Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 13 (30.3.1906)
- Date
- 1906-03-30
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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-r-— _ Y ' . '"VV ---r . Beüage zu Nr. 13 des Frankfurter Israelitischen FaMienblattes. Mil der nächste» Nummer Geginnt em neues Quartal. Wir bitten deshalb unsere Post-Abonnenten, ihrAbonnemeut gcslsofort erneuern zu wollen, damit in der Zusendung keine Unterbrechnng eintritt. Inhalt der Beilage: Artikel: Gedächtnisblätter einer jüdischen Mutter. — Die Frankfurter Judengasse in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts. — Aus aller W e l t. — A u s d e r z i o n i st i s ch e n B e w e g u n g. — Aus den Vereinen. — Aus derLehrerwelt. — Kunst und Literatur. Gediichtnisblätter einer jüdischen Mutter. (Nachdruck verboten.) VI. Zu dieser Zeit — es war nach der Geburt nieiuer Tochter Meta — ging das Gerücht, die Pest sei in Hamburg ausgebrocheu. In der Tat wurden auch drei jüdische Häuser davon betroffen, die Bewohner erlagen sämtlich der Seuche und die Häuser blieben leer stehen. Tas war eine traurige, elende Zeit. Mit" den Leichen wurde unbarmherzig umgegangen, und um der Gefahr zu entgehen, zogen die meisten Juden nach Altona. Ta wir nun Geschäfte mit Pfändern machten, hatten wir keine Ruhe vor dem Volke und konnten uns nicht schützen, obwohl wir Ansteckung fürchten mußten. Ja, wenn wir nach Altona gezogen wären, wären sie doch zu uns gekommen. , Daher beschlossen wir, mit unseren Kindern nach Hameln zu reisen, wo damals mein lieber Schwiegervater noch wohnte. Wir brachen am Tage nach Jomkippur dann auch von Hamburg auf und erreichten einen Tag vor Suckaus Hannover. Dort waren wir bei meinein Schivager zu Gaste und die Verwandten wollten uns nicht Weiterreisen lassen, weil der Feiertag so in der Nähe war. Wir blieben auch ivirkljch daun über Suckaus in Hannover. Bei mir hatte ich meine vierjährige Tochter Zippora, meinen zweijährigen Sohn Nathan und das sel. Metachen im Alter von 8 Wochen. Mein Schwager R. Löb in Hannover hatte uns für die ersten Suckaustage bei sich zu Gaste geladen und in seinem Hause befand sich die Synagoge. Während mein lieber Mann mm am Vormittag zur Synagoge war, wollte ich meine Tochter Zippora ankleiden und dabei ereignete sich etwas, was uns damals schweren Kummer bereitete. Und da» will ich, da ich niemand als den lieben Vater im Himmel habe, dem ich es klagen könnte, hier anssprcchcn. Ist uns doch niemand sonst übrig geblieben, dem wir uns anvertrauen könnten, als Er, der uns und ganz Israel beistehen und all mein Leid in Freud' wandeln möge. Obzwar ich auch zu Lebzeiten meines lieben Mannes'bei der Kinderziehung viele schwere Sorgen tragen mußte, von denen man nur zum Teile reden kann und darf, ist mir doch dies allesdurch seinen Zutrost als gering erschienen, denn er, der liebe Freund, konnte mir alle meine Sorgen ansreden. Wer ist aber jetzt mein Tröster, >ver spricht mir jetzt zu Herzen in meiner großen Betrübnis? In seinen Todesaugcnblickcn noch dachte mein lieber Herzensfreund mich zu trösten. Es war keine halbe Stunde ehe er seine reine Seele verhauchte, bitterlich weinend lehnte meine fromme Mutter über seinem Bett und 'sagte zu ihm: Mein lieber Eidam, hast du inir nichts zu sagen oder anznbefehlen? Seine Antwort war: Meine liebe Mutter ich habe dir nichts zu sagen oder anznbefehlen, als tröste meine betrübte Glückelchen. Nachdem wollte er kein irdisches Wort mehr sprechen, wovon ich noch später am betreffenden Orte reden werde. Wer ist nun mein-Tröster? Wem soll ich meine betrübte Not klagen und wohin mich kehren - und wenden? Manchesmag vernieine ich, in meinenschweren Sorgen und Kümmernissen zu ertrinken? Es stand uns also eine bange Gefahr bevor, die aber der gütige Gott in seiner Gnade und seinem Allerbarmen bald von uns abwcndete. Während ich — um zum Anfänge zurückzukehren — meine Tochter Zippora ankleidete, hat sich das Kind sehr gekrümmt, sobald ich es berührte. Sagte ich: Zippora lieb, was hast du