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Neue jüdische Presse · 1906-04-20 · Heft 15 (20.4.1906) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 15 (20.4.1906)
Date
1906-04-20
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Frankfurter JftaeMMs FamMenSlaü. WZSW^E^ Nr. 15; teiligung an der Besoldung erforderliche Mindestzahl in den meisten Füllen bald erreicht sein. Bezüglich derjenigen Juden, die sich in den dem preußischen Justizministerium unterstellten Gefängnissen befinden, ist eine religiöse Fürsorge weniger dringlich, weil es sich hier meist um kurzfristige Strafen handelt. Berlin. Die ehemals von Klausner geleitete Israelitische Wochenschrift hat seit dem 1. Wril ihr Erscheinen eingestellt. Berlin. Nach Berichten, die das Zentral- Komitee der Alliance Jsraölite Universelle neuerdings erhalten hat, ist die Lage der Israeliten im Süden und 'Südwesten Marokkos gegenwärtig besonders beklagenswert. Zu der chronischen Anarchie, die infolge der Schwäche des Maghzen im ganzen Lande herrscht, und zu den bewaffneten Einfällen der aufrührerischen Stämme ist eine wirtschaftliche Krisis schwerster Art hinzugekommcn, die Tausende von Familien mit Vernichtung bedroht. Die Hungersnot wütet im gesamten Innern Marokkos als Folge der Trockenheit und der schlechten Ernte. Die unglücklichen Juden machen sich in der Furcht vor plündernden Araberstämmen verzweifelt auf die Flucht, suchen in den Küsteiistädten Mogador, Mazagan, Azemur, Casablanca Asyl und kommen selbst bis Tanger. Die Hilfe der begüterten marokkanischen Juden, deren Wohltätigkeitssinn zu rühmen ist, reicht nicht entfernt aus. Die Mliance hat seit mehr als einem Zähre für die notleidende Bevölkerung in den verschiedenen Zentren, namentlich in Marrakesch, bedeutende Summen aufgewandt. Des Weiteren hat die Mliance angeordnct, an den Speisungen in ihren Schulen alle bedürftigen Kinder ohne Ausnahme teilnehmen zu lassen. Zur Fortsetzung dieses Liebeswerkes sind beträchtliche Mittel notwendig, die bei der Ausdehnung des Unglücks gar nicht reich genug zur Verfügung gestellt werden können. Das „Deutsche Bureau" der Mliance (Berlin N. 24, Oranicnburgerskraße 42) nimmt gern freundliche Gaben für dieses außerordentlich dringliche Hilfswerk an. Berlin, 17. April Beendigung des russ. Hilfswerks. In einer Konferenz, die in Dover stattgefunden hat, und an der seitens des Zentralberichtsbureaus und des „Hilssvereins der deutschen Juden" Herr Dr. Paul" Nathan-Berlin, seitens des' Russo-Jewish-Kvmitees Herr N. S. Joseph-London und seitens der verschiedenen internationalen Organisationen Herr D. Feinsberg (Fc'a Petersburgs teilgenommen haben, wurden die definit'ven Beschlüsse über die Entschädigung der durch die Pogrome heimgesnckiten Juden in Rußland gefaßt. Gleichzeitig wurden dort die Bestimmungen über die Versorgung der Waisenkinder, der Witwen und der Krüppel und der erwerbsunfähig gewordenen festgesetzt. Nachdem die Vorschläge von dem Russ.