Natur — ihr Charakter ist doch immer das' spezifische Charakteristikum der Judenpogrome. Ob dem Juden die Luft oder das Ehrgefühl verboten wird — es ist ja immer jene tiefe Sch m a ch eines Pogroms, die nur harthäutige Juden erst in der banalen Ausdrncksweise der russischen Judenkrawatle zu empfinden fähig sind. Und eS gehört wahrlich bloß eine kleine Dosis von Würde dazu, die Schmach der w e st e u r o p ä i - scheu Judenpogrome fühlen zu müssen. Tie wollen ja empfunden werden, sie schände» die jüdische Ehre und glauben das jüdische Ehrgefühl zu kränken — nur stoßen sie aber ans manchen Widerstand: auf Juden, die sich an die Schande bereits gewöhnt haben . . . Und vielleicht noch mehr als die b a r b a r i s ch e n Jlidenexzesse in Rußland müßten nun bic moralischen Judenpogrome tu Westeuropa unfern Stolz verletzen: diese steheit ja int Zeichen der Zivilisation. — Auch haben doch die Menschen bereits gelernt, eine moralische Ohrfeige höher zu taxieren und tiefer zu empfinden, als eine handgreifbare .... Oder sind, etwa Pogrome nur ein Monopol des Zarenreiches? Mas bedeutet also die Gleichberechtigung der Juden in Westeuropa — die sie nicht genießeit dürfen?! Was bedeutet diese Koinödie, die unsere modernen Staaten mit einer Volkskörperschaft seit Jahrzehnten treiben?! Was bedeutet es, wenn eilt Staat die von ihm den Juden heilig verbürgten Rechte jeden Tag mit Füßen tritt?! Was bedeutet eine solche Mißhandlung eines Volkes, wen» sie; öffentlich, geschehen darf und als die gewöhnliche Behandlung in der alltäglichen Praxis geübt!vird?! Was bedeutet es, wenn Kttlturstaaten sich den Spaß erlauben,. die Juden als vollberechtigte Bürger zu proklamieren und gleichzeitige — als eine inferiore Kaste im Leben zu legalisieren?! Was bedeütet es, wenn Kulturstaaien die Juden seit Jahrzehnten entehren, ohne sich se darob einen Vorwurf zu machen und ohne sich schämen zu müssen?! Ist cs nun nicht ein morali sch e r Judenp o g r o m, der seit der Jüdeitemanzipation ununterbrochen . noch andauert! * * * So lebt das Volk des Exils stets inmitten alltäglicher Pogrome — ob cs empfindet oder nicht. An diese Pogrome sind wir bereits gewöhnt; ja, utehr als gewöhnt. ES gibt aber solche Pogrome, an die kein ehrenvoller Jude sich wird je gewöhne». können. Es sind die i n n e r n Pogrome: die Mordattentate gar mancher Juden auf das Judentum. Der Jude soll ermordet werden, dainit der Mensch in ihm erhalten bleibe — so lautet die Parole der jüdischen Pogrommacher. lind sie entwickelten sich im Laufe der Zeiten immer weiter — und bald fanden in ihnen jene m o r alischeu und kulturellen Judenpogrome eine gute Stütze . . . lind sie entwickelten sich so immer weiter und weiter — xind nunmehr befinden sich nicht wenige von ihnen im Stadium des tlebergangs von den m o r a l is ch e tt zu den barbarische n Pogrommacheru, zu den Pogromen der handgreiflichen Tat . . . So weit brachte» cs nun in ihrer Entwicklung ein R e tz l i n , ein LeopoldRittervon Tanss i g und guaoti tutti. Und so konnten sie es denn über's Herz bringen, den Zarismus und seine Berattstaltung der Jndenpogrome durch eine Anleihe ztt fördern. Tenn der Uebergang von einem antijüdischen Juden zu einem Mithelfer der Fndenkrawalle ist ganz verständlich, >veun mau dabei nämlich die 7 Prozent Zinsen in Betracht zieht. Und das ist die Frucht der iitnern Judenpogrome, der langjährigen Assimilativnsattentate auf das jüdische Volk! Denn wie könnte sonst solches Unkraut auf jüdischem Bodeit tvachsen? .... 