Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 12 (23.3.1906)
- Date
- 1906-03-23
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 12. 0 leuiilefon. 0 Die Cohnheims. Roman von Jacob Levh. (Fortsetzung.) 3. Kapitel. Zehn Jahre sind vergangen. Sie bildeten kein Ruhmesblatt in der Geschichte der Völker deutschsprechender Zunge. In Oesterreich gelangte durch den Antisemitismus der Pöbel zur Herrschast, und gleich den Wölfen, die, nachdem sie ihre Beute zerrissen haben, sich selbst anfallen und zerfleischen, befehdeten sich Christlichsoziale, Sozialdemokraten, Katholiken und Protestanten untereinander, und im Landtag, sowie im Rathaus zu Wien führten die Gewählten der Nation Szenen aus, wie sie roher und geineiner nicht in den gewöhnlichsten Pennen stattsinden können. Im deutschen Reichstag bringen die Antisemiten die Verhandlungen auf ein ganz bedenkliches Niveau herunter, ihre Reden strotzen von Gehässigkeiten und Lügen, anständige M geordnete aller Parteien antworten ihnen überhaupt nicht, und nur von der Rech ten, wo die Edelsten der Nation sitzen, ertönt bei den gemeinsten Ausfüllen bisweilen beifälliges Lachen Der Charakter des deutschen Volkes wird verseucht, die Unzufriedenheit mit den bestehenden Verhältnissen wächst, das Volk verliert die Achtung und das Vertrauen zur Negierung, tveil es sieht, daß die Antisemiten und die Konservativen je nach Umständen die Regierung bedrohen oder abkanzeln. Die Unzufriedenen, denen klar wird, daß sie von den Antisemiten belogen und betrogen werden, daß deren Verheißungen, deren Mittelstandspolitik eitel Dunst sind, werden Anhänger der Sozialdemokratie, die in's Riesenhafte wächst. - Im Reiche herrscht die Phrase, Reden überall, ausklingend im Hurrahpatriotismus.... Die Villa des Bankier Cohnheim leuchtete zwischen den entlaubten Bäumen hervor. Die Stämmchen des Gartens waren in den zehn Jahren groß und stark geworden, sie standen da in der Schnee- Pracht des Winters fest und knorrig und umgaben die schmucke Villa wie trutzige Wächter. Im Wohnzimmer verbreitete der Kamin behagliche Wärme, der Schein des lodernden Feuers huschte im Zimmer herum, die Möbel, die Nippes flüchtig vergoldend. 'Auf dem Sopha saß das Ehepaar Cohnheim. Die Frau war noch schön mit dem zarten, klugen Gesicht und der fraulichen Fülle, ihrem Manne lichtete sich das Haupthaar und der Bart zeigte silberne Fäden, das dunkle Auge aber leuchtete noch scharf und energisch. „Lieber Erich, in vier Wochen ist Weihnachten, wir wollen zeitig für den Baum und für die Geschenke sorgen. Ich freue mich schon jetzt, wenn ich mir die glücklichen Gesichter der Kinder im Geiste male." Ihr Mann erwiderte behaglich: „Ich muß Dir beipflichten. Rolf ist mit seine» sechszehn Jahren für Geschenke noch so dankbar, wie ein Kind, andererseits allerdings überrascht er mich bisweilen durch sein scharfes Nachdenken, mit dem er Schlüsse zieht, die über seine Jahre hinaus gehen. Und unsere Lucie, wenn sie im Zimmer herumtanzt und lacht, wird die graue Dämmerung zum Sonnenschein. Sie wird Dir immer ähnlicher, Käthe/' „Schmeichler," sagte sie errötend, „wann wirst Du aufhören, mich zu verwöhnen." Munteres Pfeifen ertönte draußen, und Rolf trat ein, ein