Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 13 (30.3.1906)
- Date
- 1906-03-30
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 13. Religionsschule 14,000 Mark aus — und Frankfurt hat 23,000 jüdische Seelen. Merkwürdig gering ist auch der Posten von 9400 Mk. jiir allgemeine Zwecke (Wohltätigkeit, Bildung und Gemeinsamkeitszwecke). Tie Gemeinde entledigt sich mit einem Jahresbeitrag von 2500 Mk. an den Almosenkasten ihrer Pflichten gegen .die Armen; die Berliner Gemeinde gießt hierfür 337 000 Mk. gleich 5 Prozente und die Breslauer, die der Frankfurter an Mitgliederzahl ungefähr gleich ist, 33,000 Mk. aus; Hannover verwendet 8 Prozent, Altona und Danzig -10 Prozent ihrer Ausgaben für Arinenzwecke. Wohl blüht in ungewöhnlich reicher Fülle unter den Frankfurter Juden die Wohltätigkeit, doch ist es Sache der Genieindeverwaltung, das Wohltätigkeitsweseu in die Hand zu nehmen. Redner entbehrt in der Gemeinde ein Archiv und eine Bibliothek, Institutionen, deren eine Großgeineinde nicht entbehren darf, und wünscht Herausgabe eines Jahresberichtes zwecks Zusendung au die Mitglieder, um dadurch das Interesse au der Gemeinde zu erhöhen, sowie Herausgabe einer Sammlung der Statuten und Regulative der Gemeinde. Tie Einnahmen der Gemeinde bestehen zu -l!/j Prozent (18,250 Mk.) aus Zinsen, zu 66% Prozent (271,000 Mk.) aus Steuern und zu 29 Prozent (118,000 Mk.) aus Gebühren. Tie Einnahmen an Gebühren (wozu die. Synagogen 36 Prozent, Beerdigungslvesen 35 Prozent, Schlachtwcseu 27 Prozent und Bad 2 Prozent beitragen), ist verhältnismäßig zu hoch; es ist die Aufgabe einer guten Verwaltung, inöglichst alles aus Steuern zu decken, und da die Steuer (3 Prozent) sehr gering ist — in den meisten Gemeinden wird der doppelte Satz erhoben —, so steht einer Erhöhung nichts im Wege. Nach dem Vortrage, den wir nur in kurzen Umrissen wiedergeben konnten, eröffnete der Vorsitzende die T-iskussion. Er selbst wies darauf hin, daß vor 20 Jahren znm ersten Male der jüdische Religionsunterricht in einer höheren Schule, nämlich in der Musterschule, eingeführt tvurde, und geschah dies durch die Religionsschule des Herrn Rabbiner Tr. Horovitz; also auch der heute in den höheren Schicken eingeführte Religionsunterricht entspringe nicht der Initiative der Gemeinde. Herr Daniel Worms macht darauf aufmerksam, daß bei den Ausgaben der Gemeinde für den Religionsunterricht mit in Berechnung gezogen werden, müsse, daß die Kosten für den Religionsunterricht in den höheren Schulen zum größten Teile die Stadt trage. Er stellt eine Berechnung auf, nach der höchstens 500 .von den 3300 Schulkindern ohne Religionsunterricht aufwachsen. Auch die Bemängelung der hohen .Beerdigungsgebühren seitens des Referenten erscheint ihm ungerechtfertigt; die Gemeinde sei bedeutend billiger wie z. B. die Stadt, dabei^ lasse die Stadt nach 20 Jahren die Gebeine der Armen ausgrabe» und in einem Massengrab beisetzen. Wenn die Hauptsynagoge iveniger für Plätze einnehme als die Synagoge am Börneplatz, so kommt das daher, daß in der Hauptsynagoge viele Plätze Privatbesitz alter Familien sind. Herr Raphael E t t l i n g e r lenkt die Aufmerksamkeit auf den Umstand, daß ein großer Teil der Beerdigungskosten durch die Gebühren für auswärts Gestorbene und für reservierte Plätze absorbiert werde. Er bedauert, daß die Gemeinde für den hebräischen Unterricht fast nichts tut und zeigt dann, daß die Zwecke der Neologen der Gemeinde 150,000 Mk. und die der Konservativen nur 22,600 Mark kosten. Herr I. L. G o i t e i n fordert die Gratisbeerdigung und rügt es scharf, daß bei der Beerdigung von Minderbemittelten nicht der Rabbiner mitgehe. Er verlangt, daß die Gemeinde die Religionsschule übernimmt; der Unterricht geht im Judentum dem Gottesdienst vor; leider aber sei heute nur noch ein Synagogen-Judentuni mit Orgel, Chor und Predigt übrig geblieben. Herr Martin Levigard polemisiert gegen den Freisinnigen Verein, der behaupte, der Zcutralverein sei eine Gefahr für die Gemeinde; in Wirklichkeit sei er ein Segen für die Gemeinde, eine Gefahr aber nur für den Freisinnigen Verein. Er beleuchtet dann scharf das in letzter Zeit übliche Vorgehen des Almosenkastens, der steuerzahlende Petenten erst dann unterstützt, wenn sie auf der Geineindestube die Erklärung abgeben, daß sie keine Steuer zahlen können, womit sie natürlich — das Wahlrecht verlieren. Es liegt die Vermutung sehr nähe, daß dadurch erreicht werden soll, die Stimmen der Konservativen zu verringern. Eine jüdische Gemeinde habe in ihren.Schulen „überzeugungstreue" Juden zu erziehen; die Herren vom Freisinnigen Verein mögen auf eigene Kosten Schulen errichten. Das Phckanthropin erzieht keine Inden und kann dasselbe unmöglich von der Gemeinde erhalten lverden. Herr Joseph Wiesloch stimint den Ausführungen des Herrn Worms bei und indem er auf das Philanthropin übergeht, meint er, daß das Philanthropin s. Zt. eine Berechtigung hatte, da die Juden von der allgemeinen Bildung damals zurückgedrängt wurden und die Schule damals einen interkonfessionellen Charakter trug. Jetzt stehen aber den Juden alle Schulen offen. So liegt die Frage auf der Hand, für wen eigentlich heute diese Schule Frankfurter JsraeMMs FaunIienblaL besteht. Tie Neologen schicken ihre Kinder in die allgemeinen Schulen und die Konservativen haben kein Vertrauen zu der neolog geleiteten Schule. Redner vertritt diesen Standpunkt aus Gründen der Gerechtigkeit und Billigkeit, trotzdcni er zu der Reformrichtung gehört. Redner meint, alle Mißstände in der Gemeinde — das müsse stets scharf im Auge behalten werden — rühren daher, daß der Ausschuß nichts zu sagen hat und der Vorstand sich selbst wühlt und mithin keine Veranlassung hat, auf die Wünsche und Bedürfnisse der Mitglieder Rücksicht zu nehmen. Nach einigen persönlichen Bemerkungen und dem Schlußwort des Referenten wird die Versammlung um 12 Uhr geschlossen. Darmstadt. Vor einigen Tagen empfing der Großherzog den Schriftsteller Hermann Schmalenbach als Vertreter des Sonderausschusses Darmstadt für H e i n r i ch H e i n e' s d e u t s ch e s D e n k - m a l. Der Großherzog zeigte sich in der Unterredung als ausgezeichneter .Heiuekeuner und rühmte die Feinheit und Eleganz der Heine'schen Sprache. In Darmstadt soll demnächst eine kleine Heine-Feier Darmstädter Künstler und im .Herbst eine große Feier unter Mitwirkung zahlreicher Vereine veranstaltet werden. Der Großherzog sagte den Besuch beider Feiern zu, vorausgesetzt, daß er nicht durch besondere limstände verhindert ist. — Bei der gewaltigen Hetze der Antisemiten gegen Heine ist das Verhältnis des Großherzogs zu Heine immerhin der Registrierung wert. Breslau. Wie dem hiesigen «Jüd. Volksbl." mitgeteilt wird, erfolgten in diesen Tagen zahlreiche Ausweisungen russischer Staatsangehöriger, ivelche für die Zeit der Wirren in ihrem Heimatlande Wohnsitz in Breslau genommen hatten. Gründe, weshalb die Ausweisung erfolgt, werden nicht angegeben, solche sind auch bei den meisten der voir der Ausweisung Betroffenen kaum vorhanden, da es sich dabei in» vermögende Leute handelt, welche in Rußland angesehene Lebensstellungen bekleiden. Aber auch junge Leute, die sich hier als Arbeiter und Angestellte redlich ernähren und nieniand zur Last fallen, haben die Ausweisungs- Ordre