Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 16 (27.4.1906)
- Date
- 1906-04-27
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 16. alle stumm, diese Auswanderer, und wenn sie erst cimnal in Amerika sind, dann verdrängen die Existenzsorgc» bald die Erinnerung an ihre traurige Amerikafahrt. Mas für den Reisenden erster und zweiter Klasse eine Erholungsreise, das ist für den armen Zwischendecksmenschen eine Quak und eine Pein. Und wirklich, ich habe mich für England, dieses freie Land, das ich lieben gelernt habe, geschämt, als mir arme russische Frauen sagten: „Ist das die englische Sauberkeit, ist das der Engländer? Unsere Leute sind auch nicht roher — und wir kommen aus Kischincw und Minsk. . Aus aller Wett. Deutsches Reich. Köln a. Rh. In der letzten Nummer des „Israel. Gcmeindebl." lesen wir: „Eine dichtgedrängte Menge erwartete am vorigen Sonntag Abend' die ersten Klänge der Orgel in der neuen Synagoge. Ein von Herrn Professor Franke meisterhaft vorgetragenes Präludium von Händel durchzog, die Gemeinde sichtlich erhebend, das schöne Gotteshaus. Die meisten mit '* Orgelbeglcitung vorgetragenen Chorgesänge kamen zu schöncr Wirkung, obwohl für die Einübung der Gesänge nur sehr wenig Zeit zur Verfügung stand. Die auch dekorativ sehr schön wirkende Orgel ist ein Werk der bekannten Firma E. F. Walcker u. Co.,, welche hiermit die 36. Orgel an eine deutsche jüdische Synagoge zur Ablieferung bringt. Nach dem Urteil des Herrn Prof. Franke besitzt sie eine seltene Tonfülle; sie hat 4 Manuale iinb 40 Register. Möchte sie ihre Bestimmung, eine zahlreiche Gemeindeschar zur Andacht nnd Weihe zu erheben, in schönster Weise erfüllen! — Nicht unerwähnt bleibe, daß die Platzmiete in der neuen Synagoge bis jetzt ca. 700 Jf. mcfyv ergab, als während des ganzen verflossenen Jahres. — Wie uns mitgetcilt wird, stand auch der Chor in der Synagoge Älockengasse während des Gottesdienstes an den verflossenen Feiertagen auf der Höhe der Leistungen, die. man an ihn zu stellen berechtigt ist." So ist also trotz des Protestes der Konservativen auch die Kölner israelitische Gemeinde in den Kreis der Gemeinden getreten, die den jüdischen Gottesdienst christifizieren. Und diese Tat geschah' im Gegensatz zur Mehrheit der Gemeinde, die infolge des Dreiklassenwahlsystems nicht zur Geltung kommen kann! Hamburg. Die im hiesigen Kunstsalon Louis Bock n. Sohn seit längerer Zeit ansgestellten Plastiken von Boris Schatz, „Darstellungen aus dem jüdischen Leben, Charakterbilder im Zionidenton", sind von Herrn Louis Friedenheim, dessen warme» Interesse für jüdische Angelegenheiten weit über die Grenzen unserer Gemeinde bekannt und geschätzt ist, angekanft und der hiesigen „Gesellschaft für jüdische Volkskunde" als Geschenk. überwiesen worden. Die kostbare Sammlung im Werte von ctiva 1200 JL umfaßt folgende Nummern: „Großmutter und Enkel", „Jüdische, Ntiitter"; E. M. Lilien; „Totengebet", „Heimatssehnsucht", „Des Rabbi Segen", „Sinison und Delila", „Maske eines Schlafenden", „Makkabäer", „Judith"; 2r. Herzk; ,.Eincr aus dem Volke", „Morgcngebet"; David Wolffsohn; Professor Marburg; „Judith", „Jubiläum Wolffsohn", „Sabbatsegen", „Großm'üttcrchen", „Gebet mit Becher", ^Heiratsvermittler", „Frau Warburg". Oesterreich-Ungarn. Brüll». Im Sitzungssaale der hiesigen israel. Kultusgemeinbc fand am 15. dss. Mts. eine Delegi e r t e n v e r s a m m l u n g der Kultus- und politischen Israeliten ge mein den Mährens behufs Stellungnahme zur neuen Landtag s w a h l o r d n u n g statt. Das