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Neue jüdische Presse · 1906-03-23 · Heft 12 (23.3.1906) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 12 (23.3.1906)
Date
1906-03-23
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Frankfurter Israelitische- FamiltenblaÜ. Nr. 12. liche Ehen (572 zwischen Protestanten und Juden, 148 zwischen Katholiken und Juden) geschlossen; d. h. 15,26 Prozent der von Juden geschlossenen Ehen waren Mischehen. Hamburg. In d>r Sitzung des RePräsentant en-Kollegiums der Deutsch-Jsraelitischen Gemeinde brachte zu der Position „Krankenhaus der Deutsch-Jsraclitischen Gemeinde" Herr Mathiason zur Rede, dag von den vier an der Poliklinik des Krankenhauses wirkenden Aerzten, drei getaufte Juden seien. Das finde er und mit ihm weite Kreise der Gemeinde sonderbar, namentlich mit Rücksicht darauf, daß genügend hervorragende jüdische Aerzte zu Gebote stehen würden, welche gern an der Poliklinik funktionieren würden. Hätte die Verwaltung christliche Aerzte engagiert, so würde dagegen nichts einzuwenden gewesen sein, daß jedoch ein Krankenhaus, das sich als dasjenige der Deutsch-Israelitischen Gemeinde bezeichne, getaufte Inden zulasfe, müsse eirtschieden verurteilt werden. Er bitte, an die Krankenhaus-Verwaltung das Ersuchen zu richten, wenn ihr Einfluß dazu ausreiche, bei eintretenden Vakanzen dafür zu sorgen, daß keine getauften Juden an der Poliklinik angestellt werden mögen. Kalk bei ifiö'n. Grnnduna einer jübiftficr Gemeinde. Da die jüdische Einwohnerzahl unserer Stadt in fortwährender Zunahme begriffen ist, hatte sich Anfang Februar ein Komitee gebildet, um die Lostrennung von der Gemeinde Köln-Dentz in die Wege zu leiten und eine selbständige Gemeinde zu errichten. — In einer zahlreich besuchten Versammsammlung erklärten sich sämtliche Anwesenden für die Errichtung einer selbstständigen jüdischen Gemeinde Kalk, und wurde das Komitee beauftragt, Statuten zu entwerfen und einer späteren Versammlung vorzulegen. Auch diese fand inzwischen statt, die Statuten wurden genehmigt und ein Vorstand gewählt. Oesterreich -Ungarn. Wien. Russische Auswanderer. Mft einem aus Krakau eingetroffenen Personenznge der Nordbahn kamen 162 russische Auswanderer an, die von dem Hilsskomitee der Israelitischen Allianz in Czernowiy und Krakau der Zentrale in Wien telegraphisch angekündigt worden waren. Sie wurde» vom Sekretär der Israelitischen Allianz Dr. Kaminka in Begleitung mehrerer Beamten auf de>- Nordbahnhof erwartet, und es gelang innerhalb zweier Stunden, diese Schar von gänzlich unerfahre neu, schwer verständlichen Auswanderern, Männer Frauen und Kinder, nebst Massen von Gepäck in zehn Stellwagen nach dem Westbahnhof zu befördern und mit Fahrkarten über Buchs-Basel nach Havre zu versehen. Dort werden die unglücklichen Opfer der Massakres und der wirtschaftliche» Zerrüttune in Rußland sich in einigen Tagen nach Argentinien einschiffen. Nachdem jeder einzelne noch eine Bar spende erhalten und in den Waggons außerdem Brot verteilt worden war, verließ der Zug die West bahnhalle. Ferner sind weitere 350 Auswanderer angekommen und in gleicher Weise weiter erpe diert worden. — Seit November hat die Jsr. Alliaubereits mehr als 2000 russische mittellose Auswanderer noch überseeischen Ländern .befördert; es werden außerdem fast ebensoviel mittellose Flüchtlinge in der schiedenen Konzentrationspunkten für Rechnung der Allianz erhalten. Budapest. Die orthodoxe Organisations- Ergänzung hat die königliche Sanktion erhalten! Hiermit ist die reinliche Scheidung de' ungarländischen Juden in eine „ungarländische autonome ortbodoxe israelitische