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Neue jüdische Presse · 1906-04-06 · Heft 14 (6.4.1906) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 14 (6.4.1906)
Date
1906-04-06
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Seite 3. Nr. 14. Frankfurter Israelitisches FamilienLlaü. gewerbe die ersten Muster zu entwerfen, wie auch irr jedem Zweige vollständig fertige Mustereremplare auszuführen. Es solle» ferner die begabtesten Schüler zu Lehrern herangebildet werden, die' späterhin anch in anderen Orten des Landes wirken könnten. Neben der Knnstgewerbeschule wird noch eine Abendschule ins Leben gerufen werden, in der Handwerkern und 'Arbeitern im Zeichnen und Modellieren Unterricht erteilt werden wird. Als erstes Kunstgewerbe soll die im ganzen Orient (außer Palästina) blühende Teppichindustric eingeführt werden. Es steht zu erwarten, daß bereits nach einem 6—8>nonatlichen Bestände der schule die produktive Arbeit beginnen wird. Mit der Schule soll eine entsprechende Bibliothek und ein Museum verbunden werden, für das bereits zahlreiche und wertvolle Original-Kunstwerke, kunstgewerbliche Gegenstände und Bücher geschenkt worden sind." Oesterreich -Ungarn. Wien. Der Ausschuß der nieder öfter re ich. Ad v o k aten k ainm er — von den 23 Mitgliedern dieses Ausschusses sind 8 „israelitischer Konfession" — hat an das Abgeordnetenhaus eine Eingabe bezüglich der Reform des Eherechtes gerichtet. In dieser Eingabe heißt es in dem Abschnitt, der sich mit den jüdischen Ehen besaßt: „Auch die besonderen Bestiminnngcn, welche das allgemeine bürgerliche Gesetzbuch für die Jndenchen trifft, haben vom Standpunkte des Staates keine Berechtigung. Sie bestehen in einer besonderen Regelung des Ehehindcrnisses der Verwandtschaft und Schwägerschast (Paragraph 125) und in den Bestimmungen über die Trennung (Paragraphen 133 bis 136). Auch hier sollen die religiösen Anschauungen dem Erfordernisse eines einheitlichen Ehcrcchtcs weichen. 'Allerdings wird hierbei zu erwägen sein, ob nicht die übertrieben weitgehenden Vorschriften, wie sie derzeit in den Paragraphen 65 und 66 für die genannten Hindernisse bestehen, nach dem Beispiele des bürgerlichen. Gesetzbuches für Teütschland (Paragraph 1310) für alle Staatsbürger einer einschränkenden Acnderung unterzogen werden sollen. Jedenfalls aber ist die große Leichtigkeit der Ehetrennung im Falle des Einverständnisses der Gatten nicht zu rechtfertigen. Auch die für die Ehen der Juden bestehenden besonderen Vorschriften über die Trennung der Ehe (Paragraphen 130—136: sind anfznheben." Rußland. Petersburg, 4. April. Die offiziöse Petersv. . Telegr.-Agentur meldet: Im Ministerium des Innern treffen täglich telegraphische Berichte von den Gouverneure» und Präfekten ein, welche besagen, daß keinerlei Vorbereitungen zu Riedc rm etz elun gen der Jude n gctrosfe» würden. General K aulbars erklärt die Meldung englischer Blätter, die ihn beschuldigen, gesagt zu haben, daß Niedermctzelnngen in Odessa zur Zeit der Einberufung der Duma möglich seien, für u n b c g r ü n d c t. — Auf die beunruhigenden Meldungen aus B u k o w a, Klinzy, H o m e l und Orcha ist dringender Befehl von hier abgcgangen, >das Militär und die Polizei zu v e r st ä r k e n. Warschau. Der Minister des Innern erfüllte die Bitte der Kamenenz-Podolsker