denn? Sagte das Kind: Mutter lieb, unter meinem Arm tut cs mir sehr weh. So sehe sehe ich denn zu, was dem Kinde fehlt und finde ein Geschwür uuter seinem Arm. Meine Magd war bei mir und da mein lieber Mann auch einen Schwären gehabt hatte, auf das ihm ein Barbier in Hannover Pflaster aufgelegt hatte, so befahl ich der Magd ihn zu fragen, wo der betreffende Barbier wohne. Sie solle mit dem Kinde zu ihm gehen nnd ein Pflaster anflegen lassen. Dabei dachte ich an nichts Böses. Tie Magd geht in die Synagoge und fragt meinen lieben Mann nach der Adresse. Wenn man nun in die „Männerschul" gehen will, führt der Weg durch die „Weiberschnl". Wie die Magd nun im Hinausgehen ist, fragen meine Schwägerinnen, was hast du in der „Männerschul" getan? Tie Magd giebt den betreffenden Bescheid. Die Weiber erschrecken darüber außerordentlich, da sie ja ohnedies sehr furchtsam sind in solchen Sachen, und wir ja auch als aus Hamburg kommend etwas im Verdacht stehen mußten, stecken die Köpfe zusammen und »rachen daraus ein großes Gerede. In der „Schul" war auch eine nichtswürdigc alte Polin, die hört auch davon und sieht, wie sehr meine Schwägerinnen erschrocken, so sagt sie zu den Frauen: Habt keine Angst, es wird nichts Schlimmes sein, ich verstehe mich schon seit 20 Jahren auf solche Sachen, wenn ihr wollt, gehe ich hinauf, besehe das Kind und will euch sagen, was es ist nnd was ihr tun sollt! Die Frauen sagen: „Gehe in Gottes Namen und sehe zu, daß wir damit nichts zu tun bekommen." Ich habe von dem Gerede garnichts gewußt. Die Alte kommt herauf nnd sagt: Wo ist das kleine Mädchen. Ich frage: Warum? Ei, sagt sie, ich bin eine Aerztin, ich will denr Kind eine Arznei geben, daß es bald geheilt ist. Ich 'denke an nichts Böses, führe das Kind zu ihr, sie besieht das Kind nnd läuft plötzlich fort, hinauf zu den Frauen nnd schreit: Hinweg wer nur fliehen und laufen kann, denn ihr habt die Pest im Hans! Nun kann man sich vorstellen, was das für ein Wchgeschrei unter den Weibern gegeben hat, dazu noch bei solchen Hasensüßen. Frauen nnd Männer sind ans Schul', mitten ans den heiligsten Gebeten fortgelanfen am heiligen Jaumtanw. Keiner wollte mehr ine Hause bleiben, wie war uns da zu Mute? Ich habe geweint und geschrieen nnd bei dem Namen Gottes gebeten nnd gesagt: Liebe Leute, seid doch vernünftig, meinem Kind fehlt ja nichts, seht ja, daß es frisch nnd gesund ist, es hatte einen Ausschlag am Kopf und der hat sich an diese Stelle hingezogen! Wer, Gott bewahre, das Schreckliche an sich hat, dem merkt man es doch an! Seht doch mein Kind an, es läuft doch ans der Straße herum und hat guten Appetit! Mer das alles hat nichts Helsen wollen. Sie sagten, es sei das Schlimmste zu fürchten, wenn cs an den Tag käme nnd der Herzog erführe, daß in seiner Residenz sich so etwas ereigne. Die' Alte hat gegen mich geeifert: Sic gebe ihren Hals dafür, daß das Kind etwas Böses an sich habe. Was sollten wir tun? Ich bat bei allem Heiligen, mich bei dem Kinde zu lassen, das haben sie aber auch nicht leiden wollen. Meine Schwäger und Schwägerinnen .berieten sich dann zusanlmen, wie inan es anstelle, die Sache nicht verlauten zu lassen und Magd nnd Kind unterzubringen. Es wurde darauf beschlossen, inan solle der Magd und dem Kinde alte, zerrissene Kleider anziehen und solle sie nach Peinholz, einem Dorfe nahe bei Hannover, bringen, wo sie in einem' Bauernhause sich einmieten sollten unter dem Vorwände, die Inden in Hannover wollten am Feiertag keine Bettelleute, da schoil viele arme Leute dort seien und man hätte sie nicht hineingelassen. Deswegen wollten sie über die Feiertage im Dorfe bleiben und ihnen alles bezahlen. Sie wären gewiß, aus Hannover Speise und Trank zu erhalten, denn die Juden dort ließen sie sicher an den Feiertagen nicht hungern. Es war gerade unter den Bettelgästen ein alter Pole in Hannover, den und die alte Polin verpflichteten sie, einige Tage bei ihnen zn bleiben, bis man Bestimmtes über die Sache sagen könne. Diese Beiden wollten sich aber ohne eine Vergütung von mindestens 30 Taler