Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 14 (6.4.1906)
- Date
- 1906-04-06
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4, Frankfurter JsmelitWeS Familtenblatt. Nr. 14. liebe ihn und ich fühle cs, ich fühle es, er liebt mich wieder. -- Zu den Euigeladenen gehörte auch Emil, der erst ablehnen wollte? „Es tut nicht gut, das; ich mit Eurem Sohn zusammen bin. Er zeigt feine Abneigung gegen mich so unverhüllt, daß ich es nicht länger ignorieren kann. Und aus Rücksicht gegen Euch meide ich Rolf." Sein Onkel erwiderte in festem Tone: „Du kommst als unser liebster Gast. Soll ich von. der Laune Meines verzogenen Sohnes abhängig machen, ob das Kind meines einzigen Bruders bei mir verkehren kann? Ich werde Rolf auf die Pflichten aufmerksam mache», die ihm als anständigen Menschen obliegen." Frau Cohnheim meinte: „Ihr jungen hitzigen Leute — ja, ich/ ineine Dich Einil! — verfallt gerne in Extreme. Solltest Du Rolf, der im Stolze seines Standes vielleicht ein ivenig schroff ist, nicht auch etwas einseitig beurteilen? Ich werde ihin übrigens auch vorstellen —" Emil streckte seine Hand aus und sagte ernst: „Ich muß dringend bitten,. Rolf nichts von dem zu erzählen, was ich Euch inr Vertrauen gesagt habe. Ich setzte Euch nur die Gründe auseinander, die mir geboten erscheinen lassen. Eure Gesellschaften zu meiden. Bei der nächsten Veranlassung aber werde ich eine Aussprache Mit Rolf haben, damit cs klar zwischen uns wird." Lucie, die schweigend zugehört hatte, erhob sich und legte ihre Hand auf den Arm Emil's. „Vetter, Du wirst doch kommen. Ich hebe Dir drei Tänze auf. Tu darfst mich durch Dein Fernbleiben nicht kränken; Deine Weigerung würde mir jetzt wehe tun." Er sah ihr tief in die Augen und erwiderte: „Liebe Eousine, Tein Wunsch ist ,nir heilig. Die Tänze hole ich Mir und wenn ich sie von einem ganzen Offizierkorps erkämpfen müßte." — — — lFortsetzung folgt) Wer? Von S. L i b i n. Uebersetzt von L. C a r o. Ein wunderschöner Majinorgen. Es geschieht bei mir nämlich gar allzuhäufig, daß ich keine Beschäftigung habe — und aus purem Nichtstun sitze ich so am offene» Fenster und ergötze mich an der mir wohlbekannten Aussicht auf den schmalen, von allen Seiten her umzaunten Hof. Kaum habe ich mein Haupt erhoben — und ein Stückchen entzückender Himnlelbläuc schwimmt vor mir in eine lange Fläche hervor. Mein Herz, im Kampfe mit dem alltäglichen Elend verwundet, vergeht allmählich in Blut — und jenes hervorguckende Winkelchen des unbewölkten Himmels liebkost so sanft mein Herz und beschwichtigt seinen pressenden Schmerz. Doch bald bewegt cs mich stürmisch, und in meiner Brust entzündet sich die Sehnsucht mit noch größerer Flamme und mit noch stärkerer Glut. Stumm erzählt mir dieses Stück Himmel ein wunderliches Zaubermärchen, ein Märchen voll unsagsagbarer Schönheit, doch für mich — ach! — voll unendlicher Trauer. Es erzählt mir, daß irgendwo, weit — weit — hinter unserem wie ein Käfig engen Hof, hinter unseren vielstöckigen, von oben bis unten mit Menschen vollgestopften steinernen Ameisenhaufen, hinter unserer dumpfen, staubige» und wimmelnden Gasse daß irgendwo weit, weit der Himmel selb st gesehen wird, und er ist dort so groß und so tief . . Wie eine Leinwand hat er sich drüben über die Erde ausgebreitet — und seine blaue Ferne kennt keinen Rand und kein Ende; dort am weiten Horizont, den ein Auge kaum zu ersassen vermag, läßt er sich herab: als Ivollte er die festlich mit Grün geschmückten Gefilde in mächtiger Umarmung an sich pressen. . . Und dort ist es so wohl, jo frisch und frei. Tort . . . O, Gott, welch grenzenlose Sehnsucht brennt in mir! * Das Hinaufschauen ermüdet mich bald, und ich muß mein Haupt sinken lassen .... .... Eiserne „sire-escape"?) beschmutzt, besudelt und mit Rost bedeckt . . . Hölzerne Pfosten und über sie ausgespannte Strick.' zum Wäschetrocknen . . . Wo man auch Hinblicken mag — überall hänge» reingewaschene Weißzeuge, die vom Winde leise bewegt werden... i) Rettungsleitcr für den Fall einer Feuersbrunst. Nun trafen meine Blicke eine von den vielen Rettungsleitern. ' Auf dem kleinen Balkon