Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 15 (20.4.1906)
- Date
- 1906-04-20
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Rr. 15. Frankfurter Israelitischer Familienblatt. Leite 5. Er bot ihr den Arm und sie wandelten langsam in den Tanzsaal. : „Lucie," sagte er ernst, „ich will nicht anmaßend sein. Jeder der Herren aus Euren Kreisen, mit denen Ihr in Gesellschaften, im Theater, kurz Lei allen Veranstaltungen der Welt verkehrt, ist beglückt, wenn Du ihn als Kavalier wählst, und da will ich als fremder, bescheidener Vetter mich nicht eindrängen." ' „Ich habe aber auf Dich gewartet und ließ mich von Herrn Doktor Weiß, dein Vater meiner Vesten Freundin zu Tisch führen, ich wollte eben keinen Anderen." „Teuere Cousine, wie soll ich Deine unbeschreibliche Güte vergelten?" „Indem Du jetzt flott tanzest. Du Bär." . Die Musik begann eben einen Wälzer, sie reichte ihm die Hand, und das Paar tauchte unter den Tanzenden unter. Die älteren Herrschaften aber saßen im Nebensaal beim prickelnden Sekt und schauten behaglich dem bunten, froh bewegten Treiben zu. 6. K a p i t e k. Herr Cohnheim, der einige Pflichttänze absolviert hatte, setzte sich neben Frau Bankier Alsberg, einer alten Freundin des Hauses, die ihrer scharfen Zunge wegen berüchtigt war. Ihre kleinen funkelnden Augen gingen rastlos hin und her. Sie begann: »Herr Cohnheim, Ihre Lucie ist ein bildschönes Mädchen. Passen Sie ans, wie rasch der richtige Freiersmann kommen wird." Er erwiderte gemütlich: „Das ist der Lauf der Welt. Wir erziehen die Töchter für fremde Männer." „Das Kind hat seclenvolle, sprechende Augen. Sollte sie nicht schon gewählt haben? Sie unterhält sich so angelegentlich mit Ihrem Neffen, der schon mchreremal mit ihr getanzt hat." „Er wird gut tanzen," entgegnete Herr Cohnheim kurz. „Es ist ein schönes Paar. Schn Sie, Ihr Neffe scheint die Tanzkartc Luciens ganz mit Beschlag gelegt zu haben. Ist er auch Christ?" Cohnyeim sagte mißgestimmt, sich, erhebend, „Ich weiß nicht. Da ich nicht passend finde, über Religion zu reden, habe ich ihn noch nicht gefragt. Sie entschuldigen mich, meine Hausherrenpflichten rufen mich weiter." Frau Alsberg aber sah ihm befriedigt nach und flüsterte ihrer Nachbarin zu. „Es hat mich sehr cnipört, daß er seine Kinder taufen ließ, deshalb nehme ich innner Veranlassung, davon zu reden." Der Morgen graute, als die letzten Gäste die Villa verließen. Unter diesen war Emil, der sich mit einem Handkuß von den Damen verabschiedete. Er atmete mit Genuß die kalt, reine Luft ein und ging langsam seiner Wohnung zu. In seinem Geiste schwebten die verlebten Stunden in bunter Reihe vorüber, aber als heller Stern unter all den reizenden Mädchcngestalten leuchtete seine Cousine. Er dachte an die augenscheinliche Bevorzugung, die sie ihm zu Teil werden ließ, er erinnerte sich des sonnigen Lächelns, mit dem sic ihn anschante, wenn er zu ihr trat. Er war eifersüchtig, wenn ein anderer Herr mit ihr tanzte, er war glücklich, wenn er wieder zu ihr zurückkehren konnte. Er sah ihre wonnige Gestalt vor sich, es entzückte ihn die kurze Geberdc, mit der sie die Löckchen aus der Stirn strich, ihre muntere, geistvolle Unterhaltung fesselte ihn. Es jubelte in ihni mit tausend Stimmen: „Sie ist nrein, wir lieben uns, wir können nur für einander leben!" Unterdessen war er zu Hause ängelangt. Er legte sich