'Was geschieht nun? Die freiheitliche europäische Presse protestiert gegeit diese schmähliche llnterstützung der Knutenherrschaft. Den wenigen Juden mit Ehrgefühl entreißt sich nun das besonders schmerzvolle Geschrei gegen diese henkerische Mitwirkung det Juden an der Nährung und Stärkung der Jndenmörder. Proteste — ja, das mußte geschehen, das muß geschehen. Ob es nützt oder nicht — das Ehrgefühl fordert es. Es ist ein Postulat der Würde. Mer wir wissen wohl, daß gegenüber einer solchen Schandtat, die von einigen zinsensüchtigen Judenbankiers am jüdischen Volkskörper verübt wurde — wir wissen wohl, daß gegenüber einer solchen verbrecherischen Ungeheuerlichkeit die Wort- und Schriftproteste nichts bedeuten. T<is jüdische Voll aber wird sich noch Genugtuung verschaffen. Es wird sich schon rächen an seinen Schändern. Sein Gott ist nicht umsonst ein El kano Wnaukem. .... Es wartet schon jene jüdische Jugend, die für ihr Volk eine ehrenvolle Zukunft erkämpfen will. Und wenn nun dieses heldenmütige Makkabäer» geschlccht an den gar vielen Kruschevans und Konsorten die Ehre seines Volkes zu rächen beginnen wird, da werden auch die Schmachjuden der Anleihe nicht vergessen werden. — Nehmet Euch in Acht vor der heranrückenden Ehrengarde des jüdischen Volkes! Nehmet Euch in Acht — Ihr, die Ihr Euer Volk für 7 Prozent Zinsen verschachert! .... Brief ans Ungar». Friede! Immer und überall wird er als der Beglücker der Menschheit, als unbedingte Voraussetzung jeder Entwicklung bezeichnet. Und doch, wie wird immer und überall gegen ihn gcfrevelt, wie wird jede Gelegenheit und jeder Borwand ergriffen, um ihn zu stören. Wäre es der menschlichen Gesellschaft aufrichtig um den Frieden zu tun, so würde sie nicht erst immer die Reibungsflächen schassen, die den Bestand des Friedens gefährden müssen. Und — es würde in diesem Falle nicht so viel vom Frieden geredet werden. In der Tat scheint aber der Frieden für Jedermann nur die Herbeiführung des von i h m und für ihn erwünschten Zustandes zu bedeuten. Bei der Gegensätzlichkeit der Ansichten, wie sie einmal unter der Menschheit besteht, ist es daher nicht leicht, einen allgemein befriedigenden Zustand, den wirklichen Frieden, herbeizuführe». Es ist deshalb überall, wo von einem zur allseitigen Zufriedenheit geschlossenen Frieden die Rede ist. das Wort „Friede" eum zrnno salis zu nehmen. Hätte doch ein wirklicher, aufrichtiger Friede den. vorangegaugenen Kampf auch überflüssig gemacht. Unter diesem Gesichtspunkte ist auch der nunmehr zwischen der Krone und der Parlamentsmehrheit abgeschlossene Friede — oder vielmehr Waffenstillstand — zu betrachten. Dies umsomehr, da die eine kontrahierende Partei, die Koalition, keine in sich einheitliche und geschlossene Partei bildet, sondern aus heterogenen Elementen zusammengesetzt ist. Es ist nicht Sache dieser Blätter, diese Angelegenheit vom allgemein politischen Standpuitkte zu erörtern; hier soll ihrer nur insoweit Erwähnung geschehen, als sie von speziell jüdischem Gesichtspunkte Bedeutung hat. Tie Koalition, die jetzt die Regierung pes Landes übernommen hat, besteht ans mehreren Parteien, die nicht allein in staatsrechtlicher Beziehung differieren. Neben den beiden Staatsrechtsaufsassungen von 1848 und 67 sind es auch die Grundbegriffe jeder liberalen Staatsidee, die sich in der Koalition keiner gleicheit Auffassung erfreuen. Es ist besonders die klerikal-antisemitische Volkspartei, die entgegen jeder liberalen Staatstnaxime einen reaktionär-unduldsamen Standpunkt vertritt. Diese Partei wird es nicht versäumen, ihren Ideen zum Siege zu verhelfen suchen. Es ist auch die Besorgnis nicht unbegründet, daß es dieser Partei gelingen könnte, den Geist der Unduldsamkeit in die anderen mit ihr koalierten Parteien zu verpflanzen. Zumal da auch der 48er Unabhängigkekts- und der neuen Verfassungs-Partei Elemente angehören, die zu der klerikalen Volkspartei in naher Seelenverwandtschaft stehen. Es ist daher noch abzuwarten, ob nicht