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Neue jüdische Presse · 1906-03-30 · Heft 13 (30.3.1906) · p. Seite 10

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 13 (30.3.1906)
Date
1906-03-30
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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Seite 10. Frankfurter Israelitischer Familienblatt. Nr. 13.. Stift sowie die Wertheimsche KlauSstiftung, welche von ihren edlen Gründern errichtet wurden, um dort von den ersten Anfängen-bis zu den höchsten Stufender Wissenschaft unterrichten zu lassen. In diesen Lehrhäusern war je eine Wohnung für einen Rabbinatsverweser, dem die Haussynagoge des Lehrhauses übertragen war, eingerichtet; auch waren darin Wohnräume für arme auswärtige Studenten vorhanden. Tie Haussynagogen waren schön ausgestattet und hatten ihre eigenen Vorbctcr und Küster. Viela Andächtige, welche in diesen gemütlichen Räumen besser ihre Andacht zu verrichten glaubten, fanden sich stets in den Synagogen ein, und obschon man daselbst weder Chöre noch Orgel hatte, fühlte sich jeder Besucher angeregt und gehoben, wenn er in die kleinen Räume trat, die ausgeschmückt mit ihrer Kerzenbeleuchtung und mit rotem Sandstein belegtem Boden, der zur Feier der Feste mit Sand bestreut war, gar festlich aussahen. Es war ein feierlicher Moment, welcher das Gemüt der gedrückten Gassenbewohner erhob, wenn sie in den Festtaggcwändern — tunlichst mit einem Söhnchen an der Hand — in die heilige Stätte traten, um den Sabbat zu empfangen, der dem Familienvater auf 24 Stunden die Sorgen abnahm. Es war zum Sprichwort geworden: „Lampe herunter Sorgen hinauf" und umgekehrt. In jeder jüdischen Familie gab es eine siebeneckige Messinglampe, welche über dem Tische hing und während der Werktage bis zu der niedrigen Tecke hinaufgezogen wurde. Sic war bestimmt, an Sabbat und Feiertagen das Heim zu beleuchten und es traulich zu machen. Tas Heim der Armen wie das der Neichen war gleichmäßig mit dieser Lampe ausgestattet, und ließen es sich die Reichen nicht nehmen, den Armen das Oel, welches sie für die Sabbatlampe und das Mehl, welches sie zu ihrem Sabbatbrot gebrauchten, zu spenden. In alt hergebrachter Weise fragte sich, der Hausherr beim Antritt des Sabbats „hast du auch deine Pflicht den Armen gegenüber getan, hast du der Witwen und der Waisen gedacht", und ein wohltuendes Gefühl überwältigte den Vater, wenn die Mutter versicherte, daß sie ihr Scherflein den Armen gespendet und den jungen Sprößling mit der Ausübung dieser schönen Menschenpslicht betraut habe. Tie Wohltätigkeit wurde so in die Herzen eingcpflanzt und ging so in Fleisch und Blut über. Gehen wir nun unseren Weg die Gasse weiter hinunter, so fällt uns zuerst das bescheidene Haus in die Augen, in welchem jener große Freiheitsschriftsteller Börne im Jahre 1796 das Licht der Welt erblickte. Es ist hier nicht der Platz, über dieses Kind der Gasse zu sprechen, indem der- Name Börnes reichlich sich Eingang in allen-Annalen-der Wissenschaft verschafft hat. Wir finden weiter wieder die Gewerbe, welche die Juden treiben durften, vertreten, wir finden Bücher- und, Kleiderhändlcr, Verkäuferinnen von Salzgurken, den beliebten gebratenen Nüssen und gesottenen Kastanien, jenen primitiven Leckerbissen, welche im Winter aus keiner Sabbattasel fehlten. Gegen Ende der Gasse war ein schönes, aus massiven Steinen erbautes Haus mit eisernen FensterlAwn. Dasselbe wurde von Notablen der damaligen Zeit bewohnt. Wirtshäuser gab es in der Gasse nur ein einziges und war dieses auch