zu Bett, dachte aber nicht an Schlaf, sondern spann mit offenen Augen seine Zukunftsträume weiter. Er malte sich aus, wie er in seiner Heimatsstadt sich eine Villa bauen will, ganz im Grünen, wie seine junge Frau ihnr entgegeiieilt, wenn. er vom Bureau nach Hause kommt. Und seine alten Eltern, wie werden die sich freuen! Wenn sein Vater mit zitternder Hand seine Schwiegertochter, die auch das Kind seines jüngern Bruders ist, segnen wird. — Da fliegt er mit jähem Ruck in die Höhe. Der Unglückliche erinnert sich plötzlich, daß sie Christin ist! Es ist ihm, als ob seine Zukunft mit einem grauen Nebel bedeckt würde, lange Flöre breiten sich,über sein Glück, mit einem Male fühlt er die Hoffnungslosigkeit, die sonst nur dem einsamen Mer eigen. Er, der Sohn frommer Eltern, er, der selbst mit allen Fasern ain Judentum hängt, wenn auch der Verkehr mit' den Kommilitonen und das Leben-in der großen Welt ihn dem jüdischen Gesetze entfremdet hatte, konnte niemals eine Andersgläubige heimführen. Aber sollte er sein Glück durch den brutalen Zufall zerstören lassen! Er war Mann, und konnte sich wehren, er konnte sein Glück erkämpfen. Doch mutlos ließ er sein Haupt sinken. Er konnte gegen eine ganze Welt streiten und im Kampfe für das hohe Ziel würden sich seine Kräfte stählen, es war ihm aber nicht möglich, seine sittliche Anschauung zu opfern. Sein Geist und sein Herz mahnten ihn mit ehernein Klange: die Pflicht geht über alles, und hier war es seine Pflicht, zu entsagen. Die Zukunft lag vor ihm wie eine öde Steppe ohne Blumen, und nur das Bewußtseiil konnte ihn trösten, das Rechte getan zu haben. „Mer Lucie! Nun, sie ist jung und wird mich rasch vergessen haben. Mer ich werde so rasch wie möglich hier meine Verbindungen lösen, um abreisen zu können." Er erhob sich seufzend, ohne Schlaf gefunden zu haben, der helle Sonnenschein des klaren Wintertages erschien ihm farblos, - denn das entschwindende Glück nahnr alles Licht mit sich. — — — — — Beim Frühstück erschien Lucie mit roten Wangen und Hellen Augen, frisch wie ein Maienmorgen. Ihr Vater meinte scherzend: „Die durchgctanzte Nacht scheint Dich nicht müde geniacht zu haben." „Gewiß nicht, lieber Vater, sic war nur zu rasch vorbei." „Hast Du Dich gut unterhalten?" „Mer vorzüglich. Ich habe selbstverständlich viel getanzt. Emil tanzt so gut und spricht so geistreich, so fesselnd." Ihre Mutter fragte: „Hast Du denn nur mit Emil getanzt und geredet?" „Nein, aber die anderen Herren haben immer die gleichen Komplimente." Sic machte die Geberde des Schnurrbartdrehens und sprach 'mit möglichst tiefer Stimme: „Gnädiges Fräulein tanzen wie eine Elfe. Haben gnädiges Fräulein in dieser Saison schon viele Bälle besucht? — So geht cs mit Grazie ack inkinitum. Nur Emil macht eine Ausnahme." Die Mutter antwortete: „Warte nur.mein Kind, auf Deinem Geburtstag wirst Dü mit Offizieren tanzen. Das ist doch das Ideal von Euch jungen Mädchen. Da werden die bescheidenen bürgerlichen. Herren im Werte sinken." „Das glaube ich nicht Mutter. Der bunte Rock tut's nicht allein, durch die Unterhaltung mit Emil bin ich in geistiger Beziehung verwöhnt und anspruchsvoll." Sie erhob sich und ging trillernd aus dem Zimmer. (Fortsetzung folgt.) Kunst unÄ Literatur. „Das Leben" (illustrierte Wochenschrift) heransgcgebcn von Arthur Kirchhofs und geleitet von Robert Saudek, bringt an leitender