hochaufgeschossener Sekundaner mit schönem, dunkeln Rassegesicht. „Guten Tag," dann umarmte er seine Mutter stürmisch, sodaß sie ihn lachend und atemlos bat, sie am Leben zu lassen. „Gut, wenn ich aber nicht sofort viele Butterbrote' erhalte, esse ich Dich auf." Der Vater fragte lächelnd: „War denn der Unterricht heute so besonders appetiterrcgend?" „Nein, bei dem vergeht uns der Appetit, aber ich habe vorhin einem zudringlichen Jungen meine Meinung gesagt und das tut wohl." „Was war es denn?" „Mein Mitschüler Weinberg ivollte mich einladen, den heiligen Abend bei ihnen zu verleben, sie hätten auch großartige Bescheerung. Ich sagte ihm, erlaube mal, was kümmert Euch eigentlich unser heiliger Abend, was maßt Ihr Euch unsere Feste an, drängen wir uns jemals in Euren jüdischen Klimbim? Jetzt wird mich der Jndenjnnge wohl .in Ruhe lassen."-• v'" : ' .. Frankfurter Israelitischer Familienblatt. Seine Mutter war tief erblaßt, sein Vater runzelte die Stirn und schaute ihn durchbohrend an. Da er keine Antwort erhielt, blickte er auf, und da sah er an den Gesichtern seiner Eltern, daß sie tief verwundet waren. Er hatte zuvor nicht überlegt, was er gercdet hatte, jetzt sprang er in tödlichster Verlegenheit auf. „Vater, Mutter, Ihr müßt das nicht unrichtig auffassen. Ich ärgerte mich über den Weinberg, den ich nicht Mag und vor dem ich mir Ruhe schaffen wollte." Sein Vater antwortete ihm mit ruhiger Stimme: „Ich war also nicht imstande. Dich zu einem vorurteilslosen Menschen heranzubilden. Konnten meine Lehren, mein Beispiel Dich nicht überzeugen, daß der Religionshaß das Mederste iin Menschen ist? Ich habe Dich das ewig Gute ini Menschen, das über den Konfessionen steht, gelehrt, und Du mit Deinem scharfen Verstand hast es begriffen. Dein Herz ist gut, und doch hast Du einen Mitschüler, der Dir etwas angenehmes erweisen wollte, auf das empfind lichste beleidigt. Was kann der Jude dafür, daß er als Jude geboren ist, siehst Du bei Deinen Eltern so viel Niedriges, daß Du deren Glauben und Glaubensgenossen beschimpfen darfst?" Rolf stand auf und küßte seinem Vater die Hand. „Vater, ich kann nicht dafür. Als der Jude — verzeihe, aber ich betone es ohne jede kränkende Beimischung — als der Jude mir von dem heiligen Abend bei seinen Eltern prahlte, empörte ich mich und das darfst Du mir nicht verargen. Sie haben sich nicht in unsere religiösen Feste zu drängen, ebensowenig wie wir uns die der Katholiken anmaßen sie haben in ihrer Religion ohne Zweifel auch religiöse Feierlichkeiten, die ihnen heilig sein sollten. Euch liebe Eltern, trifft dies nicht, Ihr feiert den Christabend für Eure Kinder, aber was hat die Familie Weinberg mit der Geburt deS Heilands zu tun?" Draußen pfiff es zweimal. „Ah," ries er erleichtert, „mein Freund Picker," und er eilte hinaus. Frau Cohnheim sagte seufzend: „Jetzt ist mir die Freude am Fest verdorben. Ich muß immer fürch ten, daß böse Gedanken hinter der reinen Stirn unseres Sohnes wohnen." Ihr Mann cntgegnete sinster: „Ich würde über Haupt den Abend nicht feiern, wenn es nicht un'erer Lucie wegen geschehen müßte. Auch ich fürchte das satirische Lächeln Rolf's, und das Beschämendste ist daß er Recht hat. Liber alle Mühe