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Neue jüdische Presse · 1906-04-27 · Heft 16 (27.4.1906) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 16 (27.4.1906)
Date
1906-04-27
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. Nr 16. Teil, etwa ein Viertel, ernährt sich durch den Kleinhandel. Wir haben es also heute in Paris mit einer jüdischen Arbeiterschaft in der Stärke von 38,000 Mann^.die chei systematischer Erziehung und Organisierung' einen guten Keim der französischen Judcnheit der Zukunft bilden, zu tum Tie Pariser jüdische Arbeiterschaft läßt sich in zwei Klassen eintcilen, zunächst diejenigen, welche bei den Inhabern kleiner jüdischer Etablissements beschäftigt -sind und die vier Fünftel ihrer Gesamtheit ausmachen, alsdann ein kleinerer Teil, der in großen französischen Werkstätten tätig ist. Ich brauche nicht hervorzuheben, daß es mit den Letzter» in materieller Beziehung besser bestellt ist, als mit den Erstern. Abgesehen davon, daß sie bei den Franzosen keine Ansbeutungsobjekte in dem Maße wie bei den kleinen jüdischen Inhabern sind, ist auch schon deshalb die Lage der jüdischen Arbeiter der großen französischen Etablissements besser, weil sie in diesen großen Werkstätten nicht so sehr den tollen Kapricen der Saisongeißel ausgesetzt sind wie bei kleinen jüdischen Unternehmern. In den großen Fabriken werden die. Arbeiter mit. wenigen Ausnahmen fast das ganze Jahr hindurch.beschäftigt, während die Arbeiter in den kleinen Werkstätten von der Saisonwut unendlich leiden. In vielen Fälle» — je nach der Art der Arbeit — sind sie nur 4—8 Monate im Jahre beschäftigt, und nachdem sie während der Saison unausgesetzt Monate lang 18 bis 20 Stunden täglich gearbeftet haben, werden sie beim Abflauen der Saison an die Lust gesetzt; und wenn sie grade aus Mangel an Einsicht während der Saison für die „Morte-Saison" nichts erübrigt Haben, dann ist ihre Lage wirklich nickst zu beneiden. Alle niederen Handwerkerberufe sind in der jüdischen Arbeiterschaft vertreten: Klempnerei, Sattlerei, Schmiederei, das Schuster- und Schneider- Handwerk, verschiedene Mechanikerberufe, Pelzwerk, Gummiarbett, Tischlerei und Kürschnerei, welch' letztere am, meisten unter den Juden verbreitet ist. Tie Mützenmacherei bietet jedem Berufslosen ein Asyl, da ihre Erlernung nur kurze Zeit in Anspruch nimmt. In verschiedenen Berufen, wie zum Beispiel in der Lederstepperei, haben die jüdischen Vertreter in der französischen Frau eine schwere Konkurrentin. Ter Sold wird in diesen meisten Berufen nach Stunden oder per Stück berechnet, und er variiert je nach der.Art der Arbeit von hundert bis zwei hundert Francs monatlich. Tie Arbeitslohn-Verhältnisse sind relativ gut, jedoch der Fluch der Saison lastet schwer auf den jüdischen Arbeiter in Paris. Er muß sechs Monate hungern, um sich sechs Monate ernähren zu. können. Aus dem Gesagten geht hervor, daß die Lage des jüdischen Arbeiters in Paris, sofern er bei Franzosen beschäftigt ist, eine erträgliche ist, daß sie aber andererseits eine geradezu unerträgliche ist, sobald der jüdische Arbeiter einen kleinen jüdischen Unternehmer seinen Brotgeber nennt. Was hindert ihn nun aber, in den Tienst großer französischer Unternehmer zu treten? Es ist zunächst die Unkenntnis der Landessprache, die ihn a priori den Eintritt in den Treust französischer Fabrikanten unmöglich macht, und alsdann der Mangel am fein-spezialisttschen Berufe, der für die Differenziertheit der französischen Industrie unentbehrlich ist Das erste Hindernis ließe sich mit der Zeit befestigen, jedoch, die zweite Ursache ist nur in seltenen Fällen aus der Welt zu schassen. In Newyork z. B., wo alle Zweige der Industrie in Spezialitäten fein gegliedert sind, und wo sich die Juden intensiv an den großen industriellen Unternehmungen betelligen, bietet der Eintritt dem Fremden in verschiedene Berufe keine Schwierigkeiten, da die Unkenntnis der Sprache und die spezialisierten Handwerke nicht in Betracht kommen; anders in Paris, pro jeder Fremde von den einheimischen Verhältnissen aufgezehrt wird und der Arbeitgeber an seine Arbeiter große Forderungen stellt. Tiefe zwei angeführten Ursachen verdammen den jüdischen Arbeiter in Paris zu einer chronischen Hungerleiderei. Er hätte vielleicht hie und da Gelegenheit, seinen Beruf hier zu vervollkommen, aber es