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Neue jüdische Presse · 1906-04-06 · Heft 14 (6.4.1906) · p. Seite 10

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 14 (6.4.1906)
Date
1906-04-06
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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€>eite 10. Nr. 14. vom Fiskus bis aufs Blut ausgcsogcn, zieht Iwan mit der Einkehr des Frühlings mit empörter Brust in die Stadt, in die russische Stadt. Tic g-rciheitsarbcit der russischen Knntcuherrschast im letzten Winter dürfte die Russen wenig befriedigt haben: und so schwängert der Frühling in Rußland revolutionäre Lust. Kaum küßt die Tonne die Wiesen und Täler der schwarzen russische» Erde, da bricht die wilde zügellose Wut der gcgcncinandcrgehetzteii Massen des kalten Ostens mit Orkaugcwalt aus. Aus dem sinstcrii Hintergrund des kalten Tibirienlandes vernehme ich Tolchgcklirr und Hoolyganengejohl und das Fliehen und die Rettiingsrnsc tausender gequälter Juden.- Alles aus unsere Kosten. Für den Frühling! und für die Freiheit des russischen Volkes müssen wir mit unserem Blute bezahlen. Für Oel ans das Feuer sind wir noch immer gut. Es gibt aber noch „edelc" StamiiicSgeiiosscn genug, die aus diese unsere Süiideiibock-Rolle in der Geschichte der Menschheit stolz sind. Tind wir doch die Träger und Verkünder der ethischen und hiimaiiitären Ideen, lind die Menschheit, für die wir der Sündenbock sind, weis; uns auch ewigen Tank. Für die Verdienste um das Bcfreimrgsiverk, die sich ein Börne, Jacoby, Marx, Lassallc nsw. erworben, ist uns auch das deutsche. Volk dankbar, nur darf ein deutscher Jude nicht einmal Briefträger werden. Ein Jude Tisraeli hat Indien an England annektiert, die Engländer haben mit der Alienbill gedankt, und die Verdienste eines Crcmieux haben uns die Franzosen mit einer Trcyfnsassäre belohnt. 'Nicht wahr: sie sind edelmütig. Und auch die Russen werden wahrscheinlich das«Beispiel ihrer Vorgänger später nachzuahme» wissen. Sind sie undankbar? Nein. In der Politik, im Kampfe ums Sein gibt cs keine Dankbarkeit. Wer Macht und Gut besitzt, der ist ein gern gesehener Gast. Und wir haben keine Macht, mit dem Wind testen wir unser Geschick, denn wir sind unstät und verstoßen, ebenso wie er — —. Für uns gibt es keinen Frühling, keine Freiheit. Wehmütig mustere ich die Sphären, flehe den azurblauen Frühlingshinnncl um Antwort an. Für jedes Geschöpf gibt cs einen Frühling — eine Freiheitszcit — für alle, für alle, nur für uns nicht. Und aus dem tiefen Hintergrund der Harmonie der Sphären ruft mir eine geheimnisvolle Stimme: Ohne Land keinen Frühling, ohne Land keine Freiheit, ohne Land kein Glück. Aus aller Welt. Deutsches Reich. Berlin, 3. April. Die in der gestrigen Sitzung der Konferenz in Algeciras unternommene Aktion zur Besserung der Lage der in Marokko lebenden Juden ist aus der Initiative des Hilfsocrcins der deutschen Juden hervorgegangen. In dem eben erschienenen vierten Geschäftsbericht dieses Vereines findet sich eine Mitteilung darüber: . Als bekannt wurde, daß zur internationalen Regelung der Verhältnisse in Marokko die Konferenz einberufen wurde, wandte sich der Hilssvcrein durch seinen Geschäftsführer Tr. Paul Nathan an den Reichskanzler Fürsten v. Bülow mit der Bitte, daß wenn das Schicksal der Christen in Marokko seitens der Mächte zum Gegenstand von Beratungen oder Beschlüssen gemacht werden sollte, ein gleiches auch mit den Juden geschehen möge. Auf diese Eingabe hat der Reichskanzler sehr wohlwollend und entgegenkommend geantwortet. Gleichzeitig wandte sich der Hstfsverein nach London, Wien, diom und Washington durch Vermittlung von Freunden an die dortigen Regierungen und fand überall Entgegenkommen. In Spanien hatte die Vermittlung Senator Perlido unternommen, der schon seit längerer Zeit in seinem Vatcrlandc dafür Propaganda macht, den jüdischen Spaniolen in den Mittelmcerländern wieder zu Gcmüte zu führen, daß ihre alte Heimat Spanien ist. In Washington hatte Jakob Schiff die Vermittlung übernommen und bewirkt, daß die Regierung der Vereinigten Staaten, deren Initiative zu Argwohn am wenigste» Anlaß bieten konnte, bereit war, den entscheidenden Schritt auf der Konferenz zu tun. So ist es gekommen,, daß gestern White in der Konferenz den Wunsch aussprach, daß der Sultan die notwendigen Maßnahmen treffe, um die Lage der Israeliten zu verbessern, und daß der Herzog von Almodovar erklären konnte, daß sämtliche Delegierte der Mächte sich diesem Wunsche anschlösseii, und daß kein Land glücklicher wäre als Spanien» sich Frankfurter Israelitischer Familienblatt. diesem edlen Gefühle religiöser Tuldiing anzuschlicßcn, weil so viele Israeliten in Marokko mit Spanien durch die Bande der Abstammiliig und durch die Gemeiiisamkcit der Sprache in Verbindung ständen. Berlin. Bon den 666 weiblichen Studierenden, die als Hospitauti»in-ii für das Wintersemester 1905 06 an der Berliner Universität zugelasse» waren, waren nicht weniger als 191 Jüdinnen. Berlin. Mch dem neuesten Hefte der „Zeitschr. f. Tcmogr. n. Statist, der Juden" wurden für 1901 626 rein jüdische und 216 jüdisch-christliche Ehen geschlossen : cs fielen auf 1000 Christen 27,36 und auf 1000 Juden »nr 17,02 Gebürte», und von 1376 Ehescheidungen, die im Jahre 1901 in Berlin stattgesunden haben, betrafen 19 Ehen zwischen jüdischen Ehegatten und 19 jüdisch-christliche Ehen. Berlin. Nach Mitteilung des Po lizeipr äsid en teu weilen hier ungefähr 7000 nnbemittcltc oder wenig bemittelte beschäftigungslose 9! u ss e n, darunter 6500 Juden. Es liege die Befürchtung nahe, daß diese Ausländer wegen ihrer Mittellosigkeit über kurz oder lang dein städtischen Armenwese» zur Last fallen werben, auch sei eine Anzahl von ihnen durch ihr Verhalten (?) de» Behörden bereits lästig geworden. Unter dieseii Umstäiidc» sei eS Pflicht der Polizei, dahin zu -wirken, daß diese miaiigench- »icir Elemente das deutsche Reichsgebiet bald wieder verlassen. Um aber hierbei jede unnötige Härte zu vermeiden, habe das Polizeipräsidium sich mit dem f ü d i s ch e » H i l s s k o m i t e c in Verbindung gesetzt. Es lvnrden in letzter Zeit lvöchentkich 50—60 Russen anSgewicscn, weil sic dies durch ihr gesetzlvidriges Verhalten verschuldet hatten oder erst neuerdings völlig mittellvs hierher kamen. Sollten die übrigen lästigen Ausländer trotz gütlicher Aufforderung sich nicht freiwillig ans Deutschland entfernen, und weiterhin der Bevölkerung und de» Behörden zur Last fallen, so würde i»an allerdings zu einer direkten Ausweisung greife» müssen. — Ta nicht nur in Berlin, sondern mich in anderen Großstädten Answeisnngcn erfolgen, so scheint cs sich um die Befolgung einer allgemeinen miiiistcrielleii Verordnung zu handeln. Sicher ist, daß Leute, die Arbeit haben und sich nicht lästig machen, von dein Schicksal der Ausweisung gerade so schnell und sicher erreicht werden, als wenn sic beschäftigungslos sind. Tie „Lästigkeit" der „unangenehmen" Elemente scheint darin zu bestehen, daß sie „Inden" sind. Breslau. Stiftungen. Der am 7. Februar verstorbene Kommerzienrat Joseph P i n k u ß hat testamentarisch eine größere Anzahl von Legaten ausgesetzt, n. a. je .lk 00 000 an die Stadtgcmeiiidc Berlin zur Verteilung der Zinsen au Arme ohne Unterschied der Konfession und a» die jüdische Gentciiibc in Berlin, . lk 30 000 au die Korporation der Kaufmannschaft in Berlin, . //. 23 000 an veii Verein junger Kauflcute in Berlin, je .!(. 20000 an das Kaiserin Friedrich Kiiider-Kraiikeiihaus in Berlin und an die Stiftung der Berliner Feuerwehr, je -U. 17,000 an das Krankenhaus und au die Altersversorgiingsanstalten der Berliner jüdischen Gemeinde, je Mark 10000 an das Barnch Aucrbachsche Waisenhaus und an den Brüderverein, in Berlin und je , lk 7,000 an das Asyl für Obdachlose, den Verein zur gegenseitige» Unterstützung und das Jsr. HcimathanS in Berti». Außerdem hat er seiner Vaterstadt Tarnowitz eine Anzahl Legate vermacht. Schönlanke. Mit der Verladung von M a z z e n ist hier jetzt so viel zu tun, daß auf der Eisenbahn dauernder Waggon m a n g e l herrscht. Im ganzen kommen nach den „Knjav. Boten" 17,0000 Kilo Mazzcn zum Versand. Hannover. Seit einiger Zeit passieren unsere Stadt Züge mit Emigranteii ans Rußland. Tic Züge kommen aus Myslowitz und gehen nach Antwerpen und Rotterdam. Bis Hannover befinden sich die Züge 22 Stunden unterwegs. Die Emigranten bleiben die ganze Zeit in den Wagen eingesperrt und werden nicht hcrausgelassen, sogar nicht lim Brot oder Wasser zu holen. In Hannover bleibt der Zug drei Stunden. Es gelang nun Frl. Aciinc Berliner, eine Hilfsorganisation (die einzige auf dem ganzen Wege) zustande zu bringen. Jetzt werden die ca. 150 Personen an» den Wagen hcrausgelassen und in den Wartesaal gebracht. Hier wird ihnen Tee und Brot gereicht, den Kindern Milch. Außerdem steht man selbstverständlich allen mit :liat zur Seite. Watz diese an und für sich nicht große Hilfe für die Durchreisenden bedeutet, weiß jeder, der nur einmal einen Emigrantcnzug gesehen hat. LingölSheim i. Elsaß. Stiftung. Die Hinterbliebenen des vor Jahresfrist verstorbenen Seniorchefs der Finna Adler ». Oppenheimer, Ferdinand Oppen heimer, haben in Vollstreckung des letzten Willens des Verstorbenen an seinem Todestage Mark 70000 zu einer Ferdinand Oppenhcimer-Siifhmg bestimmt, deren Zinse» Angestellten der Firma bei Krankheiten, iinsältcn nsw. zu Gute komme». Oesterreich-Ungarn. Wien. Da es sich bei der Sichtung der in Wien aiigesainmclten zahlreichen Emigranten ergab, daß ein großer Teil von ihnen zur Weiterbeförderung gänzlich ungeeignet ist, so hat die Jsraelitische Allianz beschlossen, ähnlich wie es bei der großen Emigration in den Neunziger-Jahren geschah, die Sichtungen in Wien ganz einzustellen und mit denselben die 'hart an der russischen Grenze befindliche» Filialen der „Allianz" zu betrauen. — Tort wird cs viel leichter sei», die Auswanderer nach Kategorien zu gruppieren und diejenigen, welche erwerbsfähig sind, unter Vcrineidnng unnützer Ausgaben ans kürzestem Wege nach den von der Zentrale der „Allianz" in Wien zu gebenden Direktiven »ach den entsprechenden Reisezielen iit überseeische Länder zu befördern, während die nicht geeigneten Elemente, soweit der Anseiithakt in der Heimat für sie faktisch ohne Gefahr ist, dorthin zurinkkehercii können, oder, soweit die begründete Furcht vor Exzessen sortbestcht, in der Nähe der Grenze für Rechnung der „Allianz" bis zum Eintritt der Ruhe verpjlegt werden können. Amerika. Rew-Nork. Herr Adolph Kraus, Präsident der I. O. B. B., empfing auf seinen Brief vom 17,. Februar am 11. Mürz das folgende Kabelt elegramm vom russischen Ministerpräsidenten Graf Witt e: Ich bin sicher, das; Sie nicht daran zweifeln, daß ich Gewalttätigkeiten nicht billige, mögen sie sich gegen wen auch immer richten. Tie bcklagenSwcrten Vorfälle, die sich ereigneten, waren das Ergebnis von Anfrnhrbewegnngcn. Sie dürfen überzeugt sein, das; die Regierung alle Maßnahmen ergreifen wird, um Gewalttätigkeiten gegen friedliche Einwohner ohne Ansehen ihrer nationalen Zugehörigkeit vorznbcngen. Tas Mitglied des Repräsentantenhanscs, Eckmauit, brachte eine dringende Bill ein, die Stadt N e w y o r k möge größere Aiifwenduiigen für die j übischen Waisen mache». Tie jüdische Bevölkerung vermehre sich so außerordentlich schnell, daß die jüdischen Waisenhäuser sämtlich überfüllt sind und T a n s e n d e v o n K i n d e r n i n d i e ch r i st l i ch e n Waisenhäuser geschickt werden. Tie Bill verlangt, daß im Prinzip eine Waise in ein Waisenhaus ihres Glaubens komme. . Personalien. Breslau. Anläßlich seines Scheidens aus dem Tienste wurde dem Oberpostsckrctär Moritz Landsberger der Titel R c ch n n n g s r a t verliehen. Wien. Frau Emilie von Pfeiffer, geb. Biedermann, die vor kurzem ihren 70. Geburtstag feierte, wurde vom Kaiser mit dem Elisabeth-Orden zweiter Klasse ausgezeichnet. In O t in ü tz wurde Professor Tr. Eduard Frank, Vorstandsmitglied der jüdischen Gemeinde, zum Direktor der L a n d c s k r a n k c n a n st a l t ernannt. Philadelphia. Seinen 106. Geburtstag konnte in Gesundheit Herr Joseph L. Klein begehen. Ter Greis, der 7, Kinder, 21 Enkel und 1 Urenkel hat, kam erst 1873 aus Böhme» nach Amerika. Ter in der hiesigen jüdischen Gemeinde wegen seines lebhaften Interesses an den Angelegenheiten derselben sehr angesehene Herr L e v i B a ck, geboren in Lichteiian (Deutschland), ist im 66. Lebensjahre verschieden. Aus der Lehrerwett. Frankfurt a. M. Die achlklasstge ifraclit* Polt s schule, an der 9 Lehrkräfte iinterrichtcii, zählte am 1. Februar d. I. 310 Schüler (179 Knaben und 16k Mädchen). Die Jahresrechiiniig schließt leider mit einem Tcfizit von 1110 Jk ab. Es wurden verausgabt: .lk 27 876 Gehälter und .lk 6911 Auslagen; dagegen gingen ein: Jk 9837, Jahresbeiträge, J(. 7838 Schulgelder, .lk 2893 Geschenke und JL 12 785 Zinsen und Erträgnisse der Stiftungen. Frankfurt a. M. Der Jahresbericht der Reals ch ti ke d e r I s r a e l i t i s ch e n R e l i g i o n s - Gesell s ch a f t konstatiert am 1. Febr. 1906 einen Bestand von 218 Schülern in der Realschule, 96 in der Vorschule und 27,1 in der höheren Mädchenschule (in Summa also 598). Der Bericht weist die Ettern ausdrücklich daraufhin, daß, entsprechend den zurzeit geltenden Ministerialvcrfügungen über die Zulassung zuin Universitätsstudium, alle höheren Schulen prinzipiell gleichberechtigt - sind, sodaß ein vorzeitiger Ucbergaug eines Schülers ans eine Gymnasialanstalt oder eine Oberrealschule durchaus unnötig geworden ist. Es kann deshalb den Eltern, denen daran gelegen ist, ihren Kindern, zuinal den für das Studium bestimmten, eine gründliche und tiefe religiöse Bildung zu geben,, nicht warm genug ans Herz gelegt werden, ihre Söhne' bis«znin. Austritt ans der Prima in der Realschule der Jsr. ReligionsgosMchast zu lassen. Nach Pesach wird an der höheren Töchterschule ein Aus b ild nn gs kn rsns für Religio n s l c h r i n n e n ins Leben treten. Ranchnit; (Böhmen). Dr. Richard Feder, Rabbiner, in Kojetein, wurde zum Rabbiner der hicsigeii Kultusgemeinde gewählt.

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