ist umsonst Ich betrachtete es als eins Hauptaufgabe meines Lebens, den Jungen zu einen! tole:'g"ten Menschen heranzubilden, und jetzt macht der Umgang mit seinen Altersgenossen ihn zu einem Judenfeind, wie sie alle sind." Seine Frau tröstete: „Blicke nicht so schwarz. Wenn er in jugendlichem Ungestüm einen ihm unsympathischen Menschen einmal unschön beurteilt, braucht er noch kein Judenfeind zu sein. So ist er nicht erzogen, und das liegt überhaupt nicht in seinem guten Charakter. Aber wo bleibt Lucie, der Unterricht muß doch längst zu Ende sein." Da erschien die Erwartete. Lucie war ein bildschönes, etwa dreizehnjähriges Mädchen mit blauen Augen und blonden Locken. Sie küßte ihre Eltern und setzte sich still aui ihren Platz. Herr und Frau Cohnheim, die in Gedanken versunken waren, bemerkten nicht, daß das Kind ungewöhnlich ruhig und nachdenklich war. Der Vater fragte scherzend: „Maus, was gibt es Neues?" „Herr Doktor Rost forderte uns in der Neligionsstunde ans, für die Bescherung armer Kinder bei zusteuern, und ich und Dora Herzog sollen die Listen führen." „Ah, das ist ja ein verantivortungsvoller Posten, der eine tüchtige Kraft beansprucht. Du darfst mit der Liste auch zu uns konrnren." „Und dann, und dann," — die Angen des Kindes füllten sich langsam niit Tränen — „sagte der Herr Doktor, wir sollten das Fest herzlich und fröhlich in der Familie feiern und sollten bedenken, daß auch unser Heiland bescheiden war. Wir müßten uns deshalb von dem prunkvollen Festlichkeiten fern halten und besonders die Weihnachtsfeier bei Juden, wenw sie uns dazu einladen, meiden. Nun meinte Dora, ich möchte den heiligen Abend bei ihr zubringe>n weil Ihr auch Juden seit." „Und was antwortetest Du Dora?" fragte ihr Vater mit harter Stimme. „Ich würde nicht ausgehen, sondern bei meinen Eltern bleiben." Er zog das Mädchen zu sich und küßte es. „Geh' " spielen mein Kind, und betrüb« Dich Veite 5. nicht. Du sollst Dein Weihnachtsfest haben, vertraue nur Deinen Eltern." Lucie wischte sich die Tränen fort, lächelte, schnell getröstet, ihren Eltern zu und sprang fort. — Herr Cohnheim sagte ernst: „Jetzt beginnen die Konflikte. Wir werden um die Liebe unserer Kinder kämpfen müssen." Seine Frau antwortete lächelnd: „Ich fürchte das nicht. Wenn die Kinder die Schule verlassen haben, wird ihnen die Religion so gleichgiltig sein, wie uns. Du glaubst auch nicht im Ernste, daß sie sich uns entfremden werden." „Das wollen sie gewiß nicht. Wir aber werden über ihre Herzensregungen wachen und sie niemals vergessen lassen, daß wir ihre besten Freunde sind." (Fortsetzung folgt.) Kunst und Literatur. In einer Zeit, wo die Vertrustung selbst in der jüdischen Literatur platzgreift, wo z. B. eine neue jüd. literar. Gesellschaft ein schon seit langem erscheinendes Jahrbuch, eine Jahrzehnte hindurch bestandene wissenschaftliche Monatsschrift in ihren Besitz bringt und auch schon nahe daran ist, eine weitere jüdische wissenschaftliche Zeitschrift zu erwerben, kann, man die Bildung neuer Literaturvereine nicht lebhaft genug begrüßen. Wird doch durch jede neu auf den Plan tretende Bereinigung die Gefahr, die ganze jüdische Literatur könnte von einseitigen Tendenzvereinen beherrscht