Konfession" und in eine „ungarländische autonome ncologe israelitische Kon fession" offiziell besiegelt. Daß die Orthodoxie Ungarns, nachdem ifjrr Führer ihr Jahrzehnte lang angestrebtcs Ziel erreich sehen, nunmehr einer Blütezeit eutgegengeht, möchten wir wünschen, wenn wir auch bezweifeln, das die Trennung die notwendige Voraussetzung für ein lebenskräftig pulsierendes jüdisches Leben ist. Betrachten wir die Erfolge der bereits seit 35 Jahren i> Ungarn äo facto bestehenden Trennung, so müssen wi die. Tatsache konstatieren, daß innerhalb der unna~< . ländischen Orthodoxie trotz der Trennung der Verfall weitere Fortschritte gemacht hat. bzernowitz Anerkennnna der jüdisckieu Nationalität. Sämtliche Vorstellungen der jüdi schen Studentenschaft auf Anerkennung ihrer Nationalität als Juden und Ausweis derselben in den offiziellen Verlautbarungen sind bis nun erfolglos geblieben. Nach wie vor werden die Juden zu den Tonischen gezählt. Um sich vor einer derartigen nationalen Vergewaltigung zu schützen, habe» fast sämtliche jüdische Studenten an unserer Lima mater bei der eben abgelaufenen Inskription als Muttersprache „ruthenisch" und einige wenige auch „ruinänisch" angegeben. Vielleicht geht's jetzt! Trohobycz. Das Märchen vom Ritualmorb. Der Professor der polnischen Sprache am hiesigen Realgymnasium, Bieganovsky, ein Mann, dem es offenbar darum zu tun ist, angesichts des herannahenden Osterfestes das Märchen vom Ritualmord wieder aufzufrischen, stellte es während der Unterrichtsstunde, die er am 5. März in der 5. Klasse abhielt, als «ine „h i st o r i s ch f e st» stehende" Tatsache hin, daß die Juden zu rituellen Zwecken Chrtstenblut verwenden, und führte für diese Behauptung den Prozeß Hilsner ins Treffen. Wenn der Beweis hierfür nur in verhältnismäßig wenig Fällen erbracht worden sei, so sei dies lediglich darauf zurückzuführen, daß die Juden bei Entdeckung derartiger Geschehnisse die Richter zu beeinflussen wissen. Ein jüdischer Schüler sprang nach diesen ungeheuerlichen Worten empört von seinem Sitze auf, wurde jedoch von dem würdigen Lehrer barsch angeschrien: „Du, setz' Dich, was ich sage, ist wahr!" Nach dem Unterrichte begaben sich sämtliche jüdische Schüler iu korpore zum Oberrabbiner Dr. Margulies, der, nachdem er vom Vorfälle Kenntnis genommen hatte, in Begleitung aller Schüler den Direktor Staromicisky aufsuchte und von ihm die eingehende Untersuchung des Vorfalles und die Bestrafung des Professors forderte. Der Direktor versprach, das Seinige zu tun. Eine am selben Abend abgehaltene Konferenz der Väter der jüdischen Schüler entsendete ebenfalls eine Deputation, bestehend aus den Herren Dr. Schuster, Signiund Horewitz und Dr. Wilder, an den Direktor, um die sofortige Suspendierung des antisemitischen Professors zu verlangen. Diese Bitte wurde auch sofort erfüllt. Da die Erregung in der hiesigen Gemeinde immer mehr auwuchs und es bekannt wurde, daß Professor Äiega uovsky sich wiederholt diese Anwürfe gegen die Juden zuschulden kommen ließ und auch die anderen Lehrer antisemitische Propaganda trelben, wurde eine Volksversammlung einbernfen, in welcher auch der Direktor erschienen war. Sämtliche Redner geißelten in scharfen Worten die Vorgänge auf dem hiesigen Gymnasium. Die Versammlung beschloß, die Angelegenheit dein Landesschulrate, dem Untcrrichtsminister und dem Ministerpräsidenten auf telegraphischem Wege bekanntzugeben und zu verlangen, daß Professor Bieganovsly seines Amtes enthoben werde. Rußland. Petersburg. Judenmassakres und die Zensur. In diesen Tagen veröffentlichte die ofsiziöse Petersburger Telegreplsen-Ag-ntiir eln