Juden, daß die Wahlen zur Duma, welche auf den 11. (24.) März, einen Samstag, festgesetzt waren, auf den 13. (26.) März verschoben wurden. Kiew. Der Fabrikbesitzer Tschokalow hatte sich während der Pogromzeit durch seinen Antisemitismus ausgezeichnet. Daraufhin hatten viele seiner jüdischen Kunden in Kiew und dessen weiterer Unigebung die Geschäftsverbindung mit ihm gelöst. Herr Tschokalow scheint nun den Schaden so stark zu spüren, daß er sich entschließen mußte, den Antisemitismus mit dem Philosemitismus zu vertauschen; so hat er in einem Briefe seinen Kunden mitgeteilt, er werde sich bemühen, den Inden das Wohnrecht in Kiew zu erwirken, und so ersuchte er Rabbiner Lurje, eine politische Partei jüdischer Kanflente und Fabrikanten zu gründen. Odessa. Das jüdische Agitationskomitee stellte als Kandidaten zur R e i ch s d u m a den Rechtsanwalt M a r g u l i c s ans. Tiefer tritt dem Block der konstitutionell-demokratischen Partei bei. Kalisch. Der Generalgouverneur hat sämtliche Synagogen schließen lassen und der jüdischen Gemeinde eine Strafe von 3000 Rubeln auferlegt. Ter Grund dieses Vorgehens ist, daß die Bundisten am rergangenen Samstag mit Revolvern in der Hand in den Synagogen Reden gegen die Beteiligung an den Tumawahlen hielten. Spanien. Algeciras, 2. Avril. In der heutigen Sitzung der Marokko-Konferenz beantagte der amerikanische Telegierte White, dein Sultan Toleranz gegen die Juden zu empfehlen; der Sultan möge die notwendigen Maßnahmen treffen lassen, um nicht nur die Lage der Juden, die in den Häfen ansässig sind, sondern auch derjenigen, die im Innern des Landes wohnen, dauernd zu verbessern. — Ter deutsche Botschafter von Radowitz drückte seine Sympathien für diesen Antrag aus. Ter Herzog von A l m o d o v a r gab die Erklärung ab, daß sämtliche Telegierte der Mächte, sich dem Wunsche anschließen, und fügte hinzu, daß kein Land glücklicher wäre als Spanien, sich diesem edlen Gefühle religiöser Duldung anzuschlicßcn, da so viele Juden Marokkos durch Bande der 'Abstammung und durch Gemeinsamkeit der Sprache mit Spanien in Verbindung ständen. — Nachdem auch Marchese Visconti Bene st a dafür eingetreten war, wurde der 'Antrag e i n st i m m i g a' n g e n o m in e n. 0 leniHefon. 0 Die Cohnheims. Roman von Jacob Levy. (Fortsetzung.) Rolf wurde durch den Dienst zieinlich stark in Anspruch genommen, er war ein schneidiger Osfizier, der mit Lust u>ld Liebe an..seinem Berufe hing. Die Hoffnung seiner Mutter, an ihm einen Kavalier zu haben und mit ihm prunken zu können, 'ging nicht in Erfüllnng. Er speiste sehr nuregelmäßig zu Hanse, der Verkehr mit den Kameraden nahm ihn säst ausschließlich in Anspruch. Mit seinem Vetter Emil kam er nicht über einige frostige Begrüßungsworte hinaus, und dieser war dem Leutnant gegenüber so gemessen, wie er nur sein konnte, ohne unartig zu sein. Seinem Onkel, 'der gerne ein freundliches Verhältnis zwischen den beiden jungen Leute» angebahut hätte, erwiderte Emil: „Es ist unmöglich, lieber Onkel, daß wir jemals befreundet werden, und man kann Rolf gerechterweise einen Vorwurf darüber nicht niachc». Er ist das Produkt seiner Erziehung, seiner Religion, seines Standes, eine Welt trennt mich, den Inden, den Zivilisteii von ihm. Ich reise ja auch jetzt zum Assessorenexamen nach Berlin; wenn ich in einem halben Jahre