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Neue jüdische Presse · 1906-04-20 · Heft 15 (20.4.1906) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 15 (20.4.1906)
Date
1906-04-20
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. denmassc — das heißt: Bourgeoisie — handelte. Da fiel es ihm schon leicht, auch aufrichtig freche zu sein ... Es ist hier wiederum ein interessantes Phänomen der bundistischeu Psyche: die Juden dom „Bund" hatten wahren Respekt vor den Juden der „Jskra"; es st eckt da nämlich hinter der Bewußtseinsschwelle scner .Respekt des modernen G o l u s j u d c 11 vor einem „G o j" . . . . Diese Polemik zwischen „Jskra" und „Bund" zeichnet sich so inmitten all seiner vielen Polemiken ganz besonders aus. Sie hat einen ausgeprägten Zug, . der ihr ein charakteristisches Gepräge gibt. Es wirkt so komisch: „Jskra" haut auf den „Bund" stets kos — und er bittet daraus stets um Entschuldigung . . . Er antwortete immer mit einer Rechtfertigung seiner Handlungen und mit der halblauten Bitte: sdaß -man ihm seine kleine Dosis unschuldiger Nationalität verzeihen möge — mrd moralische Gleichberechtigung im sozialistischen Läger gewähre. Aber Marx?! Der internationale Marx?! Wird er cs verzeihen?! Es ist ja die Erschütterung der Grundsäulen der Orthodoxie! — schrie wütend die grausame und unerbittliche „Jskra". Der „Bund" versuchte, sie zu besänftigen: er sei doch nicht etwa ini Prinzip national, sondern nur in der Partcitaktik — und das dürste auch 'nach Marx keine Sünde sein... So verteidigte er sich. Mer „Jskra" war hart- — mächtig und rücksichtslos. Sie kannte nur ihren Kodex und wollte kein Iota nachgeben. Wahrlich, sie war unbarmherzig gegen „Bund". Und „Jskra" siegte. Ihre logische Konsequenz mußte über die innere Zerfahrenheit der nativnalistelude» Assimilatoren siegen: Etwas Ganzes ist immer mächtiger als das Halbundhalb. Vorzugsweise war dieser Sieg ein moralischer. In ihren Repliken zogen die Bundisten stets den Kürzer», weil sie da in die Enge getrieben und gezwungen wurden — ihre Theorie zu begründen. Und das vermochten sie nicht. Nicht etwa, iveil sie schlechte Rhetoriker seien s sondern weil diese Theorie keinen Halt hat; sie krankt an aUen Gliedern. Sie ist bloß ein Stück fleißiger Flickarbeit, die sich wohl einer geivissen Kunstfertigkeit rühmen darf. — Hier, in der Polemik gegen „Jskra" und in der Proklamiernng seiner Prinzipien, erprobte sich der „Bund" als der typische Erbe des morschen Geistes der haarspaltenden Pilpülistik, der dogmatischen Verbohrtheit und Wortklauberei — den sic freilich modernisierten und in ihre neue Welt hinüberpflanzten, aber auchnoch mehr verstümmelten und verkrüppelten. Mles in Allem war es wahrlich ein tragischkomisches Schauspiel: Die sklavisch höher potenzierten Juden der „Jskra" stritten mit den graduell weniger versklavten Juden voin „Bund" um das Monopol auf die Idee der — Freiheit . . . * Auch der Sieg cks laut» blieb nicht aus. Im Jahre 1903 fand der zweite Parteitag der „Allrussischen sozialdemokratischen Partei" statt, der die Annahine des Programms der „Jskra" und die Anerkennung ihres Organs als eines Zentralorgans. der Organisation beschloß. Der „Buird" sah sich infolge dieser Resolution genötigt, seinen Austritt aus der allgemeinen Organisation zu erklären. Er konstituierte sich nun als eine unabhängige Partei. Ihm folgten die polnischen, litauischen, lettischen, armenischen, ruthenischcn u. n. a. Sozialdemokraten. Auf dicscin Parteitag entstand ein Streit um die Frage: welche Bedingungen müssen erfüllt sein, um als ein Mitglied der Partei betrachtet zu werden? Lenin stellte die strenge Forderung: Die Rechte eines Mitgliedes dürfen nur demjenigen zucrkannt werden, der sich mit dem Programm der -Partei einverstanden erklärte und unter ihrer Fahne arbeitet. Martow war milder, reduzierte diese Forderung auf die bloße Forderung: Mitglied der Partei kann jeder sein, der nur mit ihrem Progranun einverstanden ist — wenn er auch seine sozialdemokratische Tätigkeit nun der Parteileitung nicht unterstellt. Diese