-Jcwish- Komitec genehmigt worden sind, ist die Hilfsaktion in Bezug Auf Rußland als abgeschlossen zu betrachten. Köln a. Rh. In der letzten Repräsentantensi tz u n g wurden die Herren Sally Bielefeld zum Vorsitzenden und B. G o l d s ch m i d t zum stellvertretenden Vorsitzenden wiedergewählt und die Subvention für das jüdische Lehrer-Seminar von 1500 JL auf 2000 JL erhöht. — " Dem „Jsr. Gemeindebl." ging von Herrn Rabbiner Dr. Frank das nachstehende Schreiben zu, desien Inhalt sicherlich für die jüdische Allgemeinheit von höchstem Interesse sein dürfte, weil er einen treffenden Beitrag zur Charakteristik der von manchen Seiten so viel geschmähten russischen Juden bietet. Aufforderung. Ich erhielt in den letzten Tagen von der Verwaltung einer Spinnerei bei Köln ein Schreiben folgenden Inhalts: „In unserem Betriebe beschäftigen wir seit . einiger Zeit mehrere Weber jüdischer Konfession, welche infolge der Unruhen aus Rntzland ausgewandert sind und gestatten uns die höfliche Anfrage, ob Sie veranlassen können, daß uns seitens des Hilfskomitees noch 10 bis 15 dieser Leute zugeführt werden. Eventuell wäre es uns auch angenehm, wenn Sie uns die Wresse namhaft machen würden, an welche wir uns dieserhalb wenden könnten. .Wir haben mit diesen Webern gute Erfahrungen gemacht, und verdienen dieselben ß äglich JL 4 und mehr usw." . Ich erkläre mich bereit, jüdischen Webern nähere Auskünfte zu erteilen. Köln, 12. April 1906. Rabbiner Dr. Frank. Testa«. Die Baronin von Cohn- Oppenheim-Stiftung der hiesigen israelit. Kultusgemeinde bewilligte, im Jahre 1903 außer an Einzelpersonen u. a. an folgende Korporationen Beträge: Die Lehrerinnen-Stiftung (das Lindnerheim) in Dessau 500 JL, die Volksküche in Dessau 500 JL, das Ekisabethhaus in Dessau 300 JL, die Herberge zur Heimat in Dessau 100 JL, der Gemeinnützige Verein in Dessau IM JL, der Rechtsschützverein für Frauen ' in Dessau 2M JL, die Hilfskasse der Israelitischen Studenten in Cöthen 500 JL, die Hilfskasse der Jsr. Kultusbeamten für Deutschland in Berlin IM JL, Strafanstalt Brandenburg zur rituellen Speisung israelitischer Strafgefangenen am Passahfeste 50 JL, Strafanstalt Insterburg zu gleichem Zwecke 30 JL, Israelitisches Mädchenstift (Anstalt zur Ausbildung israelitischer Dienstboten) in Berlin 3M JL, Hilssverein für die russischen Auswanderer in Bremen 5M JL, Wäisenrat der Stadt Dessau zur Weihnachtsbescherung von Waisenkindern in Dessau 150 Hilfsverein der deutschen Juden in Berlin für die notleidenden russischen Juden 3M0 JL, zum gleichen Zwecke an Herrn Rechtsanwalt Dr. Ascher in Dessau 500 JL, Mademischer Jüdischer Turnverein in Cöthen zur Beschaffung von Turngeräten 4M JL, Kleinkinderbewahranstalt der Schwester Rosa Hammer in Ballenstedt IM Mark, Jüdische Turnerschaft in Berlin 50 JL, das Krankenpflege-Institut der grauen Schwestern in Dessau 720 JL, die freiwillige Sanitätskolonne vom Roten Kreuz in Dessau zur Erhaltung des von derselben eingerichteten ständigen Sanitätsdienstes für die Stadt Dessau 3M0 JL, das Direktorium des Kreiskrankenhauses in Dessau erhielt zur Beschaffung neuzeitiger Heileinrichtungen, soweit hierzu die Mittel seitens der Verwaltung des KrciSkrankenhauses nicht zur Verfügung gestellt werden können, 1000 JL Der Kreisverein bom Roten Kreuz für den Kreis Dessau erhielt für die Einrichtung und Erhaltung der Landkrankenpflege durch Schaffung von Krankenpflegestationcn in den Ortschaften des Kreises 3M0 JL,'-für Unterbringung Erholungsbedürftiger in der Waldcrholungsstätte l zu Dessau Ivurden 118 JL verausgabt. Die Anhaltloge in Dessau erhielt auch in diesen: Fahre ivieder zur Entsendung einer Ferienkolonie von Kindern isr. Glaubens aus dem Anhaltlandc in die Sommerfrische 800 JL, für die Kindcr-Luiigcnheilstätte „Herzogin Marie" in Oranienbaunr erhielt der Verein zur Bekämpfung der Schwindsuchtsgefähr in der Provinz Sachsen und dem Herzogtum Anhält in Halle 1M0 JL Auf Anregung des Herzoglichen Staatsministeriums wurden zur Unterbringung Lungenkranker in Heilstätten den Herzoglichen Kreisdirektionen in Dessau, Cöthen, Zerbst und Baflcnstedt zusammen 1M0 JL bewilligt, die in den betreffenden Kreisen mit Ausnahme der Städte Dessau, Cöthen, Zerbst und Ballenstedt verwendet locrden sollten. Zwecks gleichmäßiger Berücksichtigung der vier Kreise hat die Stiftung jedem derselben 250 JL überwiesen. Der Verein zur Ausbildung jüdischer Krankenpflegerinnen in Berlin erhielt 1000 JL Ein Beitrag von 20000 JL ist dauernd der neu errichteten städtischen Handelsrealschule zu Dessau überwiesen. Die Gesamtausgabe der Stiftung beträgt im Jahre 1905 224 712,34 JL gegen 204 485,40 JL im Jahre 1904, mithin mehr 20 226,94 JL Die Gesaniteknnahme der Stiftung im Berichtsjahre beträgt Mark 228 736,08 gegen 206 998,11 im vorhergehenden Jahre, mithin mehr 24 73.7,97 JL Das Stift:::: gsvcrmögen beträgt nach der Bilanz vom 31. Dezember 1905 5 312 038,22 JL gegen 5 293 784,25 JL am Schlüsse des Jahres 1904. Es hat demnach eine Vermehrung des Stiftungsvermögens um 19 256,97 Mark staltgefunden. Oesterreich-Ungar«. Budapest. Aus Oedenburg schreibt man dem „Pester Lloyd": Der Wiener Bürgerineister Dr. Karl Lueger hat zur Erbauung des jüdischen Tempels in Mnraßomvat der,dortigen Gemeinde 20 Kronen gespendet. , r_ Schweiz. Zürich. Gegenwärtig hat die Schweiz einen großen Zuzug solcher russischer Juden, welche infolge Ausweisungsbefehldes Berliner Polizeipräsidenten gezwungen sind, die preußische Hauptstadt zu verlassen. Selbst auf die Beschwerde beim Oberpräsidenten wurde der Ausweisungsbefehl nicht zurückgenommen und wissen die meisten der davon Betroffenen nicht, welche Schuld ihnen zur Last gelegt wird, die eine Begründung der willkürlichen Maßreg-l sein könnte. Es handelte sich meistens um solche Leute, die Handwerker sind und bereits an ihren: neuen Aufenthaltsorte Arbeit gefunden, die ihnen erlaubt hätte sich und' ihre Angehörigen anständig zu ernähren, ohne die öffentliche Wohltätigkeit zu beanspruchen. Basel. Anläßlich der Barmizwob seines ältesten Sohnes machte unser Gemeindepräsident, Herr Dreyfus-Drodsky, der Gemeinde die Mitteilung, daß er zum Andenken an seine verewigten Eltern, besonders an seinen Vater, den langjährigen Präsidenten und Ehrenpräsidenten der Gemeinde, Herrn Dreyfus-Neumann sel., die Summe von IM 000 Franken zu einer vom Vorstände noch näher zu bestimmenden Stiftung schenke. Spanien. Madrid, 16. April. Am lebten Samstag verbrannte in Tetnan (Marokko) eine durch de» Gottesdienst fänatisierte Menge in der Franziskancrkirche eine Judasfigur, drang dann in die Synagoge ein und zerstörte die Kultnsbücher. Der Exminister Viflanueva, der auf einer Studienreise in Tetuan anwesend war, und der spanische Konsul nahmen die Beschwerden des Rabbiners entgegen. Der „Herakbo" fordert Aufklärung des Vorfalls, der geeignet, sei, die Initiative der Konferenz zu beeinträchtigen. Frfft. Ztg. Bulgarien. Philippopel, den 13. April. In keinen: Jahre ist Pesach in Bulgarien so ruhig verlaufen, wie heuer. Die Panik, die schon einige Wochen, vor Pesach unter den Juden herrschte, war dieses Fahr unbegründet. Wohl hatten hier die Antisemiten versucht, den Pöbel zu reizen, indem sie tausende von Hetzschriften gegen die Juden drucken ließen. Allein der hiesige Bürgermeister ergriff in lobenswerter Weise Maßregeln, daß - diese Schriften nicht unter d:e Masse kainen. Im übrigen Bulgarien ist außer zwei Mordanschlägen, der eine in Duhiritza, wo ein 17jähriger Jüngling einen Messerstich erhielt und fast leblos ins Spital gebracht werden mußte, der andere in Kuistendil, wo der Revolver als Waffe diente, nichts vorgekommen, denn welche Rolle spielen solche Bagatellen in der großen Leidensgeschichte Israels?! In Slilvna bereiteten sich die Bulgaren tatsächlich zu einem Jüdenangrifse vor. Es ist aber glücklicherweise dem dortigen Gemeindevorstande gelungen, ihn rechtzeitig zu verhindern. Jeruschalmi. . Die Cohnheims. Roman von Jacob Levy. (Fortsetzung.) Der Gesellschaftsabend erschien. Die Festräume der Villa erstrahlten im Glanze der elektrischen Lichter, Wagen aus Wagen fuhr vor. Die Säle füllten sich, aber keine schimmernde Uniformen verliehen de«: Feste das vornehme Air, so wie Frau Cohnheim es sich geträumt hatte, sondern der bürgerliche Frack, ohne allen Ordensschmuck gab den Herrn etwas Einförmiges, etwas Bescheidenes, Desto strahlender leuchtete die Damenwelt, Brillanten sprühten und funkelten, und zeugten wie mit tausend Zungen von der Zahlsähigkeit der betreffenden Gatten. Die jungen Mädchen waren einfacher gekleidet und bildeten im Schmucke natürlicher Blumen einen lieblichen Kranz. Plötzlich 'Sporengeklirr! Rolf trat ein, seine Mutter an: Arm, die stolz und glücklich aussah. Sie stellte den schmucken Offizier verschiedenen Herrschaften vor, die ihn teilweise noch als Kind gekannt hatten. Er aber tat frentd und bat um Nachsicht, wenn ihn seinen Personengedächtnis im Stiche lasse, der Dienst absorbiere ihn eben ganz. Dann begab er sich zu den jungen Mädchen, die flüsternd die Köpfe zusammengesteckt hatten und nickte befriedigt, als er seine Schwester darunter sitzen sah. Er dachte: der jüdische Jüngling ist nicht hier und sie entbehrt ihn nicht. Er setzte sich eine Weile und plauderte mit den Mädchen, die glücklich und verlegen waren. „Ja," sagte er :::it einen: schweren Seufzer, ,sich bedauere, die 2an:en verlassen zu müssen. Es ist Gesellschaft bei::: Komnmndcnr, wo wir Offiziere nicht fehlen dürfen. Aber die Tänze, die ich heute entbehren muß, werde ich später mit Wucherzinsen einfordern." Mit liebenswürdige«: Lächeln erhob er sich. Er faßte seine Schwester im Ar«:, un: sie zu seiner Mutter zu führen. Unterwegs flüsterte er ihr zu: „Lucie, auf Deinen Geburtstag werde ich einige Kameraden mitbringen, lade nur die jungen Mädchen ein, damit bei den Herren kein störendes Element sich befindet." Sie erwiderte freundlich, aber fest: „Ich werde diejenigen einlade::, die den Eltern und mir passend erscheinen. Sei unbesorgt, Du weißt, daß sich unseres Verkehrs Niemand zu schämen braucht." Er sagte kaltblütig: „Nun ja, wenn ich' geniert bin, kann ich init den Kameraden »nch ja rasch entfernen." Er verabschiedete sich und begab sich in's Kasino, wo er sich bei Sekt und Jeu gut amüsierte. Emil erschien erst gegen Ende des Soupers. Cr begrüßte seine. Verwandte, die ihm scherzhaft Borwürfe ob seines späten Erscheinens machten. „Liebe Tante, ich komme soeben aus einer politischen Versauunlnng und da wirkt hier der Anblick so viel froher Mci:schen, so viel schöner Mädchen wie ein erfrischendes Bad." .Er schöpfte tief Ate«: und fuhr fort: . „ES gibt doch nichts dümmeres, als die Politik. Jetzt entschuldigt michich habe die heilige Pflicht, mich bei Lucie zu melden." Er ging zu dem jungen Mädchen. Lucie machte bei seinen: Herankommen eine sehr ernste Miene und versuchte, böse auszusehen. „Ich' weiß nicht, ob ich - noch mit Dir reden soll."

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