zurückkomme, kennt Rolf mich überhaupt nicht mehr." Herr Cohnheim konnte ihm nichts entgegnen, da eine Aussprache mit seinem Sohn die Ansicht Emils bestätigte. „Aber Vater, was soll ich denn mit ihm reden? Was liegt mir an seinem Gericht, was interessicreu ihn meine Rekruten." „Emil ist ein fein gebildeter, bei seinen Borgcsctztcu sehr angesehener Mensch, der jeder' Gesellschaft, nnd sei es die vornehmste, zur Zierde gereicht. Und zudem, Ihr seid doch Verwandte." „Pardon Vater, das sind wir eben nicht. Mit meiner Taufe hast Tu jede Verbindnug zwischen mir und Deinen Verivandten gelöst, wir wollen uns darüber keine Illusionen mache». Gestern noch sagte ich bei einer Gelegenheit dem Kameraden von Sassen, ich hätte außer Eltern und Schwester keine 'Angehörigen. Den Teufel, der Offiziersstand verpflichtet, wir müssen unser Schild blank erhalten." Sein Vater runzelte die Stirn. „Du ahnst wohl nicht, wie sehr Du Deine Mutter und mich beleidigst. Wie Du über meine Verwandten urteilst, mußt Du auch über uns denken, denn wir sind auch Juden." „Ach," ineinte 'Rolf ungeduldig, „lassen wir diese Tüfteleien. Ihr seid meine Eltern und damit jedem Urteil, jeder Disknssioir entrückt. Aber anderc jüdische Verwandtschaft kann, darf und will ich nicht haben. Und das wird auch dieser Herr Emil Cohnheim einsehn, denn er hält sich fern von mir." „Emil hat eben Takt. Dir aber verbiete icki, über meinen Neffen oder meine anderen Verwandte zu reden, wenn Dir's nicht niit der Achtung möglich ist, die ein anständiger Mensch einem andern eben so anständigen Mcnschen schuldig ist. —-" Emil reiste ab. Er nahm Abschied, während Rolf im Dienst war. Lucie nahm ihm das heilige Versprechen ab, an ihrem Geburtstag wieder in Neustadt zu sein. 4. Kapitel. In der Villa Cohnheim wurden große Vorbereitungen zum ersten Gescllschaftsabend der Saison getroffen. Rolf hatte eine eingehende Untcrhaltnng mit seiner Mutter, nach deren Beendigung er ihr die Hand küßte nnd lächelnd von dannen schritt. Tie sah ihm sorgenvoll nach, mit einem müden Ausdruck im Gesicht, der ihre Züge alt erscheinen ließ. Ihr Mann, der sie in tiefem Nachsinnen traf, ließ sich heiter an ihrer Seite nieder. „Tu bist allein, Käthe, und so nachdenklich?" „Lucie macht ihre Tennispartie, nnd Rolf hat mich soeben verlassen. Lieber Mann, wir wollen über unsere Gesellschaft reden. Hast Du schon über die Einladungen beschlossen?" „Nein, denn unser Kreis .bleibt doch derselbe. Rolf mag einige Kameraden cinladcn, dann haben die 'Mädchen flotte Tänzer." Frau Cohuheim zögerte mit der Antwort; cs schien, als ob sie ihr schwer falle; dann sagte sie: . „Erich, sollten wir nicht den veränderten Umständen Rechnung tragen? Früher, wie die Kinder noch klein waren und in gesellschaftlicher Beziehung noch nicht Beachtung fanden, durften wir in unsere» Gesellschaften unsere Frennde, unsere Glaubensgenossen bevorzugen. Jetzt aber, da unser Sohn Offizier in ciuem vornehmen Regiment ist, unsere Tochter zur eleganten jungen Dame herangewachsen ist, können wir das jüdische Element nicht bei uns vorherrschen lassen, wenn die Kinder sich nicht sremd bei uns fühlen sollen. Rolf hat ausschließlich christlichen Verkehr, er wird keine jüdische Soiree besuchen, ielbst nicht bei seinen Eltern; er wird sich ganz besonders hüten, Kameraden mitzubringen, weil er