ist ebendas komplizierte, zerrissene Leben der Lichtstadt, das Gaukelspiel der Saison, die ihn jensests aller Beständigkeit des Berufs und Charakterfestigkeit setzen. Infolge - der „Morte-Saison" nach Frankfurter JsraelitiDes Fdmilrenblaü. immer neuen Berufen sich umzusehen zwiygt und ihni die Spezialisierung seines Berufes unmöglich machen. (Fortsetzung folgt). Die Woche. Unsere Hoffnung, baß ' das aufgeklärte Westeuropa die Gewährung einer Anleihe an R n ß l a n d von der Sanktionierung der Duma abhängig machen werde, hat sich als trügerisch erwiesen. Der Vertrag der Milliardenanleihc ist unterschrieben; die Anleihe ist Tatsache. Zwei Elemente standen sich gegenüber: die Demokratie, ber Fortschritt, die Befreiung eines geknechteten, schwer geprüften Volles, in dessen Mitte überdies viele Nationalitäten leben und noch viel stärker als es unter dem unerträglichen Joch zu leiden haben, auf der einen Seite; die Bnrcankratie, die Reaktion, eine winzige Clique mit der Nagaika, der Knute und dem Säbel im Bund, deren Verkörperung die barbarische, blutrünstige russische Regierung ausmacht, auf der anderen Seite. Nun galt es, für das erste oder das letztere sich zu entscheiden: das zivilisierte Europa entschied sich für das letztere. Und der Grund hierfür? — Daß den Geldsäcken Europas nichts daran liegt,' der Demokratie zunt Siege zu verhelfen, und sie deshalb, wo es gilt, ihre ungezügelte Habgier, ja ihren Moloch zu besänftigen, keine menschlichen Rücksichten, kein edles, ideales Verzichten kennen, wen wollte das verwundern? Nun steht es' aber fest, daß die Geldkönige bei internationalen Anleihen in ihrem Handeln nicht souverän Vorgehen können, ihre Mion bedarf der Genehmigung der Regierung ihres Landes, — und von diesem Gesichtspunkte aus iiuijj eine gradezu unbegreifliche Tatsache konstatiert werden: die demokratische französische Regierung hat sich dazu hergegeben, gegen den Willen des verbündeten russischen Volkes' und dessen I n t e r e s s e n zu handeln. Wohl erheischt die Stellung Frankreichs innerhalb der Völker und' noch mdhr die vielen französischen Milliarden, die in den rnss. Tehaum hineingelvorfen werden, eine finanzielle Stärkung Rußlands von französischer Seite zu bewerkstelligen, bannt der Verbündete und Schuldner nlcht zusammenbreche; allein — das konnte geschehen mit der Z u st i m m u n g des russischen Volkes. War doch von einer Mlehnung der Anleihe seitens der Duma nienials die Rede; handelte es sich doch nur darum, daß die Negierung dem Volle durch die Duma seine Freiheiten und Rechte. verbürge. Allein was nützt das Grübeln! — „Europa sollte sich sticht, Estropa dürfte sich nicht zur Stütze einer wilden, barbarischen, henkerischen Regierung hergeken," hört man hier und da voll Zorn und Entrüstung sprechen. — Europa dürfte nicht! -- Wie lächerlich! Europa steht bis zur Rase gerüstet da und ist jeden Augenblick bereit, um ein ungelegtes Ei einen Weltbrand zu entfache» — und da soll es für Freiheit und Recht cintreten! Nur Narren, die auf die moralische Kraft der Zivilisation große Stücke .geben, können sich darüber aufregen, ihnen sei das Gewissen Europas zur näheren Untersuchung überlassen. Und was kommt nun jetzt? — Die Duma ist Lei der gegenwärtigen Sachlage, auf die Gnade der Negierung angewiesen, und die Opposition wird, wenn sie nicht bald wieder nach Hause geschickt sein will, sehr zahm und behutsam Vorgehen müssen. — Der raffinierte Witte ist schon an der Arbeit, gegen die Opposition zu hetzen; so sucht er durch sein Sprachrohr, die Petersburger Telegr. Agentur, in die Welt zu lancieren, „daß die Kadetten den Juden und den Bauern falsche Versprechungen machten, er, Witte, sei der Beschützer und Freund der Juden und der Bauern." Zwar kennt alle Welt die Ränke des Grafen zur Genüge, doch an Leichtgläubigen mangelt es niemals. — Mein der 231 Mai (10. russ. Sthls) ist im Anrücken, — Geduld! Eines sei noch zur russischen Anleihe bemerkt: Zu unserem großen Leidwesen und tiefer Beschämung sei es gesagt, daß Juden an deni Zustandekommen der Anleihe tätig waren. So ist ein Herr Netzlin in Paris, Jude von Geburt, der H'auptakteur bei den Vorarbeiten gewesen, und der Vertreter Oesterreichs bek diesem Handel ist Herr Leopold Ritter von Taussig, Vorstandsmitglied der israelitischen Kuktusgemeinde in Wien. Doch"was schadet's: „Geschäft