nur von solchen Leuten besucht, denen es nicht vergönnt war, sich, ein eigenes Heim zu schassen. Auch Metzgerläden waren nicht in der Judengasse zu finden, solche waren alle in einer Schiene ver- . einigt und an dem Schlachthaus, welches das Ende der Zudengasse bildete, angebaut. Tie Gasse mündete auf den Judenmur kt jetzt Börneplatz und machte noch.zwei Biegungen. Es sei nicht unerwähnt, daß am Ausgang der Gasse ein größeres Spezereigeschäft war. Ich führe es deshalb an, weil dort der Vater einer Weltfirma, welche in den größten Städten ihre Kostbar- . leiten zum Kauf anbietet und ihre eigene Perlensischereien besitzt, den Grund zu seinem- -kaufinännischen Wissen legte. Wie sich am obere» Teil der Judengasse eine kleine Sackgasse befand, welche nicht mit Luft und Licht, dagegen aber mit edel gesinnten Einwohnern gesegnet war, so hatte der untere Teil auch einen Anex. Im ersteren Gäßchen dürfen wir nicht jener Matrone vergessen, welche durch ihr seines Aussehen unddie Gutmütigkeit, welche auf ihrem Gesichte zum Ausdruck.kam, ausfiel. Es war dies die ver-, ehrte Sorelche (Sara) Ster», die Großmutter der Weltfirma Stern hier, Paris und.London. Sie stand mit dem Hause Rothschild in verwandtschaftlicher Beziehung und zeichnete sich durch Frömmigkeit und Edelmut aus. Tas Gäßchen am Ende der Judengasse führte zuin Hospital und zum Friedhof. Tas Hospital stand noch an jenem Platze, bis durch die Munifizenz der Jel. Herren Königswärter der schöne Neubau in der den Namen der Wohltäter tragenden Straße geschaffen wurde. Ter alte Friedhof liegt noch in. ganz unveränderter Weise dort, und zeigen noch zum großen Teil gut erhaltene Grabsteine, welch' große Männer dort gebettet und welche Märtyrer nun ruhig da schlafen, wo der Fanatismus ihnen nichts mehr anhaben kann. Welch' schöne Saat von großer. Intelligenz und Edelsinn wurde dort vergraben, ehe sie ihre Früchte der Nachwelt dienstbar machen konnte. Lange Jahre hindurch wurde Geist und Fortschritt von .Tyrannenhand in Schranken geschlagen und nur Weniges konnte , dem Verderben entrinnen und sich in Freiheit zum Stutzen und Frommen der großen Welt entwickeln. .Wie das Gute stets das Niedrige besiegt, so wußte auch die Toleranz und Freiheit die Tore des Frankfurter Ghettos zu sprengen, und bald zeigte es sich in allen große» Städten des In- und Auslandes, daß der Geist, der in der Frankfurter Judengasse genährt und gepflegt wurde, zum Segen und Glück der großen Welt ward. Aus aller Welt. Deutsches Reich. Marburg. Gegen den antisemitischen Landtagsabgeordneten Hirsche!,Direktor der Landwirtschaftlichen Hauptgenossenschaft zu Friedberg, hat. der Staatsanwalt die Untersuchung ein geleitet; er wird der Unterschlagung beschuldigt. . Hamburg. Im Jahre 1904 wurden hier 102 jüdische Ehen und 51 jüdisch-christliche Ehen geschlossen. Gailingen (Baden). Den hier üblichen Purimumzug zu verbieten, hielt der Gemeinderat für. notwendig. Auf sofortige Beschwerde bei der Negierung in Konstanz wurde das Verbot noch rechtzeitig rückgängig gemacht,.und so konnten die hiesigen Juden unter Teilnahme der gesamten Bevölkerung den Umzug — 18 Wagen, „alten und neuen Sport" darstellend — unternehmen. Aus der zionistischen Bewegung. Frankfurt a. M. Bei der Geschäftsstelle des Franks. Jsr. .Fainilienblattes gingen für den Nationalfonds ein: N. S. für Frau Martha Hackenbroch 1 Oelbauni 6,— JL — Selbslbesteuerung S. Nb. . 0,60 JL Selbstbestcuerung Max Markus, ,Leop. Oppenheimer, Josef Oppenheimer I, Josef Oppenheimer II, Dr. E., S. N., Gutmann, Beno Lamm, Saly Geis, Sel. Geis ä 30 Pf. 3,— JL N. N. 10,—^ 19,60 Jk N. N. Stauiol. Mayen (Rheinpr.). 