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Neue jüdische Presse · 1906-04-06 · Heft 14 (6.4.1906) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 14 (6.4.1906)
Date
1906-04-06
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. Wiener Brief. Der überraschende Wandel i» der hierläiidischen inneren Politik beherrscht gegenwärtig die Gemüter. Vor, einiger Zeit konnte inan auch nicht ahnen, daß das unruhige, stürmische österreichische Klasscnparlament in eine aus dem allgemeinen Wahlrecht hervorgegangene Volksvertretung verwandelt werden solle. Und doch soll das fast unmöglich scheinende in der nächsten Zeit schon Tatsache werden. ,WaS diesen jähen Wechsel in der Sozialpolitik des konservativsten Staates veranlaßt, was man sich von dem neuen Kurs verspricht, ist unklar, wie denn die österreichische Politik überhaupt unklar und unberechenbar ist. Eigentlich ins Rollen gebracht wilrde der Stein durch die Gestaltung der Verhältnisse in Ungarn. Die transleithanische Regierung holte zum ersten Male das allgemeine Wahlrecht hervor, um dadurch das Volk von den nationalen Aspirationen und so von der in der Opposition sich bcsindenden koalierten Parlamentsmehrheit abzubringcn. Zuerst wurde in Wien dieser Plan bekämpft, da man nicht mit Unrecht fürchtete, daß die Agitationskampagne für das allgemeine Wahlrccht in Ungarn leicht nach Oesterreich hinübergreifen könnte. Nach vielen Versuchen, diese Gefahr abzuwenden, kanr man schließlich ans den Gedanken, es auch hier mit diesem Mittel zu versuchen, die nationalen Zwistigkeiten, die den Reichsrat stets beherrschen und arbeitsunfähig machen, beizulegen, die nationalen Fragen dadurch in den Hintergrund zu verweisen. Dies die Vorgeschichte des allgemeinen Wahlrechtes in Oesterreich, das für die Juden dieses in nationaler Hinsicht so vielgestaltigen Landes eine von der bisherigen ganz verschiedene Lage herbeizusühren geeignet ist. Auch schon bei dem bisherigen Kurienwahlsystem sind die Juden zum Teil in den nationalen Hader verwickelt worden. Dies ist besonders in dem von Juden dichter bewohnten Galizien der Fall gelvesen, wo die Juden in der fatalen Lage ivaren, in national-gemischten Bezirken die Wahl zu beeinflussen, in vielen Fällen sogar zu entscheiden. Ist es nun überall für die Juden vom größten Nachteil, wenn sie in solchen Fällen zu Gunsten einer Partei entscheiden müssen, so ist dies bei den Verhältnissen in Galizien geradezu ein Unglück für sie. Man erwäge folgende Umstände. Dieses Kronland Oesterreichs ist zur Hälfte von Polen, zur anderen Hälfte von Ruthenen bewohnt. Die bisherige österreichische Staatsmaxime zog es vor, den Polen das .Hest in Händen zu geben, ihnen allein die innere Verwaltung des Landes zu übergeben. Hierfür und auch gegen sonstige klingende Konzessionen unterstützten diese recht brav und folgsam das zentralistische Regime. Um nun den Polen die Vorherrschaft in Galizien zu .sichern, mußte der Polenklub recht zahlreich beschickt sein. Um wieder diese polnische Majorität unter den Abgeordneten Galiziens zu erzielen, mußten die in den ruthenischeir Gegenden wohnhaften Juden sich in Gegensatz zur Bevölkerung setzen und sich deren Haß und nationaler Erregung preisgeben. Die regierenden Kreise des Landes hatten Mittel genug, die Juden zu einer Entscheidung des Wahlkampfes zu Gunsten der Polen geradezu zu zwingen. Da waren es Drohungen, daß ihnen die Schank- und Trasik- (Tabak und Cigarrenverkauf) Lizenzen entzogen werden würden, die ins Treffen geführt wurden und wenn diese nichts fruchteten, so waren es Drohungen weit gefährlicherer Natur, die die Juden zu dieser Stellungnahme zwangen. So lebten und leben noch heute die im vollen Besitze der politischen Rechte sich befindenden Juden Galiziens zwischen zwei Feuern, in steter Gefahr, von der einen oder der anderen Seite von der, in Wahlzeiten besonders stark entfachten Glut erfaßt zu werden. Die Juden verlieren immer, ob der von ihnen unterstützte Kandidat durchdringt oder nicht. Siegen die Polen, so stürzen die erbosten Ruthenen, unter denen jie wohnen, über sie her; siegen die Ruthenen, so kühlen die Polen ihr Mütchen an den ihnen preisgegebenen Juden. Wahrlich ein Zustand, der den Wert der politischen Rechte der Juden Galiziens in recht