Te'ezramm des Inhalts, daß der Ministerdes Innern im Ministerrat die Erklärung abgegeben habe, die .Befürchtungen neuer A u s s ch r c i t u n g c n g e g e n die Juden seien sicherlich genügend begründet edenfal's seini seitens der Reg'e.ung die erforderlichen Vorbeugungsmatzregeln getroffen worden." Nun haben wir aus Odessa ein Schriftstück -rhalten, das dort in tausenden von Exemplaren verbreitet wird und die Ueberschrift trägt: „An die Soldaten." Es ist eine der üblichen Hetzschriften gencinster Art gegen die Juden, der Schluß lautet: „Nieder mit der roten, verfluchten, jüdischen Freiheit! Nieder mit der verfluchten jüdischen Brüderlichkeit und Gleichheit. Wir wollen in unserem heiligen Lande kein verfluchtes jüdisches Reich. Es lebr in Rußland nur das einzige Väterchen Zar, unser christlicher Zar, Selbstherrscher, klra, ura, nra! Unser Leben für Glauben. Kaiser und Vaterland! Erwache, erhebe dich, russisches Volk! Fort! Nieder mit der feindlichen, verfluchten jüdischen Neuheit! Zkussischer Soldat! Auf „den" Feind vorwärts, vorwärts, vorwärts! Der alte Soldat." Solche. Flugblätter gibt es jetzt zu tausenden in Rußland. Viel bemerkenswerter aber ist es, daß dieses Flugblatt von der Zensur bestätigt worden ist und gedruckt wurde in der „Druckerei der Statthalterei in Odessa." Zu den Vorbeugungsmaßregeln gegen Judennassakres, die der Minister des Innern getroffen hat, gehört es voraussichtlich auch, daß solche Hetzschriften die Zensur genehmigt und die amtlichen Druckereien drucken. Nuss. Korresp. Amerika. New-Aork. Einer der angesehensten Farmer von Sondisfield (Mass.) sandte einen offenen Brief an die Tagespresse, in dem er dem Gerüchte, mit der Kolonie stünde es schlecht, energisch widerspricht. Der Schreiber erklärt, daß es in der Kolonie, in der 28 Farmer wohnen, an nichts fehle: die Koloße nenne einen Rabbiner, einen Schächter, einen Lehrer, ein Schulhaus und eine Synagoge ihr Eigen und hoffe, daß ihre kleine Gemeinschaft eine der erfolgreichsten der jüdischen Kolonien Amerikas werde. Personalien. Berlin. Der Rentner Moritz Manheim er wurde mit dem Kronenorden 3. Klasse ausgezeichnet. Der Oberarzt am Waisenhaus und Kinderasyl Dr. med. Heinrich Finke Ist ein hat den Titel Professor erhalten. Fräulein Alice S a l o m o n,v die bekannte Käinpferin in der Frauenbewegung, promovierte zum D r. p h i l. Nürnberg. Die Eheleute Max und Kathie Zeiller feierten in Rüstigkeit das Fest ihrer goldenen Hochzeit. - Liffa i. Posen. Am 16 dss. Mts. vrrlchied Herr Bankier Jakob I a k u b o w s k i im 72. Lebensjahre. Der Verschiedene erfreute sich des höchsten Ansehens, er war Vorstandsmitglied her jüd. Gemeinde, Stadtältester, Stadtrat und Provinziallandmgs-Abgeordneter. Wien. Anläßlich des 7V. Geburtstages des Hokschauspielers Adolf vonSonnenthal hatte die „Gesellschaft für Samnilung und Konservierung von Kunst- und historischen Denkmälern des Judentums" beschlossen, eine Plakette ihres Vizepräsidenten anzufertigen. Die von Eduard Telcs-Budapest ausgeführte Plakette, deren Porträtähnlichkeit eine überraschende ist, ist nunmehr dem Künstler überreicht worden. Wien. Herr August Scbnapver. Vorstandsmitglied mehrerer Wohltätigkeitsanstalten, starb im SO. Lebensjahre. Er war ehemals mit seinen verstorbenen Brüdern Moritz Freiherr v. Schnapper und Arthur Ritter v. Schnapper inr renommierten Bankgeschäfte M.' Schnapper tätig, aus welchem das jetzige Bank- und Wechselgeschäft der Niederösterreichischen Eskomptegesellschaft entstanden ist. Prag. Der König von Jmiien ernannte den Universitäts-Professor der Hautkunde Hofrat F. I. Pick zum Offizier des Ordens der Krone