Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1906-04-20 · Heft 15 (20.4.1906) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 15 (20.4.1906)
Date
1906-04-20
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2692297-2692460-2692475--02357-2696952
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter.Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich - Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— KedaKttoil imd Geschäftsstelle: Frankfurt a. in., Bleichstraße 2, Ecke vilbelerstraße T-refo« 10507. ^EgeSev: Salg Geis. Jnsertionspreife: Die viergespaltene Petitzeile. 25 Pfg. Die Reklamezeile . . . ... . . . 100 .. Platz- und Daten-Borschrist ohne Verbindlichkeit. . Beilagen: Preis nach Uebereinkunft. 4 Jahrgang. Freitag, de« 25. Nissan 5666 (26. April 1966). Ra. 15 Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Die allgemeinen und jüdischen sozialdemokratischen Parteien in Rußland. — Aus Ungarn. — Die Woche. — Aus aller Welt. — Feuilleton: Die Cohnheims. — Kunst und Literatur. — Wochen-Kalender. —F am iliennachrichten. Die allgemeine« und jüdischen sozialdemokratischen Parteien in Rußland. Von I. b. El II. Nicht lange nach der Begründung der quasi- Hauptorganisation der russischen Sozialdemokratie, der sogen. „Allrussischen sozialdemokratischen Partei", trat eine «Spaltung in ihren Reihen ein. Wie wenig Anhänger sie auch damals hatte, bestanden doch unter ihr viele Meinungsdifferenzen. Tie Organisation zersplitterte sich in verschiedene Gruppen. Eine dieser Gruppen zeichnete sich besonders durch ihre intensive Arbeit aus. Sie schuf sich bald ein Preßorgan mit dem Namen: „I s k r a" (Funke), das von den russischen Theoretikern des orthodoxen Marxismus geleitet wurde; von Pljechanow, Axelrod, Martow u. a. Diese Zeitschrift erwarb sich "rasch großes Ansehen innerhalb der revolutionären Jugend und übte ans sie einen mächtigen Einfluß aus. Hauptsächlich entwickelte hier Pljechanow eine wirkungsvolle'Tätigkeit; er war literarisch sehr produktiv und schrieb sowohl polemische als wissenschaftliche Aufsätze. Alsbald wurde er populär und eroberte sich eine starke Position. Seine Autorität erlangte im Laufe der Zeit eine so hohe Potenz, daß er endlich von der sozialdemokratischen Masse als Meister und Führer proklamiert wurde; er war — und ist es auch zum großen Teil jetzt noch — der unfehlbare Papst des orthodoxen Marxismus. Es ist nicht ohne Interesse, daß diese fanatische ' Verehrung hauptsächlich die jüdische Jugend im Dann ~l hielt. Pljechanow war ihr der Gesetzgeber des sozial- - demokratischen Kodex; an seinen Worten hat sie ' ebensoviel gedeutelt und ebenso sehr pilpulistische . Spitzfindigkeiten getistelt, wie sie es noch vor kurzer Zeit in der Jeschiwoh gelernt hatte; keine Versammlung ohne Zitate aus Marx und Pljechanow, die als die besten Massen gegen einen Angriff, als die gründlichsten und nnanfechtbärsten Beweise geschätzt wurden: sie, diese Zitate, entschieden auch über das Schicksal ihrer, unserer Nation — und verurteilten sie zur e w i g e n V e r d a m m n i s. . . Ja, die Zitate! — „Welcher ist her weltliche Zug des Judentums? Das praktische Bedürfnis? Welcher ist der weltliche Kultus , der Juden? Der Schacher. Welcher ist sein weltlicher Gott? Das Geld." — - Also sprach Marx. Er, der Herrgott selbst! Und sein-ergebener Diener? Auch' Pljechanow war manchmal aufrichtig und antisemitelte — freilich wissenschaftlich — in Wort und Schrift. Er kannte wohl seine demütigen Jüdchen als brave „Majofis-Singer" nud wußte, daß sie ihm ob seiner im Namen des historischen Materialismus ans Grund gewisser Paragraphen über Bourgeoisie und Kapitalisnms ausgesprochenen Verurteilung des jüdischen Volkes zum Tode — daß sie ihm darob nicht untreu werden; vielmehr durften sie ihm dankbar sein, daß er ihnen Hoffnung aus die Befreiung vom Joch des Judendaseins gab. Jedenfalls hat Pljechanow dadurch an der schwärmerischen Verehrung, die ihm von einem großen Teil "der jüdischen Jugend entgegengebracht wurde, keineswegs eingebüßt. Und auch hier trat die bekannte Erscheinung der Goluspsyche hervor: schon sein „Gojentum" — in Mltte einer jüdischen Majorität! — flößte ihr einen H e i d e n r e s p e k t ein . . . So beherrschte Pljechanow eine zeitlang die GcisteSrichtnng der jüdischen Halbintelligenz in Rußland. Ich sage: beherrschte, — obwohl Liefe Herrschaft auch jetzt noch nicht aufgehört hat; aber sie ist nicht mehr absolutistisch: es gibt jetzt nämlich mehrere fremde Götter, die der verkrüppelte Golusgeist der russisch-jüdischen Jugend anbetet. Mit der Entwicklung des Pljechanow-Kultus