zweifelhaftem Lichte erscheinen läßt. Daß das nunmehr geplante allgemeine und gleiche Wahlrecht eine Aenderung dieser Zustände Frankfurter Israelitisches Familienblatk. herbeiführcn wird, kann leider nicht behauptet werde». Wer die Zustände daselbst kennt, der muß sich gestehen, daß auch der geheime Charakter der Wahl hier nicht die günstigen Folgen haben wird, wie in den zivilisierten Ländern, ivo die geheime Wahl eine Beeinflussung der Wählerschaft ausschließt oder doch sehr erschwert. Nun kommt aber bei dem neuen Wahlgesetzentwurfe ein neues Moment hinzu, das den Juden ihre Stellungnahme äußerst schwer machen muß. Tic bisherigen Vermögens- oder Steuer-Kurien werden nun durch nationale Kurien so ersetzt, daß jede Nationalität eine bestimmte Anzahl Mandate im Neichsrat erhalten soll. Tie Feststellung der Anzahl der Mandate und demgemäß die Einteilung der Bezirke geschieht nach, dem Verhältnis, in welchem jede Nationalität in den gemischtsprachigen Gegenden vertreten ist. llm dies sestzustellen, werden die verschiedenen Nationalitäten nach Kopfzahl zusammengeschrieben, zu welchem Behuse Jeder seine nationale Zugehörigkeit angeben muß. Hier ist der Punkt, der für die Juden Galiziens nicht nur, sondern auch der Böhmens und Mährens, eine große Schwierigkeit bildet. Jede Entscheidung nach der einen oder anderen Seite, birgt eine Gefahr für sie in sich. Während bis jetzt die besonnenen Juden — was übrigens auch viele Nichtjuden taten — de» mitunter widerlichen Kämpfen fernblieben, sind jetzt alle zur Stellungnahme gezwungen, alle genötigt, an dem allgemeinen Hader tcilzuuehmen. Daß durch diese Erklärung der Angehörigkeit zu einer der Nationalitäten der geheime Charakter des Wahlrechts zum großen Teil illusorisch wird, liegt offen zu Tage. Ebenso auch, daß der alten Beeinflussung der Wahl durch Versprechungeii und Drohungen wieder Tür und Tor offen stehe». Tie Juden der österr. Kronländer stehen hier vor einem Dilemma, dessen unrichtige Lösung von schweren Folgen für sie sein kann. Es ist hier für sic in keinem Falle etwas zu gewinnen, in jedem Falle aber zu verlieren. Hier ist guter Rat teuer. Ob sich ivohl ein Achitophel finden wird, der hier zu raten weiß? 1 F.„ Die Woche. Diese Woche brachte uns deutschen Juden einen Festtag. Montag war der hnndertjährigeGeburtstag Gabriel Rießers. — Wir sprechen von einem Feste der deutschen Juden o h n e Unterschied d e r P a r t e i. Zwar wollen Unsere Lutherjuden Rießer in Beschlag nehmen; „unser Rießer", heißt cs im Lager der Reform. Allein Rießer war zu gerecht und zu kritisch beanlagt, um einseitiger P a r t c i m a n n zu sei». Wohl war er in seinen Anschauungen, >vie auch im Leben dem Gesetze der Väter untreu, aber nicht etwa aus Haß oder Geringschätzung für die Tradition, auch nicht aus purer Sucht zum Reformieren, oder gar um etwa dadurch seine Brüder der Taufe zuzufahren; im Gegenteil: er empfand Sympathie und Verehrung für die Tradition, und wo er vom Gesetze seiner Väter spricht, durchzieht ein Hauch inniger. Wärme und wahrer Begeisterung all' seine ehrliche» Worte; ja, wie ein .echter Sohn seines Volkes, das seinem Wesen gemäß -stets auf der Seite der Entrechteten und physisch Schwachen steht, ergriff er Partei für seine dem Gesetze lebenden Brüder (die, iveun auch innerlich in ihrem Glauben stark, so doch durch ihre kleine Zahl und inmitten der zersetzende» Lust der Zeit der Aufklärung physisch schwach waren) gegen ihre kurzsichtigen, gehässigen Feinde von innen und außen. Rießer kehrte dem Gesetz seiner Väter den Rücken, tvcil ihm der Glaube abhanden gekommen war und Gebote zu halten ohne lieberzcugung seinem lauteren Wesen widersprach. Nicht die A n s ch a u u n g feiern tv i r in Rießer; was wir in ihm feiern sind seine Treue und A n - h ä n g l i ch. k c i t au sein angestaninltes Volk und seinen gerechten Sinn für A n d e r s denke n d e. Wir feiern den treuen Sohn und mutigen, erfolgreichen Kämpen für die Rechte seiner entrechteten Brüder, der es verstand, die Fahne seines Volkes hoch zu halten, in woller Dankbarkeit für den errungenen Sieg, und indem wir so tun, möchten wir unseren Liberalen anempfehlen, ihrem Rießer _._Nr 14. in seinem Gerechtigkeitssinn und jüdischem Ehrgefühl und Selbstbewußtsein uachzutun. * * * Die