erhalten, auch Oesterreicher sind darunter. Ter Befehl stützt sich auf eine Verfügung des Regierungs- Präsidenten. Diese Maßnahme wird nicht nur von den Ausgewiesenen als eine schwere Härte empfunden, sondern auch von vielen Breslauer Bürgern, die durch die russischen Gäste eine sehr lvitlkommene Einnahme hatten. Meint etwa die Polizei, die russischen Fremden würden den preußischen Staat oder gar das Reich in Gefahr bringen? Wir klagen immer, daß die Oderresidenz so geringe Anziehungskraft auf die Fremden ausübt. Nun kommen einmal — aus welchem Grunde kann uns ja ganz gleichgültig sein — zahlreiche Gäste mit zum großen Teil recht wohlgefüllten Börsen nach Breslau und lassen bei uns ein gut Stück Geld dranfgehen. Ta kommt jetzt die Polizei und gibt ihnen Zwangsordre zur Reise in die russische Heimat. Bis zum 1. Juni soll Breslau russenrein sein. Köln a. Rh. Der Verwaltungsbericht des Provinzial - Verbandes rheinischer Synagogeu-Gemeindeu für die Zeit vom 1. Juli 1904 bis 1. Januar 1906 konstatiert eine günstige Entwicklung des Verbandes, dessen Aufgabe es ist, die notleidenden Gemeinden der Provinz zu unterstützen und zu erhalten, und der vor allen Dingen Sorge dafür trägt, daß die Kinder nicht ohne Religionsunterricht anfwachsen. Der Verband unterhält bezw. subventioniert den Unterricht von 217 Kindern in 18 Orten mit einem Gesamtbeträge von 2160 Mark. Er inspiziert diese Schuten, solvie auch die Schulen der in der Rheinprovinz vom „Deutsch-Israelitischen Gemeinde-Bund" unterstützten Gemeinden; es handelt sich hier um 412 Kinder in 31 Gemeinden, denen der „D.J. G.-B." einen Zuschuß von insgesamt 3180 Mark gewährt Der Verband unterstützt ferner die „Jüdische Arbeiter-Kolonie in Weißensee bei Berlin" und den „Verband deutscher "Juden" mit je 50 Mark und die in der von Frau Tr. Plato-Kölu geleiteten Kinderbewahrungsanstalt stationierten Fürsorgekinder mit 100 Mark. Oesterreich -Ungar«. Wien. Im niederösterreichischen Landtag ist von christlich-sozialer Seite der Antrag gestellt worden, die Regierung möge an den Kaiser einen Bericht wegen Aushebung des Hofkanzleidekretes vom 5. Juli 1826 erstatten, welches Dekret eine Veränderung des Geschlechtsnamens „beim Uebertritte zur christlichen Religion und bei Adelsverleihnngen" gestattet. Das Hofkanzleidekret habe jedenfalls der damals herrschenden lleberzeugung Rechnung getragen, daß der zur christlichen Religion Uebertretende voll und ganz Christ werde, sich von seinen Verwandten, die ihn zumeist als Abtrünnigen verstoßen hatten, trenne und es somit billig erscheine, daß derselbe auch den bisherigen Familiennamen nicht weiter führe; heute jedoch werde der Religionsübertritt in den meisten Fällen durch Geschäfts- und Privatinte ressen veranlaßt. Soweit ist der Antrag objekttv gehalten; da es aber bei den Antisemiten ohne aus der Lust gegriffene Behauptungen nicht geht, so wird des Seite 3. weiteren angeführt, daß manche Juden nur deshalb zu einer christlichen Religion übertreten, um auf Grund des Hofdekrets das Recht zur Erwerbung eines anderen, ausgesucht nattonal llingenden Geschlechtsnamens zu erhalten, um nach erfolgter Bewilligung der Namensänderung wieder zum Judentuni zurückzukehren oder konfessionslos zu werden. — Es dürfte den Herren schwer fallen, auch nur eiueu derartigen Fall anzusühren. Wien. Auch die österreichische Regierung macht jetzt den Emigranten aus Rußland Schwierigkeiten. Wie gemeldet' wird, wurde am 7. dss. Mts. 52 Emigranten das Ueberschreiten der Grenze untersagt. Trohobycz. Profeffor Bieganowsky. von dem ivir in der vorigen Nummer berichteten, daß er seinen Schülern das Märchen vom