Referat erstattete Herr Siegfried Fleischer, Sekretär der „Oesterr- Jsrael. Union", der, an die im Dezember in Wien stattgefundene Vertrauensmänner-Versanlinkung anknüpfend, folgenden Antrag zur Diskussion stellte: - „Die Delegiertenversammlung beschließt: In scncn Wahlbezirken, in welchen die Inden eine verschwindende Minderheit bilden, wird cs jeder einzelnen Gemeinde überlassen, sich ,in den Kataster jener Nationalität einzntragen, zu welcher die betreffende Gemeindevertretung gehört. In den drei deutschen Minoritäts-Wahlbezirken Göding, Auspitz nnd Mährisch-Wcißkirchen jedoch, in denen die Inden einen bedeutenden Bruchteil der gesamten Wählerschaft bilden, wird empfohlen, daß die Juden sich geschlossen in den deutschen Kataster (einschrciben lassen, um so das Schwergewicht ihrer Stimmen bei den Wahlen im Sinne einer jüdischen Jntcressenssolitik geltend macheir zu können." Nach längerer Debatte gelangt der Aiitrag einstiininig zur Annahme. Jii Bezug auf Uesen Beschluß schreibt die Wiener „Nationalzeitung": „Das wesentliche, das praktische der zum Beschlüsse erhobcilen Resolution entspricht nicht nnserer programmatischen Anschauung; wir hätten es Frankfurter JjraelWMeI Familienblatk. zweifellos lieber gesehen, wenn die mährischen Juden der Tendenz Ausdruck gegeben hätten, daß sie nicht die Absicht haben, sich in die Angelegenheiten der übrigen Nationen zu mengen. Diese Tendenz hätte jetzt, nachdem die Juden als selbständiger Faktor sowohl bei der Katastrierung der Nationalitäten, als auch bei der Wahlbezirkseinteilung übergangen wurden, unseres Erachtens dadurch am wirksamsten protestier!." Troppau. Die „Freie Schles. Presse" schreibt unter der Spitzmarke Ironie des Schicksals: „Vor kurzer Zeit wurde das städtische Realschenkrecht an Herrn K a h l e r t auf das Haus Wellgasse 3 um 18 000 Kronen verkauft, nachdem ein Angebot des Herrn Sigmund S p i tz r, Chefs der Firma Mandl u.' Eo., auf einen Käufbetrag von 21000 Kronen abgelehnt worden war, , da man dieser „jüdischen Firma" die Konzession nicht geben wollte. Die Stadt Troppau ließ sich also ihren Antisemitismus in diesem Fälle den Betrag von 3000 Kronen aus den Taschen der Steuerträger kosten. — lind nun die Pointe: Herr Kahlert hat sein mit der Realkonzession ausgestattetes Haus letzter Tage an Herrn Mandl aus Zauchtl verkauft, der, Ivie es heißt, auch das Geschäft der Firma Mandl ii .Co. übernehmen soll, und die Stadt hat nun zum Schaden von 3000 Kronen auch noch den Spott. — Drum: Heil 'bem Antisemitismus!" Frankreich. Paris. Das durch die Trennung von Staat und Kirche außer Kraft gesetzte israelitische Konsistorium berief eine Anzahl Notabeln zur Beratung der durch das Trennungsgesetz geschaffenen Lage ein. N. Leven präsidierte in Vertretung des abwesenden Gustav von Rothschild. Es wurde bargelegt, daß die Päriser Gemeinde, abgesehen von den Kosten des Sammelns und irgendwelchen Beiträgen, zu Leistungen an unfähige, benachbarte Gemeinden eine Jahresausgabc von 175 000 Fr. zu decken haben wird. Dabei sind die Beiträge für eine Gesamtorganisation der französischen Kultusgemeinden noch nicht berücksichtigt. Die neugevildete Reformgemeinfchäft erklärte, innerhalb der Gemeinde verharren zu wollen, vorausgesetzt, daß man ihre Wünsche in der Synagoge berücksichtigt. Es wurde ein Komitee erstaunt, das zusammen mit dem Konsistorium die Grundzüge für die künftige (Ästaltung der Dinge feststellen soll. Paris. Der Präsident der Alliance Jsraelite Universelle in Paris hat an den amerikanischen Botschafter