25. März. Samstag, den 18. er., sprach hier in einer Propagandaversammlung, die von Herrn Lehrer E. Nathan geleitet wurde, Herr Redakteur Julius Berger. über-den Zionismus. In der sich anschließenden Diskussion sprachen-die Herren Nathan und Tr. Gott schalt ihre Bedenken gegen den Zionismus aus, und wurde ihnen von den Herren Tr.- Minkel, Lehrer Reinhard t und Julius Berger entgegnet. 31 Tamen und Herren erklärten sich für die Gründung einer zion, Ortsgruppe. . - Tie Ortsgruppe ist nun vergangenen Samstag endgültig konstituiert worden, nachdem Herr Lehrer R ein Hardt, über - die O r g a n i s a t io n d es Zionismus gesprochen hatte. — Ergebnis der Wahlen: Tr. Minkel, Vorsitzender,. A. T r e i d e l, Schriftführer, B. Krämer, Kassenführer, M. Gottschälk, C. Günter und A. ,Meyer, Beisitzer. Moschin sPosen). i Letzten Sonntag sprach Herr Dr. Jeremias-Posen in der hiesigen Ortsgruppe über das Thema: „Wohin mit den russischen Juden." Phtklppopel. Der Zionismus ln Phltippopel. Unter diesem Namen konnte ich vor mehr als einem Jahre in .diesen. Blättern von.den- Errungenschaften der Zionisten Philippopels über ihre Gegner, besonders über die ausgesprochen - antizionistische Alliance israelite, berichten. - Heute muß! ich leider unter dem gleichen Titel-die Rückschritte der hiesigen Zionisten, .unter welchen nur die Palästinophilen zu. verstehen sind, bekänntgeben. Wie der Universalzionisinus durch Uneinigkeit und Parteibildung innerhalb desselben geschwächt wurde, so auch der hiesige. Lokalzionismus infolge der Spaltung in.Palästinophilen und Territorialisten. Es war mieines Erachtens von der letzthin in Sofia stattgefundenen Konferenz der bulgarischen -Zionisten sehr unklug, die Territorialisten von ihrer Organisation auszuschließen —, und noch mehr, ihre Bekämpfung sich alS Ziel vorzustecken. Ter 7. Kongreß war zu einem, solchen. .Vorgehen wegen, der. Ordnung und des allgemeinen Friedens gezwungen, aber die geringe Anzahl der bulgarischen Zionisten durfte das Beispiel des Kongresses angesichts der Gefahr, ganz aufgelöst zu lverden, nicht nachahnien. Sie konnten ganz getrost gemeinsam an dein nationalen-Werke arbeiten;' denn wenn auch die Endziele verschieden sind, so sind doch die zum Ziele führenden Mittel gleich, nämlich, das jüdische Nationalbewußtsein zu kräftigen, die hebräische Sprache zu beleben usw. Allein die Palästinophilen verschmähen es, mit den Territorialisten Hand in -Hand zu ' gehen: Dazu kommt noch, daß ein großer Teil von ihnen politische Zionisten sind, die, nicht wissend, welcher Partei sie ihre Kräfte widmen sollen, ganz untätig bleiben. Auch daran ist die letzte bulgarische Zionistenkonferenz schuld, da sie jede Tätigkeit im Sinne des politischen Zionismus innerhalbder' Organisation verbot. Schon lange vor der genannten Konferenz und auch vor der Spaltung.-zeigten die Zionisten Philippopels eine, Abkühlung in ihrer Begeisterung. So existierte hier seiteinige» Jahren ein zionistischer Klub; in diesen! pflegten sich allabendlich junge Leute zu versammeln, zuweilen auch. Familien. Man diskutierte über zionistische Fragen, las Zeitungen, hielt Vorträge über jüdische Geschichte und Literatur und gab von Zeit zu Zeit Soiräes zum Besten des jüd. Nätionalfonds. Ter Klub war das gemeinsame Heim aller Gleichgesinnten und bildete den Mittelpunkt des jüdischen Hebens. In diesem Jahr war die Mitgliederzahl so gering, daß die. Mittel fehlten, ihn zu erhalten, und man gezwungen