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Neue jüdische Presse · 1906-03-30 · Heft 13 (30.3.1906) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 13 (30.3.1906)
Date
1906-03-30
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite. 4. Mederland. Grimmgen. Am 23. dss. Mts wurde die neu 'erbaute Synagoge ein geweiht. Tie jüdische Gemeinde in Groningen ist schon alt. 1573 bekam Simon Michels als erster Jude die Erlaubnis, sich niederzulasscn und eine Tarlehnskassc zu betreiben. 1627 wurde dann wieder einem Juden die Erlaubnis zur Niederlassung gewährt und seit 1661 darf jeder Jude ungehindert in Groningen wohnen. 1755, in welchem Jahre die erste Synagoge gebaut wurde, bestand die jüdische Gemeinde bereits ans 411 Haushaltungen. Amerika. New-Nork. Am 9. März ist in Cleveland (Ohio) die erste Stummer einer neuen jüdischen Wochenschrift The Aewish Independent erschienen. Isidore Hirshfeld, Syndikus der „Union of Orthodox Dewish Congregations of the United States and Canada" hat in der Angelegenheit des Tircktors einer hiesigen öffentlichen Schule, Frank F. Harbins eine Schrift ausgcarbcitet, die die Beschwerden behandelt, die seitens der Eltern der jüdischen Kinder, die diese Schule besuchen, gemacht worden sind; Harding hat nämlich systematisch daran gearbeitet, die jüdischen Kinder seiner Schule dem Christentum z u z n f ü h r e n. Harding ist wegen der Vorkommnisse in seiner Schule bereits seines Amtes enthoben worden. Ter berühmte Jargon-Tichter M o r r i s R o s e n f e l d ist von einem S ch l a g a n f a l l betroffen worden und liegt, gelähmt am rechten Arm und Bein, im „Surgical and Physical Hospital" darnieder. Sein Fall wird als ernst betrachtet, jedoch hoffen die Aerzte, das; er sich im Laufe eines Jahres wieder erholt. — Rosenseld ist 40 Jahre alt. Er arbeitete viele Jahre als armer Arbeiter in den Schneiderwerkstätten Londons und Newyorks. Sein „Lieder des Ghettos" wurde von Professor Leo Wiener ins Englische übertragen und ist ausserdem ins Tentsche, Französische, Polnische, Russische, Ungarische, Rumänische und Böhmische übersetzt ivorden. Tiefen Winter wurden in den jüdischen Theatern Nelvyorks von ihm zwei Stücke aufgeführt: „Ter letzte Hohepriester" und „Ter Rabbi von Prag". Auch hat er viele Artikel und Skizzen und eine Lebensbeschreibung Heinrich Heines geschrieben. Palästina. Die Elektrizität in Palästina. Ter Sultan, der bis jetzt der Einsührung der Elektrizität heftig widerstrebt hat, gibt, wie The Nation mitteilt, nunmehr nach und hat die Konzession zur elektrischen Beleuchtung Jerusalems und für ein Draisinen-Systeni in der Umgebung gewährt, das sich zu einer S t r a s; c n b a h » nach Bethlehem, Bethanien und wahrscheinlich auch nach Je'icko und dem M oj.'sgrab auswachsen wird. Man plant sogar, die elektrische Linie bis Amman weiterzusühren, womit der Anschluß an die Linie TamaSkus-Mekka erreicht wäre. Wie wichtig dieser Bahnba» für Pilger, Touristen und Archäologen Mn?, braucht wohl nicht gesagt zu werden. Bon Amman fährt die Eisenbahn in 13 Stunden nach Msan, von wo man in sechsstündigem Ritt die grandiosen Ruinen von Petra erreicht, die bisher nur mit Schwierigkeiten und Gefahren besucht werden konnten. Auch Damaskus wird ein vollständiges elektrisches S t r a ß c n b a h n s y st c m erhalten, wozu die Wasserkrait von dem historische» Abanaflünchen, gewöhnlich