Frage in Perbindung mit noch mehreren Fragen der Parteitaktik rief bald einen heftigen Frankfurter Israelitisches Familienblatk. Kampf hervor, der rasch um sich griff und auf das ganze sozialdemokratische Niveau in Rußland sich auSdchnte. Er zeitigte natürlich eine große Literatur — hauptsächlich über ben Streit: wer da der Abtrünnige sei — und führte endlich zu einer Spaltung innerhalb der Repräsentanten der „Jskra". Martow blieb in der alten Partei, Lenin trat aus und scharte um sich seine vielen Anhänger als eine besondere Partei: Er gründete ein neues Preßorgan: „Wperjod" („Vorwärts"). So zerfiel „Jskra" in zwei Hauptgruppen: in „Leninjaner" und „Martowjaner", in „S t r e n g e" und „M i l d c", oder, wie sie am geläufigsten bezeichnet werden: in eine „Majorität" und „Minor i t ä t". Diese zwei feindlichen Läger bekämpften aber gemeinsam ben „Bund". Auch die „Milden" waren gegen ihn sehr streng. — Und bis heute noch konnte es dem „Bund" nicht gelingen, von seinen „Genossen" die. so ersehnte moralische Gleichberechtigung weder zu erzwingen noch zu erbetteln. Er steht noch sinnier in seiner Exklusivität da. Und er wird noch immer nicht als ebenbürtig angesehen — trotz seiner emsigen Beflissenheit, die strengorthodoxen Vorschriften zu beobachten und sich das Vertrauen der sozialdcinokratischen Obrigkeit zu gewinnen. Und trotzdem, daß 'sein jedes dritte Wort „Proletariat" ist — die ersten zwei sind nämlich schon mit „Marx" und „Klassenkaiilpf" besetzt — wird er doch mit dem grausamen Schimpfwort: Bourgeois! belegt; nur weil er noch ein wenig jüdelt, obwohl er doch viel mehr christelt. Und so muß er in Isolierung, in einem sozialdemokratischen Ghetto leben. Er ist auch inmitten seiner „Genossen" im Golus. Es hilft nichts. Sie wollen keineswegs glauben, daß ein Jude — ein Jude zu sein je aufhören könnte. Und sie haben wahrlich Recht. — Der „Bund" hat nicht einmal seine moralische Gleichberechtigung erwirken können — und doch wagt er, das jüdische Proletariat zu verführen, es für das russische Volk bluten zu lassen und ihm als Belohnung autonome Gleichberechtigung zu versprechen! , * \ Eine bittere Ironie! * Ueber die weitere Entwicklung des „Bund" und die neuen Richtungen der jüdischen Sozialdemokratie in Rußland, wie auch über die sozialrevolutionäre Partei — im nächsten Kapitel. Aus Ungarn. Extra Hungariam non ost vita .... Geehrter Herr Redakteur! Mitten in den eisigen Stürmen unseres kalendarischen Frühlings, die so viel verfrühte Sehnsucht nach warmem, veilchenduftenden Sonnenschein in Schnee und Frost erstarren ließen, traf mich Ihre Auffordernug, Ihnen über ungarische Zustände zu schreiben. Wenn ich mich auch leider keinen Augenblick in der Hoffnung wiege, dem in der Natur so schmerzlich vermißten Sonnenschein in den Gefilden des ungarisch-jüdischen Lebens zu begegnen, will ich nichtsdestoweniger ihrem Wunsche nachzukommen trachten. Ich habe aber einen Gegenbitte an Sie ... Haben Sie nicht den kleinen „Schlaumele" gesehen? Ms meine unseren lieben, kleinen, herzigen „Schlaum Höir", von dem ich, seitdem er in einem unvergleichlich langatmigen und nicht grab geschickten Geschreibsel seinen .Eroberungszug über den Erdball angekündigt, auch nicht das leiseste Lebenszeichen mehr entdecken konnte. Also, ich bitte Sie mit aufgehobenen Händen: Lassen Sic den 'ganzen Apparat der Modernen Hülfsmittel spielen, bedrahtete und drahtlose Telegraphie und Telcphonie, nehmen Sie, wenn nötig, die reichsdeutsche Staatspolizei in Anspruch und stellen Sie im Namen der allumfassenden Barmherzigkeit Nachforschungen über die ferneren Schicksale des „gebentschten" Jungen an. Wo ist er, was ist aus ihm geworden, was treibt er? Wo, unter welchem Himmelsstriche entfaltet er, ein zweiter Phönix, die gewaltigen Fütige zum Sonnenflug und weckt mit zaubermächtigem Sang die schlummernden Geister eines großen, scheintoten Volkes? _ Nr 15. Tenn nichts weniger als dieses schien er zu versprechen. Tie Sprache freilich, in welcher er dies tat, war von einem Wohllaut, gegen den das Geschrei eines gewissen lasttragenden Tieres eine Beethoven'sche Sonate genannt werden muß. Seit ich jenes famose Schriftstück gelesen habe, will mir eine permanente Schamröte nicht mehr aus meinem orth.