lüften sich eine alte, halb verfaulte Matratze und eine alte zerfetzte Bettdecke, in der aus verschiedenen Löchern die Watte hervorkriecht. Hie und da liegen schon ziemlich alte Tücher von unbestimmbarer Farbe; ein Haufen bestaubter Bücher in zerrissenen Einbänden; zerspaltene Hölzchen, die zur Befestigung der nassen Wäsche am Strick dienen; abgehaarte Bürsten; schmutzige Lumpen. Und aus diesem übelriechenden Schutt starrt mich ein Blumentopf an, mit frischer Erde vollgeschüttet, aus der ein junges grünes Pflänzchen hervorsproßt. Ich betrachte das Blümlein und mir scheint: es denkt auch von einer märchenhasten Ferne und träumt und träumt von all jener süßen Schönheit, bon der mir das Stückchen Himmelbläue so viel erzählte . . . Und ich betrachte sie, die kleine Blume, und ich fühle es: auch sie hat ein Herz, ein unschuldig kindliches Herz; und auch sie lvird von einer unendlichen Sehnsucht geplagt — von einer flammenden Sehnsucht nach Lust und1 Licht, nach Freiheit und Leben. Und sic stirbt allmählich ab, da ihr all dies fehlt — wie es ja auch meinen! kranken Herzen ergeht .... Und siehe! Das Blümlein iveiut. . . und die stillen Tränen rollen wie Tautröpfchen über den bestaubten Stengel herunter. . . Als ob das Blümlein vorwurfsvoll fragen möchte: „Bin ich denn hier am richtigen Platz? Ich werde doch da verwelken, ehe ich noch melnc Knospen entfaltet. . . ." Armes Blümchen mein, ach, Ivie tust du doch niir so leid! * Einer der Hausbewohner erhob den Fenster- Vorhang und öffnete das Fenster. Bor mir erschien nun ein zinnerner Käsig, mit Rost und einer dicken Staubschicht bedeckt. In dem Käsig sitzt ein Kanarienvogel, der traurig den Schnabel gesenkt hält. Das Vögelchen scheint zu schlafen. Nebenan am Fensterbrett sitzt lauernd eine Katze und wirft blutdürstige Blicke auf das schwache Vögelchen. Ter Kanaxienvogel erwachte und schaute hinauf. Vielleicht bemerkte auch er jenen blauen Himmelfetzen — jenes Stückchen Himmelbläue, das zu uns in den Hof hinüberblickte und uns neckte und reizte: uns, die wir in dieser Mistgrube durch und durch verfaulte Luft einsaugen und in ihr ersticken .... Ter Vogel tauchte sein Köpfchen in die schmutzige Schüssel voll Wasser, die jemand in diesen Käsig hingestellt hat. ' Ter Vogel erzitterte — und bald schwang er seine Flügel und begann zu zwitschern. lind er weint so bitterlich und fleht und fleht: er sehnt sich dorthin ... Er möchte dorthin fliehen, wo die Bäume ihre weiten Aestc wie Zelte aufschlagen; dorthin, wo junges Gras grünt und duftende Blumen blühen. Wie gerne möchte er dorthin, in die Ferne, in die weite Ferne ... Dorthin, >vo das Hinimelsgcwölbe in eine grundlose Höhe übergeht; dorthin, wo die Luft so rein und frisch und trunkensüß. . . Dorthin.. . . Und er singt mro weint unb {tagt — ano seine Triller sind voll Sehnsucht, grenzenloser Sehnsucht. Wozu sehnst du dich so dahin, armes Vögelchen du? Wozu das Weinen und Klagen? Dir wird ja all dies nichts helfen! Tu bist verkauft und mutzt nun im verschimmelten Käsig dein kümmerliches Dasein fristen. Vielleicht wird man dich auch vor der bösen Katze schützen, die nur aus eine günstige Gelegenheit wartet, um über dich herzufallen und dir die Gurgel zu zernagen. Ja, vielleicht wird man dich vor der Katze schützen — doch ja nur, um dich eines langsamen Todes im dumpfen Kerker'sterben zu lassen . . . * „Nimm dir das Kindchen auf die Arme" — sagt nun meine Frau — und ich nehme zu mir mein liebes Töchterlein, meine teuere Dweirele. Ach, wie ist sie doch schwach und kränklich! Das Körperchen abgemagert, das Gesichtchen blaß — nur Haut und Knochen . . . Sie schniilzt wie das Licht; langsam, langsam. ... Ach, Gott, wie blutet doch mein Herz! Die Mutter meint zwar, daß Dweirele Zähnchen bekommt. Mir aber scheint es, mein Kindchen, daß dir dasselbe fehlt, was auch dein weinenden Vögelchen und dem jungen Blümchen fehlt. — Tort, im Freien, dort wärest du, mein Kleinod, frisch und gesund; dein Gesichtchen und die Wange voll und rosenrot. Dort, dort könntest du, meine Teuere, wie ein Mohnblümlein aufblühen und mit deinem silbernen Lachen die