Henry White und an den Herzog Almodovar del Rio nach 'Mschlnß der Konferenz von Algcciras nachstehende Schreiben gerichtet: Paris; den 9. April 1906. Herr BotsHafter! Die ganze Judenheit weiß Ihnen innigen Dank für den Wunsch, den Sie in der Konferenz von Algeciras zu Gunsten der Israeliten von Marokko vorgetragen haben. Niemand kann sich Ivnndern, daß die Anregung zu dieser Kundgebung der Duldsamkeit und des aufrechten Freisinns von dem Bevollmächtigten des großen Landes ansgegangen ist, das mit ruhmvoller Hochherzigkeit die Opfer religiöser Verfolgungen ausgenommen hat und bei mehr als einer Gelegenheit für die Wahrung der Gewissensfreiheit und der Menschenrechte eingetreten ist. Seit langen Jahren haben die marokkanischen Israeliten den Wert des' Schutzes würdigen können, den die Vereinigten Staaten ihnen gewähren. Durch Ihre Stimme hat Ihr edles Land ihnen einen neuen und glänzenden Beweis seines fördernden Wohlwollens gegeben. Die Alliance Jsraelite Universelle, die seit fast 50 Jahren um.die Hebung der marokkanischen Israeliten bemüht ist, gibt sich die Ehre, im Namen der marokkanischen Israeliten und im Namen der Israeliten der ganzen Welt Ihnen den innigsten Dank für den großen Dienst auszusprechen, den Sie soeben der Sache der Gesittung und des Fortschritts geleistet haben. Genehmigen Sie, Herr Botschafter, die Versicherung unserer höchsten Achtung. Der Präsident: gez.: N. Leven. Herrn Henry White, Botschafter der Vereinigten Staaken, R o m. Paris, den 9. Slpril 1906. Exzellenz! Die unvergeßlichen Worte, mit denen Euere Exzellenz bei der Konferenz von Algeciras den von dem ersten Delegierten der Vereinigten Staaten zu Gunsten der marokkanischen Israeliten vorgeschlagenen Wunsch unterstützten, haben im Herzen aller Israeliten das Echo der Dankbarkeit gefunden. In den zahlreichen israelitischen Gemeinden, die pietätvoll die voreinst in der spanischen Judenheit in Ehren gehaltenen Ueberlieferungen pflegen, wird Ihr beredtes Eintreten die freundlichen Erinnerungen tvecken, die tief in das Gedächtnis unserer Brüder cingeprägt sind. Die marokkanischen Israeliten haben wiederholt Anlaß gehabt, das Wohlwollen ber >panischen Regierung änzurufen, und die Vertreter Spaniens in Marokko haben ihre Unterstützung nie versagt. Dev neue Beweis, den Eure Exzellenz ihnen jetzt Seite 3. von der Sympathie Sr. katholischen Majestät gegeben hat, rührt sie bis in den Grund ihre» Herzens. In ihrem Namen vor allem, nnb im Namen der Israeliten der ganzen Welt, richtet das Zentral-Komitee der Alliance an Eure Exzellenz den Ausdruck seiner Dankbarkeit für Ihre ebken und hochherzigen Worte. Genehmigen Sie, Exzellenz, die Versicherung unserer höchsten Sichtung. Der Präsident: gez.: N. Leven. Herrn Herzog von Almodovar del Rio, Minister d. Auswärtigen Angelegenheiten v. Spanien, Madrid. Die Alliance Jsravlite Universelle hat sowohl durch ihr Zentralkomitee in Paris, wie durch den Vorsitzenden der Deutschen Konferenzgemeinschaft in Berlin, Herrn Geheimrat Goldberger, an zuständiger Stelle die Einwirkung geübt, für deren Erfokg die obigen Schreiben die Danksagung bilden. Paris. Anläßlich der Einweihung eines Denkmals für die Luftschiffer, die während der Belagerung von Paris per Ballon die Vermittlung der belagerten Stadt init der Außenwelt unterhielten, wird jetzt von den französischen Zeitungen ein jüdischer Name vielfach erwähnt. Es ist dies der kühne Held, Herr Reitlingen, ein geborener österreichischer Jude, der anfangs der Sechziger-Jahre nach Frankreich