Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 13 (30.3.1906)
- Date
- 1906-03-30
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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^rtritnrifnvfcr IftHrlitifi^FS fnmilirublatt. <r — " " Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankftirt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich - Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— C... ‘ .. » AsdaKtion und Frankfurt a. Bleichstraße 2, Ecke vilbelerstraße “gercfow 10507. AsmnSgcher: Kali) Aei.s, .. JnserUonspreife: Die viergespaltene Petitzeile. 25 Psg. Die Reklamezeile. 100 „ Platz- und Daten-Borschrift ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereinkunft. _ ' 4. Jahrgang. Freitag, de» 4. M88sn 5666 (36. März 1966). Ko. 13. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Assimilation und Politik. — Die Woche. — Aus aller Welt. — Personalien. — Frühlingsgedanken. — Feuilleton: Die Cohnheims. — Wochenkalender. — Familiennachrichten. Assimilation und Politik. Bon ülaximö Le Mattre. II. Hundert Jahre sind bereits verflossen, seitdem jene „kauflustigen" Stainmesgcnosscn den Ruf aus voller Kehle wagten: „Juden aller Länder assimiliert Euch." Während rinn jene Abtrümmigen keine Mittel scheuten, ihren verräterischen Plänen reale Gestalt zu geben, sehen wir das jüdische Volk unter allen Himmelsgegenden verschiedene Wege zurücklegen, plannnd ziellos irren, bald von dieser, bald von jener Katastrophe betroffen und nach so vielen Umwegen immer den rechten Pfad wicderfiubcnd. Manche Erscheinungen des letzten Jahrhunderts jüdischer Volksgeschichte bilden einen schroffen Gegensatz zu seiner Geistesgeschichte, denn im letzten Jahrhundert tobte i in Judentum der Kampf zwischen Persönlichkeit und Volkswille. Wie zwei Pole standen sich diese beide Mächte gegenüber, die eine mit intellektueller Kraft und modernen Machtmitteln ausgerüstet, die andere mit dem nie zu tötenden Erhaltungstrieb begabt, um den Sieg ringend. Ter Wille zum Untergehen war eben nie Volkswunsch, konnte gar kein Vollswnnsch sein, weil kein Geschöpf — und sei es noch so klein — aus guten Stücken auf seinen Willen zum Sein verzichtet-geschweige denn ein nach Millionen zählendes Volk wie das jüdische. Wenn es irgend ein Ereignis, eine Begebenheit in der jüdischen Geschichte gibt, die einer soziologischen Basis entbehrte, so war es eben die Assimilation, die Assimilation in allen ihren Nuancen und Ausstrahlungen. Das lehren uns ihre hundertjährige Arbeit und deren Erfolge. Lag kein soziologisches Bedürfnis, das in der unmittelbaren Tendenz der Unterhaltung begründet tväre, den assimilatorischen Bestrebungen zu Grunde, so war eben ihr letztes Wollen ein rein individualisUsches, das darauf ausging, einzelnen Individuen als solchen die Amalgamierung niit der Umgebung zu ermöglichen. In die organische Einheit des jüdischen Volkes sollte ein Keil hineiugetrieben werden, in der Absicht eine Spaltung herbeizuführen. Diese angeftrebte Dezentralisation ging nur mittelst einer religiösen Reform zu verwirklichen. Und daran ist festzuhalten.... Diese frischgebackenen Kantianer (denn Kant ist eben der Theoretiker der Assimilation, weil er dem Einzelnen Pflichten der Menschheit und nicht — wie später Hegel — der Nation gegenüber auferlegt) haben sich vergewissert, daß kein Volk, so lange es ein organisches Ganzes bildet, Lust bekunden wird, freiwillig fein Weichbild zu verlassen, denn es wäre ein der Biologie und Soziologie hohnsprechendes Ereignis. Nun ersannen jene edelen Söhne Jerobeams das teuflische Mittel, des Volkes Zentrum — die jüdische Tradition zu durchbrechen, um aus einem organischen Ganzen kleine Fragmente zu machen, um nachher diese kleinen Teile, die nachher jeden Zentrums entbehren würden, für ihre Zwecke gefügig zu machen.- Nun sind hundert schicksalsreichc Jahre verflossen, seitdem an diesem Volksmord mit allen Mitteln gearbeitet wird. Wenn wir heute in des Volkes Wünschen und Bestrebungen Umschau halten, des Volles Wünsche und Ziele uns objektiv zum Bewußtsein kommen, so können wir feststellen, daß heute, nach hundert Jahren assimilatorischen Pfuschwerks das Gegenteil von dem erreicht ist, was diese und jene Herren angestrebt und noch heute anstreben. — Nicht nur, daß die großen Massen des jüdischen Volkes keinen Willen zur D e z e n t r a l i s a t i o n b e k u n d e n, i m G e g en - teil, sie sehnen eine enge Z u s a ni Mensch l i e ß u n g des jüdischen Volkes und seiner Glieder herbei. Dieser offenkundige Bankerott der Assimilation hat in einer Beziehung böse Folgen nach sich gezogen. Tie Wortführer der Tanflustigen sehen zwar ihr Tebacle — ihren jähen Zusammenbruch ein, können aber aus Gründen der „Politesse" ihren Bankerott nicht offen erklären. Muß schon der Widerstand des Volles gegen ihr Unterfangen eine unauslöschliche Empörung in ihrer Brust gegen das Volk nähren, werden sie andererseits dem Volke feindlich gegenüberstehen, weil ihr persönlicher Stolz und Würde es ihnen nicht gestattet, ihren Zusammenbruch osfen zu bekunden. Sie müssen ihr Unglück verschweigen. — Solange sie aber gute Miene zum bösen Spiel machen und sich in ein solches Licht zu stellen suchen, als wären sie die faktischen Sieger, ist ihr Zusammengehen mit dem Volke ausgeschlossen.- Solange die Wirtsvölker, unter denen wir leben, diese Herren als die wahren und wirllichen Vertreter des. jüdischen Volles betrachteten, konnte sich noch so mancher Taufjnde einer kleinen sozialen Position erfreuen. Für die andern — für unsere Wirtsvölker galten sie eben als Führer. Diese „Führer" konnten sich nicht genug als des Volkes Bildner und Erzieher ausposaunen lassen. Und vor einem aufopferungsvollen „Volksbildner" hat man noch immer Respekt. Nun kam der politische Zionisinus im Herzlschen Gepräge. Dieser Zionisnms war der offenkundigste Protest des jüdischen Volkes gegen diejenigen, die das jüdische Volk ans Gründen der Sicherstellung ihrer persönlichen Position verschachern wollten. Ter Zionismus verfehlte auch nicht seine Wirkung, weder auf unsere Wirtsvöller, denen jetzt eine als längst untergegangen gedachte Nation mit nationalen Forderungen entgegentrat, noch auf unsere vergrämte Reformhelden, die der Zionismus wie ein Schlag vom heiteren Himmel traf — und die sich nun mit aller Kraft gegen ihn wehrten, denn durch den Zionismus verloren sie ihre letzte soziale Position! Unsere Wirtsvöller erkannten, daß sie eben nicht dsie Repräsentanten des Volkes sind, keine Vollsbilduer, keine Bolkserzieher. Aber> was noch mehr, die Wirtsvölker erfuhren von der Existenz einer bewußten jüdischen Nation. Damit erreichte die Tragödie der Assimilation ihre Höhe. Von jenem Moment ab beginnt eine neue Epoche sür die nationalen Altruisten. Mit dem Volle entzweit und verfeindet, von ihm isoliert, durch den Zionismus entlarvt und von den Wirtsvölkern erkannt, standen sie einen Augenblick voller Verzweislung und Enttäuschung da und gähnten wie die Schlaslosen und Entnervten. Sie durchmusterten nochmals ihren Jdeenvorat und siehe sie fanden etwas: d e n s o z i a l e n O p t i - m i s m u s — diese unglückselige Hellseherei — und die Philanthropie. — lieber ihren soziale» Optimismus wird noch an derselben Stelle bei anderer Gelegenheit die Rede sein, hier will ich nur, bevor ich schließe, ihre Philanthropie in das richtige Licht rücken. Sie erinnert mich an jenen reichen, aber unwissenden Schuster, der, da er kein Gemcindeparneß werden konnte, ein Gabai der Zedokobüchse zu werden strebte. Und als sich sein Wunsch verwirklichte, da ward er, statt Gabai der Zedokobüchse, Zedokotyran. Nicht ohne Gefühl der Wehmut vertauschten jene Großassimilanten ihre Rolle des Volksbildners mit der des Philanthropen, des Gabai der Zedokobüchse. Das Volksbewußtsekn hat sie dazu gezwungen. In Kenntnis dieser Tatsache schwuren sie dem Volke Rache. Das Voll hegt zentralistische Wünsche; sie suche» deshalb noch heute, die Vollskräfte mehr denn je zu zersplittern. — Man betrachte die kolonisatorische Tätigkeit der Jca in Argentinien. Die Jca besitzt in Argentinien einige hunderttausend Hektar Land, aber nicht in einer, sondern in sieben oder acht weit von einander entfernten Gegenden, um der Heranbildung großer jüdischer Gemeinde n v o r z n beugen. — Die Juden der Balkanstaaten kämpsen seit Jahren mit der Alliance, weil sie, statt Inden in ihren Schulen zu erziehen, Franzosen erzieht. Auch in den Alliance-Schulen in Marokko wird statt hebräisch nur französisch gelehrt. Dank der Alliance wird die französische Sprache im Orient verbreitet, die hebräische ausgerottet. Ob das aus Liebe zu Frankreich geschieht? In erster Linie ist es der Haß gegen das Hebräische, gegen das traditionelle und nationale Judentum. — — — Die Alliance und die Jca haben die Verwahrlosung der jüdischen Kultur unter unserer Jugend im Orient auf dem Gewissen. -Ich kenne keine schlechtere Juden als die Schüler der Alliance und der Jca. Vom Jüdischen wissen sie garnichts, von der französischen Kultur haben sie nur etwas genascht. Unsere Philanthropen interessieren sich sür die Emigrationsfrage — aber nur würden sie nicht zehn Juden an einem Orte ansiedeln — aus Furcht es könnte da jüdisches Leben entstehen. Und, da die Unglücklichen diesem Zerstreutsein nicht hold sind, so haben unsere Philanthropen nur eine Antwort auf die brennende Emigrationsfrage: „Bleibet in Rußland und wartet bessere Zeiten ab". Mit andern Worten, da ihr nicht durch eine dezentralisierte Emigration als Nation dem Untergange näher kommen wol-