Barada genannt, geliefert werden soll. Und B e y r u t h, die am weitesten vorgeschrittene und modernste Stadt Syriens, bewirbt sich ebenfalls um die Konzession für elektrische Beleuchtung und Straßenbahnen. Personalien. Berlin. Der Charakter als I u st i z r a t wurde verliehen den Rechtsanwälten D r. Schlesinger, Isidor I a c o b h, Sigm. B l n m e n t h a l, Tr. Emil Misch, Rud. Hahn, Tr. Max Silberstein, Ratkowski, Kamicki u. Schachian. Berlin. Ueber Professor Moritz Steinschneider, der, wie wir bereits berichteten, am 30. dss. Mts, seinen 90. Geburtstag feiert, schreibt ' der „Tag": Vor zwei Jahren hat er die Operation eines Leistenbrnches überstanden, und dies nach einer schweren Lungenentzündung, durch die eben jenes Leiden hervorgetreten war. Am zweiten Tage nach der Operation verlangte er nach seinem Sekretär und die Aerztc sahen am dritten Tag ihren Patienten in lebhaftester Arbeit. Dies unausgesetzte Arbeiten hat ihn auch, nach seinen! eigenen Geständnis, jung erhalten. Steinschneider liest und schreibt noch heute ohne Brille. Als Bibliothekar über die Orientalia der königlichen Bibliothek versieht er jeden Mittwoch dort von 9 Uhr vormittags bis 2 Uhr nachmittags seinen Dienst. In seiner Wohnung hält er noch heute zweimal wöchentlich Kolleg ab. Außer dieser amtlichen und zugleich wissenschaftlichen Tätigkeit führt Steinschneider eine umfangreiche Korrespondenz mit Gelehrten und gelehrten Körperschaften. Er ist noch heute Mitarbeiter Frankfurter Israelitisches Familienblatt. an Zeitschriften nicht nur seines Fachs, sondern auch an solchen für Medizin, Mathematik und Naturwissenschaften. Zu erwähnen bleibt, daß er auch ein Beherrscher der modernen Sprachen ist. So hat er sich zweimal den großen Preis der Pariser Akademie geholt. Der Gelehrte wird den 30. März fern von Berlin verleben. Köln a. Rh. Ihre goldene Hochzeit feierten „ine Eheleute Israel Israel und Pauline geb. Taniel in körperlicher und geistiger Frische. Des verstorbenen Kommerzienrates Peter Josef S t o l l w e r ck zu gedenken, ist auch für ein jüdisches Blatt Ehrenpflicht, denn er nahm energisch Stellung gegen den Antisemitismus und stand in seiner Eigenschaft als rumänischer Generalkonsul jüdischen Emigranten mit Rat und mit Geld zur Seite. Breslau. Den Rechtsanwälten Salo Mendels o h n (Enkel des berühmte» Wiener Rabbiners Lazar Horwitz s. A.) und Koppel-Breslau, Laskcr-Trebnitz, Fränkel-Glogan und I a c o b s o h n - I n st c r b n r g wurde der Titel I u st i z r a t verliehen. Stuttgart. Dem württembergischen Staatsangehörigen Jul. Kochert h a ler, Generaldirektor der Aktieu-Gcsellschaft A. E. G. Thomson-Houflon Jbörica und Chef der Firma Kocherthaler u. Cie. in Madrid, ist voni König die Erlaubnis zur Anlegung des spanischen Ordens „Marinevcrdicnstkreuz 2. Klasse" erteilt worden. Tüsseldors. Bei der sür die erste Wählerklasse auberanmte Wahl von Repräsentanten und Stellvertretern für die Synagogengemeinde wurden 11 Stimmen abgegeben. Als Repräsentanten wurden gewählt: Fabrikbesitzer Gustav Herz selb, Rechtsanwalt Dr. Heinrich L e w i s o n und Amtsgerichtsrat Dr. Otto Fleck, als Stellvertreter: Kaufmann Isidor Oppenheimer und Kaufmann Albert E i ch e n b e r g. Jünkerath in Rhcinpr. Der Gemeinderät von Glandt, der Vorstand des Jünkerather Krieger-Vereins und der Vorstand der Jünkerather Schützen- Gesellschaft veröffentlichen folgenden