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Neue jüdische Presse · 1906-04-06 · Heft 14 (6.4.1906) · p. Seite 11

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 14 (6.4.1906)
Date
1906-04-06
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 14. Seite 11. Aus der zionistischen Bewegung. Frankfurt a. M. Politik und Zionismus, das war das Thema, welches sich Herr F r i tz S o n d h c i m e r zum Portrage i» der zionistischen Ortsgruppe aui Dienstag dieser Woche gewählt hatte. Für sich selb st zu sorgen und die eigene Politik s e l b st zu uiachcn, begann der geschätzte Redner, »ruft endlich das jüdische Volt nach all de» bitter» Erfahrungen, die cs gemacht hat, zu lernen beginnen. Das jüdische Polt hat, fuhr der Herr Referent fort, verlernt, aus eigenen Fügen zu stehen, und während alle anderen Nationen und Rativnchcn selbst ihre Geschäfte verrichten, zieht es die jüdische 'Ration vor/ sich ans andere zn verlassen. Was wunder, das; ein Volk, welches mit morschen Krücken herninläuft, ab und zu stolpert und hinfällt. . . Und wie soll nun jüdische Politik getrieben werde», bilden wir doch einmal kleine Minoritäten innerhalb der Volker? Und doch, 'meint Redner, ist cs, wenn planmäßig vorgcgangen ivird, zu bewerkstelligen: in erster Linie kommt Rußland und Oesterreich in betracht, wo die Inden in geschlossene» Massen leben und in manchen Plätzen sogar die Majorität der Bevölkerung ansmachen. Wurde» die Inden Rußlands geschlossen bei den jetzigen Wahlen zur russischen Duma Vorgehen, so konnten sie eine beträchtliche Schar von Abgeordnete» in die Tiiina hincindelegicren. Leider gibt es dort wie hier kurzsichtige Juden, die die Politik der andern machen und selbst sich verleugnen. To tritt der Bund für de» Boykott der Duma ei» und sucht gewaltsam die andersdenkende am Wählen zu verhindern. . Dasselbe Bild ist auch in Oesterreich wahrzunehmen. Mit Ausnahme des Herrn Tr. Ltranchcr, der durch sein energisches, echt jüdisches Vorgehen im österreichischen Reichsrat sich ein ehernes Denkmal in dem Herzen aller Rationaljnden gesetzt hat, treten auch dort die jüdischen ReichsratSabgcordnctcn niemals für ihr Judentum ein, sie überlassen es lieber Viehlohawek, Schneider und Konsorten die Jndenfrage ausznrollen. Ja einer unserer Stainmcsgcnossen und Vorstandsmitglied der Lcmberger Gcineindc, Herr Tr. Byck hat den traurigen Mut besessen, die jüdisch-nationale Bewegung bei dein österreichischen Ministerium als staatsfeindlich und staatsgesährlich zu dettunziere» und cs bedurfte des Dazwischeiitrctens des zionistischen Führers Dr. Schalit, um ein Verbot gegen zionistische Vereine zn verhindern. Durch das neue Wahlgesetz ivird es wohl möglich sein, dort einige Inden in den Rcichsrat zn entsenden, die dort als I n d e n für jüdische Dinge cintreten. Ganz anders wie die Tinge in Oestecreich und Rußland liegen die Verhältnisse in Deutschland. Hier machen die Inden noch nicht e i n Prozent der Bevölkerung ans und cs iväre daher Selb st ü ber - s ch ä tz n u g , ivenn sich unsere Rassegenossen in Deutschland als politische Partei organisieren wollten. Sie sind angewiesen, bei den politischen Parteien, denen sie sich ihrer volitischen Ueberzcngnng nach anschlicßen, für die Gleichberechtigung des Jiidcntnnis mit den anderen .Konfessionen zu wirken. Bekanntlich haben sich die deulschen Juden in ihrer großen Mehrzahl de» radikal-liberalen Parteien angeschlossen, aber auch diese Parteien sind nicht frei von AiniseinitismuS. Ein Führer der Freisinnigen, der vor kurzem verstorben ist, bedauerte es sehr, daß seine Partei den 'Antisemitismus nicht niitgcuiacht habe: aber zu seinem Bedauern könnten es die Freisinnigen nicht, denn ihr Geld stamme fast ausschließlich — von Inden. Nicht c i n Jude, der