ausgewandert war. 1866 wurde er von Napoleon III. beauftragt, ein Buch über das gegenseitige Genossenschaftswesen zu schreiben. Reitlingen entledigte sich seines Auftrages so glänzend, daß Napoleon III. ihm die Grand-Naturalisation wegen dem Staate geleisteter Dienste verlieh. Während der Belagerung unternahm Reitlingen Ballonfahrten nach Men Und London, wobei das zerbrechliche Fahrzeug eines Tages in einen Wirbelwind geriet und herabstürzte. Selbst der „Figaro" kann nicht umhin, ehrend des Mannes zu erwähnen, „der, obgleich in Oesterreich geboren, aus Liebe für das französische Wesen nach Frankreich übersiedelte und hier in Anbetracht seiner großen Verdienste um das Land naturalisiert wurde." Rußland. Petersburg. Der Minister des Innern hat an die Gouverneure depeschiert, daß er gestattet, politische Gefangene, die unschuldig sind, freizulassen. Daraufhin sind 'Tausende von Gefangenen, unter denen sich auch viele Juden befinden, in die Freiheit gesetzt worden, so in Jekatineroskaw 219, Wlademir 100 usw. Odessa. Nach den Aufstellungen des vor Jahressrist von zionistischer Seite in Jaffa gegründeten Jnsormationsbureau sind ab hiesigen Häfen nach Pal ä st i n a vom 1. Januar 1905 bis 10. Januar 1906 1320 Juden ans gewandert. Das nach Palästina mitgebrachte Kapital beträgt pro Kopf imge« fahr 100 Rubel. __ Lodz. Ein von der jüdischen Bevöllerung erlassener und auch von Rabbiner Meisel Unterzeichneter Aufruf fordert alle Juden auf, sich an den Dumawahlen zu beteiligen. Uman. Hier hat man zwei Dumakandidaten der Kadetten arrestiert: Rabbiner Dr. Mer und Dilinkks. Man hat sie arrestiert, nachdem die jüdische Organisation beschlossen hatte, sich nicht mit den rechten Parteien zu vereinigen. Amerika. New-Aork. Das von dem Erdbeben zerstörte San Francisco zählt 25 000 Juden. Die ersten Juden, die nachweislich in San Francisco einwanderten, waren Raphael und Benjamin Fischer, die im Jahre 1847 nach Amerika kamen, später abe'r wieder in ihre Heimatstadt Kempen (Provinz Posen) zurückkehrten. Bald gelangten Juden in der mächtig aufstrebenden Stadt — 1846 zählte sie nirr 600, 1849 bereits 20000 nnd 1890 schon 300000 Einwohner — zu hohen Ehrenstellen: Mraham E. Labatt war bereits im Jahre 1851 'Ratsherr, Joseph Shannon Kämmerer von San Francisco. Bereits im Fähre 1852 schickte die Stadt die Juden Ellan Heidenfeld und Jsaac Eardoza in die gesetzgebende Körperschaft. lieber die Entwicklung der jüdischen Gemeinde läßt sich folgendes sagen: 1849 wurde zum ersten Make gekegentllch der hohen Feiertage in einem gemieteten Zimmer Gottesdienst abgehakten und zwar, unter Leitung von Joel Noah, einem Bruder des bekannten Mordcchai Noah, der bereits vor 100 Jahren einen eigenen jüdischen Staat erreichten wollte. 18Ä gründete Dr. Eckmann die Sabbätschule und rief im folgenden Fähre die erste jüdische Zeitung: Gleamer (Sammler) ins Leben, ber dann später die Zeitungen: „Boice of Israel" und „Jewish Messenger" folgten. — Der unabhängige Orden Bnei Driß wurde im Jahre 1855 durch Lewis Mraham aus Washington nach Sau Francisco verpflanzt. Die erste Loge erhielt den Namen Ophir XXI. Die Großloge V des ll. O. B. B. wurde im Jahre 1863 durch Baruch Rothschild organisiert, ihr erster Präsident war Jacob Greenbaum. Eine Ehewra Kadischa entstand im Fähre 1857. Das erste jüdische Wäisen- und Mersheim eröffnete im Jahre 1874, von Dr. Elkan Eoyn .begründet, seine Pforten; in ihm befinden sich zurzeit 250 Waisen und^ 50 Greise. Im Ganzen zählt jetzk die Stadt 12 jüdische Gemeinden: 5 größere und