werden, bedeutend gemindert. In. diesem Sinne freuen wir uns mit der Gründung des Vereines Dauwewe Sifse Jeschenim in H u ß i a t y n. ‘ Der Verein hat sich die lobenswerte Aufgabe gestellt, ähnlich wie der Mekize Mrdamim in Berlin, wertvolle Werke der rabbinischen Literatur, die bisher uur in Handschriften bekannt' waren, in guten Editionen herauszugeben. Die bisher erschienenen Editionen, drei größere Responsenwerke, die Novelle des R. Aron Halevy aus Barcelona zum Traktat Kiduschin, die Tossaphot des Rabenn Elchanan zum Traktat Awaudo oro, den Kommentar von Saadia Gaon zu Kohelet, -in Sammelband mit wertvollen kleinen handschristichcn Abhandlungen — sie alle zeugen deutlich von dem guten Willen des Vereins, das Beste zu bieten. Daßmitunter kleine Versehen unterlaufen, so daß z. B. der Herausgeber übersehen hat, daß die aus 'inenc Maharil Manuskript mitgeteilten Beiträge zur beschichte der Juden in der Hussitenzeit, bereits von Gabriel Pollak vor 50 Jahren in seinem Halichot Kedem veröffentlicht wurden, hat wohl seinen Grunds darin, daß die Arbeit der Edition für einen Mann, und sei er noch so gelehrt, zu groß ist. Bis jetzt hat ille Editionen David Fränkel besorgt. Möue der Verein durch reiche Beiträge — Beitrittserklärungen, Geldspenden, Bestellungen usw. sind zu 'ichten an Hrn. David Frankel Huü'achn, Gali-ien — Stand gesetzt werden, seine Tärigkeit nicht nur 'ortzusetzen, sondern zu steigern und somit beizutragen zur Erk-nntnis und damit zur Würdigung unseres 'eichen Schrifttums. 8. kl. L. Die Einsiedlerin. Roman von Ulrich Frank. Kollektion Schottländer, Breslau. Schlesische Verlagsanstalt. Preis 3 JL Reiche Phantasie, spannende Erzählung, verleihen auch diesem jüngsten Werke der schnell berühmt gewordenen Verfasserin einen mächtigen Reiz: man wird das Buch nicht unbefriedigt aus der Hand legen. Was uns leid tut, ist der Umstand, daß Ulrich Frank sich nicht mehr der von ihm so glücklich gepflegten Ghettoerzählung widmet, doch hoffen wir, daß er dies bald gutnracht. 3. Briefe an einen Toten von Bertha von Suttner. E. Pierson, Dresden. Preis JL. 2.50. Die Verfasserin setzt mit diesem Werke ihrem Gemahl — dem bekannten Schriftsteller A. Gundaccar von Suttner — ein ehrendes Denkmal und — unaewollt allerdings — auch sich selbst. Tie Briefe berichten von allem, was den Toten, einen großen Denker und Menschen — interessiert hätte und uns Lebende interessiert oder wenigstens in hohem Maße interessieren sollte. Zu dem Interessantesten des. -cichhaltigen Buches gehört unstreitig das von. der Verfasserin wiedergeaebene Rendezvous mit dem reichen Amerikaner Wilshirc, dem größten jetzt lebenden Sozialisten. Möchte das Buch der gefeierten Autorin die verdiente Beachtung finden! .8. : Wochen-Kaleuder. (Zeitangaben nach dem Luach.) Samstag, den 24. März (= 27. Adar). Sabbat - Anfang in Frankfurt a. M. 6 llhr 10 Min. Zabbath-Ausgang in Frankfurt a. M. 7 Uhr 30 Min., Ztraßburg 7 Uhr 25 Min. Berlin 7 Uhr 06 Min. Wir lesen am Labbat vor dem Neumond Nissan Parsodas - daotiauckesod, 2. B. M., Kap. 12. Es ist der letzte besondere Thoraabschnitt. Er spricht vom Pesachopfer, daS unsere Vorfahren schon in Egypten bereiten und essen sollten. Sin Lamm