deren ironisches Lächeln sürchtet. Und Lucie, sie ist eben Christin und Schwester ihres Bruders." Ihr Mann lächelte verächtlich. „Unsere jüdischeil Bekannte ivcrden das Feingefühl der Kinder nicht geniereu, sie sind >lur Juden dem Namen nach. Unsere Soiree ist nicht jüdisch, weiln anch einige befreundete israelitische Familien darauf erscheinen werden. Und wenn Rolf mit keinem Jude» mehr reden will, mag er unsere Gesellschaft meiden." „Erich, Tu sprichst Worte, die nicht gut sind. Versetze Dich in Rolfs Lage. Das Osfizierkorps hält sich die Juden fern, soll nun Rolf als Apostel der allgemeinen Menschenliebe austreten? Er hat so empfindliches Ehrgefühl, daß der Schatten der Lächerlichkeit ihn töten würde. Er ist nun einmal Offizier und muß den ungeschriebenen Codex seiner Kameraden befolgen." „Was soll denn geschehen?" „Rolf bittet mich, ihn von dem Besuche der Soiree zu entbinden." Ihr Mann sah sic mitleidig an. „Arme Frau, Du billigst dies, obgleich Du Dich darauf freutest, unseren Freunden Deinen glänzenden Sohn präsentieren zu können. Sage Rolf, daß seine Eltern auch einige Rücksicht beanspruchen. Ich verlange, daß er unsere Soiree besucht, unsere Gesellschaft begrüßt, und dann mag er sich entfernen, wann er will. Zum neunzehnten Geburtstag unserer Lucie werden ja deren Freundinnen gebeten, bei denen — wie ich glaube — nur sehr wenig Jüdinnen sich befinden; da mag denn Rolf, wenn es ihm Vergnügen macht, Kameraden einladen." „Ich danke Dir, lieber Mann. Du findest doch immer den rechten Weg," sagte sie aus vollem Herzen. — Emil hatte seinen Assessor gemacht und war in Neustadt, um einen befreundeten Rechtsanwalt zu vertreten. Lucie begrüßte ihn bei seinem ersten Besuche so freudig, daß Rolf, der gerade zu Hause war, unangenehm überrascht aussah. Später nahm er seine Schioester auf die Seite. „Lucie, Du brauchst mit diesem Jüngling nicht so sehr vertrant zu sein; bedenke, daß die Intimität Dich einmal sehr genieren kann?" Sie erwiderte ruhig. „Nein Rolf. Unser Vetter Emil ist eine Persönlichkeit, auf dessen Freundschaft man stolz jein darf, der sogar unter Euch Offiziere» in seinem unscheinbaren Zivil hervorragen tviirde." „Schwesterchen, sprich nicht so begeistert von dieseni Judenjüngling." Er faßte sie am Handgelenk. „Ich ivürde niemals eine herzlichere Annäherung zwischen Euch dulden." Sie erblaßte bis in die Lippen und blickte ihn stolz an. „Wie magst Du Deiner Schwester dergleichen sagen! Nur meine Eltern haben das Recht, init mir also zu reden, von Dir weise ich es entschieden zurück." „Lucie, ich warne Dich rechtzeitig. Es stehn mir Mittel zu Gebot, den Judenjungen aus unserem Hause zu entfernen; eine Heirat mit Dir gebe ich nicht zu nnd wenn ich ihn über Hausen schießen müßte." Er entfernte sich mit ruhigem Schritt. Lucie sank auf den Stuhl und brach in Tränen aus. Ihr Bruder hatte mit roher, Hand einen Schleier von ihrem Fühlen, ihrein Denken gerissen und ihr klar gemacht, was bis jetzt unbewußt in ihrem Herzen geschlnmmert hatte: sie liebte ihren Vetter. So wie in einer Mainacht, durch warmen Regen erquickt, die Erde tausende Blüten entsprießen läßt, jeder Busch in lichtem Grün erglänzt, ei» Frohlocken durch die ganze Natur weht, so jubilierten in ihrem Herzen tausende Nachtigallen; ich

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