nicht in diese Gefahr begeben. Darauf berieten sich meine Schwäger wieder und zogen den Lehrer zn, der ein großer Gesetzeskundiger war, um fcstzustellen, ob man den Festtag entweihen und den Beiden das' Geld geben dürfe und haben das schließlich bejaht, weil es eine Zeit der Gefahr gewesen und Lebensgefahr vorhanden war. So haben wir am heiligen Jaumtanw unser liebes Kind von uns fortschicken müssen und uns überreden und einbilden lassen, daß ihm Gott bewahre etwas Schlimmes bevorstehe. Ich will jeden frommen Vater und jede Mutter darüber urteilen lassen, wie uns zu Mute gewesen sein muß. Mein lieber Mann stand in einem Winkel und weinte und betete nnd ich stand in der andern Ecke. Es ist sicher um meines frommen Mannes Verdienstes gewesen, daß ihn Gott erhörte! Ich wähne, unserem Vater Abraham ist es nicht weher gewesen bei der Opferung als uns damals, denn Abraham, unser Vater, tat dies auf Gottes Geheiß und aus Hingebung zu ihm und konnte sich darum im Leide freuen, — uns aber traf dieser Schlag in der Fremde und das ist nnS gar sehr zn Herzen gegangen. Was sollten wir aber tun? Man muß sich in alles geduldig fügen. „Wie >vir das Gute segnen, so auch das uns schlimm Dünkende!" Ich zog der Magd die Kleider verkehrt an, packte des Kindes Zeug in ein Bündelchen und band es der Magd wie einer Bettlerin auf den Rücken. Dem Kind zog ich — ach — zerrissene Lumpen an, —-so ist meine gute Magd mit meinem lieben Kind und den beiden alten Leuten nach dem Dorfe hinausmarschiert. Man kann sich denken, lvas für ein Birchas kauhanim (Priestersegen) wir denr liebeii Kinde nachgesagt haben mrd mit wie vielen Tränen wir es von uns fortgeschickt! (Fortsetzung folgt) Die Frankfurter Jndengaffe in der ersten Halste des vorigen Jahrhunderts. (Schluß.) Einige Schritte weiter kommen wir nach dem sogenannten Ho ch ze i ts h aus, dem Saalban jener düsteren Zeit. Hier wurde» die Hochzcitsfeste gefeiert und 7 Tage lang dem Brautpaare gehuldigt. Der Druck hatte die Gemeinde zn einem Ganzen vereinigt, Freud und Leid wurden gemeinsam gefeiert und getragen. Ein jeder Gassenbewohner brachte dem jungen Paare ein, wenn auch noch so kleines HochzeitSgeschenk und war ein lieber Gast bei den, wenn auch nur primitiven Hochzeitsfeierlichkeiten. Tie schönen Melodien der Hochzeitsnnd Synagogengesänge, welche damals die von außen gedrückten Herzen erquickten, erfreuen jetzt noch die Verehrer des Musikmeisters Mcyerbeer, des Schöpfers unserer Opern „Hugenotten", „Afrikanerin" nsw., der solche dem Munde seines als Vorsänger amtierenden Vaters entlockt hatte. Man wußte den Humor auch unter den schweren Lasten und Sorgen zil erhalten nnd den Geist zu pflegen und auszubilden. Auch zum Sitzungslokal einer schon längst ausgestorbenen Genossenschaft hatte das Hochzeitshaus hcrzuhalten. Ter Verein der Wasserträger, deren Erwerb darin bestand, die Häuser resp. Haushaltungen mit dem nötigen Wasser aus den zwei Brunnen der Gasse zu versorgen, tagte in den Räumen des Hochzeitshauses. In großen Bütten trugen die fleißigen Leute auf dem Rücken das Wasser bis in die obersten Stockwerke der schwarzen Häuser. Obschon die Genossenschaft die niedrigste Berufsklasse der Bevölkerung bildete, so trugen doch die Leute viel Ideales im Herzen. Sie hatten ihre Vereinskasse, aus der sie nicht nur mit ihren wenigen Kreuzern invalide Kollegen, sondern auch noch andere Arme unterstützten. Sie vereinigten sich ost mehrmals wöchentlich zu Vorträgen, die sich wie dainals üblich nur ans das religiöse und biblische Gebiet beschränkten. Nicht unerwähnt soll es bleiben, daß man sich oft der Genossenschaft bediente, um kleine renitente Kinder in die Schule zu bringen. Ter kleine Widerspenstling wurde in eine hohe Bütte gesetzt und ans dem Rücken des Wasserträgers seinem Lehrer überführt. Oefsentliche S ch n l e n gab es zu jener Zeit noch nicht nnd waren es nur Privatlehrcr, in deren Cheder (Lehrstuben) den Kindern die elementare Bildung beigebracht wurde. Auch zwei größere Lehrhänser waren in der Gasse, das Löb R e i ß' s ch e x