Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 14 (6.4.1906)
- Date
- 1906-04-06
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Beilage zu Nr. 14 des Frankfurter Israelitischen FamilieMattes. Inhalt der Beilage: Artikel: Ohne Thema. — Frühlingslust — Frühlingsschmerz. — Aus aller Welt. — Personalien. — Aus der Lehrerwelt. — Aus d er zioni stisch en Bew egung. — Aus den Vereinen. — Ein Rundgang um Jerusalem. — Literatur und Kunst. — Sprechsaal. — Bädernachrichten. — „Jüdische Jugend." Ohne Thema. - Plauderei. Von Jacob b. Elijah. Mein Redakteur ersucht mich, um ciiicu Beitrag für die Pesach-Nummcr und ich bin wirklich in Verlegenheit. ' Ich kann mir nämlich siir diesen Pesach kein Thema ausdenken. l In den vergangenen Jahren war freilich die Sache leichter geschehen. Das Thema lag ja ans der Hand: ■ s . J .; . . Das Blutmärchen! — Zwar ein altes Thema, aber es wurde doch immer lvieder erneuert. Wie sagt ja Heine. — Das war wirklich ein Lebcnsthema, d a s Lcbensthema jn den Tagen des Pesach's. Es war schon alte Tradition, daß an jedem Pesach das Blntmärchcn nicht fehlen durfte. Man konnte daher dieses Thema eine Zeitlang vor Pesach als Festartikel ausschmücken — ohne befürchten zu müssen, daß cs iinzeitgcmäß iverden könnte. . i . . Ja, damals! Aber jetzt? Es sind nicht mehr jene grauen Zeiten, wo man noch an Mären glaubte — und cs sind auch nicht mehr jene grauen Zeiten, wo man sie noch nötig hatte. .' . . . Jetzt kann man auch ohne Ritnalmärchen die Inden niedcrmetzeln und nicht nur eiiinial im Jahre, .nicht nur gerade vor .Pesach; sondern das ganze Jahr hindurch. . . . Es sind ja andere Zeiten. Man ist nicht mehr so bescheiden. Ter Luxus wird immer. anspruchsvoller — und man kann sich nicht mehr mit solchen Bagatellen, wie Nikolajew und die anderen Pogrome von 1881, zufrieden geben. . . . So kam das.alte und immer neue Blntmärchcn außer Gebrauch. Es verlor seine Aktualität — und ich verlor damit das Thema für eineir Pcsachartikcl. * Zwar hätte ich doch ein Thema. Es hat den Titel: Lord Rothschild. Also ein reiches Thema. — Nun will ich es versuchen. Die Geschichte ist zwar kurz, aber hinter ihr steckt die lange Geschichte des versklavten Golnsgeistes. .. >; Aber wozu die Vorreden? Ans Thema! Also! — der Tatbestand ist folgender: ' Bekanntlich gibt es noch immer solche Inden, die Ehrgefühl haben. Sie wolle» ein ehrenvolles Leben führen. Und sie wollen ihr Volk befreien, ihr freies-sklavisches Volk retten. Es geht sonst zu Grunde, materiell und kulturell: lveil es seine zweite Hälfte verloren hatte: das Land. Es irrt daher wie eine Seele ohne Körper umher und wird von dcn.ganz und voll lebenden Völkern als Gespenst gefürchtet und fortwährend weggejagt. Ihm fehlt ein Land! ' Und es vereinigten sich manche Juden und stellten es sich zu einer Lebensaufgabe: die Erreichung eines Landes für ihr Volk. Nun gibt es bekanntlich einen Lord Rothschild Ter hat viel Geld. i Eigentlich wäre hier ein guter und nützlicher Austausch zu machen: jene Juden haben nämlich Ehrgefühl, aber kein Geld — das Gegenteil doch bei Rothschild. ..... Ja — aber Ehrgefühl läßt sich nicht kaufen; wenn auch wohl verkaufen. . . ' Es geschah daher, was mit einem freien Volke nie geschehen könnte. Als Rothschild von diesen komischen Juden — Juden mit Ehrgefühl! — und von ihrem frechen Wollen-erfuhr; und als er von ihrer halbgelungenen Verführung seiner Britania erfuhr — da platzte ihm die Geduld und er wandte sich eiligst an seine Freunde um Hilfe. Und sie kamen und gemeinsam warnten sie die englische Regierung vor den Juden! Gott behüte, nur kein Land den Juden! '. . . Und da ist etwas vorgekommen, 'was sonst, bei solcher Noblesse selten vorkommt; jedenfalls selten bekannt wird. So etwas': ein Sichvergreifen: nur so ein kleines Versehen im Tclcgramin an Schiff. — Aber man mußte doch lachen, als es sich bald heransstellte, daß der Lärm und die Bestürzung dcS sonst ruhigen Lords ganz grundlos waren. ' Man konnte sich da nicht des Eindrucks eines grausam komischen Bildes erwehren — des Bildes, wenn ein Nnchmittagsschläfer von FencrSbrunst träumte und nun plötzlich mit einem Geschrei erwacht und halbnackt ans die Straße hinansläuft. . . . '- Jedenfalls ein schönes Geschichtchcn, ei» hübsches Thema. Und noch ein Thema habe ich: Perlmann aus Königsberg. Auch eine kurze Geschichte, aber hinter ihr steckt ebenso die lange Geschichte des versklavten Golnsgcistes. Die Sache ist Nämlich die: Rußland überlebt gegenwärtig eine schlvere Krise, die Juden in Rußland noch eine schwerere. Mgesehen davon, toerden sie noch obendrein — ausgeschlachtct. Da auch ein russischer Jude leben will und jedenfalls sein Weib und Kinder am Leben erhalten möchte, so strengt er seine letzten Kräfte an und wirft sich hinaus über die Grenze . . . Nun kommen sie nach Königsberg in Preußen. Hier wohnt eben Herr Perlmaiin. Er ist Vertreter des deutschen .Hilfsvercines. Sonst ist von ihm wohl nichts zu sagen. Und da erfuhr Herr Perlmann, daß unter den jüdischen Emigranten manchmal auch politische „Verbrecher" sich vcsinden, die aus dem Kerker entkamen oder vor den Henkern fliehen. Und Herr Perlmann erschrak. Man kann doch ja nicht immer wissen, ob eS ein Revolutionär oder ein braver Mensch sei — man kann also manchmal hereinfallen, indem man unschuldig mit der großen Masse der jüdischen Emigranten auch solche Juden befördert, die sich gar vielleicht der höchsten Strafe in ihrem Lande entziehen! Und was dürfte doch dazu der preußische Staat sagen?! Herr Perlmann fand daher einen kurzen Ausweg: „Laß' deine Hände davon!" Und um vor jeder Gefahr sicher zu sein, beschloß er daher, die Beförderung der jüdische» Emigranten überhaupt zu unterlassen. Wenn man nichts tut, da kann man sicher sein, daß man nichts Böses tut. — Auch ein schönes Geschichtchen, ein hübsches Thema! Was haben aber diese zwei Themata mit Pesach zic tun? Nun, der Zusammenhang ist ja evident klar. Handelt es sich doch auch in der Pcsachgeschichte um Sklaven! .... * Freilich, an solchen Themataen fehlt eS mir nicht. Denn unser Volk hat noch viele Sklaven und kann von ihnen viele interessante Geschichten erzählen. Jedoch können sie nicht ein Thema für Pesach sein. Denn sie sind überhaupt kein geeignetes Thema. Das Publikum nimmt Anstoß an solchen Geschichten: Man soll ja nicht aus dem eigenen Lager herausplappern; es mache Rischnß .... Etwas anderes ivar es mit den — Blutmärchen. Ta ist eine gute Gelegenheit, sich als Kämpe gegen Antisemitismus zu üben. Und Antisemitismus ist heute noch das liebste jüdische Thema der westeuropäischen Inden. Damit befriedigt mau schon völlig das jüdische Interesse. Da kann man viel von Liberalität und Humanität faseln, von Verbrüderung und christlicher Nächstenliebe. Ja, seitdem das Blutmärchen überflüssig wurde und außer Gebrauch kam. bin ich für einen Pesachartikel mit einem Pesachartikel ohne Thema geblieben. Mein Redakteur wird mich schon entschuldigen müssen. — — — Frühliugslnst — Fruhlingsschmerz. Bon Maxime Le Ma! tre - Paris. Es bricht das Eis, und die Gletscher schmelzen. Unter Begleitung erquickender Sonnenstrahlen treten die Eisschollen ihren Marsch an und spötteln über das Zerrinnen der Macht des Wintertyrannen. Wild, lärmend und johlend taumeln diese Ungeheuer in des Wassers großen Einöden und nach einem gigantischen Ringen und unsäglichen Kancpf gelangen sie dort an, woher sie gekommen sind. — Sie verschwinden im Nichts. Die Totcukleider, in welche die Mutter Erde