Ritualmord auftischte und überhaupt in wüstester Weise sy ste m at i sch die Aufreizung gegen Eie Juden betrieb, ist nicht seines Amtes enthoben, sondern versetzt worden und zwar nach Dembica, hier kann er nun weiter Hetzen. Weiter ein llassisches Beispiel der Rechtlosigkeit der Juden! Szatmar. JnTörökfalwa istdie S.ynagog e gänzlich n i e d e r g e b r a n n t. Großbritannien. London. »Evening Standard" meldet aus Odessa: „Es wird glaubwürdig bestätigt, daß alle Juden aus Sebastopol ausgewiesen werden sollen, einschließlich derjenigen, die bislang im Besitze des Niederlassungsrechtes waren." Rntzland. Peterburg. Der Ministerrat ist in den letzten Tagen zur Einsicht gelangt, baß die bewaffneten „schwarzen Hundert", das gezeugte Lieblingskind der Regierung, ebenso schädlich sind, wie die bewaffneten Revolutionäre, daß die patriottschen Proklamattonen, die die christliche Bevölkerung gegen die jüdische aufreizen, desgleicheic schädlich sind, daß die Juden früher oder später gleiche Rechte mit allen Bürgern bekommen müssen und daß die jüdische Frage eine der ersten Fragen, die in der Duma behandelt werden, sein müsse. Das ist doch genug von all dem Guten, welches die erleuchtete russische Regierung für die Juden im Sack hat! Die jüdische Presse Rußlands äußert sich über die plötzliche, überschwengliche Güte der Regierung sehr skepttsch. Der beste Beweis, daß man die Huld der Regierung nicht ernst nehmen kann, ist die Tatsache, daß in den Regierungsdruckereien mit Erlaubnis der Zensur gegenwärtig Prollamationen gegen die Juden gedruckt werden, in denen aufgefordert wird, zur Errettung des Zaren die Juden gänzlich auszurotten. Diese Prollainationen werden massenweis in die Provinz zur Verteilung gesandt. Solche Prollainationen werwerden auch in der Drlickerei des Odessaer Militär- Rayons gedruckt. Petersburg, 28. März. Der Senat beschloß, den Präfekten von Odessa. Neidhardt,'von der Verantwortlichkeit für die dort vorgekommenen U n r u h e n z n b e f r e i e n und dem Unterrichtsminister Mitteilung zu machen von dem Verhalten des Rektors der Universität Odessa, der gegen Neidhardt als Zeuge aufgetreten war. Ferner hat der Senat beschlossen, auch den Gouverneur von Minsk, Knrlow, von der Verantwortlichkeit freiznsprechen und dem Justizminister von dem inkorrekten Verhalten der Staatsanwaltschaft gegen Knrlow Mitteilung zu machen. Petersburg, 27. Marz. »Mascha Shisn" erfährt von einer Abkommandierung von Beamte» zu besonderen Aufträgen nach Kischinew und an deren von Jude »bewohnten Städten. Ter besondere Auftrag der Beamte» besteht darin, daß sie falls Ost ernJudenhetze nausbrechen, die Ursachenstndieren und seststellen, ob durchNationalhaßoder Aufhetzung die Exzesse hervorgerufen wurden. Ldeffa. Die Partei der rechtlichen O r d n u n g hat die jüdische Bevölkerung wissen lassen, daß sie ein Blutbad veranstalten würde, sollte bei der Wahl in die Tnma Pergament als Sieger aus der Urne hervorgehen. Ldeffa, 25 März. Der hiesige Oberkommandant Baron Kaulbars gab dem Redakteur der „Südrussischen Rundschau", Beilesohn, die bestimmte Versicherung, daß alle Maßregeln zur Verhütung von Judenmetzeleien anläßlich der Osterfeiertage getroffen seien. — Kurz nach dieser Audienz wurde Beilesohn von der Polizei verhaftet. Rostow a. Don. Hier gehen) Gerüchte von einem bevorstehenden Pogrom gegen die Inden um. Poltawa. Die jüdische Bevölkerung befindet sich in großer Furcht, da „das schwarze Hundert" Proklamationen verbreitet, in denen es mit Pogromen droht für den Fall, daß der liberale Schriftsteller Korolenko, der übrigens griechisch-orthodox ist, in die Duma gewählt wird.