noch Interesse an seinem alten Glauben niniint, ist Mitglied der ersten deutsche» Volksvertretung, der von dem Juden Ttadthage» redigierte sozialistische „Vorwärts" lvetteifert in anti seinitischen Benierknngen mit der Staatsbürgcrzcitnng Besser vertreten sind die Inden in dem preußischen Abgcordnctenhaiise, wo die Freisinnigen ihnen nach langen Kämpfen einige Sitze „gnädigst" überlassen haben und wo namentlich der Abgeordnete C a s s e l mit großem Geschick das jüdische Interesse vertritt. Aber im allgemeinen 'haben in Prenßcn- Tcutschland die Inden noch nicht gelernt, für ihre berechtigten Forderungen der tatsächlichen (nicht papierticit) Gleichberechtigung auch selbst energisch riuzutretcii, sie überlassen die Vertretung Richtjuden, deren Worten selbstverständlich, auch wenn sie noch so gut gemeint sind, nicht die Bedeutung beigemessei, wird, als wenn Juden für ihr Jndentnm rintreten. Daher ist cs Pflicht aller sich für die deutsche Politik interessierenden Juden,'in ihre» Parteien, und wenn sie von diesen in die Parlamente entsandt werden, mit allem Nachdruck die Schäden unserer Staatsverwaltung» soweit sie Inden angehen, ansziidecken und deren Abstellung zu verlangen. Rach dein Vortrage fand eine sehr lebhafte Diskussion statt, an der sich die Herren L c v i g a r d, D> r. H a n a n e r, B e r l o iv i tz, D r. M c h c r und I. H i r s ch beteiligten. Znm Schlüsse sprach Herr Sondheimer n-ch einige sehr krallige, zutreffende Worte, worauf Herr I. Goitei'n mit einem Tank für de» Referenten die Versammlniig schloß. Berlin. Die Verbindungen im K. Z. V. (Kartell zionistischer Verbindungen) H a S m o n a e a, Berlin und I o r d a n i a , M ii n ch e n , geben solgenden Bericht von ihrer Tätigkeit im verflossenen Winterscinestcr 1905/06: Frankfurter JsraelitiDe's Familienblatk. Ten Schwerpunkt unserer Arbeit legten wir wie stets ans die Propagierung de» zionistischen Gedankens. Durch wöchentlich ftattfindcnde zionistische Seniinaricn sowie durch Vorträge einzelner Bbr., die teils allgemein jüdische, teils rein zionistische Themen behandelte», suchten wir die Mitglieder unserer Verbindungen siir die selbständige zionistische Arbeit vorzubereiten. Wie in früheren Semestern, hatten sich auch in diesem einige Herren der Berliner zionistischen Bereinigung in liebenswürdigster Weise zu Vorträgen zur Verfügung gestellt. 'An den Arbeiten der Ortsgrupven Berlin und München und an dem Unterricht in den Arbeitcrknrsen beteiligten sich die Bbr. Bbr. in gewohnter Weise. Außerdem nahmen wir tätigen Anteil an de» Arbeiten des Vereins für Statistik der Inden und stellten uns dem „Jüdischen Volksverein" bei seinen ansopfernden Bemühungen »in die ans Rußland durchwandernden Inden zur Verfügung. In den Kampf mit die Besetzung des Direktoriums der Akadenijschen Lesehalle zn Berlin griffen wir energisch ei». Wir veranstalteten Mitte Januar eine non All) Studenten besuchte „Jüdisch: Akadeinikerversamnilnng", in der Bbr. ernnt. ineil. Unna unter großem Beifall über „Die Lage des Jiidentnms und die Pslichten der jüdischen Studentenschaft" sprach. Daneben sorgten wir, unseren Teiidenzen und unserem Charakter als Verbindung getreu, auch für die körperliche Ausbildung unserer Bbr. Bbr. durch eifriges Fechten, wie durch Beteiligung in den jüdischen Tnrnvercinen Berlins und Münchens. Der noch so jungen Verbindung „Jordania", München, gelang es, nicht zum geringsten Teil durch gesellige Veranstaltungen, mit den weitesten jüdischen Kreisen in Fühlung zn treten. Das wichtigste Ereignis des.Semesters bildete der Abschluß des Kartells zwischen den beiden zu Eingang genannten Korporationen. Wir richten auch an dieser Stelle an die Ortsgrupven die dringende Bitte, uns durch 'Angabe von Adressen jüdischer Abiturienten und Studenten in nnserem Werke zn niiterstützen. Das Ergebnis des Semesters ist recht günstig und berechtigt zn der Hosfnnng, daß das K. I. V. ivachsen und gedeihen wird. Zn schriftlicher oder mündlicher Auskunft sind gern bereit: Berlin: caml. med. Lichtheim, Tanenzienstr.!