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Neue jüdische Presse · 1906-04-20 · Heft 15 (20.4.1906) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 15 (20.4.1906)
Date
1906-04-20
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 15. Seite 3. giosität vergiftet ist. Was liegt nun näher, als für eine andere, gesunde Quelle zu sorgen? Von der großen Zahl unserer Rabbiner-Gaonim gab es nur einen einzigen, der die Bedeutung der Frage richtig begriff und die Gründung einer orthodoxen Lehrerpräparandic auf die Tagesordnung setzte. Das war ein.allgemein anerkannter wahrhafter „Gaon": der erleuchtete Raw von Großwardcin. Seine Gemeinde ging mit denk edlen Beispiele voran, indem sie zur Gründung einer orthodoxen Lehrerpräparandie 10000 Kronen spendete und gleichzeitig an die Orthodoxie des ganzen Landes eine» zur regsten Beteiligung auffordernden Aufruf ergehen ließ. Ter Erfolg war auch denieutsprcchend ein geradezu grandioser. Nach verbürgten Behauptungen soll mrs dem ganzen Lande eine — sage eine Krone — eingegangen sein! — Nein, für Lehrerpräparandie hat die ungarische Orthodoxie kein Geld! Dafür aber wird in Marmaros, Huszt und Szatmär lustig „Schirajiin" gegessen; werden die Hunderte der dort lernenden Bachurim mit einer wahrhaft zarischcn Tespotie für ihren einstigen Beruf, für das Orach- Hogentum*) erfolgreich vorbereitet; wird endlich vom Observatorium zu Waitzen ängstlich und ununterbrochen der Horizont abgesucht, um einen etwa von den Steppen Rußlands her drohenden Einbruch der Misrachi-Tartaren rechtzeitig abzuschlagen. „Lieb Vaterland magst ruhig sein" usw. Ta hätte ich aber unversehens eine Frage angeschnitten, die für diesmal mir über den Kopf und Ihnen über die Spalte zu wachsen droht, die Frage: weshalb eigentlich unsere talinudischen Berufsgelehrten im Gegensatz mit anderen Ländern und hauptsächlich mit Rußland, hierzulande ein so lebensfremdes Gepräge haben; weshalb so spärliche Fasern aus den „vier Ellen der Halächa" heute in die mächtige Schicht des Alltagslebens hinüberführen und endlich, weshalb das Ansehen unserer Rabbiner bei dem denkenden Teile ihres Publikums, und zwar nicht blos bei dem zionistisch gesinnten, von Tag zu Tag immer mehr schwindet? Indem ich von einen« „denkenden" Publikum gesprochen, ist es selbstredend, daß sich meine Beinerkung auf die Chassidim nicht beziehen kann. Tatsächlich läßt auch das Verhältnis Mischen den Chassidim und ihren gleichfarbigen Leitern nichts zu wünschen übrig. Freilich ist aber zi« bedenken, daß die Chassidiinheerde sich leider in so unendlich viele Couleurs teilt, die auf einander gar nicht gut zu reden sind. Ich lege daher diese Frage, sowie jene der gegenwärtigen Lage der ungarischen Orthodoxie für eine spätere Gelegenheit zurück, notabene für den Fall, daß Ihnen eine Fortsetzung dieses Geschreibsels erwünscht erscheinen sollte.. Sollte inich aber eine süße Zlhnung nicht täuschen, daß Sie sich nämlich eine Fortsetzung ebenso höflich als entschieden verbeten werden — dann, geehrter Herr Redakteur, gebe ich Ihnen das heilige Versprechen, Ihnen gelegentlich der bevorstehenden Feiertage einen Separat-Mischeberach machen zu lassen . . . Ah — was ist das für eine süße goldene Helle, die sich sanft über meinen Schreibtisch legt und von da in mein Herz hineinzittert? Es ist ein