von Italien. Budapest. Der Rickuer nn der Budavester kgl. Tafel Tr. Desider Markus wurde als Aushülfsrichter an die kgl. Kurie beordert. Dem Advokaten Dr. Eduard Kraus wurde der Titel „Königlicher Rat" verliehen. In Halmi verstarb der sich durch große Frömmigkeit und hervorragendes Talmndwissen anszeichnende Rabbi Simon Gottlieb. Der Verstorbene, der nur ein Alter von 60 Jahren erreichte, fungierte seit 5 Jahren als „Dajan", vorher >var er ein wohlhabender Kaufmann. Rom. Drr Diputiene Elia Mopurgo ist zum Unter st aatssckretär des Post-Ministeriums ernannt worden. Wolkowisk iRust. Polen). Bon einem harten Schicksalsschlage wurde der hochangesehene Gaon Rabbi Klatzkin in Mariampol betroffen, indem 'ein jüngster Sohn (Bruder des talent'ecken Schrift» wllers Jacob Klatzkin'', Student der Medizin, im Jüd. Krankcnhause zu Berlin einem tückischen Leiden erlag. — Der Verblichene war mit vorzüglichen Herzensnnd Geistesgaben ausgestattet. Sein Gedächtnis war phänomenal, besonders in der Arithmetik war er ein Meister und schon früh wurde seine Umgebung auf seine geistige Reife und sein originelles Denken aufmerksam. Dabei besaß er, gleich seinem großen Vater — jibodcl lechaüw —, einen außergewöhnlich großen Drang zum Wissen und ging in Tauroh und Chochmoh auf. Da er in seinem Geburtsorte nicht mehr seinen Heißhunger nach Wissen stillen konnte, ging er nach Deutschland, um sich hier von den Universitätsprofessoreu neue Quellen erschließen zu lassen. Er studierte — und hungerte in Gießen. Als er nach nncm längeren Aufenthalte in der Heimat zum zweiten Male ins Ausland gehen wollte, wurde er, da er keine Papiere bei sich hatte, an der Grenze verhaftet und per Etappe von Gefängnis zu Gefängnis geschleppt, bei welcher Gelegenheit er sich seine Erkrankung holte. — Mit dem Dahingeschiedenen ist ein vorzüglicher Mensch im jüdischen Sinne und ein junger Gelehrter zu Grabe getragen worden! New-Aork. Marx W. Mendel. Ewen-Direktor des Montesiore-Heims für Invalide und Ehren-Mitsiied mehrerer Spitäler und Wohltätigkeits-Organisationen, ein hervorragender Wohltäter, starb im Alter von 71 Jahren. Er war in Fahr (Deutschland) geboren. — ' Lewis Einstein, Sohn von David L. Einstein iu New-Aork, wurde zum zweiten Sekretär der amerikanischen Gesandtschaft in Paris befördert. Lewis Einstein ist 1877 in New- Aork aeboren und besuchte die Columbia-Universität. Philadelphia. Der Rang ein-s Doctor of Lotters wurde Professor Joseph Jacobs, Präsident der Jüdisch-Historischen Gesellschaft von England und. Bib lforscher, von der Universität von Pennsvlvanien verliehen. Professor Jacobs ist erst kürzlich zum Lehrer der englischen Literatur au dem jüd.-theolog. Seminar iu Newhork ernannt worden. Maurice L. Caplan, einer der hervorragendsten jüdischen Bürger von Denver (Colorado), wurde, als er sich in seinem Wohnzimmer in Gemeinschaft mit seiner Frau und seiner 10 Jahre alten Tochter mit einein Gaste unterhielt, plötzlich von einein maskierten Manne angegriffen, der Geld forderte. Herr Caplan Iveigerte sich, der Räuber drückte auf die'Pistole, ein Knall — und der 31jährige, blühende Mann lag entseelt auf dem Boden. Der Bösewicht eirtfloh, und. bis jetzt ist keine Spur von ihm entdeckt worden. Aus der Lehrerwelt. Glogau. Rabbiner Dr Lu cas hat sich entschlossen, dem Rufe nach Magdeburg, welchen Posten er bereits am 1. April antreten sollte, nicht Folge zü leisten. Rhbnik. Lewer JonasPlaut wurde als Scminarlehrer nach M ün st e r berufen. Triest. Rabbiner SabatoRnffnelMelli wurde daF -Ritterkreuz dsS - Franz Zosef-Orden-f -verliehen.

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