Stelle einen Aufsatz, von Dr. Paul Lima» über „Kriegsmöglichkeiten", der in ebenso energischer wie geistvoller 'Form das heute umgehende Gespenst einer nahen Kriegsgefahr verscheucht, und in überzeugender Form nachweist, daß iiur große völkcr-gcfchichtliche Ursachen in unseren Tagen einen Krieg heraufbeschwören können, nicht aber kleinliche, diplomatische Knifflichkeitcn. Einer der führenden deutschen Gelehrten, der aus nicht uninteressanten Gründen in diesem Falle ungenannt bleiben will, schreibt in derselben Nummer über „jüdische Nasseköpfe" und verficht den neuartigen Gedanken, daß nicht die üblich angenommenen kraneologischen Merkmale das Kennzeichen der Rasse sind, sondern gewisse, der Physiognomie ausgeprägte Züge, die durch eine bestimmte Muskulatur hervorgebracht werden. Einen Original-Aufsatz des berühmten italienischen Psychiaters Professor Cesare Lombroso über amerikanische Milliardäre belebt den Inhalt des wissenschaftlich und künstlerisch' anregenden Blattes, dessen Leiter, Robert Saüdek, aus treffenden Beobachtungen aus der Kinderstube, interessante Schlüsse auf die Sprache des werdenden Menschen zieht. Ind entansen im 19. Jahrhundert von Dr. N. Samter, 158 S. (drosch. Jk 2,50; geb. Jk 3), 1906. Berlin, M. Poppelauer. Das vorliegende Buch wird sicherlich die weiteste Verbreitung finden, denn es behandelt ein Thema, dem jeder Jude — er mag einer religiösen Richtung angehören, welcher er wolle — lebhaftes Interesse entgegenbringt. Der Verfasser hat sich mit Liebe und Fleiß in seinen Stoff versenkt und sucht ihm von den verschiedensten Gesichtspunkten aus gerecht zu werden. Man lese nur die Kapltcl-Ueberschriften: „Warum die Juden sich taufen ließen", „Mittel gegen die Taufe und was der Staat dazu sagt", „Offizielle und offiziöse Jndenbekehrung", „Die Mission an der Arbeit", „Was die Mission erreicht", „Was tun" usw. — und man hat bereits den Beweis, daß die Materie eine, allseitige Behandlung gefunden hat. Leider gehört der Verfasser der Neologie an, und gerade die Neologie ist, da sie die Brücke zwischen Judentum und Christentum gebaut und damit der Taufe vorgearbeitet hat, am wenigsten imstande, gegen die Taufe anzukämpscn, wenn auch ihre Mannen es sind, die dem Judentum durch die Taufe entrissen werden. So fehlen denn dem Buche jene zündende Worte der Begeisterung, die mit elementarer Gewalt aus dem tiefsten Born der Seele Hervorbrechen und Prophetenworten gleich, gleich dem Lichtstrahle des aufftammeuden Blitzes sich hineinsenken in die Seelen derer, die sie vernehmen. Die mächtige Welt- und Lebensanschaunng „Judentum" will gelebt sein, will in ihrem Geiste gelebt sein, um begriffen und dann gelehrt zu werden, sonst bleibt alles Begreife» nur ein Schemen des Judentums und die Worte seiner Verfechter sind zu schwach, um in dem gewaltigen Ringen, das heute im Reiche des Denkens tobt, die Scharen zusammenzuhalten. K. S. Pobedonoszews S am m l u n g M o s - kowitischer Studien über das politische und geistigeLeben der Gegenwart mit Bezug auf Rußland. Deutsch nach der vierten Auflage, herausgegeben von C. E. Wohlbrück. Dresden. Pierson. Preis. Jk 4. Wenn man in diesem Buch auch nur flüchtig geblättert hat, so blickt man unwillkürlich, überrascht von der Schlichtheit und Einfachheit der Sprache, von der hohen Bildung und dem Geistesreichtum, die aus jeder Zeile sprechen, nochmals aus die Nmschlagseite, um sich zu vergewissern, daß der Autor wirklich identisch ist mit dem berüchtigten Pobedonoszew, dem Oberprokurator des heiligen Synod. Reaktionär ist der Grundzug des Buches, Wert oder Unwert jeglicher Einrichtung wird gemessen an der Uebereinstimmung mit den Grundsätzen der russischen Kirche, bei alledem ist aber der Ton so vornehm, daß der entschiedenste Gegner es mit Vergnügen lesen wird. Besonders das Kapitel über den Glauben und die Ideale des Unglaubens werden wir Juden mit geringen Aenderungen gerne akzeptieren. 8. Reisestipendiüm zur Pflege jüdischer Wissenschaft. Das Präsidiuin der ungar. israelit. Landcsfondskommission schreibt hinsichtlich eines 2000 Kronen- Reisestipendiums zur Pflege jüdischer Wissenschaft einen neuerlichen Konkurs aus, da der erste, auf den 7. Mai 1905 ausgeschriebene, erfolglos geblieben ist. Konkurrieren können der jüdischen Wissenschaft Beflissene, die das dreißigste Jahr nicht überschritten haben, der israelitischen Konfession angehören, ungarische Staatsbürger sind, das Doktorat der Philosophie besitzen und in einem Zweige der bezeichneten Wissenschaft an ausländischen Universitäten oder Bibliotheken eingehende Studien zu unternehmen beabsichtigen. Entsprechend instruierte Gesuche sind bis Ende Juni ds. Js. an das Präsidium der genanntem Kommission (VX, Laudongasse 3) einzureichen. Dem Gewinner des Stipendiums steht es frei, seine ausländische Studienreise im September d. I. oder im März n. I. zu beginnen. Die David Kaufmann'sche Bibliothek in Budapest. Die Dr. David Kaufmann'sche Bibliothek wird demnächst in der ungarischen Mademie der Wissenschaften zur Aufstellung gelangen. Welchen Wert diese Bibliothek repräsentiert, zeigt der 'vom Religionsprofessor Dr. Max Weiß mit großer Sachkenntnis und rühmenswerter Sorgfalt zusammengestellte Katalog derselben, der soeben unter dem Titel „Katalog der Hebräischen Handschriften und Bücher in der Bibliothek des Prof. Dr. David Kaufmann s. A."» 280 Seiten stark, erschienen ist. Die Bibliothek enthält 594 meist sehr kostbare, ja geradezu unbezahlbare Handschriften, 1066 hebräische Druckwerke, ca. 575 Jüdaica, 29 spaniolische Judaica, 285 Bände Zeitschriften, 127 Orientalin und 157 Werke verschiedenen Inhalts. Dr. Weiß hat sich nicht damit begnügt, eine einfache Zusammenstellung der Düchertitel zu liefern, sondern er bietet einen eatalogue raisonnä, in welchem die mitunter sehr interessante Geschichte der betreffenden Handschrift erzählt und überhaupt jedes einzelne Werk genau beschrieben ist, so daß; wir es mit einer bibliographischen Arbeit von großem wissenschaftlichen Wert zu tun haben. Mehrere alphabetische Register erleichtern die Benützung des Katalogs und ermöglichen die sofortige Auffindung des' gesuchten Werkes. — Professor Dr. Max Weiß ist auch mit der Aufstellung der Bibliothek betraut worden. Wocheu-Kaleuder. (Zeitangaben nach dem Lnach.) Samstag, den 21. April (=26. Nissan): 12. Tag im Omer. Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 6 Uhr 55 Min., Sabbat-Ausgang in Frankfurt a. M. 8 Uhr 15 Mn., Straßburg 8 Uhr 15 Min. Berlin 7 Uhr 58 Min. Mittwoch und Donnerstag: Rausch Chandesch. Der Wochenabschnitt Schemini führt uns die so bedeutsamenSpeisegesetze vor. Für Säugetiere und Fische sind uns die Merkmale oder Reinheftszeichen mitgeteilt. (Wkederkauend, gespaltene