Mondscheingruß unserer heiligen, stillen Passah-Nacht, die «nit ihrem wehmütig beglückenden Auge über den Horizont späht. O, Du herrliche Königin, die Du in unserem Herzen jauchzende Hymnen erschallen läßt, bei denen unsere Seelen in endlosem Weh vergehen — wer kann sich zu Dir verglühen? Du große, heilige Nacht der Freiheit, der Freiheit in der Nacht! Lichtumflossene Königin. . . . Kein anderes Volk ist Deiner würdig, als nur das Volk des Mondes, der myndscheindurchfluteten Nacht! O, Ihr Sklaven des finstern Bannes, was wußtet Ihr von der Freiheit, bevor sie in je««er ersten heiligen Nacht einer Fackel gleich erglömme««, die seitdem das ganze Weltall mit ihrem Licht erfüllt 2 Und was wißt Ihr heute noch von ihr? Erst wenn Ihr das schauerumwobene süßdunkle Mysterium der „Lel Schimurim" ergründet habt, dürft Ihr das Wort Freiheit, ohne Scheu 'im Btunde führen. .... '*) Besseres Schnorrertum. Frankfurter JsraelBsHes Familienblaü. Die Woche. Die Wahken in Rußland zur RcichSd««ina sind wider Erwarten liberal ausgefallen; die Resultate — so weit sie bekannt sind — ergeben einen großen Sieg der Kadetten (konstitutionellen Demokraten). Die linksstehenden Parteien tverden wahrscheinlich die Mehrheit in der Tmna auSinachen. Zwar sind die Wahlen noch nicht definitiv abgeschlossen, so bleiben noch z. B. die Wahlen in Polen, im Kaukasus usw. aus, auch hat tue große Masse der Bauern erst teiltveise gewählt; allein Polen und der Kaukasus stehen zur Regierung seit lange in Opposition und auch die Bauern sind der Prügel und des Hungers satt, und «vcnn sie auch "jeglichen Wissens bar sind, so steht ihnen doch 'eine große Lehrmeisterin zur Seite: die Not. Von wohltuendem Einfluß auf den Gang der Wahl -ist, daß soivohk Prtersbutg als auch das heilige Moskwa ausschließlich Demokraten gewählt haben. Auch Juden, meistens Zionisten, sind im Ansiedelungsrayon schon bereits gewählt, und noch mailche haben Aussicht, geivählt zu werden. Die jüdischen .Abgeordneten (25—30?) werden zuversichtlich eine ansehnliche Gruppe in der Reichsduina bilden, und ihre geineinschaftliche Rot wird sie jedenfalls, «venigstens in der e r st e n Z c i t, zusanlme««schweißen. Mas wird nun die Duma den« unglücklichci« Lande und den noch viel unglücklicheren Juden bringen? Mas gibt'es natürlicheres, als daß ein .fortschrittliches Parlament den Fortschritt, das Recht und die Gerechtigkeit — «venu auch" nicht ganz, so doch teiltveise — bringt. Allein, die Sache ist nicht so einfach: Die Existenz der Duma ist vom Ausland, von den Geldgebern Rußlands abhängig. Die russische Regierung steht dank ihrer wahnsinnigen Wirtschaft vor dem Bankrott; der Staatssäckel ist leer und ist gezwungen, sich Geld vom Ausland zu holen. Da aber das Ausland das Zuvertrauen in die Einsicht der klugen Negierung verloren hat, so war diese auf Wunsch der Gläubiger genötigt, eine Verfassung zu geben. Nun ist die Verfassung da; zwar ist sie ans Krücken gestellt, allein sie kann sich auf eigene Füße stellen; ist do'ch einmal dank der furchtbaren Not des Landes und dank dem verbrecherischen wahnsinnigen Treiben eines Durnowo eine fortschrittliche Mehrheit der Duma in Aussicht gestellt, diese kann sie in eine regi crendc verwandeln, vorausgesetzt, daß die deinokratische Partei, die Kadetten, es verstehen «vird, die Agrarfrage zu lösen und somit die ausschlaggebenden Bauern auf ihre Seite zu ziehen; tut sie es nicht, dann haben die rechtsstehenden Parteien die Mehrheit auf ihrer Seite. — Und doch hängt alles ausschließlich von den Geldgebern ab. Wenn die Regierung die Anleihe ohne die Zustimmung der Duma bekommen kann, so Ivird sie voraussichtlich mit der Opposition kurzen Prozeß machen, sic «vird sic «nit Hilfe des Bajonetts und der Nagajka nach Hause schicken. Der einzige Lichtstrahl in dieser düsteren Lage ist eben, daß die Geldgeber in ihrem eigenen Interesse die Sanktiotiicrung der Duma für dir Anleihe verlangen. Das ist besonders deshalb zu crtvartrn, «veil die Geldgeber die liberal regierende«« Länder Amerika, Frankreich und England sind. Abwarten! — Und was min die Juden anbelangt, so ist für den Augenblick deren Schicksal voin Schicksal der freiheitlichen Parteien abhängig. Wir sagten für den Augenblick, denn eine dauernde und endgiltige Erlösung kann ihnen die Diaspora, wie sie auch sei, unmöglich bringen. * * * Die langwierige un g arische Kr i se ist f ü r eine W eile beigelegt. Ter Msolutismus und der Chauvinismus lagen sich in den Haaren, da griff ernsterer zuin allgemeinen Verblüffen zum TemokratiSmus. Einen Augenblick schien der Chauvinismus am Boden zu liegen, im letzten Moment aber besann sich der Wsolutisimis seiner selbsst und gab. nach. Der niedergebeugte Chauvinismus jubelt! Nach und nach wird die große Mrechnung «nit den bösen Demokraten kommen, die Liberalen wollten auf die Wrechnung nicht warten und beeilten sich, aufzulösen. Und die Juden? Auch die Inden Ungarns werben die ganze Zeche bezahlen «nüssen. Chauvinismus und Antisemitismus sind von jeher eng verbunden gewesen und schlagen seit je in Gemeinschaft ain Körper JndaS Wunden. So ist z. B. in der chauvinistischen Koalition die antisemitische Volkspartei, deren Führer der gegentvärtige klerikale, antiseinitische Minister a latere Graf Matz ar Zichy ist, die Wortführerin, und da sie das große Wort führt, so ivird reichlich genug dafür gesorgt «verden, die Inden materiell und kulturell zu schädigen. Die Magyarisierung der ungarischen Juden ist schon ohnedies sehr «veit um sich gegriffen. Jetzt denke man sich, ivas nun kommt, da der Chauvinismus das Heft in Händen hat! Doch vielleicht «vird der krasse Antisenntisnlus das jüdische Rückgrat stählen! — Vielleicht. Aus aller Welt. Deutsches Reich. Berlin. Eine von berliner und auswärttgen Mitgliedern gut besuchte Sitzung des „Kuratoriums' des Gesamtarchivs d e r d e n t s ch e n Jude««" wurde am 1. Llprit im Bureau des D. F. G. D. abgehalten. Das Archiv wurde am 1. "April 1905 im Hause Lützowstraße 15 unter Leitung des Herrn Dr. Täubler, der durch das hiesige Kgl. Geheime Staatsarchiv für sein Amt au?gebildet wird, dein ein Hilfsarbeiter zur Seite steht, eröffnet. Bereits hat eine größere Anzahl von Gemeinden ihin ihre Mten übergeben, andere haben das gleiche zugesagt, mit noch anderen werden Verhandlungen geführt. Dazu komlncn die Archivalien des Deutsch-Israelitischen Gcnieindebundes und eine Anzahl von llrknnden auS Privatbesitz. Es ist von großer Wichtigkeit, daß diese bedeutsamen und vielfach unersetzlichen Schriftstücke, die in den Händen ihrer bisherigen Besitzer, seien es Privatleute oder Genieinden, «vie die Erfahrung lehrt, vom Untergang