war, ihn zu schließen. — Wenn man bedenkt, was die Zionisten hier alles erreicht haben, so ist. die gegenwärtige Krise sehr bedauerlich. Die Zionisten verjagten, die. französische, statt jüdischer Politik treibende Alliance, sie beherrschen alle Gemeindeinstitutionen und in ihren Händen ist auch die Schule,, in derdie hebräische Sprache dermaßen gefördert wird, daß von, den drei fremden Sprachen, welche die Kinder lernen, hebräisch am geläufigsten gesprochen wird. Zum Schlüsse werfe» wir einen Blick ins territorialistische Lager. Ter Territorialismus stützt sich hier, auf zwei Grundsäulen, die in. der: nationalen Bewegung wichtige Faktoren sind: Tie Jugend und die Aristokratie. Darum können, auch die hiesigen Territorialisten, die einflußreichsten in Bulgarien, eifrig und mit Erfolg agitieren. Jedoch ist es meist die- Opposition von seiten der Zionisten, die ihnen pulsierendes Leben einhaucht. Tie Erfahrung- und die Kenntnis des Charakters der bulgarischen Juden lehren uns ferner, daß auch die Territorialisten nicht ohne eine Arriöre-Pensöe arbeiten. Ties beweisen die indirekten Angriffe auf das. zionistische Schulkomitee, welche in unter die Masse verbreiteten Apellen zutage treten. Ferner bildet „das Verhältnis der Territorialisten zu , kommunalen Angelegenheiten" einen Punkt der Tagesordnung des für Ostern angekündigten Territorialistenkongresses. -«. Es wäre zu bedauern, sollte der.jüd:. Nationalismus in. Bulgarien, dauernd Schäden erleiden, denn das religiöse Gefühl ist hier, besonders bei den „Modernen", schön abgestorben.- Wenn -.-auch, bas jüdisch-nationale verschwindet, was - wird ,-dann in Bulgarien, vom Judentum noch übrig bleiben? Philippopel, 23. März. Jeruschalmi. Boston.(Amerika). Unter dem Piäsidium von Rabbiner M. M. Eichler wurde hier eine „Zionistischlitevarische- Gesellschaft":, gegründet. Aus den Vereinen. -Frankfurt a.; M. Mqntrf.iore-Be.rein. Tie. yrdentliche tzäuptversammlung ves Monsefiore- Bereins fand am Mittwoch, den 28. crZ-ftatt'imb erfreute sich eines sehr starken Besuches seitens der Mitglieder: Nach Entgegennahme des. Jahres- und Kassenberichts, zu denen keine Einwendungen.gemacht wurden, fand.^die Ersatzwahl für die. äusscheihenden Vorständsinitglieder statt. Zum-1. Vorsitzenden wurde der-langjährige 1. Schriftführer des Vereins -Herr Felix- Meyer mit: großer- Majorität. gewählt.: Bei der Bestimmung der übrigen Verwaltungsausschuß- Mitglieder wurden die. Herren Tr,. med. G u st ä v Löffler, F. M ä Y e r, S e l mä r G e i s neu- sowie die Herren H e n r i E t t i n g e r und 4J5 a ut' ff ö rn - bl u m wiedergewählt, sodaß sich nunmehr.der Gesamtvorstand.aus -den Herren B e r g e r, E t t i n g e r, Frenkel, .Geis, Löffler, ffornblum, Mainz, F. Mayer, Felix Mey er, S Ing er, Spangenthal zusammensetzt. Ten ausgeschiedenen Herren Dr. H e i n e m an n, H o r ö v i tz, Lö - w e n t h a l, welche eine Wiederwahl abgelehnt, hatten, wurde der Dank . des- Vereins .fürihre. bisherige Tätigkeit ausgesprochen. Zn Revisoren wurden die Herren E l kan und Golds chmid t per Akklamation ernannt. -Den-Schluß der Tagesordnung bildeten alsdann einige . Anträge.-von , Mitgliedern, - über, welche sich eine, lebhafte. Debatte entspann,- ’’ ein; Beweis, daß das Interesse nn dem Verein unter-den Mitgliedern sehr rege isä Mit dem Wnnsche,-.I>aß die Entwicklung des „Montesiore" ->:Bereins. auch iin kommeuden.Jähr gute Fortschritte mache, schloßt.der Vorsitzende! än vorgerückter Stnndebie- Versammlung.

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