>, sind. jtir. Rvsenzweig, WilSnackerstr. -15a; München: caml. mell. Bernheim, Rothuinndftr. 6, caml. ined. Theilhaber, Pcttenkofcrstr. 23. Ltralkowo (Posen). Hier ist kürzlich eine Zionist. Ortsgruppe gegründet worden: dieselbe zählt trotz der kleinen Gemeinde bereits ca. 20 Mitglieder. Es finden wöchentliche Diskussions-Abende statt, an denen sich auch Einwohner der benachbarten russischen Stadt stets lebhaft beteiligen. Rostock, 2. 'Avril. Sonntag, 1. April wurde der erste natiönaljiidische Vortrag in Mecklenburg gehalten. D r. H a l p e r n (ans Hanibnrg) sprach über „D i e E »i a n z i p a t i o n der I n d e n i n R n ßl a n d." — Ter schwache Besuch zeigte, ivie gering unter den hiesigen Inden das Interesse a» dem Schicksal ihrer östlichen Brüder ist, aber der dem Redner ihr seine Worte gezollte wohlverdiente Beifall beiries doch, daß eine Wiedererweckung jüdischen Lebens auch in Mecklenburg noch möglich ist. Wien. In einer Besprechung zwischen dem Obina»» der zionistischen Landesorganisation, Herrn Tr. Tchalit und dem Vorstandsmitglied Herrn H. Müller einerseits und dein Obmann des Pole n l l n b s G ras T z i e d n s z p e k i andrerseits äußerte sich dieser folgendermaßen über den Zionismus : „Ich anerkenne den Zionismus als eine idealistische und ethische Bewegung. Ich erkenne seine großen Vorzüge, verhehle mir aber nicht, daß er wie jede ethische Bewegung das- Gebrechen besitzt, nicht immer praktisch zn sein. I ch sympathisiere aber mit de in Zionismus, weil er eine B c w e g n n g der W a h r h c i t i st i in Gegensatz zur L ü ge des 1 9. I a h r h n n derts, die v o r g a b , daß die Inden Polen, Tcnt - s ch c oder Ts ch c ch c n feie u." Aus beit Vereinen. Frankfurt a. M. Der Montefiorc-Verein hat beschlossen, auch in diesem Jahre den Restaurations-Betrieb während der P esach- Feiertage aufrecht zn erhalten. Frankfurt a. M. Sium für Bechaurim! Montag früh nach dem Morgengottesdicnst veranstaltet der T a l in n d - T h o r a - V c r e i u im Hörsaal der Shnagogc am Börneplatz einen Sium. Berlin. Die IV. ordentliche Mitgliederversammlung des BercinS I ü d i s ch e A r h e i t c r k o l o n i c. Wcißensee bei Berlin hat am 18. März im Bureau des Deutsch-Israelitischen GeiiicindebnndeS stattgeiiinden. Haiiptgegenstand der Besprechung bildete der Entwurf neuer Satzungen, die ans Grund der in den vier BctriebSjahren gcsainiiiclten Erfahrungen eine Anzahl teils materieller, teils forinalcr Aendernngcn vorsehen. Von besonderer Bedeutung ist der Forksall der durch die bisherige Mitbezcichnung „Asyl" gestellten Aufgaben. Es hat sich gezeigt, daß die Arbeiterkolonie stets mit Kolonisten voll besetzt ist und ihre Aufgabe, als Asyl für Auswanderer zn dienen, sowohl ans Rauniniaiigel als auch ans Verwaltungsschwicrigkcitcn nicht erfüllen kann. An Stelle dessen wird die vorübergehende kostenlose Beherbergung stellungsloser .Handwerker jüdischen Glaubens vorgesehen. Eine interessante Debatte knüpfte sich an die Mitteilung des Jahresberichtes, wonach 5t> Prozciit der Kolonisten im 'Alter zwischen Ick und 21 Jahren stehen. Von den meisten Rednern wurde dies als ein 'Vorzug anerkannt, weil gerade im jngendlichen 'Alter die Gewöhnung an Arbeit am leichtesten an die Stelle zur Neigung der Wanderhettelci zu setzen ist. _ Mir Rücksicht auf die ungünstige finanzielle Lage der Kolonie haben mehrere Teilnehmer Geldbeiträge gespendet. Fernere Unterstützungen sind erwünscht unter der Adresse: Deutsch-Israelitischer Gcmciiidcbund, Berlin \Y., Stegtitzerstr. 