Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 14 (6.4.1906)
- Date
- 1906-04-06
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2692297-2692460-2692474--02348-2696937- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 12. scheorim, eine von mehreren hundert Familien bewohnte Stadt, in der die sogenajmtHgroße Jeschiwoh bes Dobrowner Naiv sich befindet. Äes Nachts ist die Kolonie durch Tore vom Verkehre abgcspcrrt. Rechts vonMeohscheorim besindet sich dickungarischciKvlonic, gestiftet von vaterländischen Glaubensgenossen fmr ihre Landsleute in der heiligen Stadt. Links davon liegt Schaare Henoh, ein zweites Jcmenitcn-Quarr Zier, zwischen welchem und der erstercn Bes Jisroel . sich hinstreckt, eine Kolonie, von russischen Juden erbaut und von über 100 Familien bewohnt. Weiter die Jaffastraße verfolgend, kommt man -zunächst nach Ewen Jisroel. Es wird hauptsächlich -von Sefardim bewohnt, zu denen auch der Chacham Baschi Eljaschar zählt. Seine Wohnung befindet sich . eigentlich innerhalb der Stadt; allein aus Gesund- . heitsrücksichten verlegte er seinen Hof nach Ewen Jisroel, . das in . gesundheitlicher Beziehung vortrefflich liegt. Eljaschar ist heute bereits ein achtziger, nach, manchen gar schon ein neunziger. Gleichwohl ist er noch geistesfrisch, und, bis vor kurzem war er auch körperlich rüstig. Heute verläßt er nur selten das Bett. Eljaschar war eine phänomenale Erscheinung. Seine vornehme Haltung, getragen von dem Toppcl- Bewußtsein, erstens des eigenen Lldels, und zweiteus, daß das Blut der Jben-Ezräs und Jbcn-'Nagreläs in seinen Adern rollt; sein wohlgeformter Körperbau, das Turchschnittsmaß weit überragend; sein ernstes Gesicht, aus dem zwei durchgeistigte Augen hervorleuchteten; seine hochgewölbte Stirn, von einem Tur- . ban beschattet, in dem der höhere Rang seines Trägers sich abzeichnet; sein milchweißes Haar um Kinn und Backen, das über die Brust heruntcrwallt — das alles verlieh Eljaschar einen Nimbus, der ihn über die gewöhnlichen Sterblichen erhob. .: : Sich malen lassen oder photographieren — davon mochte Eljaschar sein Leben lang nichts wissen. Gleichwohl besitzen wir seine Photographie, ausgenommen nach einer Originalzeichnung .des berühmten Berliner Malers H. Struck. Tic Zeichnung kam auf seltsame Weise zustande. Struck besuchte die heilige Stadt in Begleitung eines Freundes. Sie machten natürlich auch Eljaschar ihre Aufwartung. Ein Gespräch, welches der Freund geschickt cinzuleiten verstand — die Konversation wurde in italienischer Sprache geführt — gab Struck, völlig von seinem Freunde gedeckt, Gc-; lcgenhcit, unterdessen mit dem Stift zu hantieren, und ehe die Unterhaltung zu Ende tvar, barg die Mappe des Künstlers eine wohlgcluugene Zeichnung . des Jerusalemer Oberrabbiners. An Ewen Jisroel grenzt Sukas Scholaum und an dieses MischkonauS, zusammen einen bedeutenden Ort bildend. Weiter nördlich liegt Masteres Mauschch . und Auhel Mauschch. Von Privatleuten zivar gegründet, verdanken doch beide ihr Tafeln Moutcsiorc, indem dieser de» Leuten das Geld für die Baukosten leihweise, aus kleine Rückzahlungen, vorstrecktc. Ter Reigen diesseits, schließt das nette, einige 20 Häuser, zählende Sichraun Tuwijoh ab. Jenseits der Iäffaerstraße liegt zunächst Machue Jehuda, das sich stets eines sehr lebhaften Verkehrs erfreut. Tara» reiht sich das lang hiugestreckte Schaala Zcdck, dem Lcgenüber das gleichnamige vortreffliche Hospital sich stolz erhebt, während aus dem Hintergrund ärmliche Holz- und Blcchbuden, das dritte