-jüdischen Bewußtsein weichen. Ta gibt es Satz- und Redewendungen, die einfach haarsträubend genannt werden müssen und die man in einem für die Oeffentlichkeit bestimmten Schriftstücke nie und nimmer für möglich gehalten hätte, wenn sie einem nicht schwarz auf weiß wie die blöden Augen eines Mondkalbes anglotzten. Was — verfügt denn die ganze offizielle Orthodoxie Ungarns nicht über einen Menschen, der im Stande wäre, ein Manifest, das eine auf die ganze Welt berechnete Bewegung ankündigen soll, in einer Weise abzufassen, daß selbst einem Halbbarbaren darüber die brennende Schamröte nicht in's Gesicht steigen müßte? Wo ist denn, um von allem Anderen abzusehen, der obligate „Hausmeschumed", dessen sich die Orthodoxie Ungarns zu jeder Zeit zur Erledigung ihrer geistigen Cryanden bedient hat? Wo ist er — und wenn er existiert, weshalb wurde nicht ihm die Abfassung der Geburtsanzeige des „Schlaumele" aufgegeben? Ein klassisches Beispiel sür einen solchen orthodoxen „Hausmeschumed" war der selige Ehrentcil. Von diesem geistreichen Menschen kursiert noch heute manches Bonmot, das seine Stellung zur Orthodoxie und zum Judentum klar beleuchtet. So pflegte er zu sagen: „Ich bin ein glühend treuer Anhänger der Ortho-' doxie. Ich möchte dieser die Neologie zum Fressen geben — doch in der Hoffnung, daß erstere an dem Fraß ersticken wird." Ferner pflegte er zu sagen,, daß während er sich an gewöhnlichen Tagen mit einem einfachen Schweinebraten begnügte, er am „Jom Kippur" seinen Hunger nach berühmtem Muster mit Talgkerzen zu stillen pflegte. Freilich, die mannigfachen froinm-fröhlich-frechett Denunziationen, die der besagte Aufruf des „Schlaumele" gegen den Zionismus begeht, hätte auch ein geborener Hausmeschumed nicht perfider zu Stande gebracht. So stellt sich „Schlaumele" als den Musterpatriotcn hin, dem alle Regierungen bereitwilligst wohlwollend in die Backen kneipen werden, was freilich die bösen, internationalen, vaterlandsfeinblichen Zionisten nie zu erwarten hätten! — Neu kann man ja die Geschichte gerade nicht nennen, und unser seliger Meister hat ja den Typus mit unübertrefflicher Klassizität für alle Zesien festgenagelt: den Typus des „Mauschl". Nomen eat omen. „Schlaum" enthält dieselben Buchstaben wie „Mauschl". Ein Mauschl von einer wahrhaft jämmerlichen Geistesarmut! Und diese Herren, die nicht im Stande sind, einen Aufsatz in einer ernst zu nehmenden Weise zu konzipieren, wollen den Zionismus verdrängen oder, tvas noch mehr ist, ihn ersetzen! Es ist ein Rätsel, wieso diese Herren, deren Wissen, soweit es sich nicht um rein abstrakte Tinge handelt, aus der vollständigen, absoluten Negation besteht, überhaupt auf den Gedanken kommen konnten, etwas Positives leisten zu wollen? Tie Energie und Tatkraft der Orthodoxie scheint sich mit dem mannhaften Kampfe gegen das schulchanaruch-fcindliche Reformbetyarentum erschöpft zu haben. Taranfhin trat eine fast unheimliche Erschöpfung ein, die sich in Allem und Jedem ängstlich mit dem Schilde eines starren non xossumus deckte. Handelte es sich um die Jeschiwa, deren Hunderte, vielleicht Tausende, von Frequentanten verlassen, wie eine „Heerde ohne Hirten" dastehen, während draußen außerhalb der schwachen Umfriedung der Löwe der Lebensnotwendigkeiten laut brüllt und die zum Kampfe mit ihm völlig Ungerüstete» mit gjihnendem Rachen zu verschlingen droht (wje er auch tatsächlich jahraus, jahrein ungezählte Opfer Verschlingt), hieß und heißt es: non xossumus.— Ta ist ferner die jüdische Volksschule. Nach 40 Jahren glorreicher orthodoxer „Turchführerei" halten wir dort, daß die Schulen der hhperorthodoxesten Gemeinden -großenteils von Asiimrim wekaufrim lehachris geleitet werden. Tie Ursache dieser Erscheinung ist, weil die einzige Quelle, die Ungarn seine jüdischen Lehrer liesert, von dem Gifte der Jrreli-

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