Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 16 (27.4.1906)
- Date
- 1906-04-27
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Die Berstaatlichungsbestrebungen des Deutsch-Israelitischen Gemeindebnndes. Aus dem am 12. und 13. Juni 1005 in Frankfurt abgehaltenen X. Deutsch-Israelitischen Gemeinde- .ug hatte Geheimrat Professor.Dr. Rofln-Freiburg ein Referat über die .Rechtstellung der jüdischen Gemeinden erstattet, . welches Referat in dem Verlangen nach einer staatlichen Organisation.der jüdischen Gemeinden in Preußen gipfelte. Veranlaßt durch dieses' Referat, schrieben wir in unserer Nr. 24: „Gin Moment war es besonders, das aus den Verhandlungen hervortrat: das Bestreben, auch in Preußen, eine staatliche Organisation der jüdischen Gemeinden zu erreichen, wie sie bereits in Baden, Württemberg und Elsaß-Lothringen vorhanden ist. Dieses Ziel wird in verschiedenen Kreisen unseres' jüdischen Publikums lebhafte Beunruhigung Hervorrufen. Die Religiösen sind Gegner, da sie als Minorität mit den staatlichen Organisationen für ihre Interessen bisher nur ungünstige Erfahrungen gemacht haben, und neologe, aber im Geiste der Demokratie erzogene und denkende Männer müssen protestieren, denn es ist ein Grundprinzip der Demokratie, in religiösen Dingen ein freies Spiel der Kräfte walten zu lassen. Wir kennen nicht die politische Gesinnung der Herren des Gemeindebundes. Wer aber von den Herren den demokratischen Parteien angehört, der würde sich 'eines lächerlichen Widerspruches schuldig machen, wenn er als Demokratdie gegenwärtig sich vollziehende Trennung zwischen Kirche und Staat in Frankreich - beglückwünscht und als Jude eine Vereinigung derselben anstrebt. , Die Furchtvor den- Verstaatlichungs-Bestrebungen des Gemeindebundes hat bisher manchen von eiper Beteiligung, an der Arbeit desselben zurück« geschreckt. Würde der Gemeindebund in dieser Hinsicht vollkommene Beruhigung gewähren, würde er die"Garantie dafür bieten, daß er es ausschließlich' alsseine Aufgabe betrachtet, die Gemeinden in ihren gemeinsamen Interessen zu vertreten, Ordnung' im Gemeinbeleben zu halten, zu organisieren, schematisieren-und .registrieren, ohne je auf . das religiöse Gebiet, hinüberzugreifen, dann darf er sicher sein, daß. er das Ziel, das er heute auf dem Wege, der Verstaatlichung erreichen will/ freiwillig erreicht: nämlich alle jüdischen Gemeinden Preußens zusammenzufassen: . . Es gibt'-immerhin eine ganze Reihe von Dingen, in denen einefreiwillige Vereinigung der Gemeinden von Segen' ist. ' Die rechtliche Stellung der jüdischen Bevölkerung und ihrer Institutionen (Gemeinden^ Schulen), die Regelung der. Verhältnisse der Kultusbeamten zu den Gemeinden, Errichtung einer Irrenanstalt, einer Lungenheilstätte mit ritueller Verpflegung, die Inszenierung großer Hilfsaktionen und noch manche anderen, für die Gesamtheit notwendigen, nicht in das religiöse Leben eingreifenden Institutionen rechtfertigen die Existenz eines Gemeindebündcs. Nur mögen seine Leiter dem Publikum die lleberzeugung beibringen, daß sie .nicht daran denken, einmal Konsistorialrätc zu werden und daß sie sich nicht schon jetzt als Konsistorialräte fühlen und so ihr religiöses Denken zur Geltung zu bringen suchen! Nur die strengste Neutralität in religiöscir Dingen kann dem Gemeindebunde das Vertrauen aller Kreise bringen!" So schrieben wir damals; unsere Gründe waren stichhaltig und logisch, und da auch die „Mlg. Zeitung des Indent.", das führende Blatt der Neologie, sich gegen die Verstaatlichungsbestrebungen des Gcmeindebundes aussprach und überhaupt diese Bestrebungen bei keiner jüdischen Zeitung enthusiastische Aufnahme fanden, so hielten wir die Angelegenheit für erledigt. Da überrascht uns nun die Mitteilung des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundcs, daß Herr Geheimrat Professor Dr. glosin die Ausarbeitung eines Gesetzentwurfes für die Gesamtorganisatiou der preußischen Jüdenheit mit eingehender Begründung vollendet habe und der Geineindebund nunmehr so schnell als möglich die erforderlichen weiteren Schritte vornehmen werde, um die weitere Behandlung der Sache zu fördern. Wieder einmal ist also ein Schritt geschehen, der für das Judentum von verhängnisvoller Tragweite ist, denn wie die Entwicklung