während des ganzen Winters gehüllt war, erzittern vor-dem fröhlichen Schein der Frühlingssonne, ziehen sich bald enger zusammen und bilden nur kleine Tchneeoasen ans unendlichen Gauen und Ebenen. Die Erde gewinnt bald tvieder ihr natürliches, nacktes Aussehen. — Aber die Scham der Blöße empfindend, legt sie bald ihr grünes Frühlingsgewand an und entbietet in ihrem grünen, hoffnnngsverheißendcu Gewand ihren ersten Frühlingsgrus;. Tie schaurige Starre der Winteruacht, die bösen Geister verschwinden, und ein milder, süßer Südwind durchsäuselt die Lüfte. Alles regt sich wieder zum neuen, freien Leben, alles schafft und wirkt. Die kleinen Geschöpfe, die die Erde im Winter in ihrem Schoße barg, kriechen aus ihren engen Verstecken hervor, die Vögel suchen ihre Nester, ihre alten Stätten auf, die Spottdrossel richtet sich auf dem Zweige ein. Im Frühling kommt alles wieder . auf seine alte Stelle zurück, denn Frühling bedeutet Freiheit und neues Leben. Wie süß und verführerisch zwitschern die Vögel, girren die Tauben und singen die Nachtigallen im Frühling. Andacht-voll und ergeben danken die Geschöpfe dem weisen Lenker bcs Weltalls für den Frühling — für die Freiheit. Es fließt und strömt behaglich der Bach, die Frühlingssonne hat seine Fesseln gebrochen und seinem Lauf wieder die Freiheit gegeben — cs blühen lustig die Wiesen, und unzählige kleine Geschöpfe summen frisch, froh, frei in der milden Frühlingsluft. Der Lenz hat die Thrannenmacht des Winters gebrochen, und die uralte Ordnung der Schöpfung kehrt wieder ein, der Vogel fand wieder sein Nest, die Nachtigall ihren Zweig. Freiheitstränme schwängern die Frühlingsluft. Frei und frisch atmet auch der Mensch, denn der Frühling ist das Symbol der Freiheit — der B e f r e i u u g. Mit seinem Einzug kann jedes große und kleine Geschöpf frei auf Erden leben, die Fische im Wasser, die Vögel, die in den Zweigen Ivohnc», die Fliegen in der Luft. Im Frühling lebt jede- Geschöpf frei ans seinem Ort — denn der O r t, der nötige Ort i st die e r ft e Vor a u s s e tz n n g a l l e r F r e i h e i t: Ohne bestimmten Ort keine Freiheit. Wenn dem Vogel sein Nest fehlt, dem Zische das Wasser, der Fliege die Lust, dann erlischt ihr Lebenslicht — daun hört ihr Leben aus. Welch' eine Wonne frei zu sein, welches Glück einen Ort, eine Heimstätte zu haben, aber welche Trauer, welcher Schmerz, von der Stätte verbannt zu sein und im Exil zu leben.- Für alle Geschöpfe, kleine oder große, gibt es Frühling, Freiheit und Rast, Frühling und Lebensfreude. — Für alle, für alle-nur für ein Volk, das so a lt wie der Wald, so alt wie das Meer, für das jüd. Volk gibt es dies nicht. Die Qual dieses Unstät-Seins, das Unglück des ewigen Verbanntseins hat auch der englische Dichterfürst Byron empfunden, als er sang: Jedem Vogel sein Rest, jedem Pferde seinen Stall, Jedein Tier sein Unterkommen. — Nur Israel sein Grab. Nur Israel sein Grab — und nicht einmal das Grab .... Für icns gibt es keinen Frühling, keine Freiheit, . keine Ruhe, denn uns fehlt der Ort, die Heimstätte. Der Wind ist ein iveltverstoßener Gast, denn ihm fehlt eine Ruhestätte, die Juden das bestgehaßte Volk,, denn ihnen fehlt, ivas sogar kein niedriges Geschöpf entbehren kann — eine Heimstätte. Für alle Geschöpfe gibt eS Frühling und Freiheit, denn sic haben alle ihr Heim, nur für Israel gibt» es nicht, denn Israel ist im Exil, .hat keinen Ort und ohne Ort keine Freiheit, ohne Ort keinen Frühling. * * * Auch die Wolga schmilzt und die rauhe Eisdecke des Tnjepers kracht in Stücke. Der während des langen kalten Winters unter seinem Kamiu murrende Muschik verläßt bald mit dem Einzug des Frühlings seine ärmliche Hütte. Während des Winters vom Gendarme gepeitscht, vom Popen gehetzt,