glitzernde Luft erfüllen. Ach, mein Kind! Arm ist dein Papa und kann dir nicht helfen. Und du mußt, du mußt mit mir zusammen in diesem finstern Grabgewölbe versumpfen ... * Das Blümchen wird hier vor der Zeit verwelken. Das Vögelchen wird auch nicht mehr lange aushalten. Und du, mein Kind? Mir wird so bange, wenn ich nur daran denke. * Wer hat hier das Blümlein eingepslanzt? Wer hat hier das Vöglein eingesperrt? Und wer hat hier die Luft und das Licht meinem Kinde geraubt — diese milden Gaben der Natur? Wer? . . . Wer? ... Sprechsaal. (Ohne Berantwortlichkett der Redaktion.) Wir erhalten vou Herrn D r. Emil Simons o n, Schöne der g-Berlin den nachfolgenden polemischen Artikel mit dem Ersuchen, ihm , in unseren Spalten Raum zu gewähren: Zur Steuer der Wahrheit. Die „Jüdische Rundschau" schreibt im Anschluß an eine Erörterung der Chancen für eine Besiedelung Britisch-Ostafrikas Folgendes: „Wir dürfen wohl darauf Hinweisen, daß im Generalanzeiger für die Gesamtinteressen des Judentums unter der Ueberschrift: „Uganda als Nachtasyl" sich ein geharnischter Angriff gegen die Redaktion der Jüdischen Rundschau findet, der einen Herrn Dr. Emil Simonsohn in Schöneberg zum Versasser hat. Ter 'Artikel wirst der Redaktion der Jüdischen Rundschau vor, daß sie „tendenziös verwechsele", daß es ihr gegenüber „wirklich schwer ist, noch immer den guten Glauben anzunehmen", daß sie sich (diesen Satz mit einem „wenn" eingeleitet) „ganz als Fraktionsorgan der sogenannten „Zione-Zion" fühlt," um damit zu schließen, „daß dieses Verhalten, für das die Annahme blinder Parteileidenschaft noch die mildeste Erklärung bildet, das .die Jüdische Rundschau selbst aber. gegebenenfalls z. B. dem Berliner Tageblatt gegenüber nicht anstehen würde, als Brunnenvergiftung zu bezeichnen." Ten Lesern der Jüdischen Rundschau gegenüber bedarf es keiner weiteren Worte, um Herrn Dr. Simonson in Schöneberg in seine Schranken zurückzuweiscn, umso mehr) als nunmehr erwartet werden muß, daß er in öffentlicher Versammlung seine Beschuldigungen wiederholt. Die Redaktion des Generalanzeigers war so loyal, eine sachliche Erwiderung von Herrn Dr. Heinrich, Loewe an gleicher Stelle aufzunehmen." Diesen aus dem Zusammenhänge gerissenen Sätzen liegen folgende Vorgänge zu Grunde: Da die „Jüdische Rundschau" zwar ihrem Redakteur zu Angriffen, aber den Angegriffenen nicht zur Abwehr zur Verfügung steht, habe ich in Nr. 12 des „Generalanzeiger für die gesamten Interessen des Judentums" den nachstehenden Artikel veröffentlicht:- Uganda als Nachtasyl. Unter dieser Ueberschrift druckt die Jüdische Rundschau aus dem Bericht des englischen Gouverneurs von Uganda, I. Hages Sadler, über das ihm unterstellte Gouvernement folgende Sätze ab: „Ich habe bereits bei verschiedenen Gelegenheiten betont, daß die klimatischen Verhältnisse Ugandas einer dauernden Niederlassung europäischer Familien nicht günstig sind, und daß es niemals derart wie Südafrika und Teile von Ostafrika ein von Weißen bewohntes Land werden wird. Nur mit Mühe können Europäer dort ein erträgliches Leben führen, müssen aber aus Gesundheitsrücksichten unbedingt von Zeit zu Zeit den Aufenthalt mit einem schärferen Klima vertauschen. Für europäische Arbeit ist keine Verwendung. Das Klima im größten Teile des Protektorates ist zu heiß für Handarbeit im Freien und die Verwendung von Europäern als Arbeiter neben den Eingeborenen ist nicht wünschenswert." Bon Anhängern des Ostafrikaprojcktes ist der geographische Unterschied zwischen Britisch-Ostafrika und Uganda so häufig hervorgehoben worden, daß es wirklich schwer ist, - bei der Redaktion der „Jüdischen Rundschau", die doch wohl die zweijährige Ostafrikadebatte eifrig verfolgt hat .und auch einen Atlas besitzen dürste, angesichts dieser, tendenziösen Verwechslung noch immer den guten Glauben anzunehmen. Uganda ist ein in der Ebene liegendes Fiebergebiet mit tropischem für Europäer ungeeignetem Klima, das wußte man seit langem auch ohne die zitierten Sätze. Ebenso stimmen auch alle Berichte, auch der der zionistischen Kommission darin überein, daß das in 5—8500 Fuß Höhe liegende bri-