bedroht sind, durch Uebergabe an das Gesamtarchiv bewahrt und der historischen Wissenschaft nutzbar gemacht «verden. Jede Gemeinschaft ist es ihrer Ehre schuldig, alle auf ihre Vergangenheit bezüglichen Urkunden zu sammeln und vor der Vernichtung zu schützen. Auf einzelne Gemeinden hat das Vorhandensein des "Archivs erzieherisch geivirkt, indem auch solche, die vorläufig noch nicht zur Mgabc ihrer Schätze bereit sind, sich nunmehr die Ordnung und Verwahrung derselben angelegen sein lassen. Das anznstrcbcnde Ideal bleibt es, daß alle historischen Dokuinente der deutschen Judenheit an einer Stelle vereinigt tverden. Bon besonderem Werte sind die geschloffenen Gruppen, d. h. Saminlniigen sämtlicher Gemeindcakten während eines .längeren Zeitranines: solche sind besonders von Darmstadt (mit dem Jahre 1650) und von Ostrowo («nit dem Jahre 1656 beginnend) eingegaugcn. Das älteste bisher eingegangene Archivstück rührt aus den« Fähre 1570 her. Das Kuratorium beabsichtigt, durch eine populär gefaßte Denkschrift das in jüdische» Kreisen noch lvcnig verbreitete Verständnis für die Bedeutung des Archivwesens zu heben und durch die Ernennung von korrespondierenden Mitgliedern in allen Teilen des Reiches seinen. Bestrebungen Förderer zu geivinnen. Einer bei den Staatsarchiven bewährten Einrichtung entsprechend, sofl an die Vorstände der jüdischen Gemeinden die Aufforderung gerichtet «verden, keine Kassation von Slkten vorznnchincn, ohne sich mit dem Gesamtarchiv in Berbindnng gesetzt zu haben. Berlin. Durch die Erlasse des 'Kgl. Preuß. Ministeriums des Innern vom 20. Mai und 6. Oktober 1897 «var hinsichtlich der religiösen Fürsorge f ü r d « c jüdi s ch e n Strafgefangene >« eine «vesentliche Verschlechterung cingetreten. Früher kamen für die jüdischen Zuchthansgefailgencn nur die Anstalten zu Ratvitsch, Insterburg und Köln iir Betracht. Durch die Aufhebung des Zentralisierungssystems bcin« Strafvollzug «vurde in den meisten Fällen eine Berücksichtlgnng der religiösen Bedürfnisse unmöglich gemacht, da eine von« Staate bezahlte Seelsorge nur dann zulässig war, wenn die Durchschnittszahl der jüdischen Strafgefangenen mehr als 10 betrug. Dieser Mißstand hat den Deutsch- Israelit. G e m e i n d e b n n d seit längerer Zeit beschäftigt. Das durch eine bei Gemeinden und jüdischen Gefangenenpredigern veranstaltete Enquete beschaffte Material «vurde in einer Denkschrift zusamincngefaßt, und nachdem der geschäftsführende Vorsitzende des D.-J. G.-B. bei tleberreichnng der Denkschrift an den Dezernenten für bas Gefangenenwesen Herrn Geh. Ober-Regiernngsrat Dr. Krohnc ein weitgehendes Entgegenkommen gefunden hatte, haben die inzwischen mit der genannten hohen Stelle sortgeführten Verhandlungen zu einem erfreulichen Resultat geführt. Nunmehr «verden in den dem Preuß. Ministerium des Innern unterstellten Strafanstalten und Gefängnissen eine Konzentration der jüdischen Gefangenen in dem Sinne kn die Wege geleitet, daß einerseits die Zuchthausgefängeiien und andererseits die mit einer Gefängnisstrafe von miiidestens sechs Monaten bestraften Juden jedes Oberlandesgerichtsbczirkes in je einer einzigen Anstalt an solchen Orten zusammengebracht werden, wo. ein Rabbiner seinen Sitz hat. Es wird dadurch die für eine staatsseitige De-

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