85. Berlin. Am 25. März fand in Berlin die alljährliche Generalversammlung des I s r a e l. F ortb i l d u ii g sverei n s ,,M ontesior e" statt, die in anregender Weise und unter lebhafter Belcitigung verlief. Nach dem Bericht des 'Vorstandes über seine reiche Tätigkeit im abgclausenen Vereinsjahr entspann sich eine längere Debatte. Diese vrehre sich zur .Hauptsache um Bibliotheksangelegenheiten und lieferte ein schönes Zeugnis für die rege Anteilnahme der Mitglieder am Gedeihen des Vereins. Auch der in zweiter, bedeutend vermehrter Auflage erschienene und würdig ansgcstatlete Katalog rief lebhaften Beifall hervor. Ten Schluß der Versammlung bildete die Vorstandswahi und setzt sich der Vorstand für das kommende Vereinsjahr ans folgenden. Herren zufaiitnieii: Tr. Ed. Biberfeld (Ehrenvorsitzender), Dr. T. Winter (Vorsitzender!, Dr. N. Mose s, James H a l b c r ft a d t, Hans L e h m a n » und Arthur W o l f f. Fürth i. B. Nach einem Vortrage des Herrn Bl o r i tz A. L o e b - Frankfurt a. M. und Liner lebhaften Diskussion hat sich letzten Sonntag hier eine Ortsgruppe des „V e r b a n d der <c a 6 6 a t * f r e n n d e" gebildet, der sich sofort 70 Herren anschlosscn. Ta in die Vorstandschaft mir solche Herren gewählt wurden, die tatsächlich die sozialen Schwierigkeiten des Erwerbslebens für die gesetzestrenenKreise' kennen, so ist zu erwarten, daß mit der Gründung für die Heilighaltung des Sabbats etwas Ersprießliches gcschassen ivorden ist. Ein Rnndgang um Jerusalem. Cs gibt um Jerusalem herum eine ansehnliche Anzahl kleiner oder größerer Vorstädte, die — zumeist hebräische Namen führend — durchweg von Inden bewohnt werde». Ein Rnndgang, bei welcher Gelegenheit wir dieselben kennen lernen würde», dürfte für Ihre Leser einiges Interesse haben. Die Eisenbahn als Ausgangspunkt nehmend, führt zunächst der Weg, der diese mit der heiligen Stadt verbindet, an Jemin Mansche vorbei, einer nach ihrem Begründer: Moses Montefiorc benannten Kolonie. Tic Sicdelnng bestand ursprünglich ans einigen Wohnhäusern, die, weil znwcit von der Stadt entlegen, nächtlichen Einbrechern als Duminelplatz dienten. In der Folge wuchs sie jedoch zn einer förmlichen Stadt mit einigen hundert Einwohnern heran. Sie liegt unweit der Wasserleitung, am Abhänge des Hügels, seit dein Mittelalter „Berg dcS bösen Rats" genannt, gegenüber dem mächtig steil ansteigende» Zion, der einst die stolze Burg Davids aus seinem Rücken trug. Zwischen den beiden Berge», von welchen letzterer ersteren weit überragt, dehnt sich schlnchtartig, der ganzen Westseite entlang, das Hinomtal hin, welches südlich, mit dem Tale Gischon vereinigt, das Tal Rephaim bildet. Ocsttich endlich, in das letztere mündend, liegt das Tal Kidrvn. lieber demselben, am Fuße eines 'Ansläufers des Oelbergcs, int Mittelaller auf den Namen „Berg des Aergernisses" getauft, erhebt sich das Torf Tiloan, das von Jemeniten, einigen zwanzig Familien, bewohnt wird. Tie Häuser ließ ihnen die Alliance Jsraelite Universelle in Paris bauen. Ter Oelberg ist vom Tempelberg durch das Josasathtal geschieden. Das Tal, welches ehedem auch im Norden der Stadt gelegen hat. haben die Makkabäer ans strategischen Gründen ansfüllcn lassen. Am Jäffator (auch Westtor, von den 'Arabern Bab el Chabil (Abrahamtor! genannt) vorbei, zieht die Straße gegen Nachlazschiwoh, ans einigen 30 Nummcrn bestehend. Ihm gegenüber liegt Anhel Dawid, ein riesenhaftes Stistungshaus, so benannt nach seinein Stifter, in welchem je 10 Familien vom Kautel des Stifters für 3 Jahre freie Wohnung erhalten. Die Leute haben auch eine Synagoge, ein bet Ha-Midrasch und eine Mikwoh. Bon da gelangt man nach Meoh

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