Jemeniten- - Quartier, diesmal geteilt mit Persern, bescheiden ' hervorgucken, als ob sie sich ihrer Armut schämten. - Völlig isoliert steht das kleine Bes Jaakauw da, zwischen . dem Lezeichneten Hospital und einem Iveiten freien; Raume, welcher cs aus drei Seiten cinschlicßt. Ein Seitenweg von Machne Jehuda führt zu den sogenannten Pclite Russijo, bewohnt von den ersten russi- : scheu Emigranten des vergangenen Jahrhunderts. Zur . Gründung dieser Kolonie hat die ungarische Orthodoxie 22 000 Gulden beigcsteucrt. Südöstlich davon er- ' hebt sich endlich auf einem weitausschaucuden Hügel die nette und reiche bucharische Kolonie. Von lauter , wohlhabende», mitunter sogar reichen Leuten —i etwa <50 Familien an der Zahl — bewohnt, ist sic nicht allein die schönste, sondern zugleich auch die reinste von ganz Jerusalem. Ihre Straßen sind geebnet, die Hausgärten reich mit Blnmen versehen und wohlgepflegt. — Damit hat unser Rundgangj sein Ende erreicht. Jerusalem 5900. Haamjthi.. Frankfurter Israelitischer Familienblatt. Literatur und Kunst. M. F r i e d l ä » d c r, D i c religiösen B e - w g.g u n g e n innerhalb d e s I u d c n t u m s i ui Zeitalter Jesu. Berlin 1905. Verlag Georg Reim« r. Preis drosch. Alk. 7. Viele Fragen sind es, die das Buch behandelt, Fragen, die uns hinciuführeu in die bewegteste Zeit des Judentums und deren Lösung ein emsiges Vertiefen i» den Stoff erfordert. Und der Verfasser hat sich in der Tat emsig in seinen Stoff vertieft und sucht alle jene Probleme zu lösen und uns bekannt zu inachcii mit den verschiedensten Sttömnngcn aus der Zeit, wo cs Im Judentum gährte und kochte. Wir lese»: von der apokalyptischen Bewegung (S. 22—77), bpu Ame-Haarez (£'. 78—113), 8er csseiiischen Bewegung, der Christus vollständig serngcstanden habe (S. 114—168', den Minäcrn des Talmud, die man sälschlichcrwcise als Judenchristen ansehe, die aber, ursprünglich philosophierende Juden, mit dem Christentum nichts gemein Hütten und deren Häresie dem Bestand des Judentums weit gefährlicher gewesen wäre als jene des Begründers des Christentums und seiner unmittelbaren «chüler (S; 169—234); weiter wird iiit zweiten Teil behandelt der jüd. Hellenismus und seine Lehre von der Askese (S. 235—2641, die Therapeuten, für deren jüdischen Ursprung allein schon die von Therapeutismus durchtränkte jüdisch-hellenistische Literatur spreche (S. 265—288), die sibhllinischc Weisheit mit ihrem Zweck, die Heiden zu bekehren («. 289—314), Jesus, der sich zunächst berufen kühlte, ein zweiter Jesaia, ein Befreier des Volkes zu werden, sein späterer gcsctzcssreicr Standpunkt, sein Mcsjiasbcwußtsein und Opfertod (S. 315—341), Paulus, seine Auserstehungslehrc, Paulinismus und Prosclytentum (S. 342—375). Mit diesen Ausführungen will uns der Verfasser nicht nur bekannt machen mit den religiösen Bewegungen jener Zeit, sondern „seiner Rede letzter Zweck" ist zu zeigen, wje diese Bewegungen das Christentum gefördert oder gehemmt haben, wie ganz besonders. die Pharisäer in Talmud und, Midrasch sich den Versuchen energisch eutgcgcngestemmt haben, das Judentum zur Wcltrcligiou zu erheben, mährend die Diaspora der Hellenen, es gewesen sei, die der Weltreligion im Heidentum den Weg geebnet habe. Auf Grund.' dessen predigt nun der Verfasser eine .innere Ilmwandlung, die Idee des ewig wiederkehrendeu Messias, die in Jesu verkörpert und die dem Judentum durch die Pharisäer abhanden gckominen sei. Das Judentum sei jetzt nur noch eine tote Masse. „So ziehen wir dahin," ruft mit Emphase der Verfasser aus, „bis dem Christentum ein neuer Luther ersteht, der uns den Eintritt in die Kirche dadurch ermöglicht, daß er de» Geist der heidnischen Philosophie aus jener entfernt." Wenn, mau zu all de» Ausführungen des Verfasser» Stellung nehmen wollte, so könnte dies unmöglich im eiigcn Rahmen der Rezension geschehen, und ich bi» überzeugt, daß von berufener Seite man die Antwort auf die mehr oder weniger heftigen Angrisse nicht schuldig bleiben wird. Um einige Punkte Hcrvorznhcbcn: Ter Verfasser setzt sich aufs hohe Roß seiner geistigen Aristokratie und glaubt, sich von vorn herein mit der „litcrarischcu Plebejern", wie er die jüdischen Theologen, die einzigen Verteidiger, weit leider einzigen Kenner des Judentums, zu neunen beliebt, am besten dadurch abfiuden zu' können,' daß er ihnen a priori die Fähigkeit und den osfeneu Blick für die Logik der Tatsachen abstreitet und noch andere schöne Komplimente ihueii an den Kopf.lvirft. Wahrlich, keine noble KampfeSwcise! Eine Äesiniiiiiig, die den Verfasser zu cftiem durchaus unwürdigen Jesusjünger stempelt und ihn noch pharisäischer erscheinen läßt 'als die von ihm so sehr geschmähten Pharisäer. Es ist zwar nicht unser Geschmack, dem Nächsten, der unS auf die rechte Backe haut, auch die linke anzubieten, es reizt uns nicht, durch Eiitgegnnngeu uns bei dem sanftmütigen Apostel des neuen Judentums neue schöne Komplimeiitc zu holen und als „moderne Pharisäer" verketzern zu lassen, aber einen Gedanken köiincu wir trotz allem nicht unwidersprochen lassen: - Friedländer behauptet, die Anschauungen über Jesus als Sohn Gottes seien den Pharisäern garnicht so fremd gewesen und zitiert zum Beweise dafür den Vers: „Kinder seid ihr dem Ewigen eurem Gotte"; ferner: „Gott sprach zu mir; du bist, mein Sohn,, ich habe dich gezeugt, heische von mir, so will ich Nationen dir zum Erbe geben und die Enden der Welt zum Eigentum." Gewiß hat das Judentum das Verhältnis Gottes zu Israel als ein so iuuigcs aufgefaßt, daß cs dieses nicht besser veranschaulichen konnte als durch das der aufopfernden Liebe des Vaters zu seinen Kindern,. oder, wie bei den Propheten, der Hingebung des Gatten zur Gemahlin. Aber gerade darin liegt der Unterschied zwischcn der jüdischen und hellenistischen Anschauung. Auf der einen Seite Gotteskiudschaft auf der andere» Logoslchre. Nach jüd. Begriffen steht j e d c r Mensch in unmittelbarer Nähe Gottes, nach christl.- hellen. nur der Logos, nach jüd. Begriffen ist jeder Mensch ein .Änd Gottes, nach christl.-Hellen, nur.Jesus, nach jüd. Begriffen ist Gott im Himmel ün d ans Erden,"nach christl.-hellen) nur im Himmel, und diese Kluft zwischen Gott und Menschen kann Nr. 14. nur überbrückt werden - durch den Logos, den Gottmensch, das Wesen, das göttliche und menschliche Eigenschaften in sich vereint, durch Jesus. Ter jüdisch-pharisäische Gott aber läßt sich herab - zu seinen Menschenkindern, ohne Logos, ohne Vermittler^ Viel ließe sich auch zur Verteidigung der Pharisäer sagen, und man braucht nur auf Gestalten wie Hillcl hinzuweisen, um zu zeigen, daß ihnen das Verständnis für die Aufgabe des Judentums doch nicht so ganz abging. Ich erinnere an die bekannte Erzählung von der Bekehrung des Heiden, lind dafür, .daß die Pharisäer so eifrig bedacht waren auf die Reinerhaltung des Judentums und jedes fremde Moment aus 'ihm -fern hielten, dafür können Ivir ihnen nur dankbar sein, denn was wäre heute das Judentum, was wäre aus seiner reinen Gottesverehrung geworden, wenn z. B. die Logoslehre-von den Pharisäern angenommen worden wäre. Der Verfasser betont zu sehr den Glauben. Aber das Leben ist nicht Glaube, sondern Praxis, und das Judentum will eben mehr die Praxis des Menschen bestimmen. „Lau hamidrosch elo hamaase ikor", und der Glaube ohne Handlungen verfliegt wie die Flamme, die der Nahrung entbehrt. A. L. Sprechsaal. (Ohne Verantwortlichkeit der Redaktion.) Frankfurt a. M , 3.,April 1906. Tit. Redaktion des „Jsr. Familienblattes", Hier. Hiermit möchte ich um Berichtigung einiger Jrrtümcr in Ihrem Referat über die Versammlung des Zentralvereins vom 28. v. Bi. höflich ersuchen. Tie Worte des Vorsitzenden nach dem Vortrag des Herrn Dr. Hanauer sind ungenau wiedergegeben. Ich hatte nicht gesagt, daß „der Unterricht in der Mustcrschule von der Religionsschule eingeführt worden sei." Ich hob vielmehr hervor, daß an Gymnasien und R e a l s ch u l e n ein Religionsunterricht nicht existierte, bis die Religiousschulc für dessen Erteilung sorgte. Die Leistungen der Gemeinde für den Religionsunterricht sollten durch meine Worte nicht als geringer hingestellt werden, wozu der Schlußsatz Ihres Berichts verleiten könnte: vielmehr hob ich ausdrückliche hervor, daß die Aussetzung eines scheinbar niedrigen Betrags für Religionsunterricht seitens der Gemeinde nicht verwundern dürfe, da der Unterricht au den öffentlichen Schulen fast vollständig von den städtischen Behörden bezahlt wird. Ferner berichten Sie, daß ein Diskussionsredner gesagt habe, „das Philauthropin erzieht keine Juden und kann unmöglich von der Gemeinde erhalten werden." Ich halte cs für ausgeschlossen, daß eine solche Aeußcrung gefallen ist, da ich sie sonst sofort zurückgewiesen Haben würde. Außerdem möchte ich Sie höflich bitten, den folgenden Zeilen Aufnahme gewähren .zu wollen: Obwohl ich vor Eröffnung der Diskussion ausdrücklich betont hatte, daß der Verein sich nicht mit jedem Diskussionsredner, der ihm angehört, identifizieren könne, sind aus Aeußeruugcn, die in der Diskussion fielen, unrichtige. Schlüsse auf die Tendenz des Zentralvereins gezogen worden. Demgegenüber betone ich, daß der Zentralvcrein weder auf die Aufhebung des Philanthrvpins, noch die der Hauptsynagoge hinarbeitet, vielmehr nur.« xtre m e n Neuerungen, ivie der Abschaffung-der hebräischen .Gebete und der Einrichtung eines Sonntagsgottesdienstcs, sobald solche Pläne etwa auftauchen sollten, cutgegentretcil wird. Hauptsächlich ist er bestrebt, durch positive Anregungen das Wobl der Gemeinde zu fördern, insbesondere innerhalb der Franks. Gemeinde demokratisch. Grundsätzen eine größere Geltung zu verschaffen, und er ist sich bewußt, ans diesem Wege, z. B. durch seine Anträge bctr. die Oeffentlichkcit der Ausschußsitzungen und die Einführung des Gottesdienstes in der Frankfurtloge, den Tank zahlreicher, auch nichtkonscrvativer Mitglieder erworben zu haben. Hochachtungsvoll Dr. Heinemann. BiidernachriHteu. Schmitte« 1. Taunus. Es ist stets bedauert worden, daß man in Schmitten, einem der herrlichst gelegenen. Dicke des Taunus, .'der neben seiner Waldumgebung auch wegen seiner mäßigen Preise von zahlreichen Frankfurter.Familien als Soinineraufcuthalt bevorzugt wird, nicht die Möglichkeit 'hatte, rituell zu leben. Diesen! Uebelstande hat nun Herr Hermann Strauß durch den Bau eines, modernen Hotel-Restaurants abgeholsen. Bad Äisstngen. Hotel Ehrenreich welches den israelitischen Kurgästen als vorzügliches Haus nicht unbekannt sein dürfte, ist durch Ankauf eines Nebenhauses mit Garten bedeutend vergrößert, worden und bietet seinen Besuchern jeden Komfort der Neuzeit.