ist Geschäft." ,,73/i'o/ö enorm", schmunzelt Herr Taussig, vergnügt die Hände reibend. — So das Golus und so'seine elenden Kreaturen / , . „Auf allen Meeren ziehen unsere Schiffe, wir könnten fast daran denken, eine jüdische Flotte zu etablieren," sagte einmal Zaugwill in lvehmütiger Ironie. Eine seltsame Flotte! die in einem Meer von Tränen jahraus, jahrein ninherschwinimt, getragen und gestoßen von schweren Seufzern. . . Kommt her all ihr Männer und Frauen, die Ihr m c n s ch l i ch c Gefühle, Gefühle des Mitleids und Erbarmens in Euren Herzen traget. Kommet. her und sehet diese seltsame Flotte, die Flotte des unsäglichen, übcrineuschlichcn Elends und Jammers, der unermeßlichen Verzweiflung, und ermesset dann die Tragik eines Volkes, das solche Flotten besitzt! Und so segelt die Flotte nach allen Windrichtungen; Flüchtende sind cS, die sie trägt; Flüchtende, die fliehen aus dem Lande der Henker und der Bluthunde, und zusammengepfercht wie im russischen Gefängnisse liegen sie, Männer und Frauen, je 20 in einem schmutzigen Loch. Denn diese jüdische Flotte wird von Nichtjuden, von Leuten der „Menschenliebe" geführt, und diese Menschen der Liebe wissen für die jüdischen Unglücklichen nichts besseres als enge schmutzige Löcher, „die einem Stall gleichen" — „Zwischendeck" genannt — und häufiges- Schimpfen, Stoßen und Schlagen, obwohl sie von den letzten wenigen Groschen, die die Mehenden vor den Ränberhorden ihres Landes gerettet Häven', leben und sich bereichern. Hören wir die Schilderung eines Augenzeugen, die in der Zeitschrift „Export" (Organ des Zentralvercins für Handclsgeographie) zu lesen ist: „. . . Ich hatte keine Lust zum Warten und nahm deshalb kurz entschlossen ein Zwischendeckbillett.auf dem der Cunard-Linie gehörigen Dampfer „Lucania", der am 26. August von Liverpool absegelte. Preis des Billetts 6,10 Lstrl., Frauen zahlten dasselbe und erhielten dafür Ohrfeigen von rohen Stewards gratis. Ich hätte es nie für möglich gehalten, daß ein Engländer sich soweit vergessen kann, daß er sich an armen, hilflosen Frauen tätlich, vergreift. Aber es waren ja Zwischendeckspassagiere, in schmutzigen Ställen untergevracht, 20 und mehr Personen in einer „Kajüte". — Die konnten wie das liebe Vieh behandelt werden, besonders arme Weiber, die sich nicht mit den Stewards verstäubigen konnten. Weinend kamen sie zu nur, als sie hörten, daß, ich der englischen Sprache mächtig war, erzählten mir von der traurigen Behandlung, die ihnen zuteil wurde und baten mich flehentlich um Intervention. Ich stellte den betreffenden Steward energisch < zur Rede, was den prompten Erfolg hatte, daß dieser saubere Patron eine Stunde später eine alte Frau mit dem ersten besten Kücheninstrnment derartig mißhandelte, daß sie ohnmächtig wurde. Ich verlangte sofort Zutritt zum Kapitän des Schiffes, der indessen unnahbar wie der türkische Sultan - war und für den es offenbar nur Passagiere erster, eventuell auch noch zweiter, aber keine dritter Klasse gab. Statt seiner geruhte mich ein Offizier zu empfangen, dieser wieder ließ den Ehefstcward dritter Klasse kommen, und dieser erst verbot dem rohen Patron, die Frauen zu schlagen. Das war die ganze Genugtuung, die gewährt wurde. Einer jungen Russin gab ich den Rat, sich selbst eine bessere zu verschaffen, und das hat sie redlich getan. Sie hat dem rohen Steward mit einer eklatanten Ohrfeige geantwartet, als dieser sich auch an ihr vergreifen wollte. Dann erst ward Ruhe auf dem Schiff. „Zwischendeck- Vieh" wurde nicht mehr geschlagen. Die Schlafstätten der dritten Klasse waren entsetzlich schmutzig. Angeblich . sollten sie täglich gereinigt werden — aber wahrscheinlich nur ans dem Papier. Wo ist die Behörde? Gibt es keine Seepolizei in England, und kann diese dulden, daß 20 und mehr . Menschen in einer „Kajüte" schlafen, die nur ein Stall oder eine Mfällküche ist? Und wenn man bedenkt, daß die Hnnderttausenbe jährlicher Zwischendeckspassagiere der Europa-Ainerika-Liiiien ein Hauptfaktor der guten Geschäftslage dieser Gesellschaften sind, dann kann man beinahe behaupten, baß die Gesellschaften, die diese ihre besten Kunden so traurig behandeln, wie es von seiten der Eunard-- Linie geschieht, sich einer schamlosen Ausnützung armer Menschen schuldig machen. Freilich, sie sind

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