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Neue jüdische Presse · 1906-03-30 · Heft 13 (30.3.1906) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 13 (30.3.1906)
Date
1906-03-30
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. let, so lasset Euch massenweise abschlachten." — Sicherlich, wenn cs in ihrer Macht läge, sie würden eine Immigration russischer Juden in Deutschland, Frankreich, England usw. verhindern (ich erinnere hier nur an die vor zwei Jahren von Iiechtsanwalt Mayer- Hannover eröffnete Kampagne in der Allgemeinen Zeitung des Judentums gegen die Förderung indischer Immigration nach Deutschland). — Dieser Kampf zwischen Volk und Volksmördern wird nicht so bald aufhören... Er wird sich desto heftiger gestalten, je größer der Gegensatz in den beiderseitigen Bestrebungen wird. Und der Gegensatz wird immer größer. Das Volk bekundet immer mehr und mehr den Willen zum nationalen Leben, und sie verzehrt der grüne Wurm des Volkshasses. Am deutlichsten trat dieser Haß gegen die Volksinteressen in die Erscheinung, als sie Grund zur Befürchtung hatten, der Territorialismus könne bald reale -Gestalt annehmen. Ta begannen unsere tauflustigen Stammcsgenossen in England gegen ihn zu wühlen und öffentlich zu protestieren, wie einst die Hintermänner der Mliance gegen den Zionismus in Konstantinopel. — Heute ist dieser offenkundige Haß gegen das Volk und seine Interessen nicht nur ein Produkt assimilatorischer Bestrebungen, sondern da spielt noch ein ander Moment eine Rolle. — Ter stumme Gram über das Scheitern der Assimilation und die aus ihr» erzeugte Wut. Einst hatten noch unsere Äeldgewaltigen ein positives Programm; den Kosmopolitismus, den Allerweltskäs. — — Heute nach der nationalen Reaktion auf den Kosmopolitismus haben sie es nicht mehr — sie sind „wild" und wütend. Tiefe unsere Stellung zu nusern Großen läßt unsere politische Lage noch trostloser gestalten, und daher giebt es nur ein Mittel, um das Ziel zu erreichen: Tas ganze jüdische Volk vereinige sich, um seinen inneren Feinden den Rest ihrer Macht aus den Händen zu nehmen; erst dann kann es zu seinem Ziel gelangen. Die Woche. Das französische Trennungsgesetz von Staat und Kirche steuert seiner Realisierung immer mehr und mehr zu. Die äußeren Schwierigkeiten, die sich ihm durch die Verhetzung der Führer der Katholiken in den Weg stellen, werden nach und nach dank der Besonnenheit und Klugheit der neuen Regierung gehoben, und somit darf man die Trennung als eine vollzogene Sache ansehen. Als.solche sehen sie auch die einsichtigen Katholiken Frankreichs bereits an, und der in den letzte«: Tagen erschienene Aufruf an die katholischen Bischöfe, der viele angesehene Namen der katholischen Well trägt, betveist, daß die Katholiken-sich mll der Tatsache abzufinden wissen. Auch die Wahlen werden nach menschlicher Voraussicht keine Aenderungen und Verschiebungen bringen. Hat sich doch der republikanische Block angesichts der ihm sellens der Reaktion drohenden Gefahr in den letzten Tagen bereits wieder gefunden, und vereint unter der Parole: „Völlige Niederwerfung der klerikalen Reattion" wird er in die Wahlen ziehen, und somll wird aller Wahrscheinlichkeit der Sieg nicht ansbleiben. Es ist nicht unsere Aufgabe, die Aufgabe einer jüdischen Zeitung, zu untersuchen, inwiefern das Trennungsgesetz dem Katholizismus nützen oder schaden kann; unsere Betrachtung gilt dem, was das Judentum von dem neuen Gesetze zu erwarten hat: Schwere Tage stehen dem französischen Judentum bevor: „Die Hauptstütze, die staatliche Hilfe, wird chm genommen," so oder ähnlich hört man hier und da sprechen. Und doch ist kein Grund vorhanden, schwarz in die Zukunft zu sehen. Wohl wird der Verlust an staatlichen Unterstützungen in der ersten Zell empfindlich sein, allein die französischen Juden werden, der Not gehorchend, lernen, für ihr einziges jüdisches Gill Opfer zu bringen; aber gleichzeitig werden sie lernen, sich mit dem Judcn-- tum zu befassen. Ein Hinweis auf all die Länder, wo das Judentum nicht vom Staat, sonder» von den freiwilligen Gaben seiner Anhänger erhalten wird, genügt, um dieses zu bestätigen. Noch mehr Momente sind in Betracht zu ziehen: Der Staat, der irgend einen Kull fördert, will mitreden können, was er auch meistens Frankfurter Israelitisches Fcrmilienblatk. tut. Daß er seinen Einfluß auf s e i n c Weise zu seine m Vorteil ausllbt, braucht nicht gesagt zu werden: er beeinflußt direkt oder indirekt, und sein Einfluß ist stark fühlbar. — Ferner: Wird irgend ein Kult von den breiten Masse » getragen, so sind die d e m o k r a t i s ch c n Merkmale an ihm zu merken, sein Hauch ist stets lebendig, frisch n n d s r ö h - l i ch, wie die Masse s e 1 b st. Das gerade Gegenteil herrscht aber bei einem Kull, der von einzelnen poinphasten, unzugänglichen, leblosen Aristokraten gehalten wird. Das lebendige Indentum unserer russischen Brüder stellt däS erstere dar, das mumienhafte Judentum unserer Brüder Frankreichs stellt das letztere dar. Trennung von Staat und Kirche i st die erste Bcdingnng eincs sreicn, lcbendig e n I u d e n t n ms! * * Rumänien feierte am Montag das 25jährige Jubiläum seiner Erhebung zum Königreiche. 25 Jahre ist eine zieniliche Dauer für ein junges Königreich, und doch wüßten wir nicht, womit sich das Königreich an der unteren Donau hervorgetan hat, weder politisch, noch kulturell, noch wirtschaftlich. Besonders in wirtschaftlicher Beziehung sieht es in Rumänien gar nicht rosig ans. Nur auf einem einzigen Gebiete hat sich Rumänien ausgezeichnet und bildet darin die erste Großmacht der europäischen Völker: nämlich auf dem Gebiete des In d c n - h affe s. Geradezu bahnbrechend war cs mit seinem Vorgehen gegen die Inden seines Landes, indem es zum ersten Mal der Welt gezeigt, daß auch bei einer konstitutionellen Verfassung eine ganze Bevölkerungsklasse, die fleißig und kulturell hochsteht, systematisch entrechtet werden kann! Beinahe könnte man es diesem winzigen Staate als außerordentliche Kühnheit anrechnen; allein ein gut Teil seiner unmenschlichen, barbarischen Behandlung der Jude» ist auf Konto des zweifelhaften europäischen Gewissens zu setzen. . . . Nun müssen die Staaten, die den Antisemitismus großziehen, sich mit einem kräftigen Hoch auf Rumäniens Nuhinestate» beeilen! Es hats redlich verdient . . . Aus crLker Wett. Deutsches Reich. Frankfurt a. M., 28. März. Daß es in Rußland eine Regierung giebt, die selbstherrlich ihre Wege geht, der das Volk wohl seine Wünsche aussprechen darf, der es aber frei steht, diese Wünsche zu erfüllen oder nicht, wissen wir — nnd wir empfinden es als eine Schmach des 20. Jahrhunderts. Daß aber in einer der.geistigen Elite- Städte des deutschen Reiches ein Gemeinwesen existtert, dessen Regierung gleichfalls unabhängig von dem Willen der Gesamtheit herrscht, scheint ziemlich unbekannt zu sein. Unser Frankfurt, eine Hochburg demokratischen Bürgersinns, genießt diesen Vorzug, ein Gemeinwesen in seinem Weichbildc zu sehen, welches in dem Aufbau seiner Organisation Arm in Arm mit der russischen Gewaltherrschaft der Sklaven-Moral daherschreitet: es ist die „Jüdische Gemeinde"! Tie 23,000 Seele» starke „Jüdische Gemeinde" wird von einem Vorstande geleitet, auf dessen Zusammensetzung die Gemeindemitglieder ohne jeden Einfluß sind. Wohl hat die Gemeinde das Recht, durch ihre Duma, resp. Ausschuß ihre Wünsche dem Vorstand aussprechen zu lassen, — aber das ist auch alles! Dieser Zustand ist ein unauslöschlicher Schandfleck für die Männer des .Vorstandes und eine Schmach für die Gemeinde! Denn die'Männer des Vorstandes schützen, indem sie einen unwürdigen Zustand um ihres Interesses willen aufrecht erhalten, das Panier „Macht geht vor Recht", während die Gemeinde mit der stillschweigenden Hinnahme ihrer Entmündigung eine Gleichgültigkeit an de» Tag legt, die auf einem Gebiete, wie es die Religion ist, zum Untergang führen muß. Oder sollte der Vorstand ein so mustergültiger sein, daß er ängstlich auf jeden Pulsschlag des Gemeinde-Organismus horcht nnd ihm deshalb unbesorgt sein selbstherrliches Schalten und Walten überlassen bleiben darf? Daß dem nicht so ist, daß grade das Gegenteil der Fall ist, bewies die gestrige öffentliche Versammlung, die der Zentralverein israel. Ge in ei »de Mitglieder einbernfcn hatte. Ter vor einigen Jahren gegründete Zentralverein hat sich zur Aufgabe gemacht, die Demokratisierung des Gemeinde-Organis« mus zu erzwingen. Da die Erstrebung dieses Nr 13. Zieles für ein jedes gerecht denkende Gemeinde-Mitglied eine Ehrenpflicht ist, so hat der Zentralvercin in weiten Kreisen lebhaftes .Verständnis gefunden, er zählt bereits über 500 Mitglieder nnd ist in fortsteigender Entwicklung begriffen. Ter erste Schritt zur Demokratisierung der Gemeinde-Organisation — die Oeffcntlichkeit der Änsschußsitzungen — ist seit Anfang dieses Jahres bereits geschehen nnd darf dem Zentralverein zu Gute geschrieben werden. Doch weit ist noch der Weg des Zentralvereins; in der gestrigen Versammlung hat er gezeigt, welche Herkulcsarbeit zu leisten ist, bis die Frankfurter Jüd. Gemeinde sich ans den Sänken demokratischer Grundsätze ausbaut. Tie Versammlung wurde von Herrn Dr. Isaak H c i n c m a n n, dem Vorsitzenden, eröffnet, der des in den nächsten Tagen zu feiernden 100jährigen Geburtstages Gabriel R i e ß e r s, des feurigen Vorkämpfers für die Emanzipation der Juden, des leuchtenden Vorbildes für die jüdische Ehre und besonders auch — das sei an die Adresse der Neologic, die Rießer zu den ihrigen rechnet, gerichtet — für die Toleranz Andersdenkenden gegenüber, gedachte und darauf Hinweis, daß heute zum ersten Male der Haushaltungsplan der Gemeinde in einer öffentlichen Versammlung besprochen werde. Nunmehr ergriff Herr T,r. med. Will). Hanauer , das Wort, um an Hand des Hanshaltungsplanes in einem mehr als einstiindigen Vortrage die gesamte Gemeinde-Maschinerie in allen ihren einzelnen Teilen kritisch zu beleuchten. Während die jüdische Gemeinde, so begann der Redner, früher eine politische Gemeinde war, ist sie heute nur noch eine Kultusgemeinde. Früher stellte sie einen wirtschaftlichen, sozialen und staatsrechtlichen Körper dar, übte die Polizeigewalt, die Gerichtsbarkeit und die Aufgaben einer Kommunalverwaltung aus, nnd heute sind es nur die religiösen Pflichten, denen sie gerecht zu werden hat und für diese wird häufig sehr stiefmütterlich gesorgt. Ter Apparat einer jüdischen Großgemeinbe ist sehr kompliziert. Die Frankfurter Jüdische Gemeinde hat allein im Ordinarium ein Budget von 408,065 Mark, nnd mit diesem Budget sich zu beschäftigen, sei die Aufgabe des Vortrages. Schon ein .Ueberblick über die Ausgaben ist interessant. Es koimnen von den Gesamtausgaben 22V» Prozent auf das Philanthropin, 12% Prozent auf allgemeine Verwaltungsspesen, 10% Prozent auf die Hauptsynagoge, 8% Prozent auf die Synagoge am Börneplatz, S3/i Prozent auf das Schlachtwesen, 8% Prozent auf .das Hospital usw. und nur IVi Prozent auf den Religionsunterricht. Auf die einzelnen Posten übergehend, ist bei der V e r w a l t u n g das merkwürdige Verfahren zu bemängeln, daß die ausscheidenden Ausschußmitglieder für ein Jahr nicht wieder wählbar sind. Während von den neun Ausschußmitgliedern jedes Jahr drei ausscheiden und an deren Stelle wieder drei von der Gemeinde gewählt werden, wählt der Vorstand seine Mitglieder aus neun Jahre. Ter größte Ausgabeposten ist die Realschule P h i l a n t h r o p i n. Das 1804 gegründete Philanthropin war ursprünglich eine Privatschule. Erst seit dem Jahre 1813 erhält es Subventionen von der Gemeinde, nnd zwar anfangs 2000 Gulden. Bereits 1613 war die Gemeinde die Verpflichtung eingegangen, das Schulhaus zu stellen, wogegen sic das Recht erhielt, von der achtgliedrigen Verwaltung drei Mitglieder zu bestimmen. 1843, als die Gemeinde das Gelb für den Schulneubau hergeben sollte, wurde die Schule reorganisiert, indem die Gemeinde die Verpflichtung für ihre Erhaltung übernahm. Tie Schule ist demnach eine öffentliche Schulanstalt der jüd. Gemeinde. Ta die Ausgaben für das Philanthropin fortwährend anwuchsen — 1894 betrug der Zuschuß der Gemeinde bereits 72,000 Mark — so wurde 1895 seitens des Gemeindevorstandes erwogen, ob das Philanthropin mit Rücksicht auf die dauernde Belastung nicht aufzuheben sei, poch .würde davon Abstand genommen und die Zusammensetzung des Schulrates dahin geändert, daß von den neun Mitgliedern fünf von dem Gemeindevorstand bestimmt werden. Ter wichtigste Posten des Etats ist der Religionsunterricht. Solange es Juden giebt, hat sich die Schule der größten Wertschätzung erfreut. Nach dem jüdischen Gesetze gebührt der Schule ein höherer Grad von Heiligkeit als der Synagoge. Ta ist es denn erstaunlich, daß bei einem Etat von über 400,000 Mark nur 7300 Mk. gleich 1% Prozent für den Religionsunterricht verwendet werden. Berlin hat acht Religiousschulen, Breslau drei und Frankfurt nicht eine als Gemeinde-Einrichtung. — 1905 dürfte es in Frankfurt 1800 jüdische Schulkinder gegeben haben, die nicht in jüdische Schulen gehen. Es; unterliegt keinem Zweifel, daß Hunderte jüdischer Kinder leisten Religionsunterricht genießen; noch viel schlimmer aber wird das Verhältnis, wenn die Kinder, die kein hebräisch lernen, berechnet werden. Tie Religionsschule des Herrn Rabbiner T«. Horovitz erhält von der Gemeinde bei einem Ausgabe-Etat von 18,000 Mark nur 3000 Mark; es müssen so jährlich 15,000 Mark aus privaten Mitteln aufgebracht werden. Es ist zu verlangen, daß die Gemeinde die Religionsschule übernehme. Königsberg mit 3800 .jüdischen Seelen giebt z. B. für seine

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