Marokko-Konferenz in Algcciras ist so gut wie . zu Ende. Nunmehr ist die Gefahr eines Konfliktes oder gar, wie die ängstlichen Schwarzseher sich anszudrücken belieben, eines „Weltbrandcs" vorbei. Das ist für die Freunde des Frieden? sehr erfreulich und' mithin auch für uns Juden, die ewigen Apostel des Friedens. Und so steht Marokko von nun ab unter einer internationalen Aussicht, es wird nnsreiwillig Reformen in seiner chaotischen und barbarischen Welt einsnhre» müssen und dadurch wird auch eine Besserung der Lage der marokkanischen Juden kommen, habe» doch die Juden überall, tvo chaotische Znstände in einem Lande herrschen, am meisten zu leiden. Was nun die internationale Aufsicht anbelangt, so ist solche für die Juden Marokkos viel angenehmer, als wenn Marokko unter die Aufsicht einer Macht — sagen wir Frankreich — gestellt worden wäre; schon deshalb, weil die Juden unter solchen Umständen zwischen zwei Feuer gestellt worden wären, da dann eine jede Macht (sowohl Frankreich, wie Marokko) von ihnen verlangt hätte, zu ihr zu halten üud ihre Politik zu treiben und sie nach der talmudischen Regel von „Kdero dibi Jehutsi", weder ben französischen Schutz noch den marokkanischen genießen würden. Ein Blick auf die Lage der Inden in Tunis bestätigt dies. Die Konferenz hat Dank der Initiative des Leiters des deutschen Hilfsvereins, Herrn Paul Nathan, auch der Juden Marokkos gedacht und ans die Anregung des amerikanischen Delegierten White betreffs Besserstellung der Lage der in Marokko lebenden Juden erklärt, daß sämtliche Delegierte sich diesem Wunsche anschlössen. — Freilich ist ein W u n s ch keine Forderung, allein, da die Verwaltung Marokkos künftig größtenteils in Händen der Mächte liegen ivird, so ist dieser ihr Wunsch nicht gering einzuschätzcn. Aus aller Wett. Deutsches Reich. Berlin. Um Hausindustrie und Kunstgewerbe in Palästina heimisch zu machen, wurde . der Verein „Bezalel" gegründet. In dem soeben erschienenen Geschäftsbericht des Hilfsvereins der deutschen Juden schreibt Herr Professor Dr. Marburg über den „Bezalel" wie folgt: „Der Bezalel hat sich die Aufgabe gestellt, Kunstgewerbe und Hausindustrie in Palästina einzusnhren und zu entwickeln. Tie Anregung ging vom Bildhauer Professor Boris Schatz aus, der sich auch bereit erklärte, nnentgeltlich die Leitung der in Jerusalem zu diesem Zwecke zu begründenden Kniistgcwerbcschutc für 3 Jahre;u übernehmen. Zur Ausführung des Planes bildete sich in Berlin unter dem Vorsitz von Prof. Dir. O. Marburg ei» provisorisches Komitee, welches die Propaganda zwecks Beschaffung der zur Begründung der Schule nötigen Gelder eingcleitet hat. Am 8. Oktober hat sich das Komitee des „Bezalel" definitiv konstituiert. Zum Vorsitzenden wurde Pros. Dr. O. Marburg, znm stellvertretenden Vorsitzenden Dr. Paul Nathan, zunr Schatzmeister Berthold Israel gewählt, ferner als Komitee-Mitglieder: James Simon (in Vertretung des „Hilfsvereins der Deutschen Inden"), Dr. E. Mittwoch (für den Kolonisationsvercin „Esra"), Tr. S. Soskin (für die zionistische Vereinigung), Fabrikbesitzer S. Hepner, Dr. H. Hildesheimer, Direktor P. Levh, Dr. Franz Oppenheimer, Prof. Dr. M. Philippson, Tr. P. Schottländer. Ten künstlerischen Beirat bilden: I. Bodenstein, Jozef Israels, Prof. Max Liebermann, E. M. Lilien, Hermann Struck. Bis jetzt traten dem Komitee „Bezalel" von größeren Organisationen bei: „Hilfsverein der Deutschen Inden" (Jahressnbvention pro 1906 3000 Jt), Kolonisationsverein „Esra" (2000 Jt), Zionistisches 'Aktionskomitee (1600 ,lk). Ferner bewilligten Subventionen: die Großloge für Deutschland (500 Jt), die Baronin Cohn - Oppenheim-Stiftung iu Dessau (300 Jt). ■ In die Knnstgcwerbeschule „Bezalel" in Jerusalem wurdeir unter mehreren Bewerbern die 10 begabtesten Schüler ausgenommen (5 aus Rußland, 3 aus Galizien, 2 aus Bulgarien), ebenso wurde ein Lehrer durch Kouknrrenzausschreibcn gesucht. Die Wahl fiel auf den Maler I. I. Rothschild aus Weimar. Zur Einrichtung der Schule begaben sich anfangs Januar 1906 Prof. Schatz und der Maler E. M. Lilien, der die ersten Modelle entwerfen wird, nach Palästina. Ter Unterricht beginnt im Februar. Der Zweck der Schule ist, für die einzuführenden Kunst-

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