Nachruf: „Am 9. März 1903 starb auf einer Geschäftsreise in Trier infolge eines Ncrvenschlages der Metzgereibesitzer und Militär-Lieferant Hermann Rothschild aus Jünkerath Veteran von 1870/71. Seit vielen Jahren Mitglied des Gemcinderats zeichnete ihn eine genaue bis ins einzelnste gehende Kenntnis der wirtschaftlichen Verhältnisse aus, tvic sie nur ein Mann besitzen kann, der in jhuen selbst groß geworden ist; ebenso ein ausgeprägter Rcchtssinn, der jedem das Seine zudachte und gab, verbunden mit einem hohen Natioualgefühl. welches in unverbrüchlicher Treue zu Kaiser und Reich gipfelt. Wo immer vatcrlandstrene Männer hier zusammcntraten, um das Natioualgefühl zu heben und zu fördern, war er stets mit seinem nicht zu unterschätzenden Rate dabei und in den meisten Fällen stellte er sich an die Spitze dieser Bestrebungen, um dieselben krast seines starken und zähen Willens zum Erfolge zu führen. So hat er im Jahre 1895 die Bewegung zur Gründung des hiesigen Kricgcrvercins mit ins Leben gerufen, au dessen Spitze er bis an sein Ende als Präsident stand und welcher nicker seiner Leitung emporblühtc. Auch tvar er Mitbegründer des seit Jahren hier bestehenden Schützenvereins, dessen Bestrebungen unter der Devise ,.I!eb Ang und Hand fürs Vaterland" er mit Rat nud Tat aufs eifrigste unterstützte. Kurzum er war ein Mann von hoher Gcistcsgabe und mildtätig wo cs galt Not zu lindern, ein fürsorglicher Familienvater und treuer Berater allen denen, die seinen Rat in Ansprucki nahmen." Wien. Hier starb im 42. Lebensjahr der Regimentsarzt D r. Gabriel Horwitz, Chefarzt der psychiatrischen Abteilung des GarnisonspitaM in Budapest. Ter Verstorbene, ein edler Charakter, war ein Sohn des Herrn Simon Horwitz, Aintsleitcr der israelitschen Kultusgemeinde in Wien, und Enkel des sei. Rabbiners Lazar Horwitz. Frühlingsftedanken. Von N. G ö tz. In Wehen und Schmerzen werden neue Kräfte geboren. Ueber die Schneedecke wehen in eisigem Grimme die heulenden Winde, und doch sammeln sich unter der Erde die schlafenden Säfte zu neuer Entfaltung. Und dann bricht es hervor — zuerst in scheuer Beschämung, dann fester und fester werdend — das eherne Schreiten neuen, blühenden Lebens. Wenn die Menschheit einst in ihren Idealen erkrankte, wenn die leuchtenden Vorbilder, das Eruptive und Urgcwaltige dem schleichenden Gist des Versninpfens anheimfiele, Ivcuu di- Gewohnheit uns das Jauchzende, da? Erhebende, die Freude einst verlernte: im Ringen der Naturgewalten, im Frühlingswerden würden wir cs wieder finden. Ter Winter war hart und traurig. Wenn wir heute zurückdcnken, so sehen wir in ein trübes Land. Wir sehen die Not wie ein fliegendes Gespenst wan- Nr. 13. der». Wir sehen die Greuel des russischen Pöbels. Wir verhüllen schauernd die Augen ob des schrecklich klagenden Liedes, das die Spure» dieses Winters umwittert. Und wenn tvir immer lveiter hineinschauen, so sehen wir das schreckliche Blut noch fließen, das Blut des Greuels und des Mordes, wir hören die ächzenden Schmerzen der getroffenen Menschheit. Hinwegwischeu lassen sich die Spuren nicht. Von unsichtbaren Hände» cingeineißelt, stehen sie in den Pfeilern der Zeit. Tn kann auch der erlösende Hauch des Frühlings nicht helfen. Was mit solchen Schmerzen in die Seele der Menschen gebrannt ist, kan» der Augenblick nicht tilgen, die Zeit nicht heilen, das verfällt der Geschichte. Und im Untergrund unserer Seele tvird ein Eckchen bleiben, das niemals wieder mitstimmen kann in jauchzendem Gedränge, das tot ist, wie der Teil des Baumes, der ungeschützt von dem harten Frost getötet wurde. Tvrthin wird sich der Jammer flüchten und wird 'unauflösbar sein, wenn der heilende Frühlingswind uns-auch noch so sehr mit jauchzender Freude umgirrt. . . In Wehen und Schmerzen werden neue Kräfte geboren. Das ist n n s e r Frühlingswind. Das sind unsere Frühlingsgedanken. Das ist die Hoffnung, die sich aus all dem Kampfe und dem Elend dieses trüben Winters in die neu erstehende Natur hinübergerettet hat, als ein schmaler Pfad, der uns in die Zukunft führt. Kein Blut wird umsonst vergossen. Wo man die großen Mahner der Zeit achtlos vorüber ziehen läßt, da geschehen gewaltige Eruptionen, die uns aufrttttel» ans unserer Lethargie. Hat cs sür uns so schrecklicher Zeichen bedurft? Wenn dem so ist, so muß unser Schlaf umso tiefer getvcsen sein — so muß auch die Arbeit der Erwachten umso größer werden. Aus dem Boden, der mit dem Blute getränkt ist, müssen umso mächtigere Pflanzen treiben. ... Wer ein feines Ohr besitzt und hören kann, der wird die langsam reifende Saat schon bemerken. Um die Throne derer, die die Geschicke der Völker in den" Händen halten, weht plötzlich ein anderer Wind. Von dort aus sah man so lauge auf den Juden herab, als etwas Wurmartiges, das sich treten läßt, ohne sich zu krümmen. Es war das brave Haustier, das arbeitet und arbeitet. Und man dachte nicht, daß das Tier einmal sich ausbäumen könne. Doch nun hat die erstaunte Welt etwas anderes erfahren müssen; ein Blick auf die russischen Inden beweist, daß im getretenen Golusjuden noch der Makkabäergcist nicht erloschen ist. Es tvar eiir erhebendes Gefühl auch für nnS und doch — eine unendliche Beschämung. Wir mußten erkennen, daß unsere russischen Brüder in aller Not und in allein Elend sich eine Tatkraft und einen Mut bewahrt haben, der die Märchen der Degeneration weit in unbekannte Fernen weist; der aber auch, daist das Beschämende sür uns, den west-europäischen Inden gefehlt hätte. Seien wir ehrlich. Geben wir uns keinen Jllusionen hin und erkennen wir in diesem Augenblicke, wo es unsfehlt. Wir sind unter günstigeren Umständen zu Wohlstand gelangt und haben garnicht bemerkt, daß wir im Kampfe um diese günstigen Lebensbedingungen soviele Konzessionen gemacht haben, daß wir das, was wir einst in so hohein Maße besessen und unsere russischen Brüder jetzt noch besitzen, verloreir haben, mehr noch, uns habe» «ntreißen lassen — unsere Kultur, die Kultur des jüdischen Volkes. Muß ich dies Kapitel noch breit legen? Ich glaube nicht. Wir haben soviel gehört in letzter Zeit über Orden und Adel, Stiftungen und Geschenke, daß man darüber schreiben sollte: rühret, rühret nicht daran. Lernen wir von unseren russischen Brüdern. Lernen wir von ihnen Mut, Tatkraft und die Wahrung der Reinheit unseres Charakters. Tenn tvenil wir erst einmal das Kriechen und Bücken verlernt haben, werden.wir aitch wieder charaktervolle Menschen werden und eine Kultur besitze». Danach streben wir. Tenn das Volk, das Palästina einst wieder besitzen soll, darf von seinem Geist und seiner Krast in den Tausenden von Jahren nichts verloren haben. Reinigen wir-uns deshalb doir allem Strebertum nnb werden wir wieder freie Mensche».

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