entfaltete sich seine Partei als eine „allrussische sozialdemokratische Partei", richtiger: als eine Partei von sozialdemokratischen Juden, die sich a l l r u s s i f i z i e r e n möchten. So wuchs fortwährend ihre Macht auf Kosten des „Bund". Und so wuchs allmählich der jüdische A n t i s e m i t i s m u s. * Sofort nach ihrer Entstehung begann die Zeitung „Jskra", einen Kamps gegen den „Bund" zu führen; einen heftigen Kampf, der sich immermehr verschärfte und verwickelte. Sie klagte nämlich den „Bund" der Nationalität an; natürlich verteidigte er sich gegen diese schwere Beleidigung und betonte in Einemfort: er habe zwar eine nationale Nuance, doch sei er keineswegs national.... So brachte der „Bund" viele Jahre in Verteidigung seines Programms gegen diese Anklage der „Jskra" zu. Er vergeudete darauf viele literarische Kräfte und gab sich redlich Mühe,. seine sozialistische Ebenbürtigkeit zu dokumentieren. Gelegentlich und ungelegentlich holte er Legitimationen herbei und sichte um Bestätigung. Er flehte selbst dann, wenn er auch forderte. — Es ist begreiflich, daß er als Angeklagter sich durch ein makelloses Betragen zu rehabilitieren suchte. Er war daher eifrig bestrebt, durch Ergebenheit und Rücksichtslosigkeit als recht orthodox sich hervorzutun und mithin die unerschütterliche Treue seiner streng materialistischen Gesinnung außer Zweifel zu stellen. So entstand der krankhafte Fanatismus seiner Orthodoxie — ein Fanatismus, der an religiöse Manie grenzt. Man sollte es kaum glauben: dieser verheerende Fanatismus mit seiner mächtigen Jntensivität — er ist nicht ein Produkt der inneren Ueberzengung; er. kam vielmehr von außen her: durch die fortwährenden Verfolgungen wurde er hervorgerusen und immer r e i ch l i ch g e n ä h r t. Auch hier ist ein lehrreiches Charakteristikum des an Bücklinge gewöhnten GolusgeisteS. Unter nornlalen Verhälntissen gilt ja gerade das Gegenteil: deu» es ist ein wohlbekanntes Psychologon, daß die Verfolgung die Gegenkraft der Verfolgten noch mehr anffachett und ihren Widerstand noch stärker aneifert. Die Bundisten entwickelten sich endlich so weit, daß sie päpstlicher als der Papst wurden — als Pljechanow. Ihre Orthodoxie war schon allzu auffallend, ihre marxistische Frömmigkeit — allzu lästig. Sie hörten nicht auf, ihren Glauben an den internationalen Gott der nraterialistischen Geschichte zu beteueren; sie taten es schon bis zum Ekel. In Einemsort schwuren sie Treue und Ergebenheit. Mit ihrer ganzen Skladenseele verteidigten sie sich gegen den Verdacht der Abtrünnigkeit. - Ihre Zuverlässigkeit als biedere Sozialdemokraten, die neben den Interessen des Proletariats keine anderen Lebensinteressen und Rücksichten kennen, glaubten sie durch Eröffnung von Feindseligkeiten gegen die sogen, jüdische Bourgeoisie — das will sagen: gegen das gesamte jüdische Volk nach Abzug der im „Bund" oder „Jskra" organisierten Arbeiter — bekunden zu müssen und so ihr Renommö vor bösen Zunge» zu schützen. Daher schimpften sie auf jüdische Nationalität und jüdische. Nationalisten gar oft mehr, als sie es eigentlich wollten... . Mer es hals ihnen wenig. „Jskra" ließ sich nicht bestechen. Vielmehr dürfte die heuchlerische Frömmelei und der kokettierende Uevereifer des „Bundes" seine Feinde noch mehr geneckt und erbittert haben. Der Konflikt konnte also nicht beigelegt werden und der. Kampf dauerte an. „Jskra" unterließ keine Gelegenheit, den „Bund" anzugrcssen, der „Bund" wiederum unterließ keine Gelegenheit, sich zu verteidigen. Er wagte aber nie — abgesehen von der letzten Zeit, wo er unter dem Einfluß der nationalen-zionistischen Strömungen an Mut gewann — aus der Defensive in die Offensive überzugeheu. Das ist typisch für seine Geisteshöhe. Es ist auch kein Wunder. War doch „Jskra" ihm an logischer Konsequenz bedeutend überlegen. Denn die „Jskra"-Juden sind ganze Assimilatoren, die Juden vom „Bund" — nicht einmal halbe . . . Er fühlte sich daher immer schuldig. Er hatte die nationale Färbung seines Programms auj’nt Gewissen; wie matt und blaß sie auch war, konnte sie doch als ein Fleck auf dem internationalen Marxismus bemerkt werden. Der „Bund" empfand wohl diesen wunden Punkt, er war innerlichst seiner theoretischen Schwäche bewußt — und schlug daher stets einen demütigen Ton an; er war demütig, selbst wenn er frech war. Freilich führte er gar oft auch eine allzu kühne Sprache, aber nicht gegen „Jskra"; etwas anderes war es allerdings, wenn es sich um Zionisten, Nationaljuden und überhaupt n i ch t b u n d i st i s ch e In-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.