des Judentums in den mit einer staatlichen Organisation der jüdischen Gemeinden beglückten Staaten beweist, ist diese Organisation ein Begräbnis erster Klasse für das jüdische Lebe». Das zeigen in Deutschland Württemberg, Baden und Elsaß-Lothringen; das ' zeigte auch in erschreckendem Maße Frankreich, wo man jetzt von der beschlossenen Trennung von Kirche und Staat hofft, daß diese belebend und verjüngend auf die jüdischen Gemeinden wirken werde. — In Frankreich betrachtet man die Trennung der Angelegenheiten der Konfessionen von denen des Staates jubelnd als ein Sieg des Fortschrittes — und in Preußen holen die jüdischen Führer zu einem Schlage aus, der die religiöse Freiheit in die staatliche Zwangsjacke zwängt! vavsaut coosulss, mögen sich die Männer am Steuer hüten! Die Verwirllichung ihrer Bestrebungen muß allen Vereinigungs- und Einigkeitsbestrebungen eine schwere Scharte beibringen, und das Ende vom Liede kann sein, daß sich wie in Ungarn so Äuch in Preußen die Jüdenheit in zwei sich befeindende Konfessionen trennt. Wir rufen alle Männer, die noch kebendiges Jnterefse am lebendigen Jude n tum e h ab en un dw ahre Toler anzund Gerechtigkeitsgefühl in ihrem Busen trägen, auf zurSammlung.damitman geeint diese irrigen und reaktionären Bestrebungen.noch im Keime'er stickt! Die jüdischen Arbeiter in Paris. Von M. Rabinsohn. I. .7 Ihre materielle Lage. Eine ganze abgeschlossene Arbeiterllasse ist in den letzten 25 Jahren infolge der Einwanderung ans Rußland in Paris entstanden. Die russischen Jüdenexzesse der achtziger Jahre des verflossenes Jahrhunderts, das kodifizierte Martyrium, gegen . die rumänischen Juden, sowie die in der letzten Zeit immer mehr und mehr kritisch werdende Lage der galizischen Juden verursachten . bekanntlich . eine panikartige Auswanderung aus den Ländern der Bojaren- und Nagaikakultur nach den Vereinigten Staaten, nach dem Kapland und Großbritannien. Jedoch dieser große Auswandererstrom ließ auch seine Spuren in Paris zurück. Wo es.sich um die FluM eines ganzen Volkes, bas vom Osten nach Westen flieht, handelt, kann ein Zentrum, wie es die Licht--. : stadt in geographischer und kultureller Beziehung ist, von einem solchen Prozesse nicht verschont, bleiben. Auch der Umstand, daß die Mianceunp, die Jca ihre Sitze in Paris haben, veranlaßt hast viele, aller Reisemittel bar, nach Paris, kommen, um an die Türe der großen Alliance- und Jcabärenzn llopfen. Tie Bitten.dieser Unglücklichen sind in der Regel sehr bescheidene, sie beschränken sich auf die Bitte um Gewährung eines Teils der „Reise-.' spesen, damit sie ihre Reise fortsetzen können. Die Herrn vom grünen Tische, nicht immer gleichmäßig gestimmt, haben es den Unglücklichen bei ihren Bitten sein lassen, und diese mußten nun einstwellen ihren süßen Wanderungsträumen Valet sagen, um sich hier zunächst Mittel zu schaffen. So kam es, daß viele dieser Auswanderer zuerst gezwungener Weise, alsdann freiwillig in der Lichtstadt ihr Zelt aufschlugem Inzwischen verbreitete sich blitzschnell die Nachricht von dem Baron Hirscheschen Sonnenstaat auf dem Laplatalande. Bon dieser verheißungsvollen Bot« schast verlockt, ellten viel Juden aus den Ländern des Ostens zu den Stätten Jkascher Gnade, um nachdem Lande der Verheißung befördert zu werden. Und' jüngst war es wieder der Krieg zwischen Rußland und Japan, der eine große Auswandererflut russischer Juden verursachte. Auch die noch jetzt anhaltenden Unruhen in Rußland veranlassen viele unserer Brüder, das Land des schwarzen Pobiebonoszoff zu verlassen. Durch das Brummen der Rassenbestie aus dem Lande ihrer Weh und Schmerzen vertrieben» aller Hilfsquellen und Schutz beraubt, durch Polizeiwillkür, Aliens-Bill, östreichischer Gendarmengrobheit und 'preußische „Gastfreundschaft" an Niederlassung in mittel- und westeuropäischen Staaten gehindert, bleibt diesen Märtyrern nichts anders übrige als das Land der großen Traditionen von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit aufznsuchen. Aus all den angeführten Gründen wuchs die Zähl der eingewanderten Juden aus dem Osten rapid, und sie dürfte heute die Höhe von fünfzigtausend erreicht habe». Ter größte Teil der Novizen des Pariser Ghettos geht verschiedenen Berufen des nieder« Handwerks nach, nur ein geringer