Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 13 (30.3.1906)
- Date
- 1906-03-30
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 13. Draußen vollzieht sich wieder der erhebende Kampf der Natur. Aus gigantischem Ringen geht der Frühling als Sieger hervor. Legen auch wir alle winterlichen, knechtischen Gefühle ab, werden wir dem Frühling gleich zu freien Menschen, die das große Werk, die Befreiung des Judentums, zu einem glücklichen Ende bringen. Tann ist dieser Winter doch nicht ganz vergebens gewesen und können auch wir uns des Frühlings freuen. 0 Ißuülßton. 0 Die Cohnheims?) Roman von Jacob Levy. (Fortsetzung.) Am Christabend lvar — wie in früheren Jahren — im Saale der Villa Cohnheim ein riesiger Wcihnachtsbanm in strahlendem Lichterglanz anfgebant, kostbare Geschenke erfreuten die Kinder, aber nur das Fräulein war zugegen. Die Eltern waren einige Tage vorher „wichtiger llitterredungen wegen" nach Stettin zu den Elterir der Frau gereist. Tie Abwesenheit von Vater und Mutter warf erst einen Schatten auf die Stimmung der Kinder, der verschwand aber rasch unter dem Eindruck der Bescherung. Sie sangen mit dem Fräulein Weihnachtslieder, tranken süßen Punsch und gingen spät zu Bette. — Am selben Mend saßen Herr und Frau Cvhnheim im gemtttlicheu Zimmer bei den Eltern in Stettin. Ter Vater, der alte Cassel, wie er genannt ivurde, lvar schon jahrelang durch Lähmung an das Zimmer gefesselt. Seine Frau, die ihn niemals verließ, konnte deshalb auch nie zmu Besuche ihrer Kinder nach Neustadt reisen, und so blieb es den alten Leuten bis heute unbekannt, daß ihre Enkel getauft waren. — Es lvar Channka, Cohnhcim mußte auch anzünden. Nach dem „Moaus zur Jeschuoßi" zündete der Greis sich die lange Pfeife an, lehnte sich behaglich zurück und begann, seinen Schwiegersohn über das Studium seines Enkels in punkto des Hebräischen anszuforschen. Dieser lvurde verlegen und ärgerlich, als er die Blicke seiner Frau ans sich gerichtet sah, die mit dem Lachen kämpfte. Er erwiderte kurz: „Ich habe mich nicht besonders mit der religiösen Erziehung der Kinder beschäftigt, da mir die Zeit dazu fehlt. Frage Käthe, die weiß mehr davon." Tiefe aber sagte kaltblütig: „Tu weißt doch, Vater, daß wir nicht fromm sind. Meiil Mann, der Sünder, hat schon bei Beginn unserer Ehe alles Jüdische von mir gestreift, und die Kinder sind ebenso. Sie haben nichts Jüdisches gelernt." Ter alte Mann brummte: „Nein, etwas sollten sie doch kennen. Schicke sie in den Ferien zu uns, ich werde ihnen einigen Unterricht geben. Sie müssen doch etwas von der Religion wissen, oder soll der Junge Dir keinen Kaddisch nachsagen? Möglicherweise lasseil sie sich noch taufen." „Gott behüte!" fiel da die Großmutter erschreckt ein. Cohnheim aber fing ein anderes Gespräch au. Sobald er jedoch mit seiner Frau allein war, schalt er: „Ich werde sobald nicht mehr Deine Eltern besuchen. Die Fragen Deines Vaters sind mir unbequem, weil ich ihm nicht antworten kann." Seine Frau tröstete ihn: „Vater spricht doch nur flüchtig von der Religiosität seiner Enkel, die er ja kaum kennt. Ich lverde übrigens mit ihni darüber reden, sodatz er Dich nicht mehr zu befragen braucht." „Wir haben die Taufe der Kinder aber auch meinen Eltern und anderen Verwandten in Posen verheimlicht. Wenn mein Neffe, der eben so fromm wie mein Bruder ist, uns als Student besuchen ivird, so erzählen mir ihm, daß wir unsere Kinder in der frühesten Jugend taufen ließen und bitten - ihn, zu Hause nichts davon zu erzählen." Seine Frau unterbrach ihn kaltblütig: „Mache Dir darüber keine Sorgen, ich werde mit Emil schon fertig. Außerdem dürfen wir seinen Besuch erst in einigen Jahren erwarten. 9(m richtigsten wäre es ja gewesen, wenn >vir niemals ein Geheimnis aus dem gemacht hätten, was ans die Dauer nicht zu verheimlichen ist. Unsere Eltern hätten sich mit der Tatsache absinden müssen." *) T er bereitsab ged ruckte Teil dieses Romans wird Ab o n n e n t c n k o st c n - frei nach geliefert! Frankfurter Israelitischer Familienblatt. Er erwiderte finster: „Und ich hätte nreine Eltern verloren. Ich glaube, daß der Vorteil nicht das Risiko wert gewesen wäre." „Sei still Erich, Tu sprichst böse Worte." Sie umschlang ihn, sodaß er das Klopsen ihres Herzens spürte. Er lächelte. „Eva, Ihr verleitet uns zu allem Bösen, und wir Männer werden niemals klug." 3. Kapite l. Tie Billa lvar durch einen schmucken Anbau vergrößert worden. Ter enthielt vier Zimmer und ein Burschengelaß und sollte die Residenz des Husarenoffiziers Rolf Cohnhcim bilden. Tnrch die elegant und behaglich eingerichteten Räume wandelten langsam' das Ehepaar Cohnheini, Lncie, die zu einem reizenden Mädchen herangewachscu war und ein junger Manu mit klugem Gesicht, der unverkennbar die Cohnhcim'schen Familienziige trug. Lncie schaute sich prüfend um, hier und da rückte sie eine Base, einen Nippcsgegenstand zurecht. Endlich wandte sie sich mit strahlendem Lächeln zu ihrem Begleiter. „Vetter Emil, ivie freue ich mich auf Rolf, der in einem Jahr nicht mehr hier war. Das soll ein lustiges Leben iverden, wenn er wieder da ist. Ihr müßt Freunde werde».? Ter junge Mann verbeugte sich und erividerte: „Liebe Cousine, ich liebe ihn bereits jetzt als Verwandten und als Teineir Bruder." llnterdcssen waren die Eltern näher gekommen, und der Vater bemerkte mit zufriedenem Blick: „Tie Wohnung wird dem Jungen gefallen. Er ahnt diese Ueberraschung nicht." Frau Cohnhciin erwiderte mit glücklichem Lächeln: „Jetzt wird der Traum meines Lebens erfüllt. Sübelgerassel wird in diesem Zimmer ertönen. Wir werden Repräsentationspflichten zu erfüllen haben. — Lncie, Du als einzige Tochter des Hauses mußt mir dann eine getreue Stütze sein." Das Mädchen lächelte. „Mutter, ich bin mir meiner schweren Pflichten voll bewußt. Kraft meiner Autorität werde ich zu veranlassen suchen, daß sehr häufig bei uns getanzt wird, im klebrigen beuge ich mich Deinem Szepter." Ta ertönten draußen laute Stimmen, die Tür wurde aufgerissen, und ein Offizier trat ein. „Rolf!" schrie die Mutter auf. Er eilte auf die Seinen zu und hielt die glücklichen Eltern und Schwester in einer Umarmung. „Melde mich von der Kriegsschule zurück. Ich konnte einen früheren Zug erreichen, und so gelang mir die Ueberraschung. In der Villa ivurde ich nach dem Neubau beschicken. Was ist das für ein Ding?" Er' sah sich neugierig um, da fiel sein Blick auf Emil, der lächelnd auf ihn zuschritt. Da rief der Vater: „Rolf, hier ist Tein Vetter Emil, Sohn meines Bruders in Posen, Referendar und Doktor juris." Rolf klappte die Hacken ziisaininen und übersah die ihm gereichte Hand. „Ah,' sehr angenehm, sind wohl hier am Gericht beschäftigt?" „Rolf, was fällt Dir denn ein," rief Lncie, „Ihr werdet Euch als Vettern doch duzen!" „Na, doch erst, wenn man sich kennt," meinte er zögernd. Doch Emil sagte phlegmatisch: „Ich stimme dem Herrn Leutnant bei: Das herzliche Du soll nur ein Band zwischen Freunden bilden und seine Anwendung nicht durch Zufall bestimmt werden." „Vater, weshalb seid Ihr hier in dem neuen Kasten, was ist das?" „Mein Sohn, daS ist eine Freude für Dich, die Deine Mutter und ich ersonnen haben. Dieser Flügel ist für Dich augebaut und soll Dein Heim bilden." „Famos," rief Rolf vergnügt und lief durch die Räume. Lucie folgte ihm rasch. Emil verabschiedete sich von seinem Onkel und Tante, die er bei dem langentbehrten Sohn nicht stören wollte. Tie Eltern schritten in's andere Zimmer, da hörten sie erregte Worte Rolf's. „Tu bist in der Tat naiv, Lucie, ich soll mich wohl gleich mit dem jüdischen Jüngling duzen, weil er zufällig mein Vetter ist! Nein mein Kind, das hört auf, ich will mich von den Kameraden nicht auslachen lassen." Cohnhcim, der erblaßt war, schaute seine Frau an. Beide gingen schweigend weiter zu den Kindern. Lucie sah ans dem Fenster, Rolf sagte unbefangen: „Liebe Eltern, ich danke Euch von Herzen für' die wirklich gelungene Ueberraschung, es ist ja eine ganz feudale Wohnung, würdig eines Eskadronschefs. Nun hätte ich noch eine Bitte. Laßt meiner . Sette 5. Burg einen Ausgang nach der Straße Sauen, damit ich und meine Besuche nicht den weiten Weg durch den Garten zu machen haben." Ter Vater, der das erste Wiedersehen nicht ineinen Mißklang ausklingen lassen wollte und das gehörte Gespräch deshalb ignorierte, jagte Erfüllung der Bitte bereitwillig zu. Er faßte seine Mutter vergnügt im Arm und sagte: „Heute bleibe ich zu Hause wie als kleiner Junge, morgen fängt der Dienst an." Sie umfaßte die Gestalt ihres Sohnes mit warmem Blicke und erividerte: „Die Jahre sind dahingerauscht, Tn bist groß und männlich geworden, . in meinem Herzen aber bist Du mein lieber Junge geblieben, nur sind meine Sorgen größer geworden, weil Du meiner Pflege entwachsen bist." Auf dem Weg zur Billa zeigte Herr Cohnhcim seinem Sohne noch einen neuen Stall. „Lieber Vater, Du hast meine Erwartungen weit übertrofsen, Ihr scheint in der Tat nur an mich gedacht zrl haben." Es fand seine volle Billigung, als sein Vater nach Tisch vorschlug, eine Bowle zu trinken. Herr Cohnheim bemerkte vergnügt: „Wir wollen dem Herrn Leutnant doch zeigen, daß wir Zivilisten auch Bowlen zu bereiten verstehen." Das mußte Rolf auch voll und ganz zugebeu. Tie Herren steckten sich Zigarren an, die Damen nahmen Rolf in Beschlag und der hatte so vieles und lustiges zu erzählen, daß die Stimmung eine sehr heitere wurde. Aber so wie im Sommer bei hellem Sonnenschein bisweilen eine dunkle Wolke am Firmament auftaucht und gespenstisch vorüberschwcbend die Landschaft für einen Augenblick in trauriges Grau kleidet, sodaß mau sich des Sommertages nicht mehr so recht freuen kann, so verletzten einige harmlose Bemerkungen Rolf's das feine Empfinden seiner Elkerit und störten die reine Freude des Wiedersehens.- (Fortsetzung folgt). Wocheu-Kaleuder. (Zeitangaben nach dem Lnach.) Samstag, den 31. März (= 5. Nissan). Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 6 Uhr 25 Min. Sabbat-Ausgang in Frankfurt a. M. 7 Uhr 45 Min., Straßburg 7 Uhr 40 Min. Berlin 7 Uhr 18 Mm. Der Wochenabschnitt Wajikro ist der erste im dritten. Buch Moses. Er handelt, von den verschiedensten Opfern: Freiwillige (Dank- und Friedensopfer) und Pfl-chtopfer (Sundlmt> Schuldopser). Mehlopfer (in fünferlei Zubereitungsarten). Tieropfer, die nach ganz bestimmten Gesetzen bereitet, teilweise verbrannt, teils von den Priestern gegeffen. Nicht das Schlachten war das wesentliche, sondern das Blutsprengen gegen den Altar. Ein ganzer Band von den sechs Bänden der Mischna (mündl. Lehre) ist den Opfern gewidmet. (Kodoschim). Eine treffliche Erläuterung des Wesens und der einzelnen Opfergesetze gibt S. R. Hirsch in seinem Pentateuchkommentar. Hier kann nur darauf hingewieien werden. Das Opfer bedeutet — wie sein Name Korban besagt — Annäherung an Gott! Die Erwähnung der Opfer bildet einen wichtigen Teil unserer Gebetordnung. Unser dreimaliges tägliches Beten ist nach der Zeit und Grundbedeutung den Opfern konform. Der Mahnung der Weisen entsprechend, dreißig Tage vor jedem Feiertage sich mit den einschlägigen Festesvorschriften bekannt zu machen, seien hier einige der wichtigstenberührt, soweit es der beschränkte Raum gestattet! Das Pesachfest greift tief und umgestaltend in unfer Hauswesen und unsere Lebensführung ein. Alles Gesäuerte ist sowohl zum Genüge wie zum Besitze verboten, a) Genußverbot. Essen und Trinken, Benutzung und Nutznießung ist untersagt. Geräte, die Chomezstoss emhalten, können ..gekaschert" werden, irdene ausgeschlossen. Das „Käschern" geschieht durch Glühen oder — dem gewöhnt Gebrauche des belr. Gefäßes entsprechend — in strudelndem. Master! 24 Stunden vorher muß das Gefäß ungebraucht sein, peinlich gereinigt. Oefen werden gekaschett bis zur Rotglübhitze bezw. bis zum Funkenfprühen. Am Eref Pesach war von der Thora aus Chomezgenuß von nach der Mittagsstunde an verboten, da man das Pesachopfer brachte:' rabbinisch das Genußverbot auf f.rüher angesetzt, also auch bei uns schon gegen 9 Uhr morgens. Verkauf bis gegen II Uhr gestattet. Chomez. das am Pesach in jüdischem Besitz war, ist auch nach Pesach zur Nutznießung untersagt. In allem, die Auskunft Thorakundiger zu erfragen, b) B e s i tz v e r b o t. Nicht ini Hause oder sonstiger Botmäßigkeit, nicht als Eigentum oder Eigentumssicherung (Pfand), nicht in Verwahrung mir Ersatzpflichtigkeit darf Chomez sich finden. o)Wegräumungs